Archive for the 'Gesellschaft' Category

Eine Stadt im Taumel

Juni 20, 2016

Es war einmal ein nubischer Prinz, der nicht müde wurde, die Errungenschaften seines zivilisierten Reiches in alle Welt zu tragen, auf dass es den Menschen besser ergehe. Und so bestieg er eines schönen Tages seinen fliegenden Teppich um einer fernen Provinz und seiner holden Herrscherin seine Aufwartung zu machen.

Die Prinzessin aus der Provinz, nicht weniger müde anderen zu gefallen, versammelte ihrerseits sämtliche Gelehrten ihres Landes und anderer Reiche um sich, um den Nubier gebührend zu empfangen und mit allerlei Ausgeklügeltem zu beeindrucken.

Als der Prinz dann seinen Teppich in der fernen Provinz zu Boden gleiten ließ, jubelte das Volk ihm zu und alle waren glücklich.“

So oder ähnlich müsste es klingen, hätte Wilhelm Hauff die Ereignisse beschrieben, die sich kürzlich in unserer beschaulichen Landeshauptstadt Hannover abgespielt haben. Barack Obama, die am besten geschützte Person der Welt, gab sich ein Stelldichein, um mit Mutti die Industrie-Messe zu eröffnen.

Na ja, holde Prinzessin ist in diesem Rahmen vielleicht übertrieben, aber den nubischen Prinzen kann man Barack durchaus abkaufen.

Und die Stadt war im Taumel, die einen bekamen sich vor Begeisterung nicht mehr ein, andere waren der Ohnmacht nahe. Wie sollte man das nur bewerkstelligen? Schon Monate vorher traten die ersten Planungsstäbe zusammen. Hinter verschlossenen Türen machte man sich Gedanken, wie diesem Ereignis zu begegnen sei. Pläne wurden geschmiedet, wieder verworfen, neu entwickelt, um am Ende vom Secret Service abgelehnt zu werden.

So auch bei der Polizei. Unter den gestrengen Augen des Polizeivizepräsidenten von Hannover, trat der Stab zusammen und begann Einsatzszenarien zu entwerfen, Sperrzonen einzurichten und mehr oder weniger hilfreiche Informationsschreiben für die Bevölkerung zu entwickeln. Das Ganze natürlich so geheim, dass selbst ich, der seinen Dienst im Nebenraum des Stabes versieht, bis zum Tag X nicht mitbekam, was da geplant wurde, obwohl es auch meine Arbeit unmittelbar berührte.

Selbst die BILD-Zeitung benötigte doch mehr als acht Stunden, um in Erfahrung zu bringen, in welchem Hotel El Presidente nun zu nächtigen gedachte.

Apropos Zeitung. Natürlich waren auch die Medien voll von diesem Ereignis. Wochenlang schien es kein anderes Thema in Schrift, Ton und Film zu geben.

Am Ende die Ernüchterung. Zwar gelang es noch vielen Plane-Spottern das heißbegehrte Foto vom Einflug der Airforce One zu ergattern, doch das war’s dann auch. Die heroische Maschine auf einem Provinzflughafen neben einer Baugrube abgeparkt, das Wetter scheiße und das Empfangskomitee angeführt von unserem Ministerpräsidenten in einem schlecht sitzenden alten Mantel. Hat Barack das wirklich verdient? Immerhin gelang ihm beim Aussteigen noch ein Lächeln.

Der Rest war wie immer: Reden, Essen, Fahren, Reden, Essen, Schlafen, wieder Fahren, Reden, Essen und Abflug. So langsam ging es dem Bürger auch auf die Nerven. Man beschwerte sich, dass man nicht weiterkam, weil Strecken oder ganze Areale abgesperrt waren. Aber die Krönung dessen war folgendes Telefonat:

Polizei, Notruf!“

Ja, Meier, guten Tag. Sagen Sie mal, warum fliegen denn hier seit einer halben Stunde Hubschrauber über meinem Garten in Alt-Garbsen. Das nervt so langsam.“

Schauen Sie Nachrichten, Herr Meier?“, fragte ich.

Nein! Warum?“

Barack Obama ist in der Stadt!“

Schweigen

Wer?????“

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama eröffnet heute die Industrie-Messe Hannover. Und er hält sich gerade in Ihrer Nähe auf. Deswegen die Hubschrauber.“

Aber da hätte man mich ja mal informieren können.“

Herr Meier, seit Wochen berichten die Medien über nichts anderes. Wenn Sie das nicht mitbekommen, kann ich Ihnen leider auch nicht helfen.“

Was hatte er sich vorgestellt? Dass 1000 Polizisten Tage vorher durch die Stadt stromern und bei jedem Klingeln, um ihn zu informieren.

Okay, vielleicht beim nächsten Mal. Dann ist es ja auch nicht mehr Obama sondern eventuell Trump. Da könnte es sogar sinnvoll sein, jeden zu warnen.

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Heinz, der Straßenfeger

Februar 29, 2016

Es war einmal ein Straßenfeger, der hieß Heinz. Seine Aufgabe war es, bei einem großen Wohnblock in der Stadt die Gehwege und Innenhöfe sauber zu halten. Heinz machte seine Arbeit gern. Jeden Morgen begann er zur gleichen Zeit. Die Bewohner freuten sich, dass es Heinz gab. Sie begrüßten ihn immer wieder freundlich, und wenn sie Zeit hatten, hielten sie noch einen kleinen Plausch mit ihm.

Doch mit der Zeit wechselten die Bewohner des Blocks und damit änderten sich auch Gewohnheiten. Ältere Menschen zogen aus, jüngere zogen ein. Menschen mit wenig Zeit, die den ganzen Tag gestresst durch die Gegend liefen und zu Hause ihre Ruhe haben wollten. Auch sie schätzten die Arbeit des Straßenfegers. Wenn da nicht diese eine Kleinigkeit gewesen wäre: Heinz benutzte für seine Arbeit einen alten Reisigbesen, mit dem es ihm möglich war, auch den hartnäckigsten Schmutz aus den Fugen zwischen den Pflastersteinen herauszukehren. Die jüngeren Bewohner störte jedoch das morgendliche Kratzen der Reiser auf dem Pflaster und so gingen sie eines Tages zur Hausverwaltung, um sich darüber zu beschweren.

