Posts Tagged ‘Weihnachten’

Vater-Sohn-Gespräch

Dezember 4, 2017

Neulich saß Jesus auf einer Wolke. Mit trüben Blick starrte er hinunter auf die Erde. Er seufzte.

Mein Sohn!“, hallte eine Stimme durch das Firmament. „Was bist du so traurig?“

Ach Vater“, antwortete Jesus, „in wenigen Tagen habe ich Geburtstag.“

Aber ist das nicht ein Grund zur Freude?“, fragte Gott. „Auch die Menschen freuen sich auf deinen Geburtstag und feiern ihn.“

Die freuen sich nicht auf meinen Geburtstag“, antwortete Jesus verbittert. „Für die meisten Menschen ist das Weihnachtsfest doch nur Kommerz. Und wehe die Geschenke sind nicht ausreichend. Wer geht denn noch in die Kirche?“

Na, ein paar sind es ja noch.“

Ho, ho, ho! Hat da jemand von Geschenken gesprochen?“

Klappe, Claus!“, riefen Jesus und Gott wie aus einem Mund.

Die Weihnachtszeit sollte eine Zeit der inneren Einkehr und Besinnlichkeit sein“, beschwerte sich Jesus. „Und was machen die Menschen stattdessen? Liegen ausgekotzt und besinnungslos am Glühweinstand.“

Mal ehrlich, Sohn: Was hast du erwartet?“

Hab ich den Menschen nicht meine Lehren mit auf den Weg gegeben? Meine Jünger sind in die ganze Welt gezogen und haben meine Geschichte erzählt. – Und es hat funktioniert!“

Eine Zeit lang. Und jetzt? Ich hab’s dir damals gesagt: Mit Glaube, Liebe, Hoffnung, ziehst du eines Tages keine Wurst mehr vom Teller. Ich hab es dir gesagt!“

Ja, Vater!“, entgegnete Jesus genervt.

Und dass du dich damals für dieses Pack ans Kreuz hast nageln lassen, war eine Schnapsidee!“

Vater!“ Empört schaute Jesus auf. „Es sind deine Geschöpfe!“

Eben. Ich kenne die Menschen 4000 Jahre länger als du. Ich habe sie gemacht – nach meinem Ebenbild. Ich weiß, wie sie ticken.“

Ja, ja. Jetzt kommt wieder die alte Leier: Hör auf deinen Vater! Bla, bla, bla!“

Richtig, mein Sohn! Hättest du damals auf mich gehört, hättest du eine schöne Zeit auf der Erde gehabt, ein paar Prophezeiungen und Wunder raus gehauen, und gut wär’s gewesen. Aber nein, du dachtest ja, mit 30 Jahren bist du klüger als der Herr Papa. Warum hast du nichts mit Maria Magdalena angefangen? War doch eine tolle Frau.“

Die Menschen sind mir gefolgt. Sie haben meine Geschichte aufgeschrieben. Ihren Glauben an Gott erneuert. Ist das nichts?“

Und?“, fragte Gott zynisch. „Wie lange hat es gehalten?“

Was wäre denn deine Alternative gewesen?“, fragte Jesus schnippisch.

Eine zweite Sintflut, zum Beispiel?“

Natürlich. Was man nicht mehr braucht, einfach wegspülen.“

Hat doch beim ersten Mal wunderbar funktioniert. Noah und seine Nachkommen hatten wieder Respekt vor mir. Sie wussten: Wenn du nicht gehorchst, ist Schluss mit lustig.“

Aber das geht doch jetzt nicht mehr. Du bist zwar der Allmächtige, aber auch der liebe Gott. Du kannst nicht mehr alles wegspülen, was dir nicht gefällt.“

Kann ich nicht? Pass mal auf!“ Gott hob seine Hände.

Vater! Bitte!“, rief Jesus.

Ist ja gut“, sagte Gott beschwichtigend. „Ich mach es nicht noch einmal – obwohl ich es könnte!“

Eine Zeit lang herrschte Schweigen im Firmament.

Und?“, fragte Gott nach einer Weile, „was willst du jetzt unternehmen, mein Sohn?“

Jesus stützte die Ellbogen auf die Knie und legte seinen Kopf auf die Hände.

