Archive for the 'Gesellschaft' Category

Vater-Sohn-Gespräch

Dezember 4, 2017

Neulich saß Jesus auf einer Wolke. Mit trüben Blick starrte er hinunter auf die Erde. Er seufzte.

Mein Sohn!“, hallte eine Stimme durch das Firmament. „Was bist du so traurig?“

Ach Vater“, antwortete Jesus, „in wenigen Tagen habe ich Geburtstag.“

Aber ist das nicht ein Grund zur Freude?“, fragte Gott. „Auch die Menschen freuen sich auf deinen Geburtstag und feiern ihn.“

Die freuen sich nicht auf meinen Geburtstag“, antwortete Jesus verbittert. „Für die meisten Menschen ist das Weihnachtsfest doch nur Kommerz. Und wehe die Geschenke sind nicht ausreichend. Wer geht denn noch in die Kirche?“

Na, ein paar sind es ja noch.“

Ho, ho, ho! Hat da jemand von Geschenken gesprochen?“

Klappe, Claus!“, riefen Jesus und Gott wie aus einem Mund.

Die Weihnachtszeit sollte eine Zeit der inneren Einkehr und Besinnlichkeit sein“, beschwerte sich Jesus. „Und was machen die Menschen stattdessen? Liegen ausgekotzt und besinnungslos am Glühweinstand.“

Mal ehrlich, Sohn: Was hast du erwartet?“

Hab ich den Menschen nicht meine Lehren mit auf den Weg gegeben? Meine Jünger sind in die ganze Welt gezogen und haben meine Geschichte erzählt. – Und es hat funktioniert!“

Eine Zeit lang. Und jetzt? Ich hab’s dir damals gesagt: Mit Glaube, Liebe, Hoffnung, ziehst du eines Tages keine Wurst mehr vom Teller. Ich hab es dir gesagt!“

Ja, Vater!“, entgegnete Jesus genervt.

Und dass du dich damals für dieses Pack ans Kreuz hast nageln lassen, war eine Schnapsidee!“

Vater!“ Empört schaute Jesus auf. „Es sind deine Geschöpfe!“

Eben. Ich kenne die Menschen 4000 Jahre länger als du. Ich habe sie gemacht – nach meinem Ebenbild. Ich weiß, wie sie ticken.“

Ja, ja. Jetzt kommt wieder die alte Leier: Hör auf deinen Vater! Bla, bla, bla!“

Richtig, mein Sohn! Hättest du damals auf mich gehört, hättest du eine schöne Zeit auf der Erde gehabt, ein paar Prophezeiungen und Wunder raus gehauen, und gut wär’s gewesen. Aber nein, du dachtest ja, mit 30 Jahren bist du klüger als der Herr Papa. Warum hast du nichts mit Maria Magdalena angefangen? War doch eine tolle Frau.“

Die Menschen sind mir gefolgt. Sie haben meine Geschichte aufgeschrieben. Ihren Glauben an Gott erneuert. Ist das nichts?“

Und?“, fragte Gott zynisch. „Wie lange hat es gehalten?“

Was wäre denn deine Alternative gewesen?“, fragte Jesus schnippisch.

Eine zweite Sintflut, zum Beispiel?“

Natürlich. Was man nicht mehr braucht, einfach wegspülen.“

Hat doch beim ersten Mal wunderbar funktioniert. Noah und seine Nachkommen hatten wieder Respekt vor mir. Sie wussten: Wenn du nicht gehorchst, ist Schluss mit lustig.“

Aber das geht doch jetzt nicht mehr. Du bist zwar der Allmächtige, aber auch der liebe Gott. Du kannst nicht mehr alles wegspülen, was dir nicht gefällt.“

Kann ich nicht? Pass mal auf!“ Gott hob seine Hände.

Vater! Bitte!“, rief Jesus.

Ist ja gut“, sagte Gott beschwichtigend. „Ich mach es nicht noch einmal – obwohl ich es könnte!“

Eine Zeit lang herrschte Schweigen im Firmament.