An einem der nächsten Tage hatte Heinz einen Termin bei der Hausverwaltung und ein Manager erklärte ihm die Situation. „Aber mach dir keine Sorgen, Heinz!“, sagte der er. „Wir haben schon eine Lösung gefunden.“ Mit diesen Worten präsentierte er Heinz einen neuen High-Tech-Besen, mit weichen Borsten, die kein Kratzgeräusch mehr auf dem Pflaster verursachten. „Und dazu haben wir dir auch eine neue Schaufel mit einer Gummi-Lippe gekauft. Auch sie ist extrem leise“, sagte der Manager stolz.

Am nächsten Morgen begann Heinz mit neuem Equipment seine Arbeit. Leider waren die Borsten des Besens sehr weich, so dass er länger brauchte, um den Schmutz aus den Fugen zu fegen und auch die neue Schaufel hatte ihre Nachteile. Schon bald war die Gummi-Lippe kaputt und eine neue musste beschafft werden.

Natürlich bemerkten die Bewohner irgendwann, dass Heinz nun länger für seine Arbeit brauchte. Sie sparten nicht mit Tipps, wie er effizienter arbeiten könne, schließlich hatten sie schon unzählige Straßenfegerserien und -filme im Fernsehen geschaut. Heinz quittierte die Ratschläge meist mit einem Lächeln und fuhr in seiner Tätigkeit fort.

Irgendwann wurde ein neuer Hausmeister eingestellt. Auch dieser versah seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen. Sein Hauptaugenmerk lag darauf, dass in dem Block alles seinen Vorstellungen von Ordnung entsprach. So geriet auch Heinz irgendwann in den Fokus seiner Aufmerksamkeit.

Dem Hausmeister war aufgefallen, dass Heinz den Dreck, den er von den Wegen kehrte, immer in den gleichen Behälter warf, ohne eine Sortierung vorzunehmen. Das entsprach nicht der Auffassung des Hausmeister und er begann, immer wenn Heinz seine Arbeit beendet hatte, den Dreck zu sortieren. Leider blieb es dabei nicht aus, dass ein Teil des Drecks wieder auf den Boden fiel und vom Wind in alle Richtungen verstreut wurde.

Von den Bemühungen des Hausmeisters bemerkten die Bewohner nichts. Ihnen fiel nur auf, dass es am Abend, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen, wieder dreckig vor ihrem Haus war. Sie beschwerten sich wieder bei der Hausverwaltung, mit dem Hinweis, sich eine neue Verwaltung zu suchen, wenn die alte dies nicht in den Griff bekäme.

Der Manager bestellte Heinz erneut und erklärte ihm die neue Situation. „Leider ist es uns nicht möglich, einen weiteren Straßenfeger einzustellen. Das ist zu teuer. Heinz, du musst nun auch abends noch einmal los und fegen.“

So kam es, dass Heinz von nun an zwei Mal am Tag seiner Arbeit bei dem Wohnblock nachging, um die Bewohner zufrieden zu stellen. Doch dann wurde Heinz stutzig. Immer wieder entdeckte er Sachen, die er entweder am Morgen oder abends zuvor schon einmal aufgekehrt hatte.

Wie konnte das sein? Schnell kam Heinz dahinter, dass nur der neue Hausmeister dafür verantwortlich sein konnte und stellte ihn zur Rede. „Du boykottierst meine Arbeit!“, warf er ihm vor. Das ließ der Hausmeister nicht auf sich sitzen und beschwerte sich bei der Hausverwaltung.

So hatte Heinz den dritten Termin und der Manager warf ihm vor: „Dir als Straßenfeger steht es nicht zu, die Arbeit des Hausmeisters in Frage zu stellen. Tust du dies noch einmal, hat das unweigerlich Konsequenzen für dich!“ Heinz nahm es zur Kenntnis und ging am nächsten Morgen wieder zur Arbeit.

Sie denken, die Geschichte sei an den Haaren herbeigezogen? Machen Sie doch aus dem Straßenfeger einen Polizeibeamten, aus dem Hausmeister vielleicht einen Staatsanwalt … Besser?

Märchen neu bewertet

Oktober 25, 2015

Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass unsere Sprache auf einem harten Prüfstand steht. Nicht nur jede persönliche Aussage wird unter die Lupe genommen, sondern auch vor Jahren geschriebene Texte werden auf neue Befindlichkeiten hin geprüft. In Gesetzestexten musste der Radfahrer der radfahrenden Person weichen, damit es geschlechtsneutral ausgedrückt ist.

Der Papa von Pippi Langstrumpf musste vom Neger- zum Südseekönig umschulen (und ich bitte jetzt nicht um Verzeihung, weil ich das N-wort benutzt habe). Der Negerkuss ist verpönt, das Zigeunerschnitzel aus den Speisekarten verbannt, und Sarotti hat den Mohr entlassen. Seit kurzem ist sogar an stuttgarter Schulen der traditionelle Tagesgruß „Grüß Gott!“ untersagt. Man möchte schließlich keinerlei Gefühle verletzen.

Nur eine Art von Schriftgut ist bislang von diesem Wahn verschont geblieben: das Märchen. Dabei gäbe es doch so viele Ansatzpunkte. Allein Schneewittchen ist schon eine Herausforderung. Ein junges Mädchen wohnt mit sieben Männern zusammen. Ich meine jetzt nicht das, was Sie schon wieder denken, liebe Leserinnen und Leser. Manchmal müssen Sie Ihre Gedanken auch ein wenig zügeln. Kann es denn richtig sein, dass ein so junges Ding, für sieben Männer putzt und kocht, während die nur ihren persönlichen Reichtum im Auge haben? Wo sind die Frauenrechtlerinnen? Da muss man doch gegen angehen!