Ich weiß es auch nicht, Vater“, seufzte er.

Dann geh hinunter in die Häuser, in denen man noch an dich glaubt. Genieße die Ehre und feiere deinen Geburtstag. Vielleicht ist es ja auch der letzte.“

Aber du versprichst mir, nicht wieder alles wegzuspülen?“

Mein Ehrenwort, Sohn! Inzwischen sind die Menschen viel geschickter geworden, was Vernichtung angeht. Schau dir den blonden Irren in Amerika an, oder seinen kleinen dicken Gegenspieler aus Nordkorea. Die werden es schon richten. Außerdem gibt es ja noch andere Verrückte da unten.“

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Interview mit Santa

Dezember 1, 2016

Irgendwo am Nordpol. Eine kleine Hütte, in deren Wohnzimmer das Feuer im Kamin prasselt. Aus der Küche erklingen geschäftige Geräusche. In den beiden Sesseln vor dem Kamin sitzen der Weihnachtsmann und ein Reporter.

Herr Weihnachtsmann“, beginnt der Reporter.

Ho, ho, ho! Nennen Sie mich doch einfach Santa“, lacht der Weihnachtsmann.

Okay, Santa“, erwidert der Reporter. „Bald beginnt ja Ihre große Zeit. Wie bereiten Sie sich darauf vor?“

Die Vorbereitungen mache ich nicht. Dafür habe ich meine Wichtel.“

Claus?“, tönt eine weibliche Stimme aus der Küche, „Warst du mit Rudolf schon beim Veterinär-Wichtel?“

Natürlich!“, ruft der Weihnachtsmann zurück. „Also ein paar Kleinigkeiten muss ich schon selbst erledigen“, sagt er dann zum Reporter.

Was motiviert Sie, jedes Jahr in einer Nacht um die ganze Welt zu reisen?“

Haben Sie sich schon mal das Gesicht eines Kindes gesehen, dass die ganze Nacht auf mich gewartet hat und dann am Morgen ein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum findet?“

Nein. Sie?“

Nein! Wie soll ich denn? Ich muss ja weiter! Aber ich stell es mir einfach vor.“

Also haben Sie nie diese leuchtenden Kinderaugen gesehen?“

Doch, doch! Ab und an fahre ich hinaus in die Welt und schaue mir Kinder an ihren Geburtstagen an. Da sehe ich dann …“

Claus?“, tönt es aus der Küche, „Hast du deinen Mantel aus der Reinigung geholt?“

Hab ich!“, brummelt der Weihnachtsmann.

Aber in einer Nacht um die ganze Welt zu reisen, bedeutet doch sicherlich auch Stress, oder nicht?“, fragt der Reporter.

Na ja“, antwortet Santa Claus, „die Weihnacht hat ja etwas magisches. Und soll ich Ihnen was verraten?“

Gerne! Was denn?“

Natürlich benutze ich Magie! Oder dachten Sie, Rentiere können wirklich fliegen? Hohoho! Überlegen Sie mal, wie ein so beleibter Mann wie ich durch einen Kamin rutschen kann.“

Da haben Sie Recht. Das ist mit Physik nicht zu erklären.“

Claus?“, tönte es wieder aus der Küche, „hast du auch alle Wunschzettel gelesen? Erinnere dich an den kleinen Kevin im letzten Jahr!“

Ja doch!“, rief Santa Claus zurück. „Verdammt noch mal! Das war auch eine Sauklaue von dem Jungen – und voller Fehler. Oder wissen Sie was eine Blehsteeschen ist?“

Santa Claus! Du bist ein braver Mann. Und als solcher sollst du nicht fluchen!“, keift es aus der Küche.

Ja, doch!“, seufzt Santa. „Na, ja, vielleicht muss ich im nächsten Jahr nicht mehr die ganze Welt bereisen.“

Warum das?“

Schauen Sie doch mal in die USA! Wer weiß denn schon, was diesem neuen Präsidenten so alles einfällt?“

Aber Sie! Santa Claus! Sie sind doch eine ur-amerikanische Figur!“, erwidert der Reporter.

