Posts Tagged ‘Schulden’

Geldsorgen

August 3, 2015

Neulich bin ich bei meiner Feinkost-Händlerin rausgeflogen. Mein Gott, hat die sich aufgeregt. Dabei wollte ich nur ganz normal einkaufen. Die üblichen Dinge für unser kleines Hausfest, halt: Champagner, Kaviar, Trüffel und was der edlen Dinge mehr sind, die den Gaumen erfreuen.
Da sagte die blöde Kuh doch zu mir: „Ich würd‘ dir die Sachen ja gerne verkaufen, aber wie sieht’s denn mit deinen offenen Rechnungen aus?“
„Wie?“, fragte ich. „Was soll mit den Rechnungen sein? Natürlich werden die bezahlt!“
„Und wann?“
„Na, eigentlich sollte der Wolfgang das Geld doch schon angewiesen haben.“
„Hat er aber nicht“, antwortete die Dame schnippisch. „Und so lange ich kein Geld sehe, gibt’s hier auch nichts mehr!“
Tja, da stand ich nun. Ohne Ware keine Fete. Was sag ich bloß den Leuten aus dem Haus?
Erstmal hab ich den Yanis angerufen. Irgendwie musste ich ja Geld beschaffen. Geht ja nicht, dass die Party plötzlich platzt.
„Yanis, altes Haus!“, begrüßte ich ihn. „Was macht die Hauskasse?“
„Was soll die schon machen?“, antwortete Yanis. „Leer! Wie immer!“
„Leer? Aber ich hab dir doch schon vor Monaten den Auftrag gegeben, bei unseren Mitbewohnern zu sammeln.“
„Aber du weißt doch wie das ist, mit dem Sammeln“, antwortete Yanis.
„Was soll ich wissen?“
„Ich war die ganze Zeit unterwegs, hab Vorträge gehalten, über Finanzen und Ausgaben und so weiter.“
„Du solltest keine Vorträge halten, sondern Geld eintreiben!“, schrie ich ins Telefon. Langsam wurde es mir echt zu bunt mit dem Yanis.
„Ich hab ja nebenbei auch immer nach Geld gefragt“, antwortete Yanis. „Aber die haben nichts rausgerückt. Selbst die Meyers nicht. Dabei sind die so reich.“
„Und warum nicht?“
„Haben irgendwas erzählt von ‚Kohle in der Schweiz geparkt, kommen wir jetzt nicht ran‘. Und sowas hör ich von den andern auch andauernd.“
Es half nichts, ich musste meinen Bankberater, Wolfgang, aufsuchen. Der war natürlich hocherfreut, mich zu sehen.
„Toll, dass du kommst!“, rief er. „Ich wollte dich sowieso schon anrufen, weil dein Kreditrahmen erschöpft ist. Wann gedenkst du denn, deine Schulden zu bezahlen?“
„Äh, darüber wollte ich gerade mit dir reden“, sagte ich zögernd.
„Sag mir nur, wann’s losgeht“, erwiderte Wolfgang.
„Also, derzeit hab ich ein paar Geldsorgen.“
„Die hast du doch schon seit Jahren. Erzähl mir was neues.“
„Eigentlich wollte ich dich ja fragen, ob du meinen Kreditrahmen noch mal ein wenig erhöhen könntest?“
„Von mir gibt es keinen Cent mehr. Sieh zu, wie du klar kommst.“
Jetzt war guter Rat teuer. Was sollte ich tun? Die Hausbewohner waren alle zur Party eingeladen. Ausladen ging nicht. Das hätte keiner verstanden. Da fiel mir ein, dass ich noch ein Konto bei einem anderen Kreditinstitut hatte.
„Na klar, helfe ich dir“, sagte Christin am Telefon. „Ich löse bei Wolfgang den halben Kredit aus, musst aber ein bisschen mehr Zinsen bei mir zahlen.“
Doch Wolfgang ließ sich nicht erweichen. „Deine Schulden bleiben ja die gleichen“, sagte er. „Sieh zu, dass du Geld verdienst oder einsammelst, dann gibts auch wieder Kredit.“
Jetzt konnte nur noch eine Person helfen: Mutti!
Und Mutti half. So, wie sie es immer tat. Kurz nachdem ich aufgelegt hatte, bekam ich einen Anruf von Wolfgang: „Ich hab eben mit Angela gesprochen. Dein Kreditrahmen wird ausgeweitet, aber wir haben Bedingungen: 1. Yanis wird als Geldeintreiber abgelöst. 2. Du suchst dir sofort eine Arbeit. Und drittens wirst du mir deine Wohnung als Sicherheit überschreiben. Und natürlich kommen Angela und ich auch zur Party.“
So eine Frechheit! Nur weil ich Geld brauche, soll ich arbeiten gehen? Und meine Wohnung wollen die auch haben. Das hat ein Nachspiel! So wahr ich Alexis heiße.

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Die Wohngemeinschaft

August 6, 2012

Ich war schon ein bisschen erstaunt, als diese gemischte Truppe bei uns auf der Wache erschien: Vier Männer, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Der erste von ihnen schien Handwerker zu sein. Zumindest war er so gekleidet und ihm haftete der Staub diverser Baustellen an. Der zweite sah aus wie ein Banker, trug einen Anzug mit Krawatte und in der rechten Hand einen schmalen, schwarzen Aktenkoffer. Der nächste war der typische Nerd. Rundliche Gestalt, dicke Hornbrille unter dem leicht verfilzten Haaransatz und so blass, als hätte er die Sonne schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Den letzten der Truppe würde ich als klassischen Öko bezeichnen: Latzhose, Wollpullover, lange Haare und Bart.

