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Bahnfahren 1. Klasse

März 9, 2017

Neulich bin ich mal wieder mit der S-Bahn unterwegs gewesen. Ein schönes Verkehrsmittel, das einen im Großraum Hannover schnell von A nach B bringt und dabei trotzdem an fast jeder Milchkanne hält.

So wie früher halt – nur eben moderner und mit Strom, Öko-Strom, um genauer zu sein. Wobei ich mich immer frage, woher der ganze Ökostrom kommt, der so angeboten und verbraucht wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Die S-Bahn zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass es nur Großraum-Abteile gibt, in denen man mit vielen Menschen zusammen sitzt – ob man will oder nicht. Wer schon mal an einem heißen Sommertag zur Feierabendzeit in so einem Abteil gesessen hat, weiß, was ich meine.

Es gibt allerdings eine Ausnahme: Ganz vorn im Zug sind sechs Sitzplätze mittels einer Glastür abgetrennt. Auf dieser Glastür prangt ganz groß eine 1, um klar zu machen, dass es sich hierbei um die 1. Klasse im Zug handelt.

Meistens sind diese Plätze nicht besetzt. Wie denn auch? Wer die S-Bahn nutzt, fährt mit einem Ticket des Großraumverkehrs Hannover. Das ist nur für die 2. Klasse.

Neugierig, wie ich nun mal bin, habe ich versucht, auf bahn.de ein Ticket erster Klasse für die S-Bahn zu buchen. Was soll ich sagen? Es geht nicht. Nach Auswahl von Start und Ziel und des Zuges kann ich zwar noch das Feld „1. Klasse“ anwählen, aber dann ist Schluss. Danach streikt die Web-Seite der Bahn. Bezahlen und Ausdrucken des Tickets ist nicht möglich.

Warum also gibt es in der S-Bahn eine 1. Klasse, wenn ich kein Ticket dafür bekomme? Wahrscheinlich eines der großen Rätsel der Menschheit, größer noch als das deutsche Steuerrecht.

Tatsächlich waren bei der nächsten Fahrt zwei dieser sechs Plätze besetzt. Und wie es der Zufall wollte, war auch ein Fahrkartenkontrolleur anwesend.

Nachdem er sich die Fahrkarten der beiden angeschaut hatte, blaffte er: „Das ist hier 1. Klasse. Da haben sie keinen Fahrschein für. Setzen Sie sich da drüben hin oder Sie müssen den erhöhten Fahrpreis zahlen!“

Missmutig trollten sich die beiden Fahrgäste.

Ich aber nutzte die Gelegenheit, um den Kontrolleur anzusprechen: „Sagen Sie, warum ist das hier die 1. Klasse?“

Weil es an der Tür steht!“, kam die knappe, nicht sehr hilfreiche Antwort.

Und was ist an diesen sechs Plätzen 1. Klasse?“, bohrte ich weiter.

Er schaute mich verwundert an. „Ich verstehe die Frage nicht“, sagte er dann.

Na, schauen Sie sich doch mal die Sitze an!“, erwiderte ich.

Was soll mit den Sitzen sein?“

Das sind die gleichen Sitze wie in der 2. Klasse, nur halt ein bisschen sauberer, weil dort keiner sitzt. Kein bisschen bequemer, kein bisschen mehr Komfort.“

Ich konnte genau sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

Und wo ist der Service?“, fragte ich weiter. „In der 1. Klasse sollte es doch einen Service geben, wie beispielsweise in einem ICE, wo Ihre Kollegen einem den Kaffee an den Platz bringen.“

Das sind keine Kollegen, das ist ein Caterer!“, korrigierte er mich. „Hier in der S-Bahn gibt es keinen Kaffee.“

Sehen Sie? Also kein Service.“

Aber wir haben eine Zeitschriften-Box in der ersten Klasse, konterte er.

Stimmt. Hinter einem der Sitze war eine solche Box angebracht. Nur war sie leer.

Und die Zeitschriften?“

Wie? Und die Zeitschriften.“

Na, wo sind die? Da ist doch nichts drin.“

Was weiß denn ich?“, erwiderte der Mann angesäuert. „Ich kontrollier‘ hier nur die Fahrkarten.“

Apropos, Fahrkarten“, da hatte er mir ein gutes Stichwort geliefert. „Wo kriege ich denn ein 1.-Klasse-Ticket für die S-Bahn?“

Zum Beispiel im Internet.“, antwortete er.

Als ich ihm dann erklärte, dass das nicht funktioniert, wurde er pampig: „Sie glauben ja auch, dass das hier keine richtige 1. Klasse ist. Was wollen Sie dann mit so einem Ticket?“

Wollte ich gar nicht. Eigentlich wollte ich nur wissen, warum in einem Zug, der oftmals überfüllt ist, Plätze existieren, für die man kein Ticket kaufen kann. Doch das wird wohl weiterhin ein Rätsel bleiben.

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Unterwegs mit der Bahn

März 23, 2010

Reisen, auch Dienstreisen sind immer wieder ein Erlebnis. Nicht nur am Zielort erlangt man viele neue Eindrücke, schon die Fahrt dorthin kann wundersame Erlebnisse mit sich bringen. Gestern war ich dienstlich auf dem Weg nach Bielefeld. Nun ist es dem Beamten Pflicht – offensichtlich anders als beispielsweise Politikern – bei einer dienstlichen Reise möglichst wenig Aufwand zu betreiben und somit die Kosten klein zu halten.