Ich wohne aber am Nordpol. Nachher hält mich dieser Typ für einen illegalen Einwanderer. Oder befürchtet einen Luftangriff. Weiß man das?“

Na ganz so schlimm wird es wohl nicht kommen“, wendet der Reporter ein.

Claus? Hast du den Schlitten geputzt?“, erschallt die Frage aus der Küche.

Ja! Verd … „

Claus! Du sollst nicht fluchen!“

Kommen Sie mal mit“, sagt der Weihnachtsmann, steht auf und geht zur Tür. „Ich muss Ihnen draußen was zeigen.“

Draußen angekommen holt Santa Claus tief Luft: „So! Jetzt mal Klartext. Sie haben es ja eben erlebt: Claus, mach dies. Claus mach das. Hast du schon! So geht das das ganze Jahr. Tagein, tagaus. Und deswegen freue ich mich auf Weihnachten. Das hat nichts mit Helfersyndrom oder leuchtenden Kinderaugen zu tun. Ich will einfach nur eine Nacht im Jahr meine verdammte Ruhe haben!“

Das etwas andere Weihnachten

November 22, 2015

Ja! Also: Dieses Jahr haben wir uns mal was besonderes für die Shanaja und die Dawina ausgedacht. Nachdem das im letzten Jahr nicht ganz so geklappt hat! Ich mein; Dat konnte doch keiner ahnen, dass dieser alte Klepper, den ich für 30.000 Ocken geschossen hab‘, sich einfach beim ersten Ritt die Haxen bricht! Da hätt‘ ich die Carmen auch nicht für … ! He! He! He! He! – Gott sei dank, hatte der Tim ja noch ’n lecker Rezept für’n ersten Weihnachtstach für uns!“

Roooooooooooobert?“

Naja, also haben wir halt dieses Dorf in Nord-Finnland gekauft, um den Kindern auch mal die andere Seite zu zeigen!“

Stimme aus dem Off: „Was heißt die andere Seite zeigen?“

Naja, den Protz und Prunk von St. Tropez haben die Kinder ja jeden Tag!. Und jetzt erleben sie Weihnachten in einer ganz anderen Umgebung: Ärmlich, kleine Menschen arbeiten für andere, irgendwo steht einer, der das ganze beaufsichtigt …“

Hohoho!“

Hey, du Typ! Sieh zu, dass du vom Acker kommst! Mit deinem roten Mantel biste hier modisch eh unten durch! Und die paar Mille sollten doch für dies armselige Dorf reichen, oder?“

Aber das war mal mein Dorf …“

Und nu‘ hab ich das gekauft! Also …“

Roooooooooobert! Wo is‘ denn die Nordmann-Tanne hin, die vor dem Haus lag?“

Tja, da haste’s wieder: Kümmerst dich um was – biste auch verantwortlich! – Wenn du das Gestrüpp meinst, dass vor der Haustüre lag? – Das hab ich weggeschmissen!“

Ach Roooobert, das war unser Weihnachtsbaum! Den hab ich extra aus Deutschland einfliegen lassen.“

Siehste. Das mein‘ ich:. Ich predige immer, dass wir sparen müssen, und die Carmen lässt mal eben ’nen Weihnachtsbaum aus Deutschland einfliegen. Dabei habe ich mir extra diese Weihnachtsbaum-App für den 250-Zoll-Bildschirm gekauft. Den stellt der Ante nachher hochkant und dann haste genug Stimmung. Hier!“

Auf dem Bildschirm erscheint eine prachtvoll geschmückte Tanne. Leise ertönt Jingle Bells aus den Lautsprechern.

Hohoho!“

Hey, ich hab dir doch gesagt, du sollst dich verziehen!“

Aber …“

Nix aber. Mach dich weg. Und nimm deinen komischen Elch mit, sonst mach ich da Hack von.“

Rooobert. Das ist ein Rentier!“

Das ist mir doch egal! – Jetzt tut die Carmen wieder so, als ob sie sich in der Botanik auskennt. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, beim Sparen.

Das ist natürlich ein wichtiges Thema, wenn wir der Shanaja und der Dawina etwas für’s Leben mitgeben wollen. Die beiden müssen auch lernen, dass es Entbehrungen gibt und dass man auch mal auf etwas verzichten muss.