Ich möchte diese Herren hier anzeigen“, begann der Handwerker das Gespräch. „Sie rauben mich aus!“

Eyh du, das kannste aber so nicht bringen, ne“, warf der Öko ein.

LOL*. Denk doch mal an unsere AGB’s“, sagte der Nerd.

Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn du dieses hübsche Wertpapier gezeichnet hättest. Ein wirklich lukrativer Fond mit hervorragender Verzinsung“, kam es vom Banker.

Äh?“ Ich schaute die vier der Reihe nach an. „Kann mir mal einer erklären, worum es geht?“

Hab ich doch gesagt: Die rauben mich aus!“

Und wie?“, fragte ich zurück. „Erzählen Sie doch bitte die ganze Geschichte.“

Also“, begann der Handwerker. „Wir haben eine Wohngemeinschaft!“

Das fand ich in dieser Konstellation schon recht ungewöhnlich.

Und wir haben anfangs beschlossen, gemeinsam zu wirtschaften. Alles kommt in einen Topf, aus dem dann unserer Kosten beglichen werden.“

Rofl**!“, mischte sich der Nerd ein. „Artikel 4 der AGB’s!“

Und nun wollte ich mir heute neues Werkzeug kaufen“, fuhr der Handwerker fort. „Investition in die Zukunft, sozusagen. Da musste ich leider feststellen, dass unsere Kasse bereits leer ist. Dabei haben wir erst Mitte des Monats. Und dazu finde ich noch einen Schuldschein, über 1000,- Euro.“

Na ja“, sagte der Banker. „Ich hab mich halt ein bisschen verzockt. Kann doch keiner ahnen, dass die Facebook-Aktie so abstürzt. Aber das kriege ich schon wieder hin. Möchten Sie nicht in einen lukrativen Aktienfond investieren?“, fragte er mich. „Bestimmt zwölf Prozent Rendite. Wenn nicht sogar mehr.“

Nein, möchte ich nicht“, erwiderte ich.

Und dazu kommt noch diese Verschwendung. Allein die Stromkosten sind horrend. Er könnte ja auch mal ein paar seiner Rechner abschalten.“ Dabei deutete der Handwerker auf den Nerd.

WTF***, Alta!“, platzte es aus dem heraus. „Chill ma! Ich entzieh doch meiner Ally nicht den Playground, nur weil ich afk**** muss!“

Und außerdem ist es Strom aus erneuerbaren Energien. Der ist nun mal teurer“, warf der Öko ein. „Das sollte dir der Frieden mit der Natur doch wert sein.“

Inzwischen hab ich das Gefühl, dass ich in dieser WG der einzige bin, der noch was in die Kasse tut“, ereiferte sich der Handwerker weiter.

Also das finde ich jetzt aber voll krass, mein Freund“, sagte der Öko. „Nur weil meine Bio-Teestube noch nicht so richtig läuft, kannst du mir doch nicht so’n Ballon aufblasen.“

Also wenn ich das richtig verstehe“, versuchte ich mich wieder ins Gespräch einzubringen, „haben Sie einen Vertrag geschlossen, der jeden verpflichtet, in die gemeinsame Kasse einzuzahlen und jeden ermächtigt, aus der Kasse Geld zu nehmen, egal wie viel?“

Artikel 4 der AGB’s“, sagte der Nerd.

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Ich bedeutete den Männern sich kurz zu gedulden und betätigte den Türöffner. Eine Frau im Hosenanzug und strenger Mine betrat die Wache.

Was macht ihr den hier, Jungs?“, fragte sie mit leicht sächselnder Stimme.

Der wollte uns anzeigen“, sagte der Banker und zeigte auf den Handwerker.

Weil die unsere Kasse geplündert haben“, verteidigte er sich.

Das kommt ja überhaupt nicht in Frage“, sagte die Frau. „Für die Probleme unserer Gruppe müssen wir eine gemeinsame Lösung finden.“

Die Männer schauten die Frau fragend an. „Ich sag euch: Scheitert die Kasse, scheitert unsere Wohngemeinschaft. Das will ich nicht.“

Ich hab da einen lukrativen Fond, in den wir alle investieren können“, sagte der Banker.

Nur über meine Leiche!“, rief die Frau. „Und jetzt gehen wir alle nach Hause. Dort debattieren wir weiter über das Problem. Kommt unter meinen Schirm. Draußen regnet’s.“ Sprach’s und schob die vier zur Tür. „Und dass mir ja keiner auf die Idee kommt, auszusteigen. Diese Option ist alternativlos gestrichen!“

 

Natürlich, liebe Leser, ist diese Geschichte absolut frei erfunden. Eine Gemeinschaft aus so unterschiedlichen Elementen kann doch gar nicht existieren. Oder doch?

 

 

*LOL = Laughing out loud (Laut auflachen)

**Rofl = Rolling over the floor and laughing (lachend über den Boden rollen)

*** WTF = What the fuck (Was für ein Mist)

****afk = away from keyboard (weg vom Computer)