Posts Tagged ‘Polizei’

Wählen Sie die 110

April 3, 2017

Es ist immer wieder spannend, wen man bei der Entgegennahme eines Notrufs an die Strippe bekommt. Mal erfordert es absolutes Fingerspitzengefühl und Sensibilität, um der schluchzenden Anruferin wenigstens einen kleinen Sachverhalt zu entlocken, mit dem die Kollegen draußen arbeiten können, und mal muss man einen Geschichtenerzähler auch schroff abwürgen, damit das Gespräch wegen einer Bagatelle nicht zu lange dauert.

Es gibt den Drama-King, dessen Lebenstraum auf vier Rädern in einem Akt sinnloser und brutaler Gewalt komplett zerstört wurde, bei dem die Kollegen vor Ort einen Verkehrsunfall mit leichten Lackschäden aufnehmen. Und den Bauern, der sich den halben Arm im Kartoffelroder abgerissen hat und für 18 Uhr einen Rettungswagen bestellt, weil er vorher noch die Ernte einfahren muss.

Dann gibt es noch die, die so ein bisschen einen an der Schüssel haben, aber absolut harmlos sind. Wie jener Herr aus Springe, der sich einmal täglich mit „Guten Tag! Ich hab mich verwählt!“ bei uns meldet. Wünscht man ihm ebenfalls einen guten Tag, ist er glücklich und zieht friedlich seiner Wege. Oder die Dame aus Hannover, deren imaginärer Nachbar in der Nebenwohnung eine Maschine betreibt, wodurch ihr Bett anfängt zu vibrieren. Sie möchte nicht, dass die Polizei kommt. Sie möchte die Geschichte nur jemandem ganz im Vertrauen erzählen und fragt am Ende immer, ob sie noch mal anrufen darf, wenn es wieder los geht. Bejaht man dies, kann sie zufrieden schlafen und ruft nicht mehr an.

Vor einiger Zeit rief uns auf einem Samstag eine Dame an und erzählte unglaubliche Geschichten, bei denen man sofort merkte: Das stimmt nicht! Das ist keinen Einsatz der Kollegen wert. Doch die Dame blieb hartnäckig und wählte immer wieder die 110. Auch das mehrmalige Vorsprechen der Kollegen vor Ort, sie möge das doch bitte unterlassen, half nicht. Immer wieder blockierte sie die Notrufleitung mit ihren Phantasien.

Nach dem zweihundertsechsundsiebzigsten (in Zahlen: 276.) Notruf, wurde es den Kollegen zu bunt. Sie fuhren hin und nahmen ihr die sechs Telefone, die sie benutzte, ab. Das veranlasste die Dame, über ihre Nachbarin den 277. Notruf zu starten, man möge ihr doch ihre Telefone wiedergeben. Die brauche sie schließlich.

Unsere Pressestelle brachte diesen Vorfall in die Zeitung. Das wiederum löste auf Facebook einen Shitstorm selbsternannter Stuhlkreis-Altruisten aus: Wie kann die Polizei nur so reagieren? Die arme Frau! Die braucht doch ihre Telefone! Was, wenn sie wirklich mal in Not ist? Es gipfelte schließlich in der völlig realitätsfernen Behauptung, niemand, der nicht in Not sei, würde die 110 anrufen.

Doch! Wie eingangs schon geschildert, gibt es alle möglichen Anrufer bei uns, so dass in unseren Köpfen schon eine Art Notruf-Bingo schwirrt, weil so mancher Ausspruch mehrmals täglich zu hören ist.

Notruf, Polizei!“

Also, das ist jetzt kein Notruf, aber …“

Wenn es kein Notruf ist, warum wählt er dann die 110?

Notruf, Polizei!“

Guten Tag, können Sie mich mal mit Herrn … verbinden?“

Nein kann ich nicht. Ich bin nicht die Vermittlung.“

Oder: „Notruf, Polizei!“

Guten Tag, ich brauche mal die Telefonnummer Ihrer Kollegen in Berlin!“

Die Auskunft erreichen Sie unter 11880 oder 11833!“

Man könnte auch im Internet schauen, aber die 110 ist halt schneller gewählt.

Ebenfalls mehrmals täglich höre ich: „Guten Tag! Ich hab da mal ’ne Frage …“ Der Hinweis, für Erklärungen die örtliche Polizeidienststelle anzurufen, endet dann meist mit der Bitte: „Können Sie mich da nicht eben mal verbinden?“

Wie man sehen kann, entsteht aus einem Notruf nicht immer ein Einsatz, weil kein tatsächlicher Notfall vorliegt.

Auch das Fahrrad, das im Laufe des Tages am Bahnhof gestohlen wurde, erfordert nicht das sofortige Erscheinen der Polizei vor Ort. Da kann man selbst zum Revier stiefeln und Anzeige erstatten.

Anders verhält es sich vielleicht, wenn der Anrufer eigentlich nur mal die Kollegen durchbeleidigen möchte und dabei eines vergisst: Wir machen auch Hausbesuche!

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Heinz, der Straßenfeger

Februar 29, 2016

Es war einmal ein Straßenfeger, der hieß Heinz. Seine Aufgabe war es, bei einem großen Wohnblock in der Stadt die Gehwege und Innenhöfe sauber zu halten. Heinz machte seine Arbeit gern. Jeden Morgen begann er zur gleichen Zeit. Die Bewohner freuten sich, dass es Heinz gab. Sie begrüßten ihn immer wieder freundlich, und wenn sie Zeit hatten, hielten sie noch einen kleinen Plausch mit ihm.

Doch mit der Zeit wechselten die Bewohner des Blocks und damit änderten sich auch Gewohnheiten. Ältere Menschen zogen aus, jüngere zogen ein. Menschen mit wenig Zeit, die den ganzen Tag gestresst durch die Gegend liefen und zu Hause ihre Ruhe haben wollten. Auch sie schätzten die Arbeit des Straßenfegers. Wenn da nicht diese eine Kleinigkeit gewesen wäre: Heinz benutzte für seine Arbeit einen alten Reisigbesen, mit dem es ihm möglich war, auch den hartnäckigsten Schmutz aus den Fugen zwischen den Pflastersteinen herauszukehren. Die jüngeren Bewohner störte jedoch das morgendliche Kratzen der Reiser auf dem Pflaster und so gingen sie eines Tages zur Hausverwaltung, um sich darüber zu beschweren.