Da rede ich ja schon seit Jahren mit der Carmen drüber. Und sie begreift es einfach nicht. Stattdessen spart sie dann an den falschen Ecken. So wie letztes Jahr, als sie mir diese Billig-Uhr geschenkt hat.

Rooobert, die hat immerhin 8000,- Euro gekostet!“

Und ich hab‘ dir schon Hundert Mal gesagt, unter 20 Scheine gibt es keine vernünftige Uhr.“

Aber dass du die deswegen gleich dem ersten Bettler in den Hut schmeißt, war auch nicht nett.“

Na immerhin, kann er die ja gegen ’nen Kaffee und ’ne Wurst tauschen. Außerdem ist der nicht auf die genaue Zeit angewiesen. Aber wenn ich nicht um Punkt 13 Uhr was zu essen kriege, dann kannste schon was erleben. Wenn ich Hunger schiebe, dann is‘ Weihnachten erledigt.“

Hohoho!“

Sag mal, du Vogel! Biste immer noch da? Ich hab‘ dir doch gesagt, du sollst dich verziehen! Jetzt hab‘ ich’s aber dicke mit dir!

Roooooooooobert! Lass doch das Messer liegen. Du verletzt noch jemanden!“

Schnitt.

Robert G. wurde verurteilt. Die Details ersparen wir uns, wünschen aber Santa Claus eine baldige Genesung und dem WWF, dass er noch ein Exemplar des Rotnasen-Rentiers findet.

Mein Kameramann ist übrigens der Meinung, dass Rentier-Mett durchaus lecker ist.

Eine Weihnachtsgeschichte

November 26, 2012

In nicht allzu ferner Zukunft: Ein Mann stapft in den Wäldern Norwegens durch den Schnee. Er trägt eine Aktentasche bei sich und sein Ziel ist ein kleines Häuschen abseits des letzten Städtchens im hohen Norden. Nachdem er geklingelt hat, öffnet sich die Tür und ein dicker, weißbärtiger Mann begrüßt ihn: „Ho, ho, ho! Mer …“

Ja, ja“, sagt der Mann. „Ist ja schon gut, Herr Claus. Mein Name ist Peter Zwegat. Sie haben mich gerufen. Hier bin ich! Was kann ich für Sie tun?“

Der Weißbärtige bittet Peter Zwegat ins Haus und gemeinsam nehmen sie im Wohnzimmer Platz. „Dann erzählen Sie mal, Herr Claus“, beginnt Zwegat. „Was machen Sie beruflich?“

Ich bin der Weihnachtsmann!“, antwortet Herr Claus als sei es das selbstverständlich.

Und was muss ich mir darunter vorstellen?“

Na! Ich bringe an Heiligabend die Geschenke!“

Und sonst?“, fragt Peter Zwegat. „Sie glauben tatsächlich, mit einem Tag Arbeit im Jahr kommt man über die Runden? Da muss ich mich doch sehr wundern.“

Na, ja“, antwortet Santa Claus. „Bislang hat immer alles geklappt. Ich brachte die Geschenke und alles war gut.“

Was ist schief gegangen?“

Es begann 2012. Damals hielt ich es noch für eine gute Idee, mich bei Zalando für einen Werbespot zu melden. Sie wissen schon: der mit mir und dem Zalando-Boten. Als Gag wurde am Ende der Schoko-Weihnachtsmann aus dem Fenster genommen und gegen einen Schoko-Boten getauscht.“

Ich erinnere mich“, sagt Peter Zwegat. „Das war lustig.“

Ich fand das auch“, bestätigte der Weihnachtsmann. „Bis dann die Schokoladenindustrie anfing, tatsächlich diese Boten zu produzieren und nicht mehr mein Abbild zu verwenden. Da brachen die ersten Werbeeinnahmen weg.“

Und weiter?“

Dann kam die EU!“

Aber die war doch schon vorher da.“

Ja schon, aber die entsprechenden Regelungen kamen erst nach und nach.“

Was für Regelungen?“, fragt Zwegat.