Und?“, fragte Gott nach einer Weile, „was willst du jetzt unternehmen, mein Sohn?“

Jesus stützte die Ellbogen auf die Knie und legte seinen Kopf auf die Hände.

Ich weiß es auch nicht, Vater“, seufzte er.

Dann geh hinunter in die Häuser, in denen man noch an dich glaubt. Genieße die Ehre und feiere deinen Geburtstag. Vielleicht ist es ja auch der letzte.“

Aber du versprichst mir, nicht wieder alles wegzuspülen?“

Mein Ehrenwort, Sohn! Inzwischen sind die Menschen viel geschickter geworden, was Vernichtung angeht. Schau dir den blonden Irren in Amerika an, oder seinen kleinen dicken Gegenspieler aus Nordkorea. Die werden es schon richten. Außerdem gibt es ja noch andere Verrückte da unten.“

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Neulich bei Bares für Rares

Oktober 3, 2017

Herbert Meier ist auf dem Weg zum Puhlheimer Walzwerk, um den Händlern ein echtes Kleinod deutscher Kulturgeschichte anzubieten. Doch vor die Händler hat der Regisseur die Vorsprache bei den Experten gesetzt, die bewerten sollen, was das Feilgebotene Wert ist.

Oh, da haben wir ja einen neuen Kandidaten. Mein Name ist Horst Lichter. Und wie darf ich Sie nennen?“

Meier. Herbert Meier. Für Sie Herr Meier!“

Na, ja. Ich bin immer noch der Horst. Und Sie haben uns da ja was ganz tolles mitgebracht. So etwas sieht man heutzutage kaum noch.

Mein lieber Sven, was kannst du uns denn zu diesem Stück sagen?“

Sven pustet die Backen auf. „Schwierig!“

Wo haben Sie das überhaupt her, wenn ich fragen darf?“, wendet sich Horst wieder an Herrn Meier.

Von meinem Vater.“

Aha, also quasi ein Familien-Erbstück. Und der hat es wahrscheinlich von seinem Vater, oder?“

Da geh ich mal von aus – ja.“

Sven, nun sag doch auch mal was“, spricht Horst den Experten an.

Na ja, also ich würde es auf die späten 50er, frühe 60er Jahre datieren. Es hat aber auch Elemente aus einer noch früheren Zeit“, antwortet Sven.

Und was ist es wert?“, fragt Horst.

Früher gab es das ja fast überall. Da hätte man dafür nichts bekommen. Aber heute kommt es so selten vor. Da würde ich sagen: das ist unbezahlbar!“

Unbezahlbar?“, staunt Horst. „Das nenn ich mal eine Herausforderung für unsere Händler.“

Er zückt das Händlerkärtchen und reicht es Herrn Meier.

Da vorne geht es zum Händlerraum. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Meier.“

Wenig später im Händlerraum.

Ein interessantes Stück haben Sie uns da mitgebracht“, sagt Wolfgang und schaut in die Runde. „Wer will anfangen?“

Tu mich den Prügel mal rüber. Ich muss mir das mal angucken“, sagt Walter.

Er schaut über den Rand seiner Brille. „Braucht heute kein Mensch mehr. Aber ich sage mal achtzisch Euro.“

Ich biete Ihnen zwoahundertfuffzige“, sagt Ludwig von der anderen Seite des Tisches.

Susanne, was sagst du?“, fragt Wolfgang.

Ich kaufe nur Schmuck“, antwortet sie.

Fabian, was ist mit dir?“, fragt Wolfgang zur anderen Seite.

Ich steh zwar auf Antikes, aber ich glaube, das passt nicht in mein Schloss. Ich bin raus.“

Walter? Sagst du noch was?“

Mit Zwohundertfuffzisch ist das Teil schon mehr als gut bezahlt. Ich bin raus.“

Verkaufen Sie es dem Ludwig für Zweihunderfünfzig?“, fragt Wolfgang den Anbieter.

Was ist denn mit Ihnen?“, fragt Herr Meier zurück.