Neulich konnte ich folgendes Gespräch beim wöchentlichen Pazifisten-Treff belauschen:

Und? Was ist mit dir?“

Peace, Mann. Ich hab gestern meiner Tochter, der Gwendolyn-Shanaia, Hänsel und Gretel vorgelesen.Voll cool!“

Das findest du cool? Dass Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen?“

Naja, okay. Hast ja Recht. Die müsste man eigentlich verklagen. Aber der Hänsel – der ist doch voll ghandi-mäßig.“

Hä?“

Na, wie er so gehungert hat. Um sich und seine Schwester zu retten. Kriegt da immer voll das fette Essen und isst nix, damit der Finger nicht dicker wird. Das ist doch wie bei Mahatma. Hungerstreik als Widerstand, oder?“

Sag mal, hast du gekifft?“

Hätt‘ ich den Joint nicht beim Vorlesen rauchen sollen?“

Die Hexe hat doch nie seinen Finger in der Hand gehabt. Hänsel hat einen Knochen rausgehalten.“

Was? Der hat die Alte beschissen?“

Genau, nix Ghandi! Und außerdem haben die beiden die Hexe am Ende in den Ofen gestoßen. Schreiend verbrannt ist die Dame. Was ist daran noch Ghandi?“

Oh man, vielleicht hätt‘ ich den Joint doch nicht rauchen sollen. Bin auf der Hälfte der Geschichte eingeschlafen.“

Das ist ein nicht zu tolerierender Gewaltexzess. So was kann man doch nicht gut heißen. Und dann liest du das auch noch deiner Tochter vor.“

Okay, okay. Dann lese ich das nächste mal Rotkäppchen vor.“

Bist du von Sinnen?“

Wieso? Das ist doch eine tolle Geschichte, wie sie am Ende die Oma retten.“

Indem der Jäger einem wehrlosen Wolf bei lebendigem Leibe den Bauch aufschlitzt. Also manchmal zweifel ich wirklich an deinem Verstand.“

Na, hätt er halt die Oma nicht fressen sollen, und das Rotkäppchen.“

Hallo? Das war ein Wolf! Ein Tier! Und er hatte Hunger. Tiere sind nun mal so. Dafür darf man sie nicht bestrafen.“

Tja, in dieser Art ging das Gespräch weiter. Zum Schluss bekam ich selbst ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Kindern solche Geschichten vorgelesen hatte. Das war gedankenlos. Wie konnte ich meine Kinder nur solch Grausamkeiten aussetzen? Vielleicht hätte ich bei Dornröschen bleiben sollen. In dieser Geschichte wird wenigsten keiner erschlagen oder aufgeschlitzt. Am Ende wird nur eine Prinzessin wach geküsst.

Allerdings befürchte ich, dass irgendwann eine Feministinnen-Gruppe zu dem Schluss kommen wird, dass der Prinz das Dornröschen nur so liebevoll weckt, weil er mit ihr … wollte. Das wäre dann das aus – auch für Schneewittchen.

Überfall 2020

September 28, 2015

Die junge Frau vor mir zitterte am ganzen Körper. Ihr sonst leicht anämischer Teint war einem fahlen aschgrau gewichen. Ich wusste, dass sie schon ein paar mal in ihrer Tankstelle überfallen worden war, aber so hatte ich sie noch nie gesehen.
„So schlimm?“, fragte ich leise.
„Furchtbar!“, schluchzte sie. „So was hab ich noch nicht erlebt“
„Erzählen Sie“, forderte ich die junge Dame auf.
„Weiß’de Alter, sonst kamen diese Typen in die Tanke, haben mir ’ne Pistole an den Kopf gehalten und ich sollte die Kasse aufmachen. Da is‘ klar: Die sind verzweifelt. Die brauchen die Kohle. Aber heute …“
„Was war anders?“, fragte ich.
„Wie der Typ schon rein kam, wusste ich, mit dem stimmt was nicht. Der hat sich so komisch bewegt, weiß’de? Als ob ihm noch nicht mal ein Wespenstich was ausmachen würde, so django-mäßig, nicht der übliche Alpha-Kevin.“
Ich nickte.
„Ich hab‘ dann ganz vorsichtig meinen Rucola-Kresse-Salat bei Seite gestellt und den Typ weiter beobachtet.“
„Was hat er gemacht?“
„Der ist zielstrebig zum Kühlregal gegangen und hat dort ’ne Packung Grillfleisch und ’n Liter Milch raus geholt.“
„Das ist ja eigentlich nicht ungewöhnlich, oder?“
„Wart’s ab, Alter“, sagte die Frau.
Während sie erzählte, fummelte sie fortwährend an ihrem Handy.
„Können Sie Ihr Handy nicht mal beiseite legen?“, fragte ich genervt.
„Aber ich muss doch meinem Freund erzählen, was hier alles passiert“, antwortete sie.
„Wenn wir hier fertig sind, können Sie noch stundenlang mit Ihrem Freund reden.“
„Wieso soll ich mit meinem Freund reden?“, frage sie verwundert. „Wir haben doch WhatsApp! Sie sind ja ’n Freak.“
Das Bild eines Schäferstündchens mit Kerzen-App und einem tippendem Pärchen, bekam ich wochenlang nicht mehr aus dem Kopf.
„Okay“, erwiderte ich. „Jetzt weiter. Was hat der Typ dann gemacht?“
„Dann kam er zu mir an die Kasse. Und ich hab gecheckt, dass da ein echter Sadist auf mich zu kommt.“
„Warum?“, fragte ich.
„Wie der geguckt hat! Hatte ich sofort Entenpelle. Eiskalte Augen. Dann hab ich gesehen, dass er die Packung Grillfleisch schon aufgerissen hatte. Und ich so: Das müssen Sie dann jetzt auch kaufen. Und der so: Sagt nix, holt das Fleisch aus Packung und schmeißt es mir auf den Tresen.“
„Und was ist daran so schlimm?“, fragte ich.
„Was daran schlimm ist?“, keifte sie zurück. „Ich bin Veganerin! Ich hätte fast meinen Soja-Drink wieder ausgekotzt.“
„Verstehe!“
„Dann hat er die Milch aufgemacht und gesagt: „Mach die Kasse auf oder ich zwing dich, die Milch zu trinken.“
„Das ist übel“
„Übel? Alter! Ich bin laktose-intolerant! Der hätt‘ mich killen können! Ich sagte ja: Das war ein Sadist. Dem ging’s nicht um die Kohle, der wollte mich leiden sehen.“
„Wo war denn Ihr Kollege?“, fragte ich, um sie ein wenig abzulenken.
„Der Ralf? Ach, der war ja so süß. Wollte mir helfen und hat sich den Typen gegriffen.“
„Aber warum ist dann die Kasse leer?“
„Eyh, der Typ war auf alles vorbereitet. Hatte plötzlich Erdnüsse in der Hand und die Ralf zugeworfen.“
„Sie wollen mir doch jetzt nicht erzählen, dass der Täter mit einem Stück Fleisch, einer Tüte Milch und einer Handvoll Erdnüssen eine Tankstelle ausgeräumt hat.“
„Hallo? Der Ralf ist Allergiker! Der muss nur an ’ner Erdnuss riechen und kriegt ’n Schock! Natürlich haben wir das Weite gesucht.“