Als erstes schlug die Frauenbeauf… ‚tschuldigung, die Gleichstellungsbeauftragte zu. Als Folge des Gender Mainstreaming musste Coca Cola mein Konterfei auf den Trucks gegen Frauen in Weihnachtskleidung austauschen. Sie sah in der auschließlichen Abbildung des Weihnachtsmannes eine Diskriminierung.“

Damit gingen dann also weitere Werbeeinnahmen flöten!“, stellt Zwegat fest.

Und dann kamen die Ausgaben“, ergänzt Santa.

Welche Ausgaben?“

Die neue EU-Richtlinie 138457/18 verbot plötzlich die Arbeit körperlich benachteiligter Menschen in Werkstätten.“

Was hat das mit Ihnen zu tun?“, fragt Zwegat. „Sie bringen doch nur Geschenke.“

Was glauben Sie denn, wo die herkommen? Die müssen doch auch produziert werden. Das haben bis dato meine Wichtel gemacht. Die musste ich alle entlassen. Man drohte mir sonst mit Klage.“

Also mussten Sie die Geschenke ab da kaufen?“

Schlimmer!“ Der Weihnachtsmann wirft verzweifelt die Hände in die Luft. „Statt der Wichtel bot man mir Arbeitslose aus Griechenland an.“

Was ist daran so schlimm?“, will Peter Zwegat wissen.

Was daran schlimm ist? Nicht nur, dass die viel mehr Lohn bekommen als meine Wichtel, werden sie auch noch reihenweise von den norwegischen Behörden verhaftet, weil sie ihr Einkommen nicht versteuern. Und der Rest will nach ein paar Monaten Arbeit in Rente gehen. Ich muss mir also ständig neue Arbeiter suchen.“

Ja“, sagt Peter Zwegat und zündet sich eine Zigarette an. „Da habe ich schon mal einen Überblick über Ihre Situation. Wie sieht’s denn mit Ihren Ersparnissen aus, Herr Claus?“

Die sind weg. Die musste ich in die Entwicklung eines umweltfreundlichen Hybrid-Schlittens stecken.“

Aber sie haben doch Ihre Rentiere?“

Hatte! Herr Zwegat. Ich hatte Rentiere. Letztes Jahr haben es Umweltschützer tatsächlich geschafft, die Behörden davon zu überzeugen, dass meine Rentiere so viel Methangas ausstoßen, dass ich damit wesentlich zum Klimawandel beitrage. Also musste ich die Herde aufgeben. Sie erinnern sich an das vermehrte Angebot von Rentierfleisch in Dosen, letztes Jahr? Das war meine Herde!“

Schweißgebadet wache ich auf. Was für ein Traum: Der Weihnachtsmann pleite und Rudolph zu Dosenfleisch verarbeitet! Wie komme ich nur auf so einen Blödsinn?

Während ich mir in der Küche einen Kaffee mache, fällt mein Blick auf ein Plakat an der gegenüberliegenden Hausfront. Drei hübsche Damen in Weihnachtsmänteln lächeln mir auf der Werbung eines namenhaften Koffein-Limonaden-Herstellers entgegen. Ich schließe die Augen und ein Mann stapft in den Wäldern Norwegens durch den Schnee … 

Auf dem Weihnachtsmarkt

Dezember 6, 2010

Der nasskalte November ist endlich vorbei – und nun beginnt sie: die besinnliche Vorweihnachtszeit, in der wir Gelegenheit finden, uns im Kreise der Familie mit den schönen Dingen des Lebens zu beschäftigen. Die Städte sind festlich geschmückt, man selbst hat vielleicht auch das eine oder andere Licht am Haus angebracht, im Wohnzimmer brennen mehr Kerzen als sonst, eigentlich könnte man es genießen, wenn da nicht …

… Ja, wenn da nicht jeder dritte Song, der aus dem Radio dudelt „Last Christmas“ wäre. Die eigene Kollektion an Weihnachtsliedern, bestehend aus einer Doppel-CD, hab ich mir über gehört. Hinzu kommt, dass mir eigentlich schon seit Ende Oktober kein Lebkuchen mehr schmeckt. Was also tun?