Ich?“ Wolfgang schüttelt den Kopf. „Da muss ich passen. Wenn ich mir das zulege, bin ich als Händler und Auktionator ruiniert. Ich kaufe es auf keinen Fall!“

Plötzlich betritt Horst Lichter den Raum. „Na, meine Lieben? Wo stehen wir denn?“

Der Ludwig hat Zweihundertfünfzig Euro geboten“, sagt Wolfgang.

Du lieber Himmel“, sagt Horst erschrocken. „Da hat unser Experte aber einiges mehr an Wert genannt. Bedenkt doch bitte, dass man so etwas heutzutage kaum noch bekommt.“

Du musst aber auch bedenken“, sagt Walter, „dass das kein Mensch mehr braucht.“

Aber das gibt es doch nicht. Es wird da draußen noch ein paar Menschen geben, die das haben, und auch ein paar, die das noch haben wollen.“

Horst, du bist nen Träumer“, entgegnet Walter. „Kein Mensch da draußen will noch Anstand haben. Damit kommste doch nicht vorwärts.“

Stammtisch-Experten zur Wahl

September 4, 2017

Was meinst du? Macht Sie‘s nochmal?“

Wer?“

Na, Mutti!“

Was soll deine Mutter nochmal machen? Pfannkuchen? Bratkartoffeln?“

Doch nicht meine Mutter – die Merkel!“

Ach, so! Die! – Was soll die nochmal machen?“

Na, ob sie die Wahl gewinnt?“

Was für eine Wahl?“

Mensch, die Bundestagswahl. Du bist heute aber schwer von Begriff!“

Dann wäre sie ja an der Regierung. Ob das so toll ist?“

Ist sie doch jetzt auch, Mann!“

Echt?“

Vor Jahren gab es mal eine Umfrage, in der 70% Prozent der Befragten die Merkel toll fanden. In der gleichen Umfrage waren 70% von der Arbeit der Regierung enttäuscht. Wahrscheinlich waren es die gleichen 70% der Befragten. Die haben die Merkel gar nicht mit der Regierung in Verbindung gebracht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das heute noch der Fall ist.

Na, klar. Die hat uns doch das alles eingebrockt. Die Flüchtlinge, und Europa und so weiter.“

Alter, Europa haben wir doch schon länger. Aber abgesehen davon, wer soll‘s denn machen?“

Wie wär‘s mit dem Schulz?“

Der von der SPD?“

Genau! Vielleicht ändert sich dann was.“

Ich hab zwar nicht viel Ahnung von Politik, aber mit dem wird es auch nicht besser.“

Wieso?“

Überlege doch mal. Die SPD hat den vor Jahren nach Europa entsorgt. Dann haben sie ihn zurückgeholt, damit er die Partei rettet. Und was ist passiert?“

Na, ja. Steht nicht gerade zum Besten mit denen.“

Siehste! Da könnte man auch den Middelhoff aus dem Knast holen, damit er den Bau vom BER-Flughafen vorantreibt.“

Der Vergleich hinkt aber.“

Na, und? Lass ihn hinken. Ist doch eigentlich auch egal, was man wählt. Kommt doch am Ende immer das gleiche bei raus. Auf uns kleine Leute hört man sowieso nicht.“

Hey, jetzt hörst du dich an wie ein AfD-Wähler.“

Noch so‘n Spruch – Kieferbruch!“

Was willst du denn sonst wählen?“

Gegenfrage: Würdest du Boris Becker fragen, ob er deine Finanzen verwaltet?“

Was hat das denn nun wieder mit der Wahl zu tun? Außerdem hab ich nichts auf der hohen Kante.“

Eben. Aber wenn du sagst, die Mutti hat uns das alles eingebrockt, dann kannst du doch nicht die Partei wählen, die jetzt an der ganze Misere beteiligt ist. Oder?“

Aber wen soll man wählen, die Grünen vielleicht!“

Nur über die Leiche meines Diesel, Alter.“

Hä?“

Willst du dir so einen Elektro-Hobel zulegen? Alle 300 Kilometer an die Steckdose?“

Aber wenn es doch der Umwelt hilft …“

Ich mag zwar von Politik keine Ahnung haben, aber in Physik hab ich damals aufgepasst. Wo soll denn der ganze Strom herkommen?“

