Archive for the 'Polizei' Category

Der Bürger und das liebe Vieh

Juni 21, 2018

Der Mensch ist ein recht gleichgültiges Wesen. Zumindest was seine Mitmenschen angeht. Wenn der Nachbar nicht stört, ist er seiner Umgebung egal. Da kann er auch seine Frau verhauen – solange sie nicht allzu heftig schreit und man keine Nachtruhe bekommt. Und wenn Opa aus dem dritten Stock verstirbt, ist es allenfalls eine Randnotiz im Leben, es sei denn es fängt an, im Hausflur zu riechen.

Anders hingegen ist es bei Tieren. Da hört der Spaß auf! Der Klassiker bei diesen Geschichten ist natürlich der Hund im Auto. Dabei ist es egal, ob die Sonne scheint, es regnet, es heiß oder kalt ist. Ein Mensch, der seinen Hund im Auto lässt, ist immer Abschaum, ein Tierquäler, dem man am besten die Karre abfackelt – wenn da nicht der Hund drin säße.

Auch das Kälte gewohnte Shetland-Pony, dass im Winter artgerecht auf einer Weide gehalten wird, ist für den Normalbürger eine Schande, ein Fall für das Veterinäramt und die Polizei.

Ebenso klassisch ist die zugelaufene Katze, bei der man sich dann nach 2 Wochen entschließt, endlich mal den Notruf zu betätigen.

Ich hab hier eine streunende Katze aufgegriffen.“

Aha! Und was sollen wir Ihrer Meinung nach tun.“

Das weiß ich jetzt auch nicht.“

Ist das Tier denn verwahrlost?“

Nein, die sieht eigentlich ganz gepflegt aus. Die maunzt nur morgens immer so herzergreifend. Da hab ich ihr einfach mal Futter hingestellt.“

Also geben sie dem Tier seit 14 Tagen was zu fressen?“

Natürlich. Die kommt doch jeden Morgen. Was soll ich denn machen?

Hören Sie einfach auf Nachbars Katze zu füttern. In drei Tagen hat sich die Sache erledigt. Dann frisst sie wieder zu Hause.“

Am schönsten ist es jedoch mit dem von jeglicher Kenntnis über die Natur befreiten Stadtmenschen. Einen solchen hatte ich letzte Woche am Telefon.

Guten Tag, ich bin hier am Maschsee. Und hier sitzt eine Ente.“

Ach was!

Der geht es gar nicht gut. Die jappst so nach Luft.“

Okay! Aber was soll die Polizei jetzt machen?“

Wissen Sie, da war noch eine andere Ente, die hat das arme Tier immer unter Wasser gedrückt!“

Also soll ich jetzt einen Streifenwagen schicken, um das rüpelige Tier zu verhaften?

Die Ente, die so nach Luft jappst, hat die ein braunes Gefieder?“, fragte ich.

Ja, hat sie! Kennen Sie das Tier?“

Na, klar! Ich gehe jeden Tag zum Maschsee und begrüße die Enten mit Vornamen.

Nein, natürlich nicht. Wie sah denn die andere Ente aus.“

Äh, die war mehr so grau, mit grünem Kopf.“

Jo“, sagte ich. „Dann ist der Fall ja klar!“

Schicken Sie jetzt jemanden, um dem Tier zu helfen.“

Nein!“

Äh, aber warum denn nicht?“

Gegenfrage: Braucht Ihre Frau Hilfe, wenn Sie beide im Bett … also wenn es da mal richtig zur Sache geht?“

Also das ist doch …“ echauffierte sich der Anrufer. „Was geht Sie das an? Was soll überhaupt die Frage?“

Es ist Frühling!“, sagte ich.

Ja, und? Was soll das denn jetzt, auch wenn es Frühling ist, können Sie doch nicht einfach…“

Klick! Man konnte den fallenden Groschen durch die Leitung hören.

Äh … Sie meinen, dass …“

Genau! Die beiden hatten ihren Spaß und in ein paar Wochen schwimmen kleine Küken auf dem See.“

Ach so, na dann. Also ich meine … Entschuldigen Sie bitte den Anruf. Das wusste ich nicht.“

Eben! Deshalb gab es auch den kostenlosen Biologie-Unterricht für Stadtmenschen am Notruf.

Advertisements

Von der Dramaturgie eines Verkehrsunfalls

Februar 5, 2018

Was liest man nicht immer von den Dingen, die auf deutschen Straßen passieren?

Killer-Fahrer!“, „Horror-Unfall!“ oder „Massen-Katastrophe!“ sind nur einige einschlägige Begriffe, die unser führendes Blatt für Volks-Bildung immer wieder auf die erste Seite bringt.

Abgesehen davon, dass mir mein Deutschlehrer damals derartige Wortkonstrukte erbarmungslos um die Ohren gehauen hätte, bevorzuge ich bei solchen Meldungen, die regionale Presse, die weniger reißerisch bei den Fakten bleibt.

Natürlich sind Verkehrsunfälle für die Beteiligten schlimm. Auch wenn niemand verletzt wurde, kann es schon mal empfindlich in die Haushaltskasse schlagen, wenn das geliebte Vehikel nur noch Schrottwert hat.

Einen solchen Fall von schwerem Schicksalsschlag hatte ich letztens am Telefon.

Notruf, Polizei!“

Ich brauch‘ hier ganz schnell einen Streifenwagen!“

Ja, ne! Is‘ klar! Jeder braucht ganz schnell einen Streifenwagen.

Was ist denn passiert? Und wo sind Sie?“

Ich bin in der Arndtstraße. Hier ist ein Verkehrsunfall passiert. Nun schicken Sie doch endlich einen Streifenwagen!“

Ist denn jemand verletzt?“, fragte ich.

Nein, verletzt ist keiner“, antwortete der Anrufer.

Und Sie sind Beteiligter an diesem Unfall?“

Ja, natürlich! Deswegen brauche ich ja einen Streifenwagen.“

Auch dieser Mensch oblag dem weit verbreitetem Irrtum, dass ein reiner Blechschaden unbedingt polizeilich aufgenommen werden müsse.

Wenn Sie sich über den Unfallhergang einig sind, brauchen Sie keine Polizei“, sagte ich.