An einem der nächsten Tage hatte Heinz einen Termin bei der Hausverwaltung und ein Manager erklärte ihm die Situation. „Aber mach dir keine Sorgen, Heinz!“, sagte der er. „Wir haben schon eine Lösung gefunden.“ Mit diesen Worten präsentierte er Heinz einen neuen High-Tech-Besen, mit weichen Borsten, die kein Kratzgeräusch mehr auf dem Pflaster verursachten. „Und dazu haben wir dir auch eine neue Schaufel mit einer Gummi-Lippe gekauft. Auch sie ist extrem leise“, sagte der Manager stolz.

Am nächsten Morgen begann Heinz mit neuem Equipment seine Arbeit. Leider waren die Borsten des Besens sehr weich, so dass er länger brauchte, um den Schmutz aus den Fugen zu fegen und auch die neue Schaufel hatte ihre Nachteile. Schon bald war die Gummi-Lippe kaputt und eine neue musste beschafft werden.

Natürlich bemerkten die Bewohner irgendwann, dass Heinz nun länger für seine Arbeit brauchte. Sie sparten nicht mit Tipps, wie er effizienter arbeiten könne, schließlich hatten sie schon unzählige Straßenfegerserien und -filme im Fernsehen geschaut. Heinz quittierte die Ratschläge meist mit einem Lächeln und fuhr in seiner Tätigkeit fort.

Irgendwann wurde ein neuer Hausmeister eingestellt. Auch dieser versah seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen. Sein Hauptaugenmerk lag darauf, dass in dem Block alles seinen Vorstellungen von Ordnung entsprach. So geriet auch Heinz irgendwann in den Fokus seiner Aufmerksamkeit.

Dem Hausmeister war aufgefallen, dass Heinz den Dreck, den er von den Wegen kehrte, immer in den gleichen Behälter warf, ohne eine Sortierung vorzunehmen. Das entsprach nicht der Auffassung des Hausmeister und er begann, immer wenn Heinz seine Arbeit beendet hatte, den Dreck zu sortieren. Leider blieb es dabei nicht aus, dass ein Teil des Drecks wieder auf den Boden fiel und vom Wind in alle Richtungen verstreut wurde.

Von den Bemühungen des Hausmeisters bemerkten die Bewohner nichts. Ihnen fiel nur auf, dass es am Abend, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen, wieder dreckig vor ihrem Haus war. Sie beschwerten sich wieder bei der Hausverwaltung, mit dem Hinweis, sich eine neue Verwaltung zu suchen, wenn die alte dies nicht in den Griff bekäme.

Der Manager bestellte Heinz erneut und erklärte ihm die neue Situation. „Leider ist es uns nicht möglich, einen weiteren Straßenfeger einzustellen. Das ist zu teuer. Heinz, du musst nun auch abends noch einmal los und fegen.“

So kam es, dass Heinz von nun an zwei Mal am Tag seiner Arbeit bei dem Wohnblock nachging, um die Bewohner zufrieden zu stellen. Doch dann wurde Heinz stutzig. Immer wieder entdeckte er Sachen, die er entweder am Morgen oder abends zuvor schon einmal aufgekehrt hatte.

Wie konnte das sein? Schnell kam Heinz dahinter, dass nur der neue Hausmeister dafür verantwortlich sein konnte und stellte ihn zur Rede. „Du boykottierst meine Arbeit!“, warf er ihm vor. Das ließ der Hausmeister nicht auf sich sitzen und beschwerte sich bei der Hausverwaltung.

So hatte Heinz den dritten Termin und der Manager warf ihm vor: „Dir als Straßenfeger steht es nicht zu, die Arbeit des Hausmeisters in Frage zu stellen. Tust du dies noch einmal, hat das unweigerlich Konsequenzen für dich!“ Heinz nahm es zur Kenntnis und ging am nächsten Morgen wieder zur Arbeit.

Sie denken, die Geschichte sei an den Haaren herbeigezogen? Machen Sie doch aus dem Straßenfeger einen Polizeibeamten, aus dem Hausmeister vielleicht einen Staatsanwalt … Besser?

Straßensperre

Mai 3, 2015

Vor ein paar Tagen ist es wieder passiert: Auf einer unsere Hauptdurchgangsstraßen trafen sich vier Fahrzeuge. Das Problem dabei war nur, dass sie sich nicht nebeneinander trafen sondern ineinander. Dabei wurden zwei Autos so stark deformiert, dass man sie beim besten Willen nicht mehr bewegen konnte. Wenn ein solcher Zusammenstoß dann auch noch direkt unter einer Brücke geschieht, kann sich jeder vorstellen, dass es schwierig wird, den Verkehr, wenn auch nur einspurig, an der Unfallstelle vorbeizuführen.

Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Es blieb nichts anderes, als die Unfallstrecke zu sperren und den Verkehr irgendwie umzuleiten. Meinem Streifenpartner und mir fiel die Aufgabe zu, die Strecke an der Kreuzung zur zweiten Hauptdurchgangsstraße zu sperren, auf die dummerweise auch noch der Verkehr von der Autobahn strömte, um genau auf die gesperrte Strecke fahren zu wollen.

Allen meinen Befürchtungen zum Trotz lief die Sperrung nahezu reibungslos – wenn man von den üblichen Kleinigkeiten absah.

Ist hier gesperrt?“, fragte mich eine Dame, die kurz zuvor noch versucht hatte, mich zwischen ihrem Auto und dem Streifenwagen einzuklemmen.

Oder: „Ach, jetzt komm‘ ich hier gar nicht durch, oder?“

Nicht unerwartet aber dennoch spannend war auch der Versuch eines Taxifahrers, sich auf dem linken Fahrstreifen durch den zurückgeleiteten Gegenverkehr zu manövrieren, nur um kurze Zeit später festzustellen, dass da wirklich kein Durchkommen war. Vielleicht eine neue Geschäftsstrategie? Wer weiß schon, was der Mindestlohn so alles an spontanen Eingebungen hervorbringt.

Aber dann kam ER! ER trug die Jogginghose, mit der er eben noch bei World of Warcraft, dreizehn Orks geschlachtet hatte. Auf dem Sweatshirt prangte der Joghurt-Fleck, der vom kleinen Missgeschick am gestrigen Abend zeugte. Und dazu die obligatorischen Hausschuhe, die auch gern mal für den Kauf eines Six-Packs am Kiosk Verwendung finden.

Sein Gesicht sprach Bände: Gewappnet mit dem Substrat aus den letzten sechs Folgen „Toto und Harry“, gewürzt mit der Essenz aus mindestens drei Staffeln „Mein Revier“, drapiert auf dem Exzerpt aus diversen Sendungen „Achtung Kontrolle“ trat er an, um dreißig Jahre Berufserfahrung eines Polizeibeamten in Frage zu stellen. Ach, was sage ich? Ad absurdum zu führen!