Na, zum Beispiel aus Solarenergie.“

Klar – weil hier auch so oft die Sonne scheint.“

Windenergie?“

Und wenn kein Wind weht, bleiben wir alle zu Hause, oder was?“

Das wäre toll …“

Spinner! Komm, lass uns jetzt noch ein Bier wählen. Pils oder Export?“

Du kannst aber auch schwierige Fragen stellen.“

Wieso ich? Du hast doch damit angefangen.“

Omas Topflappen mit Pommes

August 4, 2017

Es ist allgemein bekannt, dass die EU-Kommission unermüdlich auf der Suche nach Möglichkeiten ist, unser aller Leben zu verbessern, bequemer zu machen und vor allem gesünder zu gestalten.

So bescherte sie uns schon vor einigen Jahren mit einem umweltfreundlichen Licht, das keine Energie in Wärme verschwendet. Gut, dass Quecksilber in den neuen Lampen ist hochgradig giftig, aber Sie sollen die ja auch nicht essen.

In diesem Jahr greift dann auch endlich die Verbrauchsobergrenze für Staubsauger. Ihre Wohnung wird mit den neuen Geräten zwar nicht sauber, aber immerhin fühlt sich Ihr Nachbar durch Ihre Hausarbeit nicht mehr so belästigt, was das Verhältnis zu ihm wesentlich entlasten dürfte.

Fast unbemerkt blieb der letzte Eingriff in die europäischen Haushalte: die Verbannung von Omas Topflappen.

Wer hat sie nicht, diese schön gehäkelten Stoffquadrate, mit denen uns Oma jahrein jahraus eine Freude machte?

Aber damit ist jetzt Schluss! Der Topflappen unterliegt nunmehr einer EU-Norm. Größe, Form und Hitzebeständigkeit sind genauestens vorgegeben, damit man sich nicht mehr die Flossen verbrennt, wenn man die Pizza aus dem Ofen holt.

Pech für Oma, muss sie sich halt ein anderes Hobby suchen.

Und es geht weiter. Vor wenigen Wochen veröffentlichte die EU-Kommission ein 21-seitiges Papier, das sich mit der korrekten Zubereitung von Pommes Frites beschäftigt. Sie schreiben die Kartoffelsorten vor, bei welcher Temperatur Tiefkühl- oder frische Pommes gebacken werden sollen. Und natürlich auch, wie lange die Kartoffelstäbchen im heißen Fett bleiben dürfen.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Menschen, für die Kartoffeln schälen und würfeln ein und der selbe Arbeitsgang ist, befinden darüber, wie gesunde Pommes zubereitet werden müssen.

Und warum? Weil der EU-Kommission unsere Gesundheit am Herzen liegt. Pommes, vor allem wenn sie zu knusprig sind, können Krebs verursachen. Also nicht die Pommes selbst, sondern das Acrylamid, welches beim Backen im heißen Fett entsteht.

Es ist zwar nachweislich noch kein Mensch durch Acrylamide an Krebs erkrankt, aber bei Laborratten hat es funktioniert. Denen hat man jeden Tag ihr eigenes Körpergewicht an Kartoffel-Chips zu fressen gegeben. Und siehe: Bei einigen Tieren bildete sich ein Karzinom.

Ich erwähnte es schon an anderer Stelle: Wenn Sie täglich ihr eigenes Körpergewicht an Pommes oder Chips zu sich nehmen, dann haben Sie ein gesundheitliches Problem. Das wird Ihnen auch Ihr Hausarzt bestätigen. Aber wenn es Sie beruhigt: Krebs wird es vermutlich nicht sein!

Was soll also diese neue Vorschrift? Wie schon erwähnt soll auch sie unsere Lebensqualität steigern. Gut, labberige Pommes sind nicht gerade ein Genuss, werden Sie sagen. Aber da denken Sie einfach zu kurz.

Die Steigerung der Lebensqualität erfolgt erst im nächsten Schritt. Der Imbiss, der zukünftig Pommes nach EU-Norm anbietet, wird sie leider nicht verkaufen, denn labberige Pommes sind nicht nur kein Genuss sonder einfach ekelig.

