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Visionen

Januar 5, 2019

Ein sehr schätzenswerter, sozialdemokratischer Bundeskanzler hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!“ Nun, wenn es denn um Politik geht, mag er Recht gehabt haben, aber manchmal hat man halt Visionen. Und die haben nichts mit psychischen Störungen zu tun.

Es ist der 1. Januar. Ich wache früh auf. Der Wecker zeigt erst 19:55 Uhr. Na, ja. Relativ früh für jemanden, der direkt nach dem Nachtdienst zur Blaulicht-Party gegangen ist.

Das Schlafzimmer ist in ein eigenartiges Licht getaucht, und …

Vor mir steht plötzlich Anton Hofreiter! Er hat sich die Haare geschnitten, sieht nicht mehr aus wie „Prinz Eisenherz für Arme“, eher wie jemand mit einem schlechten Schneider beziehungsweise einem mittelmäßigen C&A-Verkäufer.

Ab heute!“, ruft Anton, „ab heute schwöre ich den Ideologien ab! Nur noch wissenschaftlich erarbeitete Fakten werden mich leiten!“

Fein, denke ich. Ein Lichtblick! Hinter ihm schwebt eine rothaarige Elfe mit Pagenschnitt durch das Bild, schwingt die Lyra und singt: „Ich find‘ Sonne, Mond und Sterne schön …“

Von unten schiebt sich Hans-Christian Ströbele vor, die Augenbrauen zu einem festen grauen Balken zusammengekniffen. „Wissenschaft!“, ätzt er. „Gollum! Gollum! Komm auf die grüne Seite der Ideologie!“

Jetzt merke ich: Ich bin noch nicht wach! Ich versuche mich wachzurütteln.

Währenddessen betritt Annegret Kramp-Karrenbauer mein Schlafzimmer und sagt: „Ich werde es besser machen. Es wird sich einiges ändern.“ Zeitgleich verschiebt sie ihre zur Raute verklebten Hände in eine Art Quadrat.

Immerhin, denke ich. Es wird nicht besser, aber irgendwie anders.

Haaalllloooo!, rufe ich in Gedanken. 2019! Kommst du bitte mal und machst das weg!

Noch während ich versuche, wach zu werden, betritt Angela Merkel die Bühne und sagt: „Du, Anne, hab ich dir eigentlich schon gesagt, wie ich mir deine Führung der Partei vorstelle?“

Nein, hast du nicht!“, antwortet AKK schnippisch.

Also pass auf! Du musst …“ Der Rest vergeht in einem bewusstseinsabtötenden Rauschen.

Ich frage mich, ob mir nicht irgendjemand mit einem herzhaften Tritt in den Allerwertesten in die Wirklichkeit verhelfen könnte.

Über mir schwebt ein Engel mit blonder Elvis-Tolle und singt. „Amerika! Amerika!“

Ein Typ mit markantem Schädel und entblößtem Oberkörper reitet auf einem schnaubendem Gaul darunter her und sagt: „Junge! Trinkst du Wodka! Dann du hast keine Visionen!“

Von hinten brüllt ein alter Mann: „Oder du gibst Gas! Ha! Ha! Ha! Kannst auch eine Vietnamesin heiraten! Das macht Spaß!“

Jetzt wird es skuril. Hab ich wirklich so viel getrunken? Mein Gott, bis 5 Uhr morgens Dienst geschoben, und dann zur Party! Okay. Blaulichtler können schon heftig feiern, aber wenn ich mich recht erinnere, hab ich doch nur Bier getrunken …

Anton fängt an mit Hans-Christian über CO2 und Menschenmassen zu diskutieren. „Je mehr Menschen, desto mehr CO2!“ „Der Mensch ist der Klimakiller!“ Ja, ne! Is‘ klar!

Das ist Punsch, du dusselige Kuh! Punsch! Punsch! Punsch!“ Ein kleiner Mann im Feinripp-Look schwenkt einen heißen Topf vor sich her.

2019? Kannst du mich jetzt bitte erlösen? Das muss doch hier mal ein Ende haben! Was hat der jetzt in meinem Kopf zu suchen?

Ein weißhaariger, alter Mann beugt sich über mich und fragt: „The same procedure as last year?“

Neeeiiiinnn!!!“ schreie ich auf.

Angela Merkel taucht wieder auf: „Meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich wünsche mir für das Jahr 2019 mehr Respekt …“

Moment! Das hatte sie sich doch schon für 2018 gewünscht. Ändert sich tatsächlich nichts? Bleibt alles so wie es war?

Mein Handy klingelt und reißt mich aus dem Schlaf. Ich schaue mich um. Keiner mehr da. Also muss ich wach sein.

Ohne auf die Nummer zu achten, nehme ich das Gespräch an: „Schön, dass du ran gehst“, sagt eine mir bekannte Stimme. „Wir brauchen morgen noch jemanden für den Spätdienst.“

Jetzt bin ich wach. Und 2019 wird genauso wie 2018. Es ändert sich nichts. Eine beruhigende Vorstellung?

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