Der Unfall muss aber aufgenommen werden!“

Nein, muss er nicht.“

Aber meine BMW …“

Jetzt ahnte ich, dass sich hier ein persönliche Tragödie anbahnte. Es war zwar niemand körperlich zu Schaden gekommen, aber Stolz und Ehre waren nicht nur leicht verletzt, sondern schwer angeschlagen.

Dennoch versuchte ich weiterhin, ihm zu erklären, was statt einer polizeilichen Aufnahme zur reinen Schadensabwicklung erforderlich war. Allerdings wurde ich immer wieder von dem Herrn unterbrochen.

Ich hätte natürlich einen Einsatz anlegen und das Gespräch beenden können. Doch wollte ich dem Herrn keine Wartezeit von mindestens anderthalb Stunden – was auf einem Freitagnachmittag in Hannover bei einem sogenannten Schlichtunfall durchaus üblich ist – aufbürden.

Leider hörte mir der Mann nicht zu, wurde immer hektischer und ich wurde etwas lauter: „Mein Gott! Jetzt hören Sie mir doch mal zu!“

Plötzlich herrschte Stille am anderen Ende. Und nach zwei Sekunden fragte der Mann: „Haben Sie mich gerade angeschrien?“

Nein, ich bin nur ein wenig lauter geworden, weil …“

Sie haben mich angeschrien!“, keifte der Mann hysterisch. „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Da braucht man dringend die Polizei und man wird hier beschimpft am Notruf!“

Ich habe Sie nicht beschimpft. Ich bin nur lauter geworden, damit Sie mir endlich …“

Das ist doch die Höhe!“, unterbrach mich der Mann erneut. Dann erging er sich in Tiraden über die unmögliche Polizei in Deutschland, bis es mir zu bunt wurde.

Ich beende das Gespräch jetzt“, sagte ich. „Sie können ja wieder anrufen, wenn Sie sich beruhigt haben.“

Er rief wieder an. Diesmal hatte ein Kollege ihn am Draht. Auch der Kollege versuchte dem Mann zu erklären, dass eine polizeiliche Aufnahme des Unfalls nicht erforderlich sei. Vergeblich.

Er schrieb den Einsatz.

Zwei Stunden später lasen wir schmunzelnd die Abschlussmeldung des Streifenwagens: „Keinen Schaden festgestellt, kein Unfall. Hysterischen Anrufer beruhigt. Wieder einsatzbereit!“

Der Hunde-Retter

Juli 3, 2017

Eigentlich wissen wir es ja alle: Wenn es draußen sonnig und heiß ist, lässt man seinen Hund nicht im Auto, während man anderweitig beschäftigt. Gleiches gilt übrigens auch für andere Tiere und nicht zuletzt für Menschen. Ausnahme ist vielleicht noch die Schwiegermutter – Drachen mögen Hitze.

Wenn es nicht so warm ist, kann man durchaus mal für kurze Zeit einen Hund im Auto lassen. Nur leider gibt es immer wieder Menschen, die glauben, es besser zu wissen. So einen hatte ich Anfang des Jahres am Telefon.

Notruf, Polizei!“

Ja, hallo. Ich hab hier ein Auto gefunden, in dem ein Hund eingeschlossen ist. Dem scheint es nicht gut zu gehen.

Ich überlegte kurz, schaute aus dem Fenster und dachte: An der Wärme kann es nicht liegen. Es ist bewölkt, und es sind gerade mal 10 Grad draußen.

Wie kommen Sie darauf, dass es dem Hund nicht gut geht?“, wollte ich wissen.

Na, der sitzt da und bellt die ganze Zeit, seit ich hier stehe.“

Aber wenn er bellt, dann scheint er doch ganz munter zu sein“, entgegnete ich.

Am besten kommen Sie mal hierher. Dann zeige ich Ihnen das“, sagte der Mann.

Nein, ich komme nicht zu Ihnen.“

Wie? Sie kommen nicht? Wollen Sie dem Tier nicht helfen? Sie sind doch als Polizist verpflichtet, sich um solche Dinge zu kümmern.“

Na, prima, dachte ich, wieder einer, der mir erklären will, wie ich meinen Job zu machen habe.

Freundlich sagte ich ihm: „Natürlich will ich dem Tier gerne helfen, aber ich sitze hier in der Notrufzentrale und kann nicht zu Ihnen rauskommen.“

Ach so! Dann schicken Sie mir also einen Kollegen?“

Nein, auch das werde ich nicht tun“, sagte ich.

Also, das ist doch …“, brauste er am Telefon auf.

Jetzt hören Sie mir bitte mal zu!“, unterbrach ich ihn. „Es ist bewölkt draußen. Wir haben gerade mal 10 Grad. Da kann es dem Hund eigentlich nicht schlecht gehen. Das Auto wird sich nicht überhitzen.“

Aber der Hund bellt doch. Der ist die ganze Zeit mit der Schnauze an dem kleinen Spalt der Seitenscheibe, den der Fahrer offen gelassen hat.“

Und sie stehen da auch an der Seite?“, fragte ich.

Ja, natürlich. Sonst wäre mir das ja gar nicht aufgefallen.“

Dann ist es kein Wunder, dass der Hund bellt“, sagte ich. „Haben Sie selbst einen Hund? Oder schon mal einen gehabt?“

Nein“, antwortete der Mann. „Da ist man ja zu sehr gebunden.“

Okay. Der Mann hatte also keine Ahnung von Hunden beziehungsweise deren Verhalten.

Aber dennoch weiß ich, dass das hier Tierquälerei ist! Und das ist strafbar! Sie müssen was tun!“, setzte er fort.

So gesehen hatte er Recht. Bei einem Fall von Tierquälerei sind Polizeibeamte verpflichtet, etwas zu tun. Nur wer war der „Tierquäler“?

Passen Sie auf, guter Mann“, begann ich, „Sie werden sich jetzt von dem Auto entfernen.“

Auf keinen Fall!“, schimpfte er. „Ich bleibe hier so lange stehen, bis Ihre Kollegen endlich hier sind.“

Hören Sie! Um die Situation richtig einschätzen zu können, möchte ich Sie bitten, sich nur ein klein wenig von dem Auto zu entfernen. Dann sehen wir weiter.“

Na gut! Wie weit soll ich denn weg?“

Etwa 10 bis 15 Meter“, antwortete ich ihm.