An der Gender-Ampel

Juni 9, 2015

Bislang habe ich in diesem Rahmen immer wieder über den Autofahrer geschrieben. Dass etwa neunzig Prozent von denen einen an der Waffel haben, könnte man durchaus denken. Vor ein paar Tagen jedoch, musste ich feststellen, dass auch Fußgänger hochgradig einen an der Marmelade haben können.

Da bin ich zu Fuß – und in zivil außerhalb des Dienstes – unterwegs. Und plötzlich stehe ich vor einer Fußgängerampel an der Straßenbahnlinie.

Diese Ampel zeichnet sich aus, denn sie hat zwei rote Lichter. Links erscheint das normale Ampelmännchen, das jeder (West-)Deutsche kennt. Auf der rechten Seite leuchtet das stilisierte Bild einer Frau mit Rock. (Ich hätte jetzt auch Ampelweibchen schreiben können, aber das hätte nur wieder Ärger mir der örtlichen Emanzen- … äh … Frauengruppe gegeben.)

Ich habe mich auch nicht informiert, ob diese Ampel dem derzeit üblichen Gender-Wahnsinn geschuldet ist, oder ob unsere örtlichen Verkehrsbetriebe einfach vorausschauend mit der Unfähigkeit und Ignoranz des gemeinen Fußgängers gerechnet haben. Frei nach dem Motto: Rot gilt für alle!

Wie dem auch sei, ich kam fußläufig (wie es im Beamtendeutsch so schön bescheuert heißt) an diese Ampel und konnte beobachten, wie eine Mutter mit ihrer Freundin gerade die Schienen überquerte. Ihr Sohn war ein bisschen langsamer, und bevor er die Schienen erreichte sprang die Ampel an und zeigte für beide Geschlechter rot!

Wundersamerweise radelte Sohnemann nicht einfach hinterher, sondern blieb stehen und rief: „Mama, warte! Ich hab es nicht geschafft!“

Mama hielt sofort an, drehte sich zu ihrem Sohn und rief: „Kein Problem! Ich warte! Hast du gut gemacht!“

Das fand ich bemerkenswert: Ein Kind, das sich an Verkehrsregeln hält – und das auch noch im Beisein der Mutter. Neben mir stand allerdings ein älterer Herr, den diese Szene wohl wenig interessiert hatte. Kaum hatte die Straßenbahn unseren Überweg passiert, trat er auf die Gleise.

Ich rief: „ Hey, können Sie nicht wenigstens warten, bis die Ampel sich ausschaltet? Seien Sie dem Jungen da drüben mal ein Vorbild!“

Ich geh doch gar nicht rüber“, sprach der Mann auf den Schienen. „Ich wollte doch nur gucken, ob mein Bus kommt.“ Die Busspur war nur ein paar Meter entfernt und auch von meinem Standpunkt aus gut einsehbar. „Da müssen Sie mich doch nicht gleich so anmaulen.“

Ich finde das gut“, mischte sich die Mutter ein, „ dass auch jemand anderes mal was sagt. Sonst bin ich immer nur am Maulen.“

Genau!“, rief eine zweite Frau aus dem Hintergrund. „Wenn wir als Frauen schon warten müssen, dann haben die Kerle auch anzuhalten. Wir leben schließlich in Gleichberechtigung.“

Ich maule Sie nicht an“, sagte ich zu dem Mann, „ich möchte nur, dass sie nicht vor den Augen des Jungen da drüben vor die Straßenbahn laufen.“

Der arme Junge“, flüsterte eine Dame neben mir.

So jung“, fiel die nächste mit ein, „und schon ohne Vater!“

Das’s’n Tragödje“, mischte sich ein Typ mit Baccardi-Pulle in der Hand ein.

Mein Gott!“, stieß ich hervor. „Es geht hier nicht um Gleichberechtigung oder den vielleicht nicht vorhandenen Vater des Jungen. Es geht darum, dass mal jemand ein Vorbild für unsere Kinder ist. Ist das denn so schwer zu begreifen?“

’s dis Ihr Junge?“, fragte der Baccardi-Typ.

Nein!“

Na also“, sagte der Mann, den ich anfangs angesprochen hatte. „Dann müssen Sie hier auch jetzt nicht den Oberwächter rauskehren. Und überhaupt: Wer sind Sie eigentlich?“

Es war offensichtlich. Als normaler Bürger kann man in solchen Situationen wohl wenig ausrichten. Also zog ich meinen Dienstausweis hervor und zeigte ihn rum.

Oh!“ entfuhr es dem Mann. „Na, dann …“

Das ist ja wieder typisch“, mischte sich die Frau von eben wieder ein. „Auf dem kleinen Manne rumhacken! Aber das Schicksal des Jungen ist Ihnen egal.“

Nein, war es mir nicht. Deswegen hatte ich den Mann ja angesprochen.

Und Gleichberechtigung scheint Ihnen wohl auch egal zu sein“, fuhr sie fort.

Gute Frau“, sagte ich, „von mir aus dürfen Sie mit diesem Herrn hier gleichzeitig auf die Schienen treten und auch gleichberechtigt vor die nächste Straßenbahn laufen. Ich nehme den Unfall dann auch gerne auf und hole jemanden, der die Sauerei wieder wegwischt. Nur eine Bitte habe ich: Tun Sie es nicht vor den Augen von Kindern.“

Jetzt warte ich wieder auf die nächste Beschwerde.

