Posts Tagged ‘Notruf’

Von der Dramaturgie eines Verkehrsunfalls

Februar 5, 2018

Was liest man nicht immer von den Dingen, die auf deutschen Straßen passieren?

Killer-Fahrer!“, „Horror-Unfall!“ oder „Massen-Katastrophe!“ sind nur einige einschlägige Begriffe, die unser führendes Blatt für Volks-Bildung immer wieder auf die erste Seite bringt.

Abgesehen davon, dass mir mein Deutschlehrer damals derartige Wortkonstrukte erbarmungslos um die Ohren gehauen hätte, bevorzuge ich bei solchen Meldungen, die regionale Presse, die weniger reißerisch bei den Fakten bleibt.

Natürlich sind Verkehrsunfälle für die Beteiligten schlimm. Auch wenn niemand verletzt wurde, kann es schon mal empfindlich in die Haushaltskasse schlagen, wenn das geliebte Vehikel nur noch Schrottwert hat.

Einen solchen Fall von schwerem Schicksalsschlag hatte ich letztens am Telefon.

Notruf, Polizei!“

Ich brauch‘ hier ganz schnell einen Streifenwagen!“

Ja, ne! Is‘ klar! Jeder braucht ganz schnell einen Streifenwagen.

Was ist denn passiert? Und wo sind Sie?“

Ich bin in der Arndtstraße. Hier ist ein Verkehrsunfall passiert. Nun schicken Sie doch endlich einen Streifenwagen!“

Ist denn jemand verletzt?“, fragte ich.

Nein, verletzt ist keiner“, antwortete der Anrufer.

Und Sie sind Beteiligter an diesem Unfall?“

Ja, natürlich! Deswegen brauche ich ja einen Streifenwagen.“

Auch dieser Mensch oblag dem weit verbreitetem Irrtum, dass ein reiner Blechschaden unbedingt polizeilich aufgenommen werden müsse.

Wenn Sie sich über den Unfallhergang einig sind, brauchen Sie keine Polizei“, sagte ich.

Der Unfall muss aber aufgenommen werden!“

Nein, muss er nicht.“

Aber meine BMW …“

Jetzt ahnte ich, dass sich hier ein persönliche Tragödie anbahnte. Es war zwar niemand körperlich zu Schaden gekommen, aber Stolz und Ehre waren nicht nur leicht verletzt, sondern schwer angeschlagen.

Dennoch versuchte ich weiterhin, ihm zu erklären, was statt einer polizeilichen Aufnahme zur reinen Schadensabwicklung erforderlich war. Allerdings wurde ich immer wieder von dem Herrn unterbrochen.

Ich hätte natürlich einen Einsatz anlegen und das Gespräch beenden können. Doch wollte ich dem Herrn keine Wartezeit von mindestens anderthalb Stunden – was auf einem Freitagnachmittag in Hannover bei einem sogenannten Schlichtunfall durchaus üblich ist – aufbürden.

Leider hörte mir der Mann nicht zu, wurde immer hektischer und ich wurde etwas lauter: „Mein Gott! Jetzt hören Sie mir doch mal zu!“

Plötzlich herrschte Stille am anderen Ende. Und nach zwei Sekunden fragte der Mann: „Haben Sie mich gerade angeschrien?“

Nein, ich bin nur ein wenig lauter geworden, weil …“

Sie haben mich angeschrien!“, keifte der Mann hysterisch. „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Da braucht man dringend die Polizei und man wird hier beschimpft am Notruf!“

Ich habe Sie nicht beschimpft. Ich bin nur lauter geworden, damit Sie mir endlich …“

Das ist doch die Höhe!“, unterbrach mich der Mann erneut. Dann erging er sich in Tiraden über die unmögliche Polizei in Deutschland, bis es mir zu bunt wurde.

Ich beende das Gespräch jetzt“, sagte ich. „Sie können ja wieder anrufen, wenn Sie sich beruhigt haben.“

Er rief wieder an. Diesmal hatte ein Kollege ihn am Draht. Auch der Kollege versuchte dem Mann zu erklären, dass eine polizeiliche Aufnahme des Unfalls nicht erforderlich sei. Vergeblich.

Er schrieb den Einsatz.

Zwei Stunden später lasen wir schmunzelnd die Abschlussmeldung des Streifenwagens: „Keinen Schaden festgestellt, kein Unfall. Hysterischen Anrufer beruhigt. Wieder einsatzbereit!“

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Der Hunde-Retter

Juli 3, 2017

Eigentlich wissen wir es ja alle: Wenn es draußen sonnig und heiß ist, lässt man seinen Hund nicht im Auto, während man anderweitig beschäftigt. Gleiches gilt übrigens auch für andere Tiere und nicht zuletzt für Menschen. Ausnahme ist vielleicht noch die Schwiegermutter – Drachen mögen Hitze.