Infolgedessen bleiben die Kunden weg. Wer will schon weiche Pommes essen, wenn er nicht Engländer ist? Der Imbiss geht pleite und muss schließen.

Jetzt ist die Steigerung der Lebensqualität erreicht – für die Nachbarn, die bis dato ständig den Geruch von verbranntem Fett in den Gardinen hatten. Endlich wieder das Fenster öffnen und frei durchatmen zu können, ist doch einfach toll. Auch der Ehemann der Pommesbuden-Angestellten wird sich freuen, dass seine Frau nicht mehr nach Currywurst und Schaschlik riecht.

Na gut, werden Sie denken, wenn es dann den Imbiss nicht mehr gibt, mach ich mir die Pommes halt im Backofen.

Doch auch da steckt der Teufel im Detail.

Stellen Sie sich vor, sie haben Besuch. Die Pommes brutzeln im Ofen. Sie sind gerade dabei, den Tisch zu decken, haben alle Hände voll, und plötzlich steigt Ihnen der Geruch von Verbranntem in die Nase. Natürlich wollen Sie jetzt nicht das gute Geschirr aus den Händen gleiten lassen und bitten Ihren Besuch, schnell die Pommes aus dem Ofen zu ziehen. Der greift zu Omas Topflappen, den Sie als gesetzestreuer Bürger natürlich nur noch zu Deko-Zwecken in der Küche hängen haben, und verbrennt sich am heißen Backblech die Flossen.

Gott sei Dank haben Sie eine gute Haftpflicht.

Wie bitte? Haben Sie nicht? Keine Sorge, ich denke die EU-Kommission wird uns auch irgendwann vorschreiben, welche Versicherungen wir abzuschließen haben.

Reformen? – Bitte politisch korrekt!

Februar 6, 2017

Herr Müller, Sie sind Mitglied des Verkehrsausschusses des Bundestages, der heute umfassende Reformen des Verkehrsrechts beschlossen hat. Auf was dürfen wir uns als Autofahrer einstellen?“

Wie Sie vielleicht wissen stammt unser heutiges Verkehrsrecht aus einer Zeit, in der wir – sagen wir mal – noch kein so großes Geschichtsbewusstsein wie heute hatten. Wir sind daher zu dem Schluss gekommen, dass bestimmte Grundsätze neu beziehungsweise moderner gestaltet werden müssen.“

Und was bedeutet das im Einzelnen?“

Nun zum einen möchten wir natürlich auf die Eigenverantwortung des Verkehrsteilnehmers hinaus. Er soll in bestimmten Fällen selbst entscheiden, wie er sich verhält.“

Und Sie glauben, dass das gut ist? Die Regelungen sind doch dazu da, Gefahren zu minimieren.“

Das ist richtig. Aber wir sollten darauf vertrauen, dass die Verkehrsteilnehmer auf sich selbst achten.“

Welche Regel wollen Sie beispielsweise ändern?“

Als erstes werden wir die Vorfahrtregel ,Rechts vor Links‘ streichen.“

Also sollen alle Kreuzungen zukünftig beschildert werden?“

Um Gottes Willen, nein. Das ist doch viel zu teuer. Wie wollen Sie das dem Steuerzahler und vor allem Herrn Schäuble vermitteln? Ich sagte doch: Der Verkehrsteilnehmer soll selbst entscheiden.“

Und was passiert, wenn jemand im Vertrauen auf die anderen in so eine Kreuzung hineinfährt und dann von einem BMW-Fahrer von der Straße gefegt wird?“

Haben Sie was gegen BMW-Fahrer?“

Nicht grundsätzlich. Aber wer zahlt den Schaden?“

Na der, der nicht aufgepasst hat.“

Also der BMW-Fahrer!“

Sie haben doch was gegen diese Leute, oder?“

Nein, natürlich nicht. Aber ich finde, dass die Rechts-vor-Links-Regel ganz hilfreich in solchen Fällen ist.“