Sagen Sie mal“, fuhr er mich an. „Was machen Sie hier eigentlich?“

Ich sah zu meinem Streifenwagen, der quer zur Fahrbahn mit eingeschaltetem Blaulicht auf der Straße stand. „Wonach sieht’s denn aus?“, fragte ich.

Sie sperren hier die Straße!“, schrie er.

Das hatte er gut erkannt. Man kann also durchaus sagen, dass Fernsehen immerhin ein bisschen zur Bildung beiträgt. „Genau!“, antwortete ich nur.

Aber warum?“

Sie werden sicherlich bemerkt haben, dass da oben unter der Brücke“, dabei deutete ich die Straße hinauf, „ein Unfall passiert ist. Und weil man da nicht durchkommt, leiten wir hier den Verkehr ab.“

Die Fahrzeuge kann man doch wegschieben. Da muss man doch nicht über Stunden den Verkehr aufhalten.“

Haben Sie sich die Unfallstelle angesehen?“, fragte ich.

Natürlich! Schieben Sie doch die Wracks bei Seite. Dann müssen Sie hier auch nicht sperren. Das ist doch total unwirtschaftlich. Haben Sie daran mal gedacht?“

Verdammt! Vor mir stand der Hulk. In der Lage, mehr als 1.000 Kg scharfkantiges Metall über rauen Asphalt zu schieben – und das auch noch mit abgeschlossenem BWL-Studium.

Da half auch kein Argumentieren mehr. Wirtschaftlichkeit ist nicht unbedingt ein Thema der Polizei. Sicherheit und Ermittlungen in Sachen Gesetzesbruch ist nicht unbedingt mit Geld aufrechenbar.

Wer hat das hier eigentlich angeordnet?“, fragte er mich schließlich.

Also ich hab‘ den Auftrag über Funk erhalten, da kann ich nicht sagen, wer das jetzt war.“

Das hat ein Nachspiel. Ich will mich beschweren!“, schrie der Mann jetzt noch aufgebrachter.

Okay“, antwortete ich, „das machen Sie ja gerade.“

Doch nicht bei Ihnen! Über Sie!“, schrie er wieder. „Ich will den Namen eines Verantwortlichen!“

Dann rufen Sie doch Herrn Pistorius an“, antwortete ich.

Warum soll ich jetzt in Südafrika anrufen? Das ist ja eine Frechheit von Ihnen!“

Da zeigte es sich: Sein Wissen nur aus Doku-Soaps und „Prominent“-Sendungen zu holen, kann hilfreich sein – muss aber nicht!

Wenn der Notruf zweimal klingelt

März 29, 2015

Wie in allen zivilisierten Ländern können wir uns auch hierzulande glücklich schätzen, dass wir im Notfall nicht allein gelassen werden. Hat man sich den Finger abgesägt, wählt man schnell die 112. Damit ist der Finger zwar nicht wieder an der Hand, aber zumindest kommt jemand schnell vorbei, um das Ausmaß des Unglücks in Grenzen zu halten.

Egal ob 110 oder 112: Hier wird Ihnen im Notfall immer geholfen.

Wobei allerdings der Begriff „Notfall“ definierungswürdig ist. Die 110 zu wählen, um zu erfahren, welche Apotheke Notdienst hat, gehört nach meinem Verständnis nicht dazu. Zwar haben Notdienst und Notruf den gleichen Wortbeginn, aber das hat Notdurft auch. Und auch diese gehört nicht zu den eigentlichen Notfällen, obwohl auch sie schon des öfteren in der Leitung thematisiert wurde.

Für derlei Fragen reicht es in der Regel aus, bei der örtlichen Polizeidienststelle über die normale Amtsleitung anzurufen. Und da heute nahezu jedermann über eine Telefonflatrate verfügt, kostet es einen genauso wenig wie der Notruf.

Ein echter Notfall – zumindest für die Anruferin – ereignete sich vor einigen Jahren in Uelzen, zu einer Zeit, als die Mittagsruhe noch das heilige Recht des aufrechten Rentners war:

Polizei, Notruf!“

Ja, guten Tag. Sowienoch mein Name. Sie müssen hier unbedingt mal vorbeikommen und meinem Nachbarn Einhalt gebieten.“

Was macht denn Ihr Nachbar, was Sie so stört?“, fragte ich zurück.

Na, hören Sie mal. Es ist Mittagszeit und der Mann arbeitet in seinem Garten.“

Das war natürlich eine Frechheit: In der Mittagszeit macht man gefälligst Pause, Herr Nachbar. So was geht nun wirklich nicht.

Haben Sie denn schon mit Ihrem Nachbarn gesprochen?“, fragte ich.

Natürlich. Aber der hat bloß gesagt, dass ich mich um meine Angelegenheiten kümmern soll. Können Sie sich das vorstellen?“

Oh, ja! Das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

Aber nun sagen Sie mir doch bitte, was Sie daran stört.“

Hören Sie!“, fuhr die Dame mich am Telefon an. „Es ist Mittagszeit. Da habe ich ja wohl einen Anspruch darauf, in Ruhe auf meiner Terrasse zu sitzen, oder?“

Natürlich haben Sie das“, antwortete ich.

Sehen Sie“, entgegnete die Dame schnippisch. „Und das kann ich nicht, wenn mein Nachbar seinen Garten umgräbt.“

Da kamen wir der Sache schon ein bisschen näher. Der Nachbar bringt seinen Garten auf Vordermann und hat wahrscheinlich schweres Gerät aufgefahren.

Ihr Nachbar gräbt also mit einem Bagger den Garten um“, versuchte ich die Beschwerde auf den Punkt zu bringen.

Mit dem Bagger?“, fragte die Dame. „Guter Mann, jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich. Ich wohne in einer Reihenhaus-Siedlung. Für diese kleinen Grundstücke braucht man keinen Bagger.“

Äh …“ Jetzt war ich ratlos.

Nein, mein Nachbar gräbt ganz normal mit dem Spaten seine Beete um.“

Aber das ist doch keine Ruhestörung.“

Natürlich ist das eine Ruhestörung. Bei dem steinigen Boden hier stößt das Spatenblatt immer wieder auf etwas festes. Und das macht dann immer ‚Ping‘, ‚Ping‘. Bei diesem Geräusch kriege ich kein Auge zu.“

Was sollte ich dazu noch sagen? Um die Leitung wieder frei zu bekommen, versprach ich der Dame, so bald wie möglich einen Streifenwagen vorbeizuschicken. Dass dies aufgrund anderer dringenderer Einsätze erst nach der Mittagsruhe passierte, steht auf einem anderen Blatt und ist sicherlich irgendwann noch einmal Thema für eine neue Geschichte.