In der Innenstadt

März 2, 2015

Ich muss es mir leider eingestehen: Ich werde nicht jünger. Mit dem Alter kommen auch die einen oder anderen Einschränkungen. Man wacht morgens mit Schmerzen auf (und weiß, dass man wenigstens noch lebt), man kann plötzlich nicht mehr so gut gucken und so weiter. Tja, und das mit dem Gucken war letztens der Grund, mal wieder in die Stadt zu marschieren – zum Optiker für einen Sehtest.

Vor dem Geschäft beschlich mich dann ein komisches Gefühl. Nicht weil mir jetzt erklärt werden würde, dass ich ein Brille brauche, sondern wegen dieses komischen Werbespruchs, mit dem das gesamte Schaufenster verklebt war: „Die hier verscherbel ich an alle, die damals über diese blöde Kuh gelacht haben, als sie zum ersten Mal mit Brille in die 7 b kam!“

Das erinnerte mich irgendwie an die Werbung von diesem Online-Brillenhändler. Ob das was zu bedeuten hatte? Im Laden war es düster. Ein Teil der Regale war mit Laken abgedeckt. Nur aus dem Büroraum drang durch einen Türspalt Licht – zusammen mit einem krächzenden Kichern.

Hallo?“, fragte ich in Richtung Büro. „Ist hier jemand?“

Natürlich!“, krächzte es aus dem Büro zurück und ein älterer Herr in dunklem Mantel und breitkrempigen schwarzem Hut auf dem Kopf betrat den Verkaufsraum. „Was kann ich für sie tun?“, fragte er händereibend.

Äh …, ich wollte einen Sehtest machen“, antwortete ich.

Der Mann brach in schallendes Gelächter aus. „Hier?“ Er schüttelte den Kopf. „Da sind sie zu spät dran. Der Optiker hat in’n Sack gehauen. Ist jetzt Lagerist bei ’nem Online-Brillenhändler.“

Und Sie?“, fragte ich.

Ich? Ich bin hier nur der Insolvenzverwalter – für den gesamten Block!“ Und wieder brachte er das krächzende Lachen hervor.

Für den gesamten Block? Auch für den Buchhändler nebenan?“

Der hat letzte Woche mit einer Prime-Vorstellung aufgehört. Hat alle seine Stammkunden eingeladen.“

Da war bestimmt einiges los, oder?“

Na, ja. Zwei ältere Ehepaare und die Nachtwache aus’m Altersheim. Aber die Show war spitze.“

Schade, dass ich das nicht gesehen habe“, antwortete ich.

Jo! Die Prime-Show! Wollte jedem zeigen, wie sich Bücher aus echtem Papier auswirken können. Hat alle Bücher aus seinem Laden ausgeräumt und zu einem zwanzig Meter hohen Turm aufgebaut.“

Und dann?“

Komplizierter Hüft-Splitterbruch. Hätte wohl nicht springen sollen, der Mann.“ Und wieder lachte er krächzend.

Und der Fernseh-Laden um die Ecke?“

Pleite! Obwohl er anfangs noch ganz pfiffig war mit seiner Werbung. Hatte ’nen tollen Slogan: Who the fuck is Tech-Nick?“

Klingt wirklich toll.“

Hat aber auch nichts gebracht. Die Leute haben sich nur noch von ihm beraten lassen und woanders gekauft. Das hat ihn um den Verstand gebracht.“

Wie das?“, fragte ich.

Das fing vor zwei Wochen an“, antwortete der Insolvenzverwalter. „Hat nur noch vor sich hin gebruddelt: ‚Ich bin doch nicht blöd! Ich bin doch blöd!‘ Und so weiter.“

Furchtbar, so zu enden, dachte ich. „Aber dann sterben ja die Innenstädte aus!“, rief ich laut.

Ach, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir haben ein schönes Sanierungskonzept. Schauen Sie mal auf die andere Straßenseite. Da drüben verwaltet ein Kollege von mir. Sehr integrer Mann. Das wird alles weggerissen. Dort wird ein Sanatorium für Frischluft-Verweigerer und Internet-Junkies gebaut.“

Und hier?“, fragte ich.

Hier? Hier kommt ein Logistikzentrum für einen großen Online-Händler hin. Da kann der die Leute auf der anderen Straßenseite noch schneller beliefern.“

Na, das sind ja Aussichten“, sagte ich und wandte mich zum Gehen.

Haben Sie nicht auch noch ein Geschäft?“, fragte der Mann.

Nein, ich bin nur Beamter.“

Och“, sagte er. „Ich mache auch Privat-Insolvenzen. Sie können mich übrigens online buchen. Auf Insolvenz24.de. Findet den schönsten und billigsten Insolvenzverwalter.“

Neulich bei Maybrit Illner

Oktober 27, 2014

Maybrit Illner: Guten Abend, liebe Zuschauer. Heute beschäftigen wir uns mit der Frage, ob christliche Traditionen in unserem Land noch zeitgemäß sind und ob wir mit der Wahrung dieser Traditionen nicht die Gefühle von Mitmenschen verletzen, die anderen Glaubens sind.

Hierzu begrüße ich unter anderem den Erzbischof von München und Freising, Herrn Kardinal Marx. Herr Marx, was fällt Ihnen beispielsweise zum Martinsfest ein?

Kardinal Marx: Nun, der heilige Martinus ist ja eine Figur in unserem Glauben, die sich durch ihre Warmherzigkeit auszeichnet. Er hat seinen Mantel mit dem Schwert geteilt, um einem armen Menschen . . .

Michel Friedmann: Und da will ich gleich mal einhaken. Sie betrachten das Christentum als eine friedliche Religion und finden es vollkommen normal, dass ein Heiliger sein Schwert gegenüber einem armen Mann erhebt?

Marx: Er hat doch damit nur seinen Mantel geteilt.

Friedmann: Mit dem Schwert! Das wollen wir mal nicht außer acht lassen.

Illner: Ist es gerade aus diesem Grund nicht richtig, dieses Fest umzubenennen, wie es in einigen Regionen schon geschehen ist, in Sonne-Mond-und-Sterne-Fest?

Marx: Davon hal­te ich gar nichts. Schließlich sind wir ein christlich geprägtes Land.