Wenn es nicht so warm ist, kann man durchaus mal für kurze Zeit einen Hund im Auto lassen. Nur leider gibt es immer wieder Menschen, die glauben, es besser zu wissen. So einen hatte ich Anfang des Jahres am Telefon.

Notruf, Polizei!“

Ja, hallo. Ich hab hier ein Auto gefunden, in dem ein Hund eingeschlossen ist. Dem scheint es nicht gut zu gehen.

Ich überlegte kurz, schaute aus dem Fenster und dachte: An der Wärme kann es nicht liegen. Es ist bewölkt, und es sind gerade mal 10 Grad draußen.

Wie kommen Sie darauf, dass es dem Hund nicht gut geht?“, wollte ich wissen.

Na, der sitzt da und bellt die ganze Zeit, seit ich hier stehe.“

Aber wenn er bellt, dann scheint er doch ganz munter zu sein“, entgegnete ich.

Am besten kommen Sie mal hierher. Dann zeige ich Ihnen das“, sagte der Mann.

Nein, ich komme nicht zu Ihnen.“

Wie? Sie kommen nicht? Wollen Sie dem Tier nicht helfen? Sie sind doch als Polizist verpflichtet, sich um solche Dinge zu kümmern.“

Na, prima, dachte ich, wieder einer, der mir erklären will, wie ich meinen Job zu machen habe.

Freundlich sagte ich ihm: „Natürlich will ich dem Tier gerne helfen, aber ich sitze hier in der Notrufzentrale und kann nicht zu Ihnen rauskommen.“

Ach so! Dann schicken Sie mir also einen Kollegen?“

Nein, auch das werde ich nicht tun“, sagte ich.

Also, das ist doch …“, brauste er am Telefon auf.

Jetzt hören Sie mir bitte mal zu!“, unterbrach ich ihn. „Es ist bewölkt draußen. Wir haben gerade mal 10 Grad. Da kann es dem Hund eigentlich nicht schlecht gehen. Das Auto wird sich nicht überhitzen.“

Aber der Hund bellt doch. Der ist die ganze Zeit mit der Schnauze an dem kleinen Spalt der Seitenscheibe, den der Fahrer offen gelassen hat.“

Und sie stehen da auch an der Seite?“, fragte ich.

Ja, natürlich. Sonst wäre mir das ja gar nicht aufgefallen.“

Dann ist es kein Wunder, dass der Hund bellt“, sagte ich. „Haben Sie selbst einen Hund? Oder schon mal einen gehabt?“

Nein“, antwortete der Mann. „Da ist man ja zu sehr gebunden.“

Okay. Der Mann hatte also keine Ahnung von Hunden beziehungsweise deren Verhalten.

Aber dennoch weiß ich, dass das hier Tierquälerei ist! Und das ist strafbar! Sie müssen was tun!“, setzte er fort.

So gesehen hatte er Recht. Bei einem Fall von Tierquälerei sind Polizeibeamte verpflichtet, etwas zu tun. Nur wer war der „Tierquäler“?

Passen Sie auf, guter Mann“, begann ich, „Sie werden sich jetzt von dem Auto entfernen.“

Auf keinen Fall!“, schimpfte er. „Ich bleibe hier so lange stehen, bis Ihre Kollegen endlich hier sind.“

Hören Sie! Um die Situation richtig einschätzen zu können, möchte ich Sie bitten, sich nur ein klein wenig von dem Auto zu entfernen. Dann sehen wir weiter.“

Na gut! Wie weit soll ich denn weg?“

Etwa 10 bis 15 Meter“, antwortete ich ihm.

Kurz darauf sagte er: „Also ich bin jetzt ein paar Meter weg. Aber der Hund hat aufgehört zu bellen.“

Ich weiß“, sagte ich grinsend.

Hä?“

Na, ja. Sie sind weitergegangen, nun muss der Hund sein Eigentum nicht mehr verteidigen. So gesehen, haben wir jetzt gemeinsam Ihre Tierquälerei beendet.“

Wählen Sie die 110

April 3, 2017

Es ist immer wieder spannend, wen man bei der Entgegennahme eines Notrufs an die Strippe bekommt. Mal erfordert es absolutes Fingerspitzengefühl und Sensibilität, um der schluchzenden Anruferin wenigstens einen kleinen Sachverhalt zu entlocken, mit dem die Kollegen draußen arbeiten können, und mal muss man einen Geschichtenerzähler auch schroff abwürgen, damit das Gespräch wegen einer Bagatelle nicht zu lange dauert.