Irgendwer im Freundeskreis verfällt irgendwann auf die glorreiche Idee, den örtlichen Weihnachtsmarkt unsicher zu machen. Alle sind begeistert und gemeinsam ziehen wir in den frühen Abendstunden los, um wenigstens hier ein wenig Besinnlichkeit zu erfahren.

Gleich am Eingang steht die erste Glühwein-Bude, bei der wir einkehren. Es ist kalt und Glühwein wärmt bekanntlich durch. Das tun ein paar warme Klamotten und anständige Schuhe auch, verbreiten aber bei Weitem nicht dieses besinnliche Gefühl der Geselligkeit. Bereits nach dem zweiten Becher des mit Wasser und Gewürzen verpanschten Rotwein-Imitats finde ich auch „Last Christmas“ gar nicht mehr so schrecklich. Oder ist es der Gewöhnungseffekt, weil die umliegenden Stände dieses Lied abwechselnd reihum spielen?

Nach dem vierten Becher sind wir ausreichend erhitzt, um einen Gang über den Markt zu wagen. Schließlich benötigen wir noch ein paar Kleinigkeiten, um Oma, Mama und den Briefträger zu beglücken. Was bietet sich da näher an, als der Weihnachtsmarkt? Preiswert im Fachgeschäft kaufen, kann schließlich jeder.

Ich persönlich finde die Stände am schönsten, in denen Strohsterne verkauft werden. Welche Fantasie muss den Erfinder des Strohsterns damals beflügelt haben, seine Dreschabfälle für teures Geld an ahnungslose, angetrunkene Weihnachtsmarktbesucher zu verkaufen? Und warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, getrocknete Kuhfladen als Weihrauchersatz mit Heizwert zu verkaufen?

Wie dem auch sei, meine Lebensgefährtin fühlt sich geradezu genötigt, einen großen Teil ihres Portmonee-Inhalts an den Standinhaber zu übergeben, weil die Sterne doch „so schön“ sind.

Derweil plagt mich ein leichter Hunger und ich schaue mich nach einem brauchbaren Fressalienstand um. Die Auswahl ist reichlich, vom Schmalzkuchen über Bratwurst bis hin zum Zimt-Crepes und es fällt mir schwer, mich zu entscheiden. Aber schließlich beginne ich mit einer ordentlichen Bratwurst, die ich im Anschluss mit einer großen Tüte Schmalzkuchen zu ersticken gedenke. Es dauert auch nicht lange, bis ich den typischen Weihnachtsmarktschmaus in den Händen halte und mit einem Lächeln im Gesicht zu meinen Freunden zurückkehre. Während ich die Tüte herumgehen lasse – man ist ja schließlich spendabel – überkommt meinen besten Freund plötzlich ein Kribbeln in der Nase, dass sich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt heftigst entlädt, als die Tüte zu mir zurück gereicht wird. Was eben noch als süße Verzierung in Puderform auf den Schmalzkuchen lag, verziert nun meine Klamotten und ich sehe aus, als wäre ich gerade als Putzer vom Bau gekommen.

Während wir uns zwischendurch immer wieder mit Glühwein aufwärmen – die Herren der Runde sind mangels Wirkung des herkömmlichen Gesöffs auf „mit Schuss“ umgestiegen – wandern noch einige Kleinodien des weihnachtlichen Kommerz in unsere Taschen. Langsam aber sicher nähern wir uns dem Ausgang. Wir sind der festen Überzeugung, dass drei Stunden Weihnachtsmarkt mehr als ausreichend sind und beschließen, nach Hause zu gehen.

Am Ausgang bemerken wir den Glühweinstand, an dem wir zu Beginn schon einmal gestanden haben. Ein Absacker zum Schluss kann nicht schaden, also hole ich noch eine Runde. Nicht einmal zwei Stunden später sind mein Freund und ich in der Lage, „Last Christmas“ fehlerfrei mitzusingen und finden es einfach herrlich.

Als ich nächsten Morgen aus der Besinnungslosigkeit erwache, überkommt mich ein Deja vú. War es nicht erst letztes Jahr, dass ich der Weihnachtsmarktbesinnlichkeit für immer abgeschworen hatte? Oder war es das Jahr davor – oder beide?