Von meinem Heimatort nach Bielefeld führt der einfachste Weg über das Schienennetz der Deutschen Bahn. Sechsundzwanzig Minuten mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof Hannover und von dort nach fünfzehn Minuten Aufenthalt weitere fünfzig Minuten mit dem ICE nach Bielefeld. Da spare ich nicht nur Zeit sondern auch Nerven, sofern ich in der Lage bin, mich mental auf „Verzögerungen im Betriebsablauf“ einzustellen.

Zudem kostet es weder mich noch der Landeskasse einen Cent, da ich in Uniform reisend zur Hebung der Sicherheit im Reiseverkehr der Deutschen Bahn beitrage.

Es ist schon eigenartig, wenn man in Uniform auf einem Bahnsteig steht und auf den Zug wartet. Zwei ältere Damen, die eben noch in einem intensiven Austausch über ihre Zipperlein vertieft waren, unterbrachen das Gespräch als sie mich sahen, um mir freundlich „Guten Tag!“ zu sagen. Drei Jugendliche, die sich eben anschickten, sich über die beiden Damen lustig zu machen, verfielen reflexartig in das wohl instinktgesteuerte Verhaltensmuster, möglichst viel Abstand zwischen sich und dem Bullen zu bringen. Für mich nur allzu verständlich, zumal einer der drei noch am Wochenende in einem Anflug alkoholverstärkten Größenwahns der Meinung war, mir und meinen Kollegen einen vorräubern zu müssen.

Und dann war da noch ER, ein Typ Marke „alt gewordener 68iger!“ Der Kopf von grau melierten Locken umhüllt, dazu ein Vollbart, dessen gepflegter Schnitt nicht ganz in das Bild passen wollte. Seine Kleidung war eine angemessene Mischung aus ökologisch wertvoll und halbwegs situiert in hellbraunen und grünen Tönen gehalten. Auf der Nase vermittelte eine dezente Brille einen Anflug von Intellektualität.

Mit dieser Gestalt verband sich in mir die Vorstellung eines Studiums der Germanistik und Kunst mit dem Willen, eine so hochqualifizierte Ausbildung maximal in einem Halbtagsjob zu vergeuden, also auf Lehramt.

Während ich diesen Menschen aus den Augenwinkeln betrachtete, vernahm ich aus seinem Mund ein Reihe von Lauten, die sich wohl zu einer Melodie formen sollten: „Dum, dumdidumdum, dum, dum, didumdidum, dum di …“ Musik hatte der Mann auf keinen Fall studiert. Da war ich mir sicher. Dazu bewegten sich seine Füße in kleinen Schritten, aus denen ich eine Art Langsamer Walzer/Quickstep mit eingespieltem Chachacha erkennen konnte. Offensichtlich war der Mann am Vorabend noch zur Tanzschule gewesen und versuchte nun das Gelernte einigermaßen umzusetzen. Der Mensch kommt halt auf die eigenwilligsten Ideen, um sich eine ungewollte Wartezeit zu verkürzen.

Irgendwann kam die S-Bahn nach den obligatorischen 10 Minuten Verzögerung im Betriebsablauf an und der vermeintliche Lehrer unterbrach seine Darbietung, um in den Zug zu steigen. Der Zufall wollte es, dass er mir gegenüber auf der anderen Seite des Mittelganges Platz nahm.

Während ich meine Reiselektüre aus der Tasche kramte, zog er die Schuhe aus und legte die Füße auf den Sitz vor sich. Nun habe ich mal gelernt, dass das Hochlegen der Füße kein Ausdruck der Flegelhaftigkeit sondern mehr als Maßnahme zur Gesunderhaltung zu werten ist. Immerhin hatte meine scheinintellektuelle Reisebegleitung den Anstand besessen, seine verkeimten Botten auf dem Boden zu lassen.

Als mir jedoch nach wenigen Minuten das Odeur eines in die Jahre gekommenen Romadur in die Nasenflügel kroch, sah mich genötigt, den Herrn anzusprechen: „Entschuldigen Sie!“, sagte ich. „Fänden Sie es toll, sich in einen derart vermockerten Sitz setzen zu müssen?“

Der Mann zog indigniert eine Augenbraue nach oben: „Wie meinen?“, näselte er zurück.

Hmmm, dachte ich. Entweder hat er ein äußerst dickes Fell oder er ist intellektuell auf derart anderer Ebene, dass er den dezentbürgerlichen Hinweis auf seine Käsefüße tatsächlich nicht verstanden hat. Also versuchte ich es auf andere Art: „Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber die olfaktorischen Emissionen ihrer untersten Extremitäten affizieren meine nasale Mukosa in nicht hinnehmbarer Weise.“

Das Fragezeichen auf seiner Stirn war nun deutlich zu erkennen. Seine kurze Erwiderung sprach Bände: „Hä?“

In diesem Moment bekam ich ungeahnte Hilfe. Eine der beiden älteren Damen, die mich auf dem Bahnsteig so nett begrüßt hatten, stand plötzlich zwischen uns. „Mein Gott!“, rief sie. „Das ist ja nicht zum Aushalten!“ Schon drückte sie auf den Knopf ihres Deosprays, welches sie in der Hand hielt, und hüllte den Mann, vor allem aber dessen Füße, in eine Wolke industrieller Frische.

Wie von einer Tarantel gebissen fuhr der Mann aus dem Sitz hoch, schlüpfte in seine Schuhe, packte seine Sachen und ging den Mittelgang hindurch in den hinteren Teil des Zuges, allerdings nicht ohne sich lautstark über die Frechheit seiner Mitmenschen und die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit auszulassen.

Ich nickte der Dame anerkennend zu. Lächelnd sagte sie mir: „Sehen Sie, junger Mann, manchmal hilft das Reden nicht. Da muss man einfach handeln.“