Aber so kann es gehen: Nicht jeder Notruf beinhaltet auch einen echten Notfall. Dennoch sind wir stets bemüht, jeden Fall ernst zu nehmen.

Wenn Sie also, liebe Leserin, lieber Leser, das nächste Mal bei der 110 in der Warteschleife liegen, dann ärgern Sie sich bitte nicht. Es liegt nicht an dem faulen, ständig Kaffee trinkenden Beamten am anderen Ende der Leitung. Es gibt jede Menge Menschen in Not. Sei es, dass die SIM-Karte nicht in das Handy passt, oder das Taxi schon eine halbe Stunde auf sich warten lässt. Im realen Leben spielen sich Dramen ab, die man sich als normaler Mensch gar nicht vorstellen kann.

Unter Nachbarn

September 1, 2014

Ich geb es ja zu: Ich bin ein Mensch, der gerne Spaß hat. Ich feiere gerne. Man lebt schließlich nur einmal. Also, was soll’s? So war es dann auch neulich, als ich meine Frau anrief: „Hey, Hase. Wie sieht’s aus?“

Ganz gut soweit““, antwortete sie. „Wo bist du?“

In 10 Minuten bei dir, wenn du willst. Was macht die Wohnung?“

Was soll das denn?“, fragte sie. „Bringst du noch jemanden mit?“

Na, ja. Die Kneipe hat inzwischen dicht.

Es war einer jener Abende, an denen man mit Kollegen einfach mal nach dem Spätdienst loszieht. Und heute hatte sich eine Truppe zusammen gerauft, die einfach kein Ende finden konnte. Wie gut, dass meine Bar und der Kühlschrank gut gefüllt war.

Okay, ich feg‘ eben durch. Bis gleich!“, antwortete mein Engel.

Kurze Zeit später fand ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen zu Hause ein. Der Kühlschrank war voll, die Bar auch – jeder bekam das Getränk, dass er haben wollte. Und dann kam die Musik!

Ist ja klar – ein bisschen angetrunken will man auch tanzen. Musik hab ich genug. Rockmusik zum Beispiel. Hören meine Nachbarn auch immer wieder – ob sie wollen oder nicht.

Plötzlich klingelte es.

Ich hatte mich schon gewundert, wer zu so später Stunde bei uns Einlass begehrte, doch nachdem ich die Wohnungstür geöffnet hatte, sah ich meinen Nachbarn von unten vor mir. Irgendwie sah er ziemlich verhunzt aus. Die Haare zerzaust, dunkle Ränder unter den Augen. Sein T-Shirt saß irgendwie nicht richtig, als hätte er es eben schnell übergeworfen. Er wollte auch gar nicht reinkommen.

Sach ma‘, weißt du eigentlich, wie spät es ist?“, fragte er mich mit müder Stimme.

Du, kein Problem“, antwortete ich und ging ins Schlafzimmer. Wieder zurück an der Wohnungstür reichte ich ihm meinen Wecker. „Den hätte ich aber gerne wieder.“

So was hab ich selbst“, knurrte mein Nachbar. „Und der klingelt in drei Stunden!“

Das ist verdammt früh.“

Stimmt! Und bis dahin würd‘ ich gern noch ein bisschen schlafen. Wenn ihr also ein bisschen leiser tanzen könntet.“

Ach, so!“ Ich schlug mir an die Stirn. „Mensch, sag das doch gleich. Kein Problem. Wir machen leise weiter.“

Aber wie das nun mal so ist: Auf leise hat kaum einer Lust, also löste sich die Party in Windeseile auf und nur noch ein paar Hartgesottene vernichteten meine Biervorräte auf dem Balkon.

Man könnte also sagen, dass der Nachbar mir die Tour vermasselt hat. Trotzdem bin ich ganz glücklich drüber. Hätte ja auch anders laufen können. So wie neulich bei uns in der Wache als das Telefon gegen 23.00 Uhr klingelte:

Polizei Langenhagen, guten Abend!“, meldete ich mich.

Na, von einem guten Abend kann hier keine Rede sein!“, keifte es am andere Ende. „Schanz hier, ich möchte mich beschweren.“

Worüber möchten Sie sich denn beschweren?“, fragte ich höflich zurück.

Über meinen Nachbarn. Der Typ über mir macht schon wieder ’ne Party in seiner Wohnung. Ich muss morgen früh raus und will jetzt schlafen.“

Waren Sie denn schon mal oben und haben mit ihrem Nachbarn gesprochen?“

Sind Sie verrückt?“, fragte der Anrufer. „Bei den vielen Leuten in der Wohnung? Das gibt doch nur Ärger. Ne, ne. Das machen Sie mal lieber. Gehört ja auch zu Ihren Aufgaben. Außerdem kann man mit denen nicht reden.“

Ja, ja, dachte ich bei mir. Und schließlich zahlt der Mann auch Steuern.

Ich ließ mir die Adresse geben und fuhr mit einem Kollegen los.

Im Haus war es tatsächlich laut. Musik dröhnte durch den Flur. Die Party schien wirklich gut zu sein. Wir mussten auch mehrmals klingeln, bis uns der Wohnungsinhaber endlich öffnete.

Oh!“, entfuhr es ihm, als er uns sah. „Sind wir zu laut?“

Ich bestätigte. „Kein Problem!“ Und dann rief er nach hinten: „Heinz, mach mal die Mucke aus!“

Schlagartig wurde es still.

Schon besser“, sagte ich.

Wer hat sich denn beschwert? Etwa der Herr unter uns? Warum kommt er denn nicht hoch. Wir beißen doch nicht!“

Da wusste ich nun auch keine Antwort drauf. Aber ich nahm die Worte zum Anlass, bei Herrn Schanz noch einmal zu klingeln. „Nur mal so zur Kenntnis“, sagte ich, nachdem er geöffnet hatte. „Der Ausgleich Ihrer kommunikativen Defizite ist nicht unsere Aufgabe. Ihr Nachbar bat darum, dass sie nächstes Mal selbst raufkommen.“

Die Grenzen der Überwachung

August 5, 2013

Nun ist also der Sack geplatzt: Was wir eigentlich schon immer gewusst haben, ist durch den Fall Snowden Tatsache geworden. Der Ami hört uns ab. Er weiß alles: Was ich esse, was ich trinke, wann ich auf’s Klo gehe. Ich muss es halt nur bei Facebook posten oder sonst im Internet verewigen.

