Posts Tagged ‘Einkaufen’

In der Innenstadt

März 2, 2015

Ich muss es mir leider eingestehen: Ich werde nicht jünger. Mit dem Alter kommen auch die einen oder anderen Einschränkungen. Man wacht morgens mit Schmerzen auf (und weiß, dass man wenigstens noch lebt), man kann plötzlich nicht mehr so gut gucken und so weiter. Tja, und das mit dem Gucken war letztens der Grund, mal wieder in die Stadt zu marschieren – zum Optiker für einen Sehtest.

Vor dem Geschäft beschlich mich dann ein komisches Gefühl. Nicht weil mir jetzt erklärt werden würde, dass ich ein Brille brauche, sondern wegen dieses komischen Werbespruchs, mit dem das gesamte Schaufenster verklebt war: „Die hier verscherbel ich an alle, die damals über diese blöde Kuh gelacht haben, als sie zum ersten Mal mit Brille in die 7 b kam!“

Das erinnerte mich irgendwie an die Werbung von diesem Online-Brillenhändler. Ob das was zu bedeuten hatte? Im Laden war es düster. Ein Teil der Regale war mit Laken abgedeckt. Nur aus dem Büroraum drang durch einen Türspalt Licht – zusammen mit einem krächzenden Kichern.

Hallo?“, fragte ich in Richtung Büro. „Ist hier jemand?“

Natürlich!“, krächzte es aus dem Büro zurück und ein älterer Herr in dunklem Mantel und breitkrempigen schwarzem Hut auf dem Kopf betrat den Verkaufsraum. „Was kann ich für sie tun?“, fragte er händereibend.

Äh …, ich wollte einen Sehtest machen“, antwortete ich.

Der Mann brach in schallendes Gelächter aus. „Hier?“ Er schüttelte den Kopf. „Da sind sie zu spät dran. Der Optiker hat in’n Sack gehauen. Ist jetzt Lagerist bei ’nem Online-Brillenhändler.“

Und Sie?“, fragte ich.

Ich? Ich bin hier nur der Insolvenzverwalter – für den gesamten Block!“ Und wieder brachte er das krächzende Lachen hervor.

Für den gesamten Block? Auch für den Buchhändler nebenan?“

Der hat letzte Woche mit einer Prime-Vorstellung aufgehört. Hat alle seine Stammkunden eingeladen.“

Da war bestimmt einiges los, oder?“

Na, ja. Zwei ältere Ehepaare und die Nachtwache aus’m Altersheim. Aber die Show war spitze.“

Schade, dass ich das nicht gesehen habe“, antwortete ich.

Jo! Die Prime-Show! Wollte jedem zeigen, wie sich Bücher aus echtem Papier auswirken können. Hat alle Bücher aus seinem Laden ausgeräumt und zu einem zwanzig Meter hohen Turm aufgebaut.“

Und dann?“

Komplizierter Hüft-Splitterbruch. Hätte wohl nicht springen sollen, der Mann.“ Und wieder lachte er krächzend.

Und der Fernseh-Laden um die Ecke?“

Pleite! Obwohl er anfangs noch ganz pfiffig war mit seiner Werbung. Hatte ’nen tollen Slogan: Who the fuck is Tech-Nick?“

Klingt wirklich toll.“

Hat aber auch nichts gebracht. Die Leute haben sich nur noch von ihm beraten lassen und woanders gekauft. Das hat ihn um den Verstand gebracht.“

Wie das?“, fragte ich.

Das fing vor zwei Wochen an“, antwortete der Insolvenzverwalter. „Hat nur noch vor sich hin gebruddelt: ‚Ich bin doch nicht blöd! Ich bin doch blöd!‘ Und so weiter.“

Furchtbar, so zu enden, dachte ich. „Aber dann sterben ja die Innenstädte aus!“, rief ich laut.

Ach, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir haben ein schönes Sanierungskonzept. Schauen Sie mal auf die andere Straßenseite. Da drüben verwaltet ein Kollege von mir. Sehr integrer Mann. Das wird alles weggerissen. Dort wird ein Sanatorium für Frischluft-Verweigerer und Internet-Junkies gebaut.“

Und hier?“, fragte ich.

Hier? Hier kommt ein Logistikzentrum für einen großen Online-Händler hin. Da kann der die Leute auf der anderen Straßenseite noch schneller beliefern.“

Na, das sind ja Aussichten“, sagte ich und wandte mich zum Gehen.

Haben Sie nicht auch noch ein Geschäft?“, fragte der Mann.