Wissen Sie eigentlich, was Sie da sagen?“

Äh, wieso?“

Sie können doch in der heutigen Zeit nicht mehr rechts bevorzugen! Wie sieht das denn aus? Überlegen Sie, was sie vor allem unseren jungen Mitbürger mit dieser Aussage vermitteln: Rechts geht vor!“

Dass es unter bestimmten Umständen Regeln geben muss, an die man sich halten sollte?“

Ja, Regeln müssen unter bestimmten Umständen sein, aber bitte politisch korrekt abgefasst. Keine Richtung – vor allem nicht die!“

Dann hätten Sie die Regel ja auch in Links-vor-Rechts umändern können. Oder wir steigen ganz auf den Linksverkehr um – wie in Großbritannien.“

Damit geben Sie der anderen Richtung den Vorzug. Das wollen wir gerade nicht.“

Links ist doch in der heutigen Zeit nicht verkehrt.“

Heute schon. Aber was ist morgen? Was wenn sich der Trend verändert? Plötzlich ist die Mitte das Maß aller Dinge. Was dann? Nein, wir wollen schon zukunftsweisend mit unseren Änderungen sein.“

Also auf keinen Fall festlegen – ganz so, wie sich der Trend in der Politik abzeichnet.“

Richtig! Die letzten Jahre haben gezeigt, dass es funktioniert.“

Verstehe! Haben Sie noch weitere Änderungen beschlossen?“

In der Tat wollen wir uns auch von alten Begrifflichkeiten, wie etwa dem Fahrzeugführer verabschieden. Führer! Das hatten wir mal – und es ging nicht gut! Fahrzeuglenker trifft es genauso, ist aber nicht negativ belastet.“

Und was ist mit dem Führerschein?“

Der fällt selbstverständlich der Reform zum Opfer. Der Verkehrsteilnehmer erwirbt zukünftig einen Kraftfahrzeug-Lenker-Berechtigungs-Nachweis!“

Mein Gott! Geht das auch kürzer?“

Natürlich: KraftfahrLenkBeNa!“

Hä???“

Genial, oder? KraftfahrLenkBeNa. Auf so etwas kommt kein normal denkender Mensch.“

Touroristen

November 10, 2016

Es ist Herbst. Draußen ist es trübe, nass und kalt, da möchte man sich am liebsten auf’s Sofa kuscheln. Oder man fliegt in den Süden, dahin wo die Sonne scheint.

Da uns Sultan Recep inzwischen ein wenig suspekt geworden ist und wir auch mit ägyptischen oder tunesischen Fünf-Sterne-Auffanglagern nichts anfangen können, zieht es uns immer wieder auf die Kanarischen Inseln. Dort ist die Welt noch in Ordnung – also fast.

Auf manchen Inseln trifft man leider Menschen, denen man nicht begegnen will. Viele von denen zeichnen sich durch eine Hautfarbe, die an gegrillte Garnelen erinnert, aus, sind laut, das auch noch auf englisch und ähneln im Blutalkoholgehalt einem polnische Trucker zur Frühstückspause. Solche Typen braucht kein Mensch, aber leider trifft man sie auf fast jeder Strandpromenade.

Nicht am Strand zu treffen, dafür häufiger in den Hotelanlagen ist die sogenannte russische Buffet-Fräse. Mit mehreren Tellern bewaffnet pflügt sie sich nach dem Prinzip „Verbrannte Erde“ durch die verschiedenen Speisenangebote, um schließlich mehr als die Hälfte der aufgehäuften Nahrungsmassen dem Abfall zu überantworten.

Sieht man vom gewöhnlichen Ballermannianer ab, ist der Deutsche natürlich anders: Höflich, zurückhaltend (vor allem beim Trinkgeld) und der nicht zu erschütternden Meinung, überall gern gesehen zu sein.

Vor einiger Zeit traf meine Frau auf Gran Canaria einen älteren Herrn, der so begeistert von der Insel ist, dass er schon seit 22 Jahren dort seinen Urlaub verbringt. Die Einheimischen, schwärmt er, seien so höflich und zuvorkommend. Und dazu noch absolut entspannt.