Sauerei!“, schreien jetzt viele in unserem Lande. „Das darf der doch gar nicht!“, schreien sie weiter. „Was geht Obama die morgendliche Köttel-Konsistenz meines Hundes an?“ Nichts, natürlich. Ehrlich gesagt, interessiert ihn das auch gar nicht. Und ich bin der festen Überzeugung, dass Obama ganz andere Dinge zu erledigen hat, als ständig irgendwelche Facebook-Profile zu lesen oder Handy-Gespräche mitzuhören.

Trotzdem ist diese Art der Spionage natürlich eine Riesen-Sauerei und nach unseren Gesetzen nicht rechtmäßig. Man diskutiert sich hierzulande auch schon die Köpfe heiß, wie die Kuh vom Eis zu kriegen ist – was den Ami herzlich wenig interessiert.

Und unsere Freunde von der politisch weiter links orientierten Fakultät nehmen diesen Vorfall natürlich auch gleich zum Anlass, die angeblichen Missstände des Überwachungsstaates Deutschland nochmal auf’s Tableau zu bringen. Dafür werden Statistiken falsch gelesen und auch gerne mal Tatsachen verdreht. Nur um uns allen zu zeigen, dass wir eigentlich in einer Diktatur leben. Denn Freiheit gibt es ja nur noch auf Cuba, wo man den ganzen Tag mit dem Fahrrad Sozialromantik verbreiten kann.

Das führt dann zu solchen komischen Szenarien, wie letztens bei uns in der Wache. Ich öffnete die Tür, als es klingelte und ein Typ in Camouflagehosen und Flanellhemd mit langen Haaren und Rauschebart trat an den Tresen und sagte:

Ich bin ja eigentlich kein Freund der Polizei, aber jetzt könntet ihr mir wirklich helfen, ne!“

Wie kann ich Ihnen denn helfen?“, fragte ich zurück.

Ich meine, ihr macht das ja irgendwie jeden Tag, ne?“

Ich schaute ihn etwas verwundert an. „Was machen wir täglich?“

Na ja, diesen technischen Überwachungskram“, antwortete er. „Ihr ortet doch täglich irgendwelche Handys und lest private Daten, ne?“

Ähh, tja eigentlich …“

Und ich hab‘ doch mein Handy verlegt“, unterbrach er mich. „Und das wäre echt voll nett von euch, wenn ihr das mal eben orten könntet, damit ich es wiederfinde, ne!“

Also so einfach, wie sie sich das vorstellen, ist das nicht“, entgegnete ich.

Aber ihr könnt das doch – und macht das ja auch, ne. Das weiß doch jeder!“

Können schon“, sagte ich, „aber die Frage ist ja auch, ob wir das dürfen?“

Jetzt sah mich der Typ doch etwas verwundert an. „Eyh, seit wann interessiert es den Staat, ob er was darf? Ihr fragt doch sonst auch nicht, ne!“

Wir halten uns aber an die bestehenden Gesetze“, antwortete ich ihm. „Und die erlauben die Ortung nur bei einer Gefahr für Leib oder Leben.“

Na ja, so gesehen hängt da schon mein Leben von ab, ne. Ich hab das bestimmt bei irgend ’nem Kumpel liegen gelassen. Und wenn da einer von denen rein guckt. Oh, Mann! Dann bin ich echt reif, ne.“

Das ist damit aber nicht gemeint“, sagte ich. „Der Besitzer des Handys müsste in unmittelbarer Lebensgefahr stecken. Das scheint bei Ihnen ja nicht der Fall zu sein.“

Aber …“

Und dann dürfte ich das noch nicht mal anordnen. Schon mal was vom Richtervorbehalt gehört.“

Ach komm, eyh!“, maulte der Mann jetzt. „Soll ich jetzt extra deswegen zum Amtsgericht latschen?“

Wie wäre es denn, wenn Sie einfach ihre Freunde aufsuchen und dort nach Ihrem Handy fragen?“, machte ich den Vorschlag.

Sie wollen mir also nicht helfen, ne?“, fragte er zurück.

Ich darf es nicht!“, betonte ich nochmals.

Also das ist ja mal wieder typisch für euch, ne! Den ganzen Tag überwacht ihr einen, aber wenn man euch mal braucht, dürft ihr das angeblich nicht.“ Sprach’s und verließ, angesäuert die Wache. Ich selbst konnte nur mit dem Kopf schütteln. Eigentlich war es aber auch nicht verwunderlich. Wer so von unserem Unrechtsstaat überzeugt ist, lässt sich durch Tatsachen nicht verwirren.

 

Mehr Schein als Sein

April 29, 2013

Für viele Menschen – auch für mich – ist das Auto ein Mittel zum Zweck. Es bringt mich von A nach B oder transportiert mehr oder weniger zuverlässig meine Kiste Bier vom Getränkemarkt nach Hause. Was anderes kann ich von dem 13 Jahre alten Italiener auch kaum erwarten. Wenigstens ist er durch diverse Unfallschäden schon fast refinanziert. Das einzige, was mich so ein bisschen stolz macht, ist der Umstand, dass er als einziges Modell aus seinem Hause sich komplett dem ökologischen E10-Wahn entzieht. Das Zeug verträgt das sympathische kleine Kerlchen halt nicht.

Gerne erinnere ich mich auch an mein erstes Auto. Ein marsroter VW Derby mit sagenhaften 40 PS unter der Motorhaube. Dennoch sorgte dieses Auto immer für Aufmerksamkeit. Vor allem, wenn ich mit voll besetzter Karre auf der A7 durch die Kasseler Berge fuhr – auf der Kriechspur mit 40 km/h, während die großen Brummer wild hupend an mir vorbeizogen. Was für eine herrliche Zeit war das doch.

Für manche Menschen aber ist das Auto mehr. Es ist ein Status-Symbol. Frei nach dem Motto »Das Leben ist nur im SUV zu ertragen« geht es kaum größer, schöner oder schneller. Je mehr der Wagen einmal gekostet hat, desto stolzer ist der Besitzer. Und wenn noch etwas Geld übrig ist, kann man das geliebte Gefährt auch ein kleines bisschen aufmotzen.

In unserer schönen Landeshauptstadt Hannover gibt es dafür eine eigene Szene, die jetzt im Frühjahr wieder zum Leben erwacht. Jedes Wochenende treffen sich an der Vahrenwalder Straße Menschen, um ihre aufgemotzten Karren zur Schau zu stellen oder aber, wenn die Schmiere nicht guckt, auch mal ein kleines Rennen mit ihren PS-Boliden zu starten.

