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Wählen Sie die 110

April 3, 2017

Es ist immer wieder spannend, wen man bei der Entgegennahme eines Notrufs an die Strippe bekommt. Mal erfordert es absolutes Fingerspitzengefühl und Sensibilität, um der schluchzenden Anruferin wenigstens einen kleinen Sachverhalt zu entlocken, mit dem die Kollegen draußen arbeiten können, und mal muss man einen Geschichtenerzähler auch schroff abwürgen, damit das Gespräch wegen einer Bagatelle nicht zu lange dauert.

Es gibt den Drama-King, dessen Lebenstraum auf vier Rädern in einem Akt sinnloser und brutaler Gewalt komplett zerstört wurde, bei dem die Kollegen vor Ort einen Verkehrsunfall mit leichten Lackschäden aufnehmen. Und den Bauern, der sich den halben Arm im Kartoffelroder abgerissen hat und für 18 Uhr einen Rettungswagen bestellt, weil er vorher noch die Ernte einfahren muss.

Dann gibt es noch die, die so ein bisschen einen an der Schüssel haben, aber absolut harmlos sind. Wie jener Herr aus Springe, der sich einmal täglich mit „Guten Tag! Ich hab mich verwählt!“ bei uns meldet. Wünscht man ihm ebenfalls einen guten Tag, ist er glücklich und zieht friedlich seiner Wege. Oder die Dame aus Hannover, deren imaginärer Nachbar in der Nebenwohnung eine Maschine betreibt, wodurch ihr Bett anfängt zu vibrieren. Sie möchte nicht, dass die Polizei kommt. Sie möchte die Geschichte nur jemandem ganz im Vertrauen erzählen und fragt am Ende immer, ob sie noch mal anrufen darf, wenn es wieder los geht. Bejaht man dies, kann sie zufrieden schlafen und ruft nicht mehr an.

Vor einiger Zeit rief uns auf einem Samstag eine Dame an und erzählte unglaubliche Geschichten, bei denen man sofort merkte: Das stimmt nicht! Das ist keinen Einsatz der Kollegen wert. Doch die Dame blieb hartnäckig und wählte immer wieder die 110. Auch das mehrmalige Vorsprechen der Kollegen vor Ort, sie möge das doch bitte unterlassen, half nicht. Immer wieder blockierte sie die Notrufleitung mit ihren Phantasien.

Nach dem zweihundertsechsundsiebzigsten (in Zahlen: 276.) Notruf, wurde es den Kollegen zu bunt. Sie fuhren hin und nahmen ihr die sechs Telefone, die sie benutzte, ab. Das veranlasste die Dame, über ihre Nachbarin den 277. Notruf zu starten, man möge ihr doch ihre Telefone wiedergeben. Die brauche sie schließlich.

Unsere Pressestelle brachte diesen Vorfall in die Zeitung. Das wiederum löste auf Facebook einen Shitstorm selbsternannter Stuhlkreis-Altruisten aus: Wie kann die Polizei nur so reagieren? Die arme Frau! Die braucht doch ihre Telefone! Was, wenn sie wirklich mal in Not ist? Es gipfelte schließlich in der völlig realitätsfernen Behauptung, niemand, der nicht in Not sei, würde die 110 anrufen.

Doch! Wie eingangs schon geschildert, gibt es alle möglichen Anrufer bei uns, so dass in unseren Köpfen schon eine Art Notruf-Bingo schwirrt, weil so mancher Ausspruch mehrmals täglich zu hören ist.

Notruf, Polizei!“

Also, das ist jetzt kein Notruf, aber …“

Wenn es kein Notruf ist, warum wählt er dann die 110?

Notruf, Polizei!“

Guten Tag, können Sie mich mal mit Herrn … verbinden?“

Nein kann ich nicht. Ich bin nicht die Vermittlung.“

Oder: „Notruf, Polizei!“

Guten Tag, ich brauche mal die Telefonnummer Ihrer Kollegen in Berlin!“

Die Auskunft erreichen Sie unter 11880 oder 11833!“

Man könnte auch im Internet schauen, aber die 110 ist halt schneller gewählt.

Ebenfalls mehrmals täglich höre ich: „Guten Tag! Ich hab da mal ’ne Frage …“ Der Hinweis, für Erklärungen die örtliche Polizeidienststelle anzurufen, endet dann meist mit der Bitte: „Können Sie mich da nicht eben mal verbinden?“

Wie man sehen kann, entsteht aus einem Notruf nicht immer ein Einsatz, weil kein tatsächlicher Notfall vorliegt.

Auch das Fahrrad, das im Laufe des Tages am Bahnhof gestohlen wurde, erfordert nicht das sofortige Erscheinen der Polizei vor Ort. Da kann man selbst zum Revier stiefeln und Anzeige erstatten.

Anders verhält es sich vielleicht, wenn der Anrufer eigentlich nur mal die Kollegen durchbeleidigen möchte und dabei eines vergisst: Wir machen auch Hausbesuche!

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