Kurz darauf betrat er mit seiner Angetrauten ein Restaurant, fläzte sich an einen Tisch und rief lautstark der Bedienung zu: „Zwei Bier!“

Tatsächlich erschien kurz darauf die Kellnerin und stellte ihm lächelnd zwei Gläser auf den Tisch, obwohl sie den Inhalt – das sagten zumindest ihre Augen – ihm am liebsten über’s Chemisett kippen würde.

Dass sie es nicht tat, mag allein dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass der Spanier an sich nur eines mehr fürchtet als seine eigene Bürokratie: den deutschen Rechtsanwalt. Der Kontakt sowohl zu der einen als auch zu dem anderen ist meist schmerzlich teuer.

Aber vielleicht war es ja auch Respekt. Respekt vor einer Person, die 22 Jahre an ein und demselben Ort Urlaub macht und sich konsequent dem Erlernen der Landessprache verweigert hat. Nach 22 Jahren nicht einmal den einfachen Satz: „Buenas dias! Dos Cervesas, por favor!“ herauszubringen, das ist schon eine Leistung, eines Deutschen würdig und nicht zu toppen.

Oder doch?

Bei unserem letzten Urlaub auf La Gomera trafen wir auf Türkei-Flüchtlinge, also Touristen, die aufgrund der angespannten Lage am Bosporus notgedrungen ihren All-In-Palast verlassen haben. Da hörte man schon mal so Sätze wie: „Das ist ja schön hier, aber alles so antik. Na ja, für die Einheimischen hier reicht das ja.“

Na klar! Für die Einheimischen reicht das. Die sollen doch froh sein, dass sie uns deutsche Touristen haben. Wir bringen ja auch Geld auf die Insel. Der deutsche Euro ist bestimmt auch mehr wert als der spanische!?!

Am Abend schaffte es einer dieser Menschen, das Ganze auf die Spitze zu treiben. Wir saßen in einem Restaurant. Es war viel Betrieb und die Kellnerinnen hatten ordentlich zu tun. Am Nebentisch hatte jemand Vor- und Hauptspeise bestellt, und wie es der Teufel so wollte: Beides kam gleichzeitig an den Tisch. Das sollte nicht sein, kann aber im Eifer des Gefechts vorkommen.

Doch der Tourist hatte kein Verständnis dafür und fing auch gleich an zu schimpfen. Eine deutschsprachige Kellnerin versuchte zu beschwichtigen und bot ihm auch an, die Kollegin, die bei ihm serviert hatte, an den Tisch zu holen.

Das war zuviel für den Touroristen. Er rief: „Was soll ich denn mit der reden? Die kann ja noch nicht mal deutsch!“

Ein Trauma! Da sitzt man auf einer kleinen spanischen Insel, auf der einige Menschen leben, die noch nicht mal deutsch können. Würden Sie da Urlaub machen? Nein? Na, Gott sei Dank!, denkt sich der Spanier.

Übrigens: Sollten Sie in diesem Text Vorurteile finden, dürfen Sie die gerne behalten. Da bin ich großzügiger als beim Trinkgeld!

Du hast die Wahl

August 29, 2016

Am Sonntag, dem 11. 09. 2016, ist es wieder so weit: Jeder Niedersachse im wahlfähigen Alter ist aufgefordert, sein Kreuzchen auf einen Zettel zu machen und diesen dann in einer Urne zu versenken.

Vielen geht es dabei wie den beiden Fischen, die sich irgendwo im Meer treffen. Da fragt der Walfisch den Thunfisch: „Was soll ich tun, Fisch?“ Und der Thunfisch sagt zum Walfisch: „Du hast die Wahl, Fisch!“

Mancher wird sich sagen: „Es ist ja nur eine Kommunalwahl.“ Aber so einfach ist das nicht. Bei einer Landtagswahl kann man als eingefleischter CDU-Wähler auch weiterhin seine Partei wählen. Bei der Bundestagswahl ist es sogar noch einfacher: Egal, wie man sein Kreuz setzt, es wird sowieso die Mutti aus der Uckermark.