Manchmal trifft man diese Leute aber auch einzeln an. Erst neulich hatte ich während meiner Streifenfahrt wieder so ein Kompensationsgerät für zu klein geratene Geschlechtsorgane vor mir. Ursprünglich war es wohl mal ein kleiner VW gewesen, aber davon war kaum noch etwas zu erkennen. Der Besitzer hatte kaum Kosten und Mühen gescheut, seine Karre aufzumotzen. Er hatte breite Walzen auf chromblitzenden Felgen aufgezogen. Dazu kamen natürlich Front- und Heckspoiler, veränderte Scheinwerfer und die schon obligatorische Tieferlegung. Zu guter Letzt hatte er sich noch zwei Katzenschlafplätze als Auspuffendrohre unter das Chassis montiert, die mit ihrem Sound starke Leistung suggerierten. Es sah schon nach einem heißen Flitzer aus.

Da mich solche Fahrzeuge immer wieder reizen, entschloss ich mich zu einer Kontrolle, um zu schauen, ob die ganzen Veränderungen am Fahrzeug auch den Vorschriften entsprachen. Gleich nachdem ich das Haltezeichen gegeben hatte, wurde der Wagen langsamer.

»Oh verdammt!«, dachte ich, »der will doch wohl hoffentlich nicht auf dem Bahnübergang da vorne anhalten?«

Doch das Fahrzeug rollte in Schrittgeschwindigkeit weiter und hielt schließlich hundert Meter hinter dem Bahnübergang an.

Als ich an den Wagen herantrat, konnte ich erkennen, dass auch das Innere nicht mehr dem Original glich. Die Rückbank hatte zwei Querverstrebungen weichen müssen. Zwischen diesen thronte eine gewaltige Lautsprecherbox, deren Schalldruck wahrscheinlich das Hirn des Fahrers im Beatrhytmus an die Stirninnenseite schlagen ließ.

Nachdem ich mein Sprüchlein aufgesagt hatte, sprach ich ihn auf die Szene am Bahnübergang an.

»Ne, ne, Herr Wachtmeister«, antwortete der junge Mann. »Ich kann nur nicht schneller über so Unebenheiten fahren. Sonst reißen mir die Endtöpfe ab.«

Ein Grinsen konnte ich mir bei diesen Worten nicht verkneifen. »Na, dann geben Sie mir doch mal den Fahrzeugschein. Mal schauen, ob alles eingetragen ist.«

»Klar doch!«, sagte der Mann und reichte mir drei zusammengetackerte Fahrzeugscheine. »Viel Spaß beim Durchsehen!«

»Scheint ja alles eingetragen zu sein«, murmelte ich nach einer Weile.

»Natürlich! Der Wagen ist mein ganzer Stolz. Hab da mein ganzes Geld reingesteckt. Dann muss auch alles korrekt sein.«

»Da sind Sie bestimmt der Star der Tuning-Szene, oder?«

Der junge Mann schaute verlegen zu Boden. »Na ja, das eher nicht«, sagte er.

Ich sah es. Grinsend reichte ich ihm die Papiere zurück.

»Was soll ich machen?«, fragte er. »So’n Motor kostet ’n Heidengeld. Da muss ich mich halt mit 55 PS zufrieden geben.«

Observation

Juni 4, 2012

Neulich wurde bei uns in Langenhagen eine Tierarztpraxis angegangen. Das ist nichts besonderes, das passiert fast jeden Tag irgendwo in Deutschland. Ich frage mich immer, was einen Täter treibt, in eine solche Praxis einzudringen? Bis auf Kaffee- oder Portokasse ist da kaum etwas zu holen. Oder reizt der Impfstoff gegen Maul- und Klauenseuche? Vielleicht gibt der ’nen besonderen Kick? Ich weiß es nicht!

In der Nacht hatten es die Täter nicht geschafft, in die Praxis einzudringen. Aber unsere Ermittler waren der festen Überzeugung, dass sie es in der nächsten Nacht wieder versuchen würden. Man spricht von gesicherten Erkenntnissen aufgrund der besonderen Umstände der Tatbegehung.

Wie dem auch sei, es war in der folgenden Nacht Aufgabe des Streifendienstes, auf die Praxis aufzupassen. Und weil die Aufgabe furchtbar spannend ist, dürfen natürlich nur die Gewinner eines kleinen Spiels zu Dienstbeginn diese wahrnehmen.

In dieser Nacht zogen mein Partner und ich den Kürzeren. Also suchten wir bei Einbruch der Dunkelheit die Praxis auf. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Mehrfamilienhaus mit einem größeren, durch Hecken geschützten Parkplatz. Dieser erschien uns geeignet, sich so aufzustellen, dass man selbst nicht gesehen wurde, aber sonst die gesamte Umgebung beobachten konnte.

Wir stellten uns zunächst mit unserem Zivilstreifenwagen in eine freie Parkbucht, von der wir eine gute Sicht hatten. Leider machte uns eine Anwohnerin schon kurz darauf einen Strich durch die Rechnung. „Das ist mein Parkplatz!“, keifte sie. Aber nach einem kurzem klärenden Gespräch gestattete sie uns, quer hinter ihrem Fahrzeug zu parken, „sofern wir niemanden sonst aus dem Hause stören, wäre man gern bereit, die Polizei zu unterstützen.“

Etwa zwei Stunden später, fuhr ein Taxi auf den Hof. Nachdem der deutlich alkoholisierte Fahrgast bezahlt hatte, stand er auf dem Platz und starrte unser Auto an. Schließlich schüttelte er den Kopf, raffte die Jacke nach unten und trat an die Fahrertür. Mit einem jovialen Klopfen bedeutete er mir, die Scheibe zu öffnen.

Dass’n Pr’vtpa’kpl’tz!“, schwallte er mich an.

Bitte?“, fragte ich.

S‘ dü’fen hi“ n’ch steh’n! Ich ru‘ die P’l’zei!“

Da der Mann meine Uniform offensichtlich nicht bemerkt hatte, stieg ich aus, um ihm die Erkenntnis zu erleichtern. „Die brauchen Sie nicht zu rufen“, lächelte ich ihn an. „Die ist schon da!“

Herr Wachtmeester!“, strahlte er mich an. „Gut, dass s‘ da sin‘! Könn’n se die beiden Typen hier ’ntfern’n?“

Welche beiden Typen?“

Na, die b’den in dem Auto!“

Aber da bin ich einer von“, lachte ich ihn an.

