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In der Straßenbahn

März 4, 2019

Ich hatte es schon mal erwähnt: Ich fahre ungern mit dem Auto in die große Stadt. Der gestresste Pendler im Stau, Mutti im SUV auf dem Weg zum Kindergarten, der termingeplagte Aldi-Lieferant – diese Menschen machen mir Angst. Sie stressen mich. Ich bekomme Verkehrs-Tourette und habe nach spätestens zehn Minuten mein Repertoire an Schimpfworten und Flüchen aufgebraucht.

Da lob‘ ich mir, dass ich in unmittelbarer Nähe eine Straßenbahn-Haltestelle vor meiner Haustür habe. Zumindest wenn ich tagsüber zum Dienst muss, nutze ich den öffentlichen Personennahverkehr, und auch privat fahre ich lieber mit der Bahn als mit dem Auto in die Stadt.

Keine gestressten Pendler im Stau – nur welche, die sich im Gang der Bahn zusammenquetschen und sich gegenseitig in den Nacken husten. Keine Mutti im SUV, es sei denn, sie kommt auf die Idee, im Gleisbett zu parken. Und keine Lieferanten – Pizzaboten fahren nicht mit der Straßenbahn.

Nein, innerhalb von 22 Minuten bringt mich die Bahn mit einem Umsteigen zur Arbeitsstelle, entspannt, ohne Aufregung, umwelt- und klimaschonend.

In der Zeit hole ich eines meiner Lieblings-Raketenheftchen aus dem Rucksack und entschwinde in ein Paralleluniversum, in dem der Held ohne Tourette für das Gute im Universum kämpft.

Nur neulich war es anders. Ein kleines blondes Mädchen zupfte plötzlich an meinem Ärmel und fragte. „Was machst du da?“

Ich lese“, sagte ich lächelnd.

Aber warum?“, fragte das Mädchen, zog ihren Finger aus der Nase und minderte mit diesem den Wert meiner Perry-Rhodan-Jubiläumsausgabe um einiges. „Meine Mama sagt immer, dass man keine Bücher lesen muss. Man muss nur sein Handy bedienen können.“

Während ich noch überlegte, der Kleinen ob ihres unverzeihlichen Frevels die Finger zu brechen, schaute ich auf und entdeckte ihre Mutter auf der anderen Seite sitzend.

Eine etwas in die Jahre gekommene Blondine – das ließ sich bei der Aufmachung nicht so genau sagen – mit Kopfhörern in den Ohren und den Blick starr auf das Handy gerichtet. Ihr Kopf wippte auf und ab, während ihre Finger stakkato-artig auf das Display trommelten. Kein Wunder, dass sich das Kind jemand anderen suchte, um Spaß zu haben. Leider heutzutage kein Einzelfall mehr.

Mit einem gequälten Lächeln schob ich die Kleine zur ihr rüber und sagte: „Geh mal wieder zu deiner Mami. Da bist du besser aufgehoben.“ Ich weiß, man soll nicht lügen, aber nach einem anstrengenden Dienst hab ich wenig Lust, mich noch mit verzogenen Kindern zu beschäftigen.

Unterdessen stürmte eine Horde Jugendlicher den Waggon. Alle hielten Flaschen in den Händen, bei deren Anblick ich mich unweigerlich fragte, welche Kassiererin da wohl vergessen hatte, nach dem Ausweis zu fragen. Party-Stimmung machte sich breit. Warum auch nicht? Es war schließlich Freitagabend.

Heute Abend werden wir ein paar Bitches aufreißen!“, brüllte plötzlich einer aus der Gruppe.

Ich betrachtete mir den Rufer etwas näher, schaute in seine geröteten von einem pickligen Gesicht umrandeten Augen und schüttelte leicht den Kopf.

Ich hörte davon, dass die Anzahl der Frauen, die auf eine Intimrasur beim Mann stehen, stetig wächst. Wobei die Betonung wohl auf Rasur liegt. Da schien mir der Junge oben wie unten weit von entfernt zu sein. Ich vermutete eher, dass das einzige, was er heute aufreißt, die Tür vom Taxi auf der Heimfahrt sein wird, wenn er es denn noch schafft, um sich zu übergeben.

Mir gegenüber saß älteres Paar. Sie schätze ich auf Mitte bis Ende 60, er war, wie ich ihrem Gespräch entnehmen konnte, schon weit über 80, aber noch rüstig. Sie freuten sich darüber, dass es ihnen gelungen war, einen Bekannten nach langer Zeit dazu zu bewegen mal wieder außer Haus zu gehen, das Leben zu genießen.

Während des Gesprächs stützte der Mann plötzlich seine Hände auf die Bank, lupfte seinen Hintern an und entließ eine Flatulenz, die jeden Wikinger-Häuptling vor Neid hätte erblassen lassen.

Stille breitete sich aus. Selbst die Gruppe überschwänglicher Jungen wurde merklich ruhiger. Nur die Dame daneben redete unaufhörlich weiter, als sei nichts passiert.

Mein Raketenheftchen verwandelte ich in einen Fächer, um von irgendwoher frischere Luft an meine Nase zu führen.

Warum?“, röchelte ich leise.

Was keine Miete zahlt, muss raus!“, antwortete der Alte lapidar.

Zum Glück konnte ich die Bahn an der nächsten Station verlassen und überlegte ernsthaft, künftig wieder mit dem Auto zum Dienst zu fahren.

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