Illner: Aber schon unser ehemaliger Bundespräsident, Christian Wulff, hat gesagt, dass der Islam zu Deutschland gehört, nicht wahr, Herr Wulff?

Christian Wulff: Also in meiner Amtszeit als Bundespräsident habe ich vieles gesagt, was . . .

Friedmann: Ich muss hier noch mal einhaken. Ich finde es schlimm, dass hier in Deutschland dieses Fest gefeiert wird. Man bedenke: da werden Kinder auf die Straße geschickt.

Marx: Nun ja, die Laternenumzüge gehören halt dazu.

Friedmann: Und haben Sie sich mal angehört, was die Kinder da singen?

Marx: Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne.

Friedmann: Das ist ja nur die erste Zeile. Aber dann!

Marx: Brenne auf mein Licht, brenne auf mein Licht!

Friedmann: Genau. Da sehen Sie’s doch. Brenne auf! Gerade in einem Land mit einer so unrühmlichen Vergangenheit dürfen doch solche Sätze nicht mehr fallen.

Marx: Ich glaube, sie interpretieren da zu viel hinein.

Friedmann: Das glauben Sie!

Bernd Lucke: Ich finde es schon bedenklich, dass wir uns so viele Gedanken über unsere Traditionen und die Gefühle unser muslimischen Mitbürger machen. Die fühlen sich ja auch nicht gekränkt, wenn man ihnen Weihnachtsgeld zahlt.

Friedmann: Und das ist eine reine Unterstellung, Herr Lucke!

Lucke: Die freuen sich doch genauso über eine solche Zuwendung wie die Deutschen auch.

Friedmann: Habe Sie schon einmal bei Ihren muslimischen Beschäftigten nachgefragt, wie die sich fühlen?

Lucke: Ich weiß jetzt nicht . . .

Friedmann: Haben Sie in Ihrer Firma überhaupt muslimische Angestellte?

Lucke: Die Frage kann ich jetzt so gar nicht beantworten.

Friedmann: Das sollten Sie aber. Wenn Sie in meine Sendung kommen, dann müssen Sie mit solchen Fragen rechnen.

Illner: Entschuldigung. Das ist meine Sendung.

Friedmann: Jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich, Frau Illner. Außerdem lenken Sie vom Thema ab.

Irgendwo klingelt ein Telefon. Langsam aber stetig wird der Ton lauter.

Friedmann: Und wollen Sie nicht endlich mal ans Telefon gehen? So kann man doch nicht diskutieren.

Er schaut mich direkt an. Meint der etwa mich? So langsam dämmert mir, dass diese Diskussion nur ein Traum war. Das Telefon hat inzwischen aufgehört zu klingeln. Ich schüttel den Kopf und denke: Gott sei Dank werden unsere Gebühren nicht für solche sinnlosen Diskussionen verschwendet.

Ich schalte den Fernseher ein. Auf dem ersten läuft »Menschen bei Maischberger« und ich höre, wie Claudia Roth betroffen in die Kamera säuselt: »Gerade in einem Land mit einer solchen Willkommenskultur wie unserer müssen wir verstärkt auf die Gefühle andersgläubiger Mitbürger Rücksicht nehmen.«

Ich glaube, es ist an der Zeit, ins Bett zu gehen. Ich träume ja schon wieder . . .

Unter Nachbarn

September 1, 2014

Ich geb es ja zu: Ich bin ein Mensch, der gerne Spaß hat. Ich feiere gerne. Man lebt schließlich nur einmal. Also, was soll’s? So war es dann auch neulich, als ich meine Frau anrief: „Hey, Hase. Wie sieht’s aus?“

Ganz gut soweit““, antwortete sie. „Wo bist du?“

In 10 Minuten bei dir, wenn du willst. Was macht die Wohnung?“

Was soll das denn?“, fragte sie. „Bringst du noch jemanden mit?“

Na, ja. Die Kneipe hat inzwischen dicht.

Es war einer jener Abende, an denen man mit Kollegen einfach mal nach dem Spätdienst loszieht. Und heute hatte sich eine Truppe zusammen gerauft, die einfach kein Ende finden konnte. Wie gut, dass meine Bar und der Kühlschrank gut gefüllt war.

Okay, ich feg‘ eben durch. Bis gleich!“, antwortete mein Engel.

Kurze Zeit später fand ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen zu Hause ein. Der Kühlschrank war voll, die Bar auch – jeder bekam das Getränk, dass er haben wollte. Und dann kam die Musik!

Ist ja klar – ein bisschen angetrunken will man auch tanzen. Musik hab ich genug. Rockmusik zum Beispiel. Hören meine Nachbarn auch immer wieder – ob sie wollen oder nicht.

Plötzlich klingelte es.

Ich hatte mich schon gewundert, wer zu so später Stunde bei uns Einlass begehrte, doch nachdem ich die Wohnungstür geöffnet hatte, sah ich meinen Nachbarn von unten vor mir. Irgendwie sah er ziemlich verhunzt aus. Die Haare zerzaust, dunkle Ränder unter den Augen. Sein T-Shirt saß irgendwie nicht richtig, als hätte er es eben schnell übergeworfen. Er wollte auch gar nicht reinkommen.

Sach ma‘, weißt du eigentlich, wie spät es ist?“, fragte er mich mit müder Stimme.

Du, kein Problem“, antwortete ich und ging ins Schlafzimmer. Wieder zurück an der Wohnungstür reichte ich ihm meinen Wecker. „Den hätte ich aber gerne wieder.“

So was hab ich selbst“, knurrte mein Nachbar. „Und der klingelt in drei Stunden!“

Das ist verdammt früh.“

Stimmt! Und bis dahin würd‘ ich gern noch ein bisschen schlafen. Wenn ihr also ein bisschen leiser tanzen könntet.“

Ach, so!“ Ich schlug mir an die Stirn. „Mensch, sag das doch gleich. Kein Problem. Wir machen leise weiter.“

Aber wie das nun mal so ist: Auf leise hat kaum einer Lust, also löste sich die Party in Windeseile auf und nur noch ein paar Hartgesottene vernichteten meine Biervorräte auf dem Balkon.