Nein, ich bin nur Beamter.“

Och“, sagte er. „Ich mache auch Privat-Insolvenzen. Sie können mich übrigens online buchen. Auf Insolvenz24.de. Findet den schönsten und billigsten Insolvenzverwalter.“

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Neue Hosen

Februar 3, 2014

Es war bereits im November, als mein Hase zu mir sagte: »Du siehst unmöglich aus!« Was mich zunächst ein wenig pikiert schauen ließ, relativierte sie sogleich: »Du brauchst dringend ’ne neue Hose!«

Uff, dachte ich. Wenn’s nur die Hose ist – das kann man ändern. Gedacht, getan, am nächsten Tag spazierten wir hinüber ins City-Center, um einige der dortigen Plünnen-Hökerer heimzusuchen.

Da der Geschmack des Mannes sich nachweislich nur zwischen »Yepp!«, »Geht!« oder »Kann man machen!« bewegt, was eigentlich auch nicht mehr bedeutet als »Mach doch!«, begann meine Liebe, Jeans für mich aus den Ständern zu suchen.

»Was hast du denn für eine Größe?«, fragte sie schließlich.

Ich musste überlegen. Bei den englischen Größen war ich mir immer unsicher. Die Uniformhosen bestellte ich aber seit Jahren immer in der selben Größe, die war ja im Web-Shop automatisch vorgegeben. Ich wusste zwar nicht mehr, wann ich das letzte Mal bestellt hatte, aber plötzlich fiel mir ein, dass ich mal Hosen in 34/32 gekauft hatte. Also nannte ich ihr meine Größe.

Schnell hatte sie ein paar Jeans zusammengesucht und wir begaben uns in Richtung Umkleidekabinen.

Schon die erste Hose passte nicht. Egal wie ich zog und zerrte, höher als bis zu den Oberschenkeln wollte sie irgendwie nicht. Ärgerlich schleuderte ich die Hose meiner Frau entgegen. »Eyh, ich sagte 34/32! Nicht 32/32!«

»Hallooooo? Das ist 34/32!«, schrie sie zurück.

Unmöglich!, dachte ich. Bei den anderen Hosen war das Ergebnis jedoch das gleiche und ich musste die Erkenntnis schlucken: 34/32 war nicht mehr meine Größe!

Hatte der lagerfeldsche Magerwahn inzwischen auch Clamotten-August erreicht? Gab es wirklich keinen Laden mehr, in dem die Größe von damals auch heute noch galt? Stimmte es wirklich, dass die allgemeinen Größentabellen an die zierlichen asiatischen Näherinnen immer mehr angeglichen wurden?

Oder war dies das Ergebnis einer internationalen Verschwörung multinationaler Konzerne? Eigentlich lag es doch auf der Hand: Seit Jahren strömen immer mehr Nahrungsmittelimitate mit der hoffnungsverheißenden »LINE«-Überschrift auf den Markt: Fettreduziert! Mit wenig Kohlenhydraten! Und garantiert geschmacklos! Damit man diese zudem appetitfördernden Produkte auch verkaufen kann, müssen sich die Konzerne natürlich etwas einfallen lassen. Also werden die Näherinnen angewiesen, immer wieder ein paar Millimeter Stoff abzuzwacken, bis man dann im Laufe der Jahre feststellt: Ich muss etwas tun! Was perfiderweise zu einem erhöhten Absatz von Diätprodukten wie zum Beispiel SlimFast führt.

Wie dem auch sei, ich war das Opfer einer riesengroßen Verschwörung. Mit dem Ergebnis, dass meine Bundweite auf 36 angewachsen war. Mit Verlaub – eine Riesensauerei der multinationalen Konzerne.

Aber immerhin hatte ich ein paar neue passende Hosen gekauft. Man soll ja die Erfolge auch im Kleinen suchen!

Ein paar Tage später hatte ich eine glorreiche Idee. Dass ich anschließend etwas irritiert aus dem Bad kam, nahm meine Süße zum Anlass zu fragen: »Was ist denn mit dir?«

»Wusstest du«, hob ich zur Gegenfrage an, »dass unsere Waage auch drei Stellen vor dem Komma anzeigen kann?«

»Yepp!«, sagte sie. »Ich hab’s geahnt. Du bist fett geworden!«

Oha! Hatte sie wirklich Recht? Beim nächsten Termin vor dem Spiegel musste ich ihr zustimmen. Der Bauch war gewachsen. Und wie! Respekt!

Ich musste etwas tun, keine Frage! Aber was? Auf eine Diät mit Vitaminpille zum Frühstück, einem Salatgurken-Carpaccio zum Mittag und dem Gedanken an ein Mineralwasser abends hatte ich keine Lust.

»Lass uns doch Sport machen«, schlug meine Süße vor.

Und so landeten wir im Fitness-Studio zwischen Hantelbank, Cross-Trainer und Bauchmuskel-Maschine. Und wie sang schon damals die EAV? »Wenn man die Hantel drückt und die Gewichte stemmt, braucht man bald ein neues Hemd.« Tja, da muss ich demnächst wohl wieder zu Clamotten-August.

Aber immerhin hab’ ich unserer Waage die drei Stellen vor dem Komma abgewöhnt.