’s mir egallll. Die s’ll’n hier weg!“

Okay. Er hatte es nicht begriffen. Also versuchte ich, ihm in Ruhe zu erklären, was wir hier vor hatten, merkte aber schon bald, dass ich an die alkoholvernebelten Grenzen seines Geistes stieß. Mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand drückte er an die Nasenwurzel, so als ob er nachdenken müsste. Eigentlich fehlten nur noch Dampfwolken, links und rechts aus den Ohren dringend, um seine Überanstrengung zu dokumentieren. Doch dann schien ihm der Geistesblitz gekommen zu sein.

Aaaahhhh!“, rief er. „Ve’sch’t’he!“, und ich atmete auf. Es dauerte noch eine Weile, bis ich ihn in ins Haus komplementiert hatte, aber schließlich hatten wir Ruhe auf dem Parkplatz und konnten unserer Aufgabe nachgehen.

Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis wir wieder von ihm hörten. Gerade hatten wir es uns wieder gemütlich gemacht.

Herr Wachtmeester! Herr Wachtmeester!“, tönte es von einem Balkon aus dem dritten Stock. „Dat is’ser! Der Dieb!“

Gerade war eine Straßenbahn vorgefahren und hatte einen jungen Mann ausgespuckt. „Halt’s Maul, Opa!“, gab der junge Mann von sich.

Damit hatte er allerdings den Nerv unseres Freundes getroffen. Laut keifend verließ er seinen Balkon, um kurz darauf auf dem Parkplatz zu erscheinen. „Hier ist die Polizei!“, bölkte er durch die Büsche. „Die werden dich gleich verhaften. Musst nicht glauben, dass du damit durchkommst!“

Unsere Aufgabe war damit hinfällig geworden. Unserem Freund zu erklären, dass er auch gleich eine große Hinweistafel mit unserem Standort hätte aufstellen können, wäre wohl müßig gewesen. Inzwischen waren auch schon andere Hausbewohner wach geworden und beschwerten sich wegen des Lärms auf dem Parkplatz. Auch die Dame, die uns zuerst aufgescheucht hatte, stand in einem geblümten Bademantel auf ihrem Balkon und rief: „Wenn ich das gewusst hätte …!“

 

Wenn der Bürger schlauer ist …

Mai 7, 2012

Es war ein Routine-Einsatz für einen normalen Spätdienst, so schien es zumindest. „Ich hab‘ ne Kaltverformung für euch“, sagte der Funksprecher des Lagezentrums. „Auf der Dorfstraße in Engelbostel. VW gegen Opel, keine Verletzten!“

Das einzig dumme an der Sache war, dass wir gerade am anderen Ende des Revierbereichs unterwegs waren. Aber das konnte der Funksprecher natürlich nicht wissen, denn so teure Technik, stellt uns das Land wegen knapper Kassen nicht zur Verfügung.

Trotzdem schafften wir es, in einer angemessenen Zeit am Unfallort anzukommen. Die beiden Fahrzeuge blockierten eine Fahrbahnseite, so dass mein Kollege und ich uns darauf einigten, dass er den Unfall aufnimmt, während ich die Verkehrsregelung übernahm. Inzwischen hatte sich auch schon einiges an Rückstau gebildet.

Kaum waren wir aus dem Streifenwagen ausgestiegen, kam uns auch schon ein älterer Herr entgegen und rief aufgebracht: „Wird auch Zeit, dass Sie endlich kommen! Ich steh hier schon seit ’ner geschlagenen Viertelstunde in der Einfahrt!“

Guten Tag!“, erwiderte mein Kollege freundlich. „Sind Sie an dem Verkehrsunfall beteiligt?“

Nein!“, rief der Alte. „Ich sagte doch, ich steh hier in meiner Einfahrt.“

Dann müssen Sie weg?“

Nein! Ich …“

Gut!“, sagte mein Kollege. „Aber sicherlich haben Sie sich schon ein bisschen um die Beteiligten gekümmert.“

Warum sollte ich? Denen geht’s doch gut!“, sagte der Alte.

Wie gut es „denen“ ging, war unschwer zu erkennen. Neben dem Trümmerhaufen, der einst ein Opel gewesen war, stand eine junge Frau mit blassem Gesicht und am ganzen Körper zitternd. Auch der Mann in dem VW wirkte ziemlich blass und ein wenig neben sich.

Ist doch bloß Blechschaden!“, rief der Alte.

Vorsorglich bestellte ich über das Handfunkgerät einen Rettungswagen. Dass die junge Dame unter Schock stand, war offensichtlich.

Währenddessen besah sich mein Kollege die verunfallten Fahrzeuge. Der Alte schlich immer um ihn herum. „Das müssen Sie noch alles fotografieren“, sagte er schließlich.

Hmm“, brummte mein Kollege und schob mit dem Fuß ein Blechteil ein Stück zur Seite.

He!“, rief der Alte sofort. „Ich meine, Sie müssen das erst abkreiden, bevor Sie die Lage verändern. Sonst verändern Sie doch das Spurenbild.“

Oh, wie unaufmerksam!“, sagte mein Kollege kopfschüttelnd. Dann zog er das Teil mit Fingerspitzen wieder an den alten Platz. „Sie haben natürlich Recht! Meinen Sie, dass das Blech vorher so gelegen hat?“

Der Alte nickte eifrig.

Gut!“, sagte mein Kollege. „Dann können wir ja weiter machen.“

So!“, wandte er sich dann an die Unfallbeteiligten. „Wer kann mir denn sagen, was hier passiert ist?“

Sie müssen vor der Polizei natürlich keine Angaben machen“, mischte sich der Alte ein. „Das kennen Sie doch aus dem Fernsehen.“

Es war meinem Kollegen anzusehen, dass sein Puls nunmehr ungeahnte Höhen erreichte. Dennoch blieb er nach außen hin ruhig und gelassen. „Also ich hab das hier von der Pike auf gelernt“, sagte er zu dem Alten. „Da sollte man doch meinen, dass ich meinen Job beherrsche.“

Genau!“, antwortete der. „Davon sollte man ausgehen können.“

Tja, aber irgendwie scheinen Sie es besser zu können als ich. Vielleicht sollten Sie diesen Unfall aufnehmen.“ Und damit drückte er dem Alten seine Mappe in die Hand. „Ich setze mich solange in den Streifenwagen und schaue Ihnen zu.“

Nun stand er da, hatte die Mappe in der Hand und konnte es wohl kaum fassen. Immer wieder wanderte sein Blick ungläubig von der Mappe zu meinem Kollegen im Streifenwagen und wieder zurück. Auch die beiden Unfallbeteiligten schauten verwundert, aber immerhin amüsiert auf die Szene.