Kurz darauf sagte er: „Also ich bin jetzt ein paar Meter weg. Aber der Hund hat aufgehört zu bellen.“

Ich weiß“, sagte ich grinsend.

Hä?“

Na, ja. Sie sind weitergegangen, nun muss der Hund sein Eigentum nicht mehr verteidigen. So gesehen, haben wir jetzt gemeinsam Ihre Tierquälerei beendet.“

Wählen Sie die 110

April 3, 2017

Es ist immer wieder spannend, wen man bei der Entgegennahme eines Notrufs an die Strippe bekommt. Mal erfordert es absolutes Fingerspitzengefühl und Sensibilität, um der schluchzenden Anruferin wenigstens einen kleinen Sachverhalt zu entlocken, mit dem die Kollegen draußen arbeiten können, und mal muss man einen Geschichtenerzähler auch schroff abwürgen, damit das Gespräch wegen einer Bagatelle nicht zu lange dauert.

Es gibt den Drama-King, dessen Lebenstraum auf vier Rädern in einem Akt sinnloser und brutaler Gewalt komplett zerstört wurde, bei dem die Kollegen vor Ort einen Verkehrsunfall mit leichten Lackschäden aufnehmen. Und den Bauern, der sich den halben Arm im Kartoffelroder abgerissen hat und für 18 Uhr einen Rettungswagen bestellt, weil er vorher noch die Ernte einfahren muss.

Dann gibt es noch die, die so ein bisschen einen an der Schüssel haben, aber absolut harmlos sind. Wie jener Herr aus Springe, der sich einmal täglich mit „Guten Tag! Ich hab mich verwählt!“ bei uns meldet. Wünscht man ihm ebenfalls einen guten Tag, ist er glücklich und zieht friedlich seiner Wege. Oder die Dame aus Hannover, deren imaginärer Nachbar in der Nebenwohnung eine Maschine betreibt, wodurch ihr Bett anfängt zu vibrieren. Sie möchte nicht, dass die Polizei kommt. Sie möchte die Geschichte nur jemandem ganz im Vertrauen erzählen und fragt am Ende immer, ob sie noch mal anrufen darf, wenn es wieder los geht. Bejaht man dies, kann sie zufrieden schlafen und ruft nicht mehr an.

Vor einiger Zeit rief uns auf einem Samstag eine Dame an und erzählte unglaubliche Geschichten, bei denen man sofort merkte: Das stimmt nicht! Das ist keinen Einsatz der Kollegen wert. Doch die Dame blieb hartnäckig und wählte immer wieder die 110. Auch das mehrmalige Vorsprechen der Kollegen vor Ort, sie möge das doch bitte unterlassen, half nicht. Immer wieder blockierte sie die Notrufleitung mit ihren Phantasien.

Nach dem zweihundertsechsundsiebzigsten (in Zahlen: 276.) Notruf, wurde es den Kollegen zu bunt. Sie fuhren hin und nahmen ihr die sechs Telefone, die sie benutzte, ab. Das veranlasste die Dame, über ihre Nachbarin den 277. Notruf zu starten, man möge ihr doch ihre Telefone wiedergeben. Die brauche sie schließlich.

Unsere Pressestelle brachte diesen Vorfall in die Zeitung. Das wiederum löste auf Facebook einen Shitstorm selbsternannter Stuhlkreis-Altruisten aus: Wie kann die Polizei nur so reagieren? Die arme Frau! Die braucht doch ihre Telefone! Was, wenn sie wirklich mal in Not ist? Es gipfelte schließlich in der völlig realitätsfernen Behauptung, niemand, der nicht in Not sei, würde die 110 anrufen.

Doch! Wie eingangs schon geschildert, gibt es alle möglichen Anrufer bei uns, so dass in unseren Köpfen schon eine Art Notruf-Bingo schwirrt, weil so mancher Ausspruch mehrmals täglich zu hören ist.

Notruf, Polizei!“

Also, das ist jetzt kein Notruf, aber …“

Wenn es kein Notruf ist, warum wählt er dann die 110?

Notruf, Polizei!“

Guten Tag, können Sie mich mal mit Herrn … verbinden?“

Nein kann ich nicht. Ich bin nicht die Vermittlung.“

Oder: „Notruf, Polizei!“

Guten Tag, ich brauche mal die Telefonnummer Ihrer Kollegen in Berlin!“

Die Auskunft erreichen Sie unter 11880 oder 11833!“

Man könnte auch im Internet schauen, aber die 110 ist halt schneller gewählt.

Ebenfalls mehrmals täglich höre ich: „Guten Tag! Ich hab da mal ’ne Frage …“ Der Hinweis, für Erklärungen die örtliche Polizeidienststelle anzurufen, endet dann meist mit der Bitte: „Können Sie mich da nicht eben mal verbinden?“

Wie man sehen kann, entsteht aus einem Notruf nicht immer ein Einsatz, weil kein tatsächlicher Notfall vorliegt.

Auch das Fahrrad, das im Laufe des Tages am Bahnhof gestohlen wurde, erfordert nicht das sofortige Erscheinen der Polizei vor Ort. Da kann man selbst zum Revier stiefeln und Anzeige erstatten.

Anders verhält es sich vielleicht, wenn der Anrufer eigentlich nur mal die Kollegen durchbeleidigen möchte und dabei eines vergisst: Wir machen auch Hausbesuche!

Straßensperre

Mai 3, 2015

Vor ein paar Tagen ist es wieder passiert: Auf einer unsere Hauptdurchgangsstraßen trafen sich vier Fahrzeuge. Das Problem dabei war nur, dass sie sich nicht nebeneinander trafen sondern ineinander. Dabei wurden zwei Autos so stark deformiert, dass man sie beim besten Willen nicht mehr bewegen konnte. Wenn ein solcher Zusammenstoß dann auch noch direkt unter einer Brücke geschieht, kann sich jeder vorstellen, dass es schwierig wird, den Verkehr, wenn auch nur einspurig, an der Unfallstelle vorbeizuführen.

Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Es blieb nichts anderes, als die Unfallstrecke zu sperren und den Verkehr irgendwie umzuleiten. Meinem Streifenpartner und mir fiel die Aufgabe zu, die Strecke an der Kreuzung zur zweiten Hauptdurchgangsstraße zu sperren, auf die dummerweise auch noch der Verkehr von der Autobahn strömte, um genau auf die gesperrte Strecke fahren zu wollen.

Allen meinen Befürchtungen zum Trotz lief die Sperrung nahezu reibungslos – wenn man von den üblichen Kleinigkeiten absah.

Ist hier gesperrt?“, fragte mich eine Dame, die kurz zuvor noch versucht hatte, mich zwischen ihrem Auto und dem Streifenwagen einzuklemmen.

Oder: „Ach, jetzt komm‘ ich hier gar nicht durch, oder?“

Nicht unerwartet aber dennoch spannend war auch der Versuch eines Taxifahrers, sich auf dem linken Fahrstreifen durch den zurückgeleiteten Gegenverkehr zu manövrieren, nur um kurze Zeit später festzustellen, dass da wirklich kein Durchkommen war. Vielleicht eine neue Geschäftsstrategie? Wer weiß schon, was der Mindestlohn so alles an spontanen Eingebungen hervorbringt.

Aber dann kam ER! ER trug die Jogginghose, mit der er eben noch bei World of Warcraft, dreizehn Orks geschlachtet hatte. Auf dem Sweatshirt prangte der Joghurt-Fleck, der vom kleinen Missgeschick am gestrigen Abend zeugte. Und dazu die obligatorischen Hausschuhe, die auch gern mal für den Kauf eines Six-Packs am Kiosk Verwendung finden.

Sein Gesicht sprach Bände: Gewappnet mit dem Substrat aus den letzten sechs Folgen „Toto und Harry“, gewürzt mit der Essenz aus mindestens drei Staffeln „Mein Revier“, drapiert auf dem Exzerpt aus diversen Sendungen „Achtung Kontrolle“ trat er an, um dreißig Jahre Berufserfahrung eines Polizeibeamten in Frage zu stellen. Ach, was sage ich? Ad absurdum zu führen!

Sagen Sie mal“, fuhr er mich an. „Was machen Sie hier eigentlich?“

Ich sah zu meinem Streifenwagen, der quer zur Fahrbahn mit eingeschaltetem Blaulicht auf der Straße stand. „Wonach sieht’s denn aus?“, fragte ich.

Sie sperren hier die Straße!“, schrie er.

Das hatte er gut erkannt. Man kann also durchaus sagen, dass Fernsehen immerhin ein bisschen zur Bildung beiträgt. „Genau!“, antwortete ich nur.

Aber warum?“

Sie werden sicherlich bemerkt haben, dass da oben unter der Brücke“, dabei deutete ich die Straße hinauf, „ein Unfall passiert ist. Und weil man da nicht durchkommt, leiten wir hier den Verkehr ab.“

Die Fahrzeuge kann man doch wegschieben. Da muss man doch nicht über Stunden den Verkehr aufhalten.“

Haben Sie sich die Unfallstelle angesehen?“, fragte ich.

Natürlich! Schieben Sie doch die Wracks bei Seite. Dann müssen Sie hier auch nicht sperren. Das ist doch total unwirtschaftlich. Haben Sie daran mal gedacht?“

Verdammt! Vor mir stand der Hulk. In der Lage, mehr als 1.000 Kg scharfkantiges Metall über rauen Asphalt zu schieben – und das auch noch mit abgeschlossenem BWL-Studium.

Da half auch kein Argumentieren mehr. Wirtschaftlichkeit ist nicht unbedingt ein Thema der Polizei. Sicherheit und Ermittlungen in Sachen Gesetzesbruch ist nicht unbedingt mit Geld aufrechenbar.

Wer hat das hier eigentlich angeordnet?“, fragte er mich schließlich.

Also ich hab‘ den Auftrag über Funk erhalten, da kann ich nicht sagen, wer das jetzt war.“

Das hat ein Nachspiel. Ich will mich beschweren!“, schrie der Mann jetzt noch aufgebrachter.

Okay“, antwortete ich, „das machen Sie ja gerade.“

Doch nicht bei Ihnen! Über Sie!“, schrie er wieder. „Ich will den Namen eines Verantwortlichen!“

Dann rufen Sie doch Herrn Pistorius an“, antwortete ich.

Warum soll ich jetzt in Südafrika anrufen? Das ist ja eine Frechheit von Ihnen!“

Da zeigte es sich: Sein Wissen nur aus Doku-Soaps und „Prominent“-Sendungen zu holen, kann hilfreich sein – muss aber nicht!

Wenn der Notruf zweimal klingelt

März 29, 2015

Wie in allen zivilisierten Ländern können wir uns auch hierzulande glücklich schätzen, dass wir im Notfall nicht allein gelassen werden. Hat man sich den Finger abgesägt, wählt man schnell die 112. Damit ist der Finger zwar nicht wieder an der Hand, aber zumindest kommt jemand schnell vorbei, um das Ausmaß des Unglücks in Grenzen zu halten.

Egal ob 110 oder 112: Hier wird Ihnen im Notfall immer geholfen.

Wobei allerdings der Begriff „Notfall“ definierungswürdig ist. Die 110 zu wählen, um zu erfahren, welche Apotheke Notdienst hat, gehört nach meinem Verständnis nicht dazu. Zwar haben Notdienst und Notruf den gleichen Wortbeginn, aber das hat Notdurft auch. Und auch diese gehört nicht zu den eigentlichen Notfällen, obwohl auch sie schon des öfteren in der Leitung thematisiert wurde.

Für derlei Fragen reicht es in der Regel aus, bei der örtlichen Polizeidienststelle über die normale Amtsleitung anzurufen. Und da heute nahezu jedermann über eine Telefonflatrate verfügt, kostet es einen genauso wenig wie der Notruf.

Ein echter Notfall – zumindest für die Anruferin – ereignete sich vor einigen Jahren in Uelzen, zu einer Zeit, als die Mittagsruhe noch das heilige Recht des aufrechten Rentners war:

Polizei, Notruf!“

Ja, guten Tag. Sowienoch mein Name. Sie müssen hier unbedingt mal vorbeikommen und meinem Nachbarn Einhalt gebieten.“

Was macht denn Ihr Nachbar, was Sie so stört?“, fragte ich zurück.