Es gibt den Drama-King, dessen Lebenstraum auf vier Rädern in einem Akt sinnloser und brutaler Gewalt komplett zerstört wurde, bei dem die Kollegen vor Ort einen Verkehrsunfall mit leichten Lackschäden aufnehmen. Und den Bauern, der sich den halben Arm im Kartoffelroder abgerissen hat und für 18 Uhr einen Rettungswagen bestellt, weil er vorher noch die Ernte einfahren muss.

Dann gibt es noch die, die so ein bisschen einen an der Schüssel haben, aber absolut harmlos sind. Wie jener Herr aus Springe, der sich einmal täglich mit „Guten Tag! Ich hab mich verwählt!“ bei uns meldet. Wünscht man ihm ebenfalls einen guten Tag, ist er glücklich und zieht friedlich seiner Wege. Oder die Dame aus Hannover, deren imaginärer Nachbar in der Nebenwohnung eine Maschine betreibt, wodurch ihr Bett anfängt zu vibrieren. Sie möchte nicht, dass die Polizei kommt. Sie möchte die Geschichte nur jemandem ganz im Vertrauen erzählen und fragt am Ende immer, ob sie noch mal anrufen darf, wenn es wieder los geht. Bejaht man dies, kann sie zufrieden schlafen und ruft nicht mehr an.

Vor einiger Zeit rief uns auf einem Samstag eine Dame an und erzählte unglaubliche Geschichten, bei denen man sofort merkte: Das stimmt nicht! Das ist keinen Einsatz der Kollegen wert. Doch die Dame blieb hartnäckig und wählte immer wieder die 110. Auch das mehrmalige Vorsprechen der Kollegen vor Ort, sie möge das doch bitte unterlassen, half nicht. Immer wieder blockierte sie die Notrufleitung mit ihren Phantasien.

Nach dem zweihundertsechsundsiebzigsten (in Zahlen: 276.) Notruf, wurde es den Kollegen zu bunt. Sie fuhren hin und nahmen ihr die sechs Telefone, die sie benutzte, ab. Das veranlasste die Dame, über ihre Nachbarin den 277. Notruf zu starten, man möge ihr doch ihre Telefone wiedergeben. Die brauche sie schließlich.

Unsere Pressestelle brachte diesen Vorfall in die Zeitung. Das wiederum löste auf Facebook einen Shitstorm selbsternannter Stuhlkreis-Altruisten aus: Wie kann die Polizei nur so reagieren? Die arme Frau! Die braucht doch ihre Telefone! Was, wenn sie wirklich mal in Not ist? Es gipfelte schließlich in der völlig realitätsfernen Behauptung, niemand, der nicht in Not sei, würde die 110 anrufen.

Doch! Wie eingangs schon geschildert, gibt es alle möglichen Anrufer bei uns, so dass in unseren Köpfen schon eine Art Notruf-Bingo schwirrt, weil so mancher Ausspruch mehrmals täglich zu hören ist.

Notruf, Polizei!“

Also, das ist jetzt kein Notruf, aber …“

Wenn es kein Notruf ist, warum wählt er dann die 110?

Notruf, Polizei!“

Guten Tag, können Sie mich mal mit Herrn … verbinden?“

Nein kann ich nicht. Ich bin nicht die Vermittlung.“

Oder: „Notruf, Polizei!“

Guten Tag, ich brauche mal die Telefonnummer Ihrer Kollegen in Berlin!“

Die Auskunft erreichen Sie unter 11880 oder 11833!“

Man könnte auch im Internet schauen, aber die 110 ist halt schneller gewählt.

Ebenfalls mehrmals täglich höre ich: „Guten Tag! Ich hab da mal ’ne Frage …“ Der Hinweis, für Erklärungen die örtliche Polizeidienststelle anzurufen, endet dann meist mit der Bitte: „Können Sie mich da nicht eben mal verbinden?“

Wie man sehen kann, entsteht aus einem Notruf nicht immer ein Einsatz, weil kein tatsächlicher Notfall vorliegt.

Auch das Fahrrad, das im Laufe des Tages am Bahnhof gestohlen wurde, erfordert nicht das sofortige Erscheinen der Polizei vor Ort. Da kann man selbst zum Revier stiefeln und Anzeige erstatten.

Anders verhält es sich vielleicht, wenn der Anrufer eigentlich nur mal die Kollegen durchbeleidigen möchte und dabei eines vergisst: Wir machen auch Hausbesuche!

Wenn der Notruf zweimal klingelt

März 29, 2015

Wie in allen zivilisierten Ländern können wir uns auch hierzulande glücklich schätzen, dass wir im Notfall nicht allein gelassen werden. Hat man sich den Finger abgesägt, wählt man schnell die 112. Damit ist der Finger zwar nicht wieder an der Hand, aber zumindest kommt jemand schnell vorbei, um das Ausmaß des Unglücks in Grenzen zu halten.