Man könnte also sagen, dass der Nachbar mir die Tour vermasselt hat. Trotzdem bin ich ganz glücklich drüber. Hätte ja auch anders laufen können. So wie neulich bei uns in der Wache als das Telefon gegen 23.00 Uhr klingelte:

Polizei Langenhagen, guten Abend!“, meldete ich mich.

Na, von einem guten Abend kann hier keine Rede sein!“, keifte es am andere Ende. „Schanz hier, ich möchte mich beschweren.“

Worüber möchten Sie sich denn beschweren?“, fragte ich höflich zurück.

Über meinen Nachbarn. Der Typ über mir macht schon wieder ’ne Party in seiner Wohnung. Ich muss morgen früh raus und will jetzt schlafen.“

Waren Sie denn schon mal oben und haben mit ihrem Nachbarn gesprochen?“

Sind Sie verrückt?“, fragte der Anrufer. „Bei den vielen Leuten in der Wohnung? Das gibt doch nur Ärger. Ne, ne. Das machen Sie mal lieber. Gehört ja auch zu Ihren Aufgaben. Außerdem kann man mit denen nicht reden.“

Ja, ja, dachte ich bei mir. Und schließlich zahlt der Mann auch Steuern.

Ich ließ mir die Adresse geben und fuhr mit einem Kollegen los.

Im Haus war es tatsächlich laut. Musik dröhnte durch den Flur. Die Party schien wirklich gut zu sein. Wir mussten auch mehrmals klingeln, bis uns der Wohnungsinhaber endlich öffnete.

Oh!“, entfuhr es ihm, als er uns sah. „Sind wir zu laut?“

Ich bestätigte. „Kein Problem!“ Und dann rief er nach hinten: „Heinz, mach mal die Mucke aus!“

Schlagartig wurde es still.

Schon besser“, sagte ich.

Wer hat sich denn beschwert? Etwa der Herr unter uns? Warum kommt er denn nicht hoch. Wir beißen doch nicht!“

Da wusste ich nun auch keine Antwort drauf. Aber ich nahm die Worte zum Anlass, bei Herrn Schanz noch einmal zu klingeln. „Nur mal so zur Kenntnis“, sagte ich, nachdem er geöffnet hatte. „Der Ausgleich Ihrer kommunikativen Defizite ist nicht unsere Aufgabe. Ihr Nachbar bat darum, dass sie nächstes Mal selbst raufkommen.“

Fußball-WM

Juli 5, 2014

(Aus redaktionellen Gründen wurde dieser Text vor dem letzten Gruppenspiel der deutschen Nationalelf erstellt.)

DEUTSCHSCHLAND! SCHLAND! Endlich ist wieder Fußball-Weltmeisterschaft. Die Deutschen freuen sich wie Bolle. Aber nicht nur! Die ganze Welt feiert und befindet sich im Rausch. Die ganze Welt? Nicht ganz. Es gibt natürlich Länder, in denen Fußball keine so große Rolle spielt. Spanien zum Beispiel. Oder England.

Um zu merken, dass das WM-Fieber grassiert, muss man noch nicht einmal den Fernseher einschalten. Wer aufmerksam durch die Gegend spaziert, wird überall Fahnen und Flaggen bemerken.

Das sicherste Anzeichen für das Stattfinden der Fußball-WM ist allerdings der Nachbar. Schauen Sie doch mal rüber zu ihm in den Garten. Da steht er, der dickbauchige Deutsche – mit Strohhut und entblößter Wampe – und doziert mit hoch erhobener Grillzange über Fußball, erklärt seiner Frau zum Beispiel die Abseitsregel.

Er: „Du weißt, was Abseits ist?“

Sie: „Aber natürlich. Abseits ist, wenn ein Spieler sich vor …“

Er: „Papperlapapp! Abseits ist, wenn der Schiri pfeift! Das wusste schon unser Kaiser Franz!“

Sie: „Aber ich dachte …“

Er: „Genau, das ist es ja. Du sollst nicht denken. Fußball ist kein Denksport!“

Aber da liegt der Nachbar natürlich falsch. Fußball hat auch etwas mit Denken zu tun, wie Lukas Podolski damals so treffend dozierte: „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel!“

Wie dem auch sei, man kann sich dem Fußball dieser Tage nicht entziehen. Selbst unser Bäcker bietet jetzt ein Brot an, das wie ein Fußball gemustert ist. Gott sei Dank schmeckt es nicht nach Leder.

In fast jeder Kneipe kann man den Spielen folgen, denn jeder Wirt hat irgendwo einen Fernseher ausgegraben, damit seine Gäste auch ja nichts verpassen. Natürlich ist der Kasten mit Deutschland-Fahnen umrahmt, um das richtige Ambiente zu schaffen.

Wem das zu kleinbürgerlich ist, den zieht es zum Public Viewing, um in großer Runde seinen Favoriten anzufeuern. Fußball macht sowieso nur in der Gemeinschaft Spaß.

Und anschließend hört man sich die Kommentare der Experten an, warum denn gerade der Favorit so vernichtend geschlagen wurde.

Dabei sind die Zeiten eines Günter Netzer, der in seiner unnachahmlichen Arroganz nicht nur die Mannschaften sondern manchmal auch den Moderator zur Sau machte, längst vorbei.

Mehmet Scholl ist der Netzer-Ersatz Schon als aktiver Spieler begeisterte er die Deutschen mit sinnvollen Sprüchen wie: „Die schönsten Tore sind diejenigen, bei denen der Ball schön flach oben rein geht.“ Und auf die Frage, wohin er in den Urlaub fliegt, schöpfte er sein geistiges Potential so richtig mit der Antwort aus: „Ich fliege irgendwo in den Süden – Kanada oder so.“

Solchen Experten zu lauschen macht Spaß.

Auf dem anderen Kanal diskutieren dagegen ein gelernter Comedian und ein Neandertaler-Verschnitt die besten Szenen des vorangegangenen Spiels.

Ja, im Fernsehen ist der Fußball wirklich allgegenwärtig. Selbst bei Markus Lanz wird in einer Experten-Runde über die WM gesprochen – mit Let’s Dance-Juror Joachim Llambi und Fernsehkoch Tim Mälzer. Geballte Kompetenz – eine wahre Wonne.

