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An der Gender-Ampel

Juni 9, 2015

Bislang habe ich in diesem Rahmen immer wieder über den Autofahrer geschrieben. Dass etwa neunzig Prozent von denen einen an der Waffel haben, könnte man durchaus denken. Vor ein paar Tagen jedoch, musste ich feststellen, dass auch Fußgänger hochgradig einen an der Marmelade haben können.

Da bin ich zu Fuß – und in zivil außerhalb des Dienstes – unterwegs. Und plötzlich stehe ich vor einer Fußgängerampel an der Straßenbahnlinie.

Diese Ampel zeichnet sich aus, denn sie hat zwei rote Lichter. Links erscheint das normale Ampelmännchen, das jeder (West-)Deutsche kennt. Auf der rechten Seite leuchtet das stilisierte Bild einer Frau mit Rock. (Ich hätte jetzt auch Ampelweibchen schreiben können, aber das hätte nur wieder Ärger mir der örtlichen Emanzen- … äh … Frauengruppe gegeben.)

Ich habe mich auch nicht informiert, ob diese Ampel dem derzeit üblichen Gender-Wahnsinn geschuldet ist, oder ob unsere örtlichen Verkehrsbetriebe einfach vorausschauend mit der Unfähigkeit und Ignoranz des gemeinen Fußgängers gerechnet haben. Frei nach dem Motto: Rot gilt für alle!

Wie dem auch sei, ich kam fußläufig (wie es im Beamtendeutsch so schön bescheuert heißt) an diese Ampel und konnte beobachten, wie eine Mutter mit ihrer Freundin gerade die Schienen überquerte. Ihr Sohn war ein bisschen langsamer, und bevor er die Schienen erreichte sprang die Ampel an und zeigte für beide Geschlechter rot!

Wundersamerweise radelte Sohnemann nicht einfach hinterher, sondern blieb stehen und rief: „Mama, warte! Ich hab es nicht geschafft!“

Mama hielt sofort an, drehte sich zu ihrem Sohn und rief: „Kein Problem! Ich warte! Hast du gut gemacht!“

Das fand ich bemerkenswert: Ein Kind, das sich an Verkehrsregeln hält – und das auch noch im Beisein der Mutter. Neben mir stand allerdings ein älterer Herr, den diese Szene wohl wenig interessiert hatte. Kaum hatte die Straßenbahn unseren Überweg passiert, trat er auf die Gleise.

Ich rief: „ Hey, können Sie nicht wenigstens warten, bis die Ampel sich ausschaltet? Seien Sie dem Jungen da drüben mal ein Vorbild!“

Ich geh doch gar nicht rüber“, sprach der Mann auf den Schienen. „Ich wollte doch nur gucken, ob mein Bus kommt.“ Die Busspur war nur ein paar Meter entfernt und auch von meinem Standpunkt aus gut einsehbar. „Da müssen Sie mich doch nicht gleich so anmaulen.“

Ich finde das gut“, mischte sich die Mutter ein, „ dass auch jemand anderes mal was sagt. Sonst bin ich immer nur am Maulen.“

Genau!“, rief eine zweite Frau aus dem Hintergrund. „Wenn wir als Frauen schon warten müssen, dann haben die Kerle auch anzuhalten. Wir leben schließlich in Gleichberechtigung.“

Ich maule Sie nicht an“, sagte ich zu dem Mann, „ich möchte nur, dass sie nicht vor den Augen des Jungen da drüben vor die Straßenbahn laufen.“

Der arme Junge“, flüsterte eine Dame neben mir.

So jung“, fiel die nächste mit ein, „und schon ohne Vater!“

Das’s’n Tragödje“, mischte sich ein Typ mit Baccardi-Pulle in der Hand ein.

Mein Gott!“, stieß ich hervor. „Es geht hier nicht um Gleichberechtigung oder den vielleicht nicht vorhandenen Vater des Jungen. Es geht darum, dass mal jemand ein Vorbild für unsere Kinder ist. Ist das denn so schwer zu begreifen?“

’s dis Ihr Junge?“, fragte der Baccardi-Typ.

Nein!“

Na also“, sagte der Mann, den ich anfangs angesprochen hatte. „Dann müssen Sie hier auch jetzt nicht den Oberwächter rauskehren. Und überhaupt: Wer sind Sie eigentlich?“

Es war offensichtlich. Als normaler Bürger kann man in solchen Situationen wohl wenig ausrichten. Also zog ich meinen Dienstausweis hervor und zeigte ihn rum.

Oh!“ entfuhr es dem Mann. „Na, dann …“

Das ist ja wieder typisch“, mischte sich die Frau von eben wieder ein. „Auf dem kleinen Manne rumhacken! Aber das Schicksal des Jungen ist Ihnen egal.“

Nein, war es mir nicht. Deswegen hatte ich den Mann ja angesprochen.

Und Gleichberechtigung scheint Ihnen wohl auch egal zu sein“, fuhr sie fort.

Gute Frau“, sagte ich, „von mir aus dürfen Sie mit diesem Herrn hier gleichzeitig auf die Schienen treten und auch gleichberechtigt vor die nächste Straßenbahn laufen. Ich nehme den Unfall dann auch gerne auf und hole jemanden, der die Sauerei wieder wegwischt. Nur eine Bitte habe ich: Tun Sie es nicht vor den Augen von Kindern.“

Jetzt warte ich wieder auf die nächste Beschwerde.

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