Egal ob 110 oder 112: Hier wird Ihnen im Notfall immer geholfen.

Wobei allerdings der Begriff „Notfall“ definierungswürdig ist. Die 110 zu wählen, um zu erfahren, welche Apotheke Notdienst hat, gehört nach meinem Verständnis nicht dazu. Zwar haben Notdienst und Notruf den gleichen Wortbeginn, aber das hat Notdurft auch. Und auch diese gehört nicht zu den eigentlichen Notfällen, obwohl auch sie schon des öfteren in der Leitung thematisiert wurde.

Für derlei Fragen reicht es in der Regel aus, bei der örtlichen Polizeidienststelle über die normale Amtsleitung anzurufen. Und da heute nahezu jedermann über eine Telefonflatrate verfügt, kostet es einen genauso wenig wie der Notruf.

Ein echter Notfall – zumindest für die Anruferin – ereignete sich vor einigen Jahren in Uelzen, zu einer Zeit, als die Mittagsruhe noch das heilige Recht des aufrechten Rentners war:

Polizei, Notruf!“

Ja, guten Tag. Sowienoch mein Name. Sie müssen hier unbedingt mal vorbeikommen und meinem Nachbarn Einhalt gebieten.“

Was macht denn Ihr Nachbar, was Sie so stört?“, fragte ich zurück.

Na, hören Sie mal. Es ist Mittagszeit und der Mann arbeitet in seinem Garten.“

Das war natürlich eine Frechheit: In der Mittagszeit macht man gefälligst Pause, Herr Nachbar. So was geht nun wirklich nicht.

Haben Sie denn schon mit Ihrem Nachbarn gesprochen?“, fragte ich.

Natürlich. Aber der hat bloß gesagt, dass ich mich um meine Angelegenheiten kümmern soll. Können Sie sich das vorstellen?“

Oh, ja! Das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

Aber nun sagen Sie mir doch bitte, was Sie daran stört.“

Hören Sie!“, fuhr die Dame mich am Telefon an. „Es ist Mittagszeit. Da habe ich ja wohl einen Anspruch darauf, in Ruhe auf meiner Terrasse zu sitzen, oder?“

Natürlich haben Sie das“, antwortete ich.

Sehen Sie“, entgegnete die Dame schnippisch. „Und das kann ich nicht, wenn mein Nachbar seinen Garten umgräbt.“

Da kamen wir der Sache schon ein bisschen näher. Der Nachbar bringt seinen Garten auf Vordermann und hat wahrscheinlich schweres Gerät aufgefahren.

Ihr Nachbar gräbt also mit einem Bagger den Garten um“, versuchte ich die Beschwerde auf den Punkt zu bringen.

Mit dem Bagger?“, fragte die Dame. „Guter Mann, jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich. Ich wohne in einer Reihenhaus-Siedlung. Für diese kleinen Grundstücke braucht man keinen Bagger.“

Äh …“ Jetzt war ich ratlos.

Nein, mein Nachbar gräbt ganz normal mit dem Spaten seine Beete um.“

Aber das ist doch keine Ruhestörung.“

Natürlich ist das eine Ruhestörung. Bei dem steinigen Boden hier stößt das Spatenblatt immer wieder auf etwas festes. Und das macht dann immer ‚Ping‘, ‚Ping‘. Bei diesem Geräusch kriege ich kein Auge zu.“

Was sollte ich dazu noch sagen? Um die Leitung wieder frei zu bekommen, versprach ich der Dame, so bald wie möglich einen Streifenwagen vorbeizuschicken. Dass dies aufgrund anderer dringenderer Einsätze erst nach der Mittagsruhe passierte, steht auf einem anderen Blatt und ist sicherlich irgendwann noch einmal Thema für eine neue Geschichte.

Aber so kann es gehen: Nicht jeder Notruf beinhaltet auch einen echten Notfall. Dennoch sind wir stets bemüht, jeden Fall ernst zu nehmen.

Wenn Sie also, liebe Leserin, lieber Leser, das nächste Mal bei der 110 in der Warteschleife liegen, dann ärgern Sie sich bitte nicht. Es liegt nicht an dem faulen, ständig Kaffee trinkenden Beamten am anderen Ende der Leitung. Es gibt jede Menge Menschen in Not. Sei es, dass die SIM-Karte nicht in das Handy passt, oder das Taxi schon eine halbe Stunde auf sich warten lässt. Im realen Leben spielen sich Dramen ab, die man sich als normaler Mensch gar nicht vorstellen kann.