Na, hören Sie mal. Es ist Mittagszeit und der Mann arbeitet in seinem Garten.“

Das war natürlich eine Frechheit: In der Mittagszeit macht man gefälligst Pause, Herr Nachbar. So was geht nun wirklich nicht.

Haben Sie denn schon mit Ihrem Nachbarn gesprochen?“, fragte ich.

Natürlich. Aber der hat bloß gesagt, dass ich mich um meine Angelegenheiten kümmern soll. Können Sie sich das vorstellen?“

Oh, ja! Das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

Aber nun sagen Sie mir doch bitte, was Sie daran stört.“

Hören Sie!“, fuhr die Dame mich am Telefon an. „Es ist Mittagszeit. Da habe ich ja wohl einen Anspruch darauf, in Ruhe auf meiner Terrasse zu sitzen, oder?“

Natürlich haben Sie das“, antwortete ich.

Sehen Sie“, entgegnete die Dame schnippisch. „Und das kann ich nicht, wenn mein Nachbar seinen Garten umgräbt.“

Da kamen wir der Sache schon ein bisschen näher. Der Nachbar bringt seinen Garten auf Vordermann und hat wahrscheinlich schweres Gerät aufgefahren.

Ihr Nachbar gräbt also mit einem Bagger den Garten um“, versuchte ich die Beschwerde auf den Punkt zu bringen.

Mit dem Bagger?“, fragte die Dame. „Guter Mann, jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich. Ich wohne in einer Reihenhaus-Siedlung. Für diese kleinen Grundstücke braucht man keinen Bagger.“

Äh …“ Jetzt war ich ratlos.

Nein, mein Nachbar gräbt ganz normal mit dem Spaten seine Beete um.“

Aber das ist doch keine Ruhestörung.“

Natürlich ist das eine Ruhestörung. Bei dem steinigen Boden hier stößt das Spatenblatt immer wieder auf etwas festes. Und das macht dann immer ‚Ping‘, ‚Ping‘. Bei diesem Geräusch kriege ich kein Auge zu.“

Was sollte ich dazu noch sagen? Um die Leitung wieder frei zu bekommen, versprach ich der Dame, so bald wie möglich einen Streifenwagen vorbeizuschicken. Dass dies aufgrund anderer dringenderer Einsätze erst nach der Mittagsruhe passierte, steht auf einem anderen Blatt und ist sicherlich irgendwann noch einmal Thema für eine neue Geschichte.

Aber so kann es gehen: Nicht jeder Notruf beinhaltet auch einen echten Notfall. Dennoch sind wir stets bemüht, jeden Fall ernst zu nehmen.

Wenn Sie also, liebe Leserin, lieber Leser, das nächste Mal bei der 110 in der Warteschleife liegen, dann ärgern Sie sich bitte nicht. Es liegt nicht an dem faulen, ständig Kaffee trinkenden Beamten am anderen Ende der Leitung. Es gibt jede Menge Menschen in Not. Sei es, dass die SIM-Karte nicht in das Handy passt, oder das Taxi schon eine halbe Stunde auf sich warten lässt. Im realen Leben spielen sich Dramen ab, die man sich als normaler Mensch gar nicht vorstellen kann.

Unter Nachbarn

September 1, 2014

Ich geb es ja zu: Ich bin ein Mensch, der gerne Spaß hat. Ich feiere gerne. Man lebt schließlich nur einmal. Also, was soll’s? So war es dann auch neulich, als ich meine Frau anrief: „Hey, Hase. Wie sieht’s aus?“

Ganz gut soweit““, antwortete sie. „Wo bist du?“

In 10 Minuten bei dir, wenn du willst. Was macht die Wohnung?“

Was soll das denn?“, fragte sie. „Bringst du noch jemanden mit?“

Na, ja. Die Kneipe hat inzwischen dicht.

Es war einer jener Abende, an denen man mit Kollegen einfach mal nach dem Spätdienst loszieht. Und heute hatte sich eine Truppe zusammen gerauft, die einfach kein Ende finden konnte. Wie gut, dass meine Bar und der Kühlschrank gut gefüllt war.

Okay, ich feg‘ eben durch. Bis gleich!“, antwortete mein Engel.

Kurze Zeit später fand ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen zu Hause ein. Der Kühlschrank war voll, die Bar auch – jeder bekam das Getränk, dass er haben wollte. Und dann kam die Musik!

Ist ja klar – ein bisschen angetrunken will man auch tanzen. Musik hab ich genug. Rockmusik zum Beispiel. Hören meine Nachbarn auch immer wieder – ob sie wollen oder nicht.

Plötzlich klingelte es.

Ich hatte mich schon gewundert, wer zu so später Stunde bei uns Einlass begehrte, doch nachdem ich die Wohnungstür geöffnet hatte, sah ich meinen Nachbarn von unten vor mir. Irgendwie sah er ziemlich verhunzt aus. Die Haare zerzaust, dunkle Ränder unter den Augen. Sein T-Shirt saß irgendwie nicht richtig, als hätte er es eben schnell übergeworfen. Er wollte auch gar nicht reinkommen.

Sach ma‘, weißt du eigentlich, wie spät es ist?“, fragte er mich mit müder Stimme.

Du, kein Problem“, antwortete ich und ging ins Schlafzimmer. Wieder zurück an der Wohnungstür reichte ich ihm meinen Wecker. „Den hätte ich aber gerne wieder.“

So was hab ich selbst“, knurrte mein Nachbar. „Und der klingelt in drei Stunden!“

Das ist verdammt früh.“

Stimmt! Und bis dahin würd‘ ich gern noch ein bisschen schlafen. Wenn ihr also ein bisschen leiser tanzen könntet.“

Ach, so!“ Ich schlug mir an die Stirn. „Mensch, sag das doch gleich. Kein Problem. Wir machen leise weiter.“

Aber wie das nun mal so ist: Auf leise hat kaum einer Lust, also löste sich die Party in Windeseile auf und nur noch ein paar Hartgesottene vernichteten meine Biervorräte auf dem Balkon.