Also entschloss ich mich, dem Ganzen noch einen drauf zu setzen. „Mach mal hinne!“, rief ich dem Alten zu. „Ich hab‘ gleich Feierabend!“

Das schien ihn wachzurütteln. Er eilte zum Streifenwagen, entschuldigte sich bei meinem Kollegen und sagte: „Ich glaub‘, es ist besser, wenn Sie Ihren Job machen. Ich werd‘ Sie auch in Ruhe lassen und einfach ins Haus gehen.“

Das dürfte wohl das Beste sein“, antwortete mein Kollege lachend, nahm seine Mappe wieder an sich und begann mit der Unfallaufnahme.

 

Ruhestörung

Oktober 31, 2011

Liebe Leser, beim letzten Mal habe ich mich über den „guten Nachbarn“, der mit seinem Ordnungssinn andere in den Wahnsinn treiben kann, ausgelassen. Es existiert aber noch eine zweite Kategorie Nachbarn, die in der Beliebtheitsskala ihrer Mitmenschen in etwa gleichauf mit Kopfschmerzen oder einer Diarrhoe liegen. Es sind Menschen, die ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis an den Tag legen und gegen jede Art von Geräuschbelästigung vorgehen. Solche Leute beziehen beispielsweise ein Haus neben einem Stadion und verklagen spätestens nach dem ersten Heimspiel die Liga auf Abbruch der Saison. Man konnte ja nicht ahnen, dass da auch außerhalb des Stadions was zu hören ist.

So eine Dame hatte ich neulich am Telefon.

Sie müssen hier unbedingt vorbeikommen. Der Lärm nebenan vom Schulhof ist unerträglich. Die spielen da Fußball, was ja gar nicht erlaubt ist. Und außerdem ist es schon nach 20 Uhr.“

Also fuhr ich mit einem Kollegen in die besagte Straße, um mir vor Ort ein Bild von der Situation zu machen. Der Schulhof war wie leergefegt. Weit und breit war niemand zu sehen. Vor allem niemand, der dort Fußball spielte. Damit schien für uns der Auftrag erledigt zu sein, doch bevor wir wieder in den Streifenwagen einsteigen konnten, wurden wir von der Anruferin aufgehalten.

Warum brauchen Sie eigentlich immer so lange?“, rief sie uns aufgebracht anstatt eines Tagesgrußes entgegen.

Guten Abend“, erwiderte ich freundlich. „Sie hatten uns angerufen?“

Natürlich. Das ist ja unerträglich hier. Dieser ganze Lärm. Und das auch nach Schulschluss.“

Nun ja“, sagte ich. „Ich kann Sie zwar verstehen, aber irgendwo müssen die Kinder ja hin. Gibt ja sonst nichts hier im Ort. Und nach der neuen Gesetzeslage, verursachen Kinder ja auch keinen Lärm.“

Hören Sie mal“, erboste sich die Dame. „Sie sehen doch dieses Schild hier!“ Dabei deutete sie in Richtung Eingang des Schulhofes. „Der Schulhof darf ab 20 Uhr nicht mehr betreten werden. Und wie sie unschwer erkennen können, darf hier auch kein Fußball gespielt werden. Und außerdem sind das keine Kinder, das sind Jugendliche.“

Aber nun sind sie doch weg. Jetzt ist es gerade Viertel nach. Da muss man doch nicht so kleinlich sein.“

Doch, muss man!“, erwiderte die Dame. „Wehret den Anfängen, sage ich immer. Aber ich hab ja auch schon meinen Anwalt eingeschaltet. Der wird die Stadt verklagen, dass der Schulhof früher geschlossen wird. Ich mein‘, das wär‘ ja alles kein Problem, wenn die Jungs hier Drogen nehmen würden, wie woanders auch. Dann sind sie wenigstens ruhig.“

Verblüfft schaute ich die Dame an. „Das ist doch jetzt nicht Ihr ernst, oder?“

Ist es! Und nun will ich meine Ruhe haben. Auf Wiedersehen!“ Sprachs und eilte auf ihr Haus zu.

 

Gegen 23 Uhr meldete sich die Dame noch einmal auf der Wache.

Und?“, fragte ich. „Sind schon wieder welche auf dem Schulhof?“

Nein, nein“, antwortete sie. „Diesmal sind es die Nachbarn. Die haben da irgend ’ne Party. Und es ist unerträglich laut.“

Haben Sie denn schon mal mit denen gesprochen?“

Ich? Nein, hab ich nicht! Mit denen kann man auch nicht reden.“

Ach, so ist das. Dann werden wir das wohl übernehmen müssen.“

Aber es wäre nett, wenn Sie meinen Namen nicht erwähnen. Das gibt nur unnötigen Ärger“, sagte die Dame zum Abschied am Telefon.

Zum wiederholten Male fragte ich mich, warum Menschen nicht in der Lage sind, mit ihren Mitbürgern zu reden? Inzwischen scheint es eine der Hauptaufgaben der Polizei geworden zu sein, sozial-kommunikative Defizite unserer Mitmenschen auszugleichen.

Seufzend machte ich mich noch einmal mit meinem Kollegen auf den Weg.

Bei den Nachbarn war tatsächlich Party. Aus dem Haus war Musik zu hören. Nicht übermäßig laut, aber immerhin war es zu hören. Nach mehrmaligem Klingeln wurde uns geöffnet und ein verwunderter Hausherr starrte uns an.

Gibt es ein Problem, Herr Wachtmeister?“

Offensichtlich“, antwortete ich. „Sonst wären wir nicht hier.“

Was ist denn los, Friedbert?“, fragte eine Frau aus dem Hausflur.

Die Polizei ist hier, Helga“, rief er nach hinten. „Sind wir zu laut?“, fragte er mich dann.

Zumindest fühlt man sich in der Nachbarschaft gestört“, sagte ich.

Das kann doch gar nicht sein“, wunderte sich Helga. „Die Nachbarn sind doch alle hier. Die haben wir doch extra eingeladen.“

Warte mal“, unterbrach Friedbert seine Frau. „Die Meiersche von nebenan ist doch vor zwanzig Minuten gegangen, oder nicht?“ Und an mich gewandt fragte er: „Das war die doch, oder?“

Mit einem Lächeln schaute ich an die Decke. Ich sollte den Namen ja nicht erwähnen.

Das hat ein Nachspiel!“, rief Helga.

Das war zu befürchten. Bleibt zu hoffen, dass Friedbert und Helga die Angelegenheit ohne uns regeln können. Angesichts der Nachbarin hatte ich da allerdings meine Zweifel. Die Zukunft wird es zeigen. Für heute blieb nur noch die Frage offen, warum man sich von Menschen einladen lässt, mit denen man angeblich sowieso nicht reden kann?