Bei unseren Kommunalpolitikern ist das jedoch etwas anderes. Sie unterliegen nicht unbedingt den Zwängen ihrer Partei. Und so wird aus einem CDU-Mann plötzlich ein Linker und aus einem grünen Bürgermeister ein akzeptabler Linksaußen der CDU. Man will ja schließlich nur das beste für seinen Ort.

Und diesmal hat auch die FDP erkannt: „Deutschland wird vor Ort entschieden!“ Als ob die FDP in der Lage wäre, Entscheidungen mitzugestalten. Erinnern Sie sich noch an diesen Splitterverein? Da war mal was, ja. Doch das ist lange her.

Damit wir uns entscheiden können, haben die Parteien, die sich zur Wahl stellen, natürlich weder Kosten noch Mühen gescheut, um uns über ihre Programme und Planungen aufzuklären. In erster Linie erfolgt das über Plakate. Schon Loriot wusste: „Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“

So lächeln uns von diesen Plakaten Menschen an, denen wir das Schicksal unserer schönen Stadt in die Hände legen sollen, aber jederzeit den Zutritt zu unserer Wohnung verwehren würden. Verrückt!

Genauso verrückt wie so mancher Slogan, der uns von den Plakaten entgegenschlägt. So wird zum Beispiel eine Alternativ-Partei in Langenhagen mit „Wir sind gegen die Arroganz des Rates!“ Okay. Das kann ich akzeptieren. So mancher Ratsherr kommt einem tatsächlich etwas überheblich daher. Aber der Spruch geht noch weiter. Man ist nicht nur gegen die Arroganz des Rates sondern auch gegen „die Ignoranz des Bürgerwillens!“

So, so! Die geneigten Damen und Herren dieser Partei halten mich also für ignorant und wollen trotzdem, dass ich sie wähle? Was wollen die gegen meine Ignoranz unternehmen? Mich zu Ratssitzungen zwingen? Unter Polizeibegleitung in den Ratssaal führen? Oder meinen die doch etwas anderes, sind aber des Deutschen nicht so ganz mächtig? Man weiß es nicht. Aber auch diese Partei wird ihre Wähler haben.

So reiht sich derzeit Slogan an Slogan. Der eine oder andere ringt mir dann auch ein Lächeln ab. Neulich wurde es allerdings gefährlich. Man kann ja gar nicht umhin, als ständig auf irgendwelche Plakate zu schauen. Sie ziehen die Blicke magisch an.

Neulich fuhr ich an einem Wahlplakat der Piraten vorbei. Da stand drauf: „Für mehr Fachkompetenz in der Kommunalpolitik!“ Meine Gedanken reisten zurück in jenes Jahr, als die Fraktion der Piraten im Rat der Stadt Berlin allen Ernstes die kleine Anfrage startete, inwieweit die Stadt auf eine Zombie-Apokalypse vorbereitet sei. Da fragte ich mich: „Welche fachliche Kompetenz ist da gemeint? Okay. Politik kann manchmal der reine Horror sein, aber so?“

Am Ende war es nur der Aufmerksamkeit und des wilden Hupens eines anderen Verkehrsteilnehmers zu verdanken, dass ich keinen Unfall gebaut habe. Aber ich war dem Bordstein schon verdammt nahe gekommen. Auf einer stark befahrenen Straße sollte man vielleicht doch das plakatieren verbieten.

Wie dem auch sei, es ist mal wieder spannend in den Städten. Nicht nur plakat-mäßig. Info-Stände schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Wer also immer noch nicht weiß, wen oder was er wählen soll, kann sich da informieren. Vielleicht wird ihm ja geholfen.

Zum Schluss noch ein kleiner Tipp: Auch wenn Ihnen diese Wahl wieder mal auf die Nerven geht, gehen Sie trotzdem hin. Denn nur wer wählt, darf sich auch über die Politiker, die er nicht gewählt hat, beschweren – meinetwegen auch über die, denen er seine Stimme gegeben hat.

Eine Stadt im Taumel

Juni 20, 2016

Es war einmal ein nubischer Prinz, der nicht müde wurde, die Errungenschaften seines