Man könnte also sagen, dass der Nachbar mir die Tour vermasselt hat. Trotzdem bin ich ganz glücklich drüber. Hätte ja auch anders laufen können. So wie neulich bei uns in der Wache als das Telefon gegen 23.00 Uhr klingelte:

Polizei Langenhagen, guten Abend!“, meldete ich mich.

Na, von einem guten Abend kann hier keine Rede sein!“, keifte es am andere Ende. „Schanz hier, ich möchte mich beschweren.“

Worüber möchten Sie sich denn beschweren?“, fragte ich höflich zurück.

Über meinen Nachbarn. Der Typ über mir macht schon wieder ’ne Party in seiner Wohnung. Ich muss morgen früh raus und will jetzt schlafen.“

Waren Sie denn schon mal oben und haben mit ihrem Nachbarn gesprochen?“

Sind Sie verrückt?“, fragte der Anrufer. „Bei den vielen Leuten in der Wohnung? Das gibt doch nur Ärger. Ne, ne. Das machen Sie mal lieber. Gehört ja auch zu Ihren Aufgaben. Außerdem kann man mit denen nicht reden.“

Ja, ja, dachte ich bei mir. Und schließlich zahlt der Mann auch Steuern.

Ich ließ mir die Adresse geben und fuhr mit einem Kollegen los.

Im Haus war es tatsächlich laut. Musik dröhnte durch den Flur. Die Party schien wirklich gut zu sein. Wir mussten auch mehrmals klingeln, bis uns der Wohnungsinhaber endlich öffnete.

Oh!“, entfuhr es ihm, als er uns sah. „Sind wir zu laut?“

Ich bestätigte. „Kein Problem!“ Und dann rief er nach hinten: „Heinz, mach mal die Mucke aus!“

Schlagartig wurde es still.

Schon besser“, sagte ich.

Wer hat sich denn beschwert? Etwa der Herr unter uns? Warum kommt er denn nicht hoch. Wir beißen doch nicht!“

Da wusste ich nun auch keine Antwort drauf. Aber ich nahm die Worte zum Anlass, bei Herrn Schanz noch einmal zu klingeln. „Nur mal so zur Kenntnis“, sagte ich, nachdem er geöffnet hatte. „Der Ausgleich Ihrer kommunikativen Defizite ist nicht unsere Aufgabe. Ihr Nachbar bat darum, dass sie nächstes Mal selbst raufkommen.“

Die Grenzen der Überwachung

August 5, 2013

Nun ist also der Sack geplatzt: Was wir eigentlich schon immer gewusst haben, ist durch den Fall Snowden Tatsache geworden. Der Ami hört uns ab. Er weiß alles: Was ich esse, was ich trinke, wann ich auf’s Klo gehe. Ich muss es halt nur bei Facebook posten oder sonst im Internet verewigen.

Sauerei!“, schreien jetzt viele in unserem Lande. „Das darf der doch gar nicht!“, schreien sie weiter. „Was geht Obama die morgendliche Köttel-Konsistenz meines Hundes an?“ Nichts, natürlich. Ehrlich gesagt, interessiert ihn das auch gar nicht. Und ich bin der festen Überzeugung, dass Obama ganz andere Dinge zu erledigen hat, als ständig irgendwelche Facebook-Profile zu lesen oder Handy-Gespräche mitzuhören.

Trotzdem ist diese Art der Spionage natürlich eine Riesen-Sauerei und nach unseren Gesetzen nicht rechtmäßig. Man diskutiert sich hierzulande auch schon die Köpfe heiß, wie die Kuh vom Eis zu kriegen ist – was den Ami herzlich wenig interessiert.

Und unsere Freunde von der politisch weiter links orientierten Fakultät nehmen diesen Vorfall natürlich auch gleich zum Anlass, die angeblichen Missstände des Überwachungsstaates Deutschland nochmal auf’s Tableau zu bringen. Dafür werden Statistiken falsch gelesen und auch gerne mal Tatsachen verdreht. Nur um uns allen zu zeigen, dass wir eigentlich in einer Diktatur leben. Denn Freiheit gibt es ja nur noch auf Cuba, wo man den ganzen Tag mit dem Fahrrad Sozialromantik verbreiten kann.

Das führt dann zu solchen komischen Szenarien, wie letztens bei uns in der Wache. Ich öffnete die Tür, als es klingelte und ein Typ in Camouflagehosen und Flanellhemd mit langen Haaren und Rauschebart trat an den Tresen und sagte:

Ich bin ja eigentlich kein Freund der Polizei, aber jetzt könntet ihr mir wirklich helfen, ne!“

Wie kann ich Ihnen denn helfen?“, fragte ich zurück.

Ich meine, ihr macht das ja irgendwie jeden Tag, ne?“

Ich schaute ihn etwas verwundert an. „Was machen wir täglich?“

Na ja, diesen technischen Überwachungskram“, antwortete er. „Ihr ortet doch täglich irgendwelche Handys und lest private Daten, ne?“

Ähh, tja eigentlich …“

Und ich hab‘ doch mein Handy verlegt“, unterbrach er mich. „Und das wäre echt voll nett von euch, wenn ihr das mal eben orten könntet, damit ich es wiederfinde, ne!“

Also so einfach, wie sie sich das vorstellen, ist das nicht“, entgegnete ich.

Aber ihr könnt das doch – und macht das ja auch, ne. Das weiß doch jeder!“

Können schon“, sagte ich, „aber die Frage ist ja auch, ob wir das dürfen?“

Jetzt sah mich der Typ doch etwas verwundert an. „Eyh, seit wann interessiert es den Staat, ob er was darf? Ihr fragt doch sonst auch nicht, ne!“

Wir halten uns aber an die bestehenden Gesetze“, antwortete ich ihm. „Und die erlauben die Ortung nur bei einer Gefahr für Leib oder Leben.“

Na ja, so gesehen hängt da schon mein Leben von ab, ne. Ich hab das bestimmt bei irgend ’nem Kumpel liegen gelassen. Und wenn da einer von denen rein guckt. Oh, Mann! Dann bin ich echt reif, ne.“

Das ist damit aber nicht gemeint“, sagte ich. „Der Besitzer des Handys müsste in unmittelbarer Lebensgefahr stecken. Das scheint bei Ihnen ja nicht der Fall zu sein.“

Aber …“

Und dann dürfte ich das noch nicht mal anordnen. Schon mal was vom Richtervorbehalt gehört.“

Ach komm, eyh!“, maulte der Mann jetzt. „Soll ich jetzt extra deswegen zum Amtsgericht latschen?“

Wie wäre es denn, wenn Sie einfach ihre Freunde aufsuchen und dort nach Ihrem Handy fragen?“, machte ich den Vorschlag.