Aber nicht nur das Drumherum auch die WM selbst steckt voller Überraschungen. Der amtierende Weltmeister Spanien verabschiedet sich frühzeitig aus dem Wettbewerb. Der beste Fußballspieler der Welt, Christiano Ronaldo, gewinnt seine Wette, dass er aus einer Entfernung von 9,15 Metern einen Gartenzwerg treffen kann. Das sogenannte Mutterland des Fußballs hat plötzlich nichts mehr mit diesem Spiel am Hut. Der Uruguayer Suarez entdeckt seine Vorliebe für italienisches Essen. Und der FIFA gelingt erstmalig eine erfolgreiche Inklusion durch den Einsatz sehbehinderter Linienrichter.

Apropos FIFA: So ganz nebenbei verhängte die Ethik-Kommision dieser Organisation eine 90-tägige Fußballsperre gegen Franz Beckenbauer. Ich habe mich gefragt, was denn die Ethik-Kommission der FIFA ist? Ist das so etwas wie eine jungfräuliche Prostituierte? Da muss ich nochmal drüber nachdenken.

Gab es sonst noch weltbewegende Dinge in der letzten Zeit? Was für eine Frage? Es ist WM! Da müssen sich die Ukraine oder der Irak halt hinten anstellen. Dafür haben wir jetzt keine Zeit.

Ostern ökologisch

April 7, 2014

Es gibt Menschen, die haben mit Traditionen nicht viel am Hut. Vielmehr sind sie darauf bedacht, ihren ökologischen Fußabdruck auf der Welt so klein wie möglich zu halten. Je geringer ihre CO2-Bilanz, desto glücklicher sind sie. Aber wie feiern solchen Menschen Ostern?

Irgendwo, in irgendeinem Wohnzimmer in Deutschland:

Er: „Sag mal, meinst du nicht, dass wir in diesem Jahr unseren Kindern ein normales Osterfest bescheren sollten?“

Sie: „Wie kommst du denn jetzt darauf? Du weißt doch, dass ich von diesen kirchlichen Festen nichts halte.“

Ich meinte jetzt ja auch nicht, dass wir mit ihnen in die Kirche gehen sollten.“

Und was meinst du dann?“, fragte sie.

Naja, Manuel-Joaquin kam gestern aus der Schule nach Hause und hat mir erzählt, dass sein Freund Kevin-Pasquale sich schon auf den Osterhasen freut.“

Osterhase?“, fragte sie entsetzt. „Bist du verrückt? Wir sind Vegetarier! Oder isst du etwa heimlich Fleisch?“

Mein Gott, dass du mir das zutraust.“ Er schüttelte den Kopf. Aber so eine Currywurst ab und an, dachte er im Stillen. „Der Osterhase soll nicht gebraten werden, sondern der versteckt die Eier für die Kinder im Garten.“

Im Garten!“, stellte sie fest. „Womöglich noch zwischen den Mohrrüben, die er nebenbei genüßlich knabbert.“

Oh, man!“, stöhnte er. „Der Osterhase ist doch nur ein Symbol. Natürlich verstecken wir die Eier für unsere Kinder. Allerdings müssten wir die vorher noch färben.“

Wie färben?“

Na, mit Lebensmittelfarbe. Gibt’s doch extra zu kaufen.“

Bist du verrückt. Ich kauf‘ doch keine Eier vom Ökobauern, um sie dann mit Lebensmittelfarbe zu vergiften. Denkst du eigentlich auch mal an unsere Kinder?“

Natürlich. Deswegen frage ich doch, ob wir Ostern traditionell begehen wollen.“

Ach, Traditionen sind mir doch schnuppe“, erwiderte sie.

Wir können ja auch Schokoeier nehmen“, schlug er vor.

Aber nur, wenn sie aus Fair-Trade-Kakaobohnen hergestellt wurden. Und nicht so viele. Du weißt doch, dass Lisa-Evelyn gerade eine Laktose-Intoleranz entwickelt.“

Ja, doch!“, antwortete er. Ich frage mich, wann ich eine Intoleranz gegen dich entwickele?, dachte er bei sich.

Und an was für traditionelle Dinge hast du sonst noch gedacht?“, fragte sie.

Wir könnten zum Osterfeuer am Samstag gehen“, schlug er vor.

Osterfeuer!“ Sie musterte ihn mit einem mitleidigen Blick. „Hast du denn gar nichts gelernt?“

Warum?“

Warum? Ein solches Feuer ist doch ökologischer Wahnsinn!“, ereiferte sie sich. „Hast du dir mal überlegt, wieviel CO2 durch so ein Feuer freigesetzt wird? Und dass alles nur zu unserem Vergnügen? Abgesehen vom Rauch und der Asche, die dabei in die Luft geblasen wird. Das erhöht doch nur die Feinstaub-Belastung.“

Sie schüttelte den Kopf. „Manchmal hab ich echt das Gefühl, dass du nur rücksichtslos auf dein Vergnügen aus bist.“

Können wir denn wenigstens den Ginster im Garten österlich schmücken?“, fragte er kleinlaut.

Klar!“, antwortete die schnippisch. „Womöglich noch mit Plastikeiern, die von irgend so einem Chemiekonzern unter einer erschütternden Ökobilanz hergestellt werden.“

Kommt gar nicht in Frage!“, sagte sie nach einer kurzen Pause.

Tja, so wie es scheint, wird’s bei dieser Familie ein trostloses Osterfest – aber immerhin CO2-neutral.

Also da bin ich doch lieber von der traditionellen Sorte. Ich hab für meine Kinder Plastikeier in irgendeinen Strauch gehängt und Eier mit Lebensmittelfarbe „vergiftet“. Sie haben es trotzdem überlebt. Und auch die Feinstaub-Belastung beim Osterfeuer hat ihre Entwicklung nicht beeinträchtigt. Dafür haben sie sich auf das Osterfest gefreut, nicht nur wegen der damit einhergehenden Ferien.

Zum Ausgleich verzichte ich auf das Tanken von E10. Für den Tankinhalt unseres Autos wird kein Regenwald auf Borneo gerodet, was ich jetzt auch irgendwie total ökologisch finde.