Sie wollen mir also nicht helfen, ne?“, fragte er zurück.

Ich darf es nicht!“, betonte ich nochmals.

Also das ist ja mal wieder typisch für euch, ne! Den ganzen Tag überwacht ihr einen, aber wenn man euch mal braucht, dürft ihr das angeblich nicht.“ Sprach’s und verließ, angesäuert die Wache. Ich selbst konnte nur mit dem Kopf schütteln. Eigentlich war es aber auch nicht verwunderlich. Wer so von unserem Unrechtsstaat überzeugt ist, lässt sich durch Tatsachen nicht verwirren.

 

Der Autofahrer und die Verkehrsregelung

September 3, 2012

Im allgemeinen kann man den Autofahrer als pfiffiges Kerlchen betrachten. Gelingt es ihm doch, drei verschiedene Farben und ihre Bedeutung zu erkennen, sowie statistisch alle siebzehneinhalb Meter eines von fast 400 Verkehrszeichen erfolgreich zu ignorieren, und das auch noch aus der Bewegung heraus.

Kritisch wird es erst, wenn der Autofahrer aus seinem gewohnten Trott gerissen wird – beispielsweise durch einen Schutzmann auf der Kreuzung, der den Verkehr regelt, weil die Ampel ausgefallen ist. Zunächst noch über die arme Sau im weißen Mantel lächelnd, die da die giftigen Abgase einatmet, wird er zusehends nervöser, wenn es nicht weiter geht. Da der gemeine Schutzmann nicht mit einer Präzisionsuhr gekoppelt ist und seine Entscheidung, wer nun fahren darf, nach der Auslastung der Straßen richtet, kann es sich schon mal ein wenig länger hinziehen.

Das macht den Autofahrer nervös. „Man! Was fuchtelt der da vorne rum? Kann der sich nicht mal beeilen?“, denkt er dann möglicherweise und hat die Hand gefährlich nahe über der Hupe schweben.

Kurz bevor er jedoch endgültig die Nerven verliert, geht es weiter. Dennoch kann er sich eine Bemerkung im Vorbeifahren nicht verkneifen: „Na, junger Mann! Das müssen wir aber noch mal üben.“ Und wundert sich die kommenden Tage, warum er immer wieder angehalten und ausgiebig kontrolliert wird.

Nun ist es möglich, die Verwirrung des Autofahrers noch zu steigern. Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Auf der Kreuzung ist ein Unfall geschehen. Der Verkehr kann nur einspurig an der Unfallstelle vorbeigeführt werden und – die Ampel funktioniert noch!

Da versteht so mancher die Welt nicht mehr. Die Ampel zeigt grün und der Verkehr steht? Das gibt’s doch gar nicht! Endlich entdeckt er den regelnden Schutzmann. Fieberhaft überlegt er, was der Fahrlehrer damals erzählt hat. „Siehst du Brust oder Rücken, musst du auf die Tube drücken?“ Das würde er jetzt am liebsten tun. Er hat’s schließlich eilig und der Typ da vorn auf der Kreuzung nervt sowieso nur. Aber leider stehen noch ein paar Fahrzeuge vor ihm.

Dabei sind die Kollegen noch nicht einmal so gemein, die Kreuzung völlig zu sperren. Denn das wäre die Katastrophe. Damit würde der Autofahrer nicht zurechtkommen. Vor einiger Zeit brannte bei uns die Filiale einer großen Schuhgeschäft-Kette. Um den Rettungskräften einen vernünftigen Aufstellungsort und Platz für ihre Arbeiten zu schaffen, wurden von uns kurzerhand die Straße gesperrt. Also Streifenwagen quer zur Fahrbahn gestellt, Warnblinker und Blaulicht an – das sollte eigentlich jeder begreifen.

Nun schrieb ich bislang immer von DEM Autofahrer. Allgemein heißt es ja auch, dass Frauen besser fahren, aber hier war es dann doch eine Vertreterin der weiblichen Zunft, die bis vor unseren Streifenwagen fuhr – also mitten auf der Kreuzung stand – und fragte: „Komme ich hier nicht durch?“

Mein Streifenpartner und ich sahen uns an. Gleichzeitig drehten wir uns um und betrachteten das Heer von Feuerwehrleuten, die zwischen zwei kompletten Löschzügen hin und her wuselten, sahen uns wieder an und schüttelten den Kopf.

Aber ich könnte doch da über den Gehweg fahren“. Sie zeigte nach rechts auf den breiten Gehsteig.

Wen möchten Sie denn umfahren?“, fragte ich. „Die beiden Typen mit dem gelben Helm, die den Schlauch halten? Oder den Dicken da hinten, der gerade einem Opfer Sauerstoff gibt?“ Und nach einem tiefen Atemholen: „Gute Dame! Hier ist gesperrt! Sie kommen hier nicht durch!“

Trotzdem gab die Frau nicht auf. Sie startete einen neuen Versuch. Erst der Hinweis, dass sie dort vorn wohl nie wieder Schuhe wird kaufen können, wenn sie die Rettungskräfte bei der Arbeit stört, brachte sie zum Umkehren.

Neulich brach bei uns früh morgens an mehreren Stellen durch schadhafte Wasserleitungen die Fahrbahndecke auf. Die in der Nähe liegende Hauptstraße sah aus wie nach Regenfällen in Bangladesh, war also unpassierbar. Wieder einmal wurden ein paar Kreuzungen und Einmündungen gesperrt. Da die eine Kreuzung recht groß war, stellten wir diesmal nicht nur den Streifenwagen quer auf, sondern markierten noch mit Leitkegeln und Nissenleuchten die nun vorgeschriebene Fahrtrichtung nach rechts.

Dennoch schaffte es nach kurzer Zeit ein Autofahrer, direkt vor unserem Streifenwagen anzuhalten und die bezeichnende Frage zu stellen: „Ist hier gesperrt?“

Nein!“, sagte ich lächelnd. „Meine Kollegin möchte nur die Morgensonne ein wenig genießen. Deswegen stehen wir hier.“

Sein verblüfftes Gesicht war unbezahlbar. Und während wir ihn über die Situation aufklärten, hörten wir, wie einer unserer Leitkegel knirschend unter der Frontschürze eines BMW zerbrach. Kaum war dieses Geräusch verklungen, erscholl auch schon das Lamento: „Hören Sie mal! Ich muss da durch. Und außerdem können Sie doch nicht einfach solche Dinger auf die Straße stellen. Das wird ein Nachspiel haben!“

Wie schon gesagt: Der Autofahrer ist ein pfiffiges Kerlchen. Und dieser hatte immerhin schon erkannt, dass wir nicht einfach so „solche Dinger“ auf die Straße stellen. 

Observation

Juni 4, 2012

Neulich wurde bei uns in Langenhagen eine Tierarztpraxis angegangen. Das ist nichts besonderes, das passiert fast jeden Tag irgendwo in Deutschland. Ich frage mich immer, was einen Täter treibt, in eine solche Praxis einzudringen? Bis auf Kaffee- oder Portokasse ist da kaum etwas zu holen. Oder reizt der Impfstoff gegen Maul- und Klauenseuche? Vielleicht gibt der ’nen besonderen Kick? Ich weiß es nicht!

In der Nacht hatten es die Täter nicht geschafft, in die Praxis einzudringen. Aber unsere Ermittler waren der festen Überzeugung, dass sie es in der nächsten Nacht wieder versuchen würden. Man spricht von gesicherten Erkenntnissen aufgrund der besonderen Umstände der Tatbegehung.

Wie dem auch sei, es war in der folgenden Nacht Aufgabe des Streifendienstes, auf die Praxis aufzupassen. Und weil die Aufgabe furchtbar spannend ist, dürfen natürlich nur die Gewinner eines kleinen Spiels zu Dienstbeginn diese wahrnehmen.

In dieser Nacht zogen mein Partner und ich den Kürzeren. Also suchten wir bei Einbruch der Dunkelheit die Praxis auf. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Mehrfamilienhaus mit einem größeren, durch Hecken geschützten Parkplatz. Dieser erschien uns geeignet, sich so aufzustellen, dass man selbst nicht gesehen wurde, aber sonst die gesamte Umgebung beobachten konnte.

Wir stellten uns zunächst mit unserem Zivilstreifenwagen in eine freie Parkbucht, von der wir eine gute Sicht hatten. Leider machte uns eine Anwohnerin schon kurz darauf einen Strich durch die Rechnung. „Das ist mein Parkplatz!“, keifte sie. Aber nach einem kurzem klärenden Gespräch gestattete sie uns, quer hinter ihrem Fahrzeug zu parken, „sofern wir niemanden sonst aus dem Hause stören, wäre man gern bereit, die Polizei zu unterstützen.“

Etwa zwei Stunden später, fuhr ein Taxi auf den Hof. Nachdem der deutlich alkoholisierte Fahrgast bezahlt hatte, stand er auf dem Platz und starrte unser Auto an. Schließlich schüttelte er den Kopf, raffte die Jacke nach unten und trat an die Fahrertür. Mit einem jovialen Klopfen bedeutete er mir, die Scheibe zu öffnen.

Dass’n Pr’vtpa’kpl’tz!“, schwallte er mich an.

Bitte?“, fragte ich.

S‘ dü’fen hi“ n’ch steh’n! Ich ru‘ die P’l’zei!“

Da der Mann meine Uniform offensichtlich nicht bemerkt hatte, stieg ich aus, um ihm die Erkenntnis zu erleichtern. „Die brauchen Sie nicht zu rufen“, lächelte ich ihn an. „Die ist schon da!“

Herr Wachtmeester!“, strahlte er mich an. „Gut, dass s‘ da sin‘! Könn’n se die beiden Typen hier ’ntfern’n?“

Welche beiden Typen?“

Na, die b’den in dem Auto!“

Aber da bin ich einer von“, lachte ich ihn an.

’s mir egallll. Die s’ll’n hier weg!“

Okay. Er hatte es nicht begriffen. Also versuchte ich, ihm in Ruhe zu erklären, was wir hier vor hatten, merkte aber schon bald, dass ich an die alkoholvernebelten Grenzen seines Geistes stieß. Mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand drückte er an die Nasenwurzel, so als ob er nachdenken müsste. Eigentlich fehlten nur noch Dampfwolken, links und rechts aus den Ohren dringend, um seine Überanstrengung zu dokumentieren. Doch dann schien ihm der Geistesblitz gekommen zu sein.

Aaaahhhh!“, rief er. „Ve’sch’t’he!“, und ich atmete auf. Es dauerte noch eine Weile, bis ich ihn in ins Haus komplementiert hatte, aber schließlich hatten wir Ruhe auf dem Parkplatz und konnten unserer Aufgabe nachgehen.

Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis wir wieder von ihm hörten. Gerade hatten wir es uns wieder gemütlich gemacht.

Herr Wachtmeester! Herr Wachtmeester!“, tönte es von einem Balkon aus dem dritten Stock. „Dat is’ser! Der Dieb!“

Gerade war eine Straßenbahn vorgefahren und hatte einen jungen Mann ausgespuckt. „Halt’s Maul, Opa!“, gab der junge Mann von sich.

Damit hatte er allerdings den Nerv unseres Freundes getroffen. Laut keifend verließ er seinen Balkon, um kurz darauf auf dem Parkplatz zu erscheinen. „Hier ist die Polizei!“, bölkte er durch die Büsche. „Die werden dich gleich verhaften. Musst nicht glauben, dass du damit durchkommst!“

Unsere Aufgabe war damit hinfällig geworden. Unserem Freund zu erklären, dass er auch gleich eine große Hinweistafel mit unserem Standort hätte aufstellen können, wäre wohl müßig gewesen. Inzwischen waren auch schon andere Hausbewohner wach geworden und beschwerten sich wegen des Lärms auf dem Parkplatz. Auch die Dame, die uns zuerst aufgescheucht hatte, stand in einem geblümten Bademantel auf ihrem Balkon und rief: „Wenn ich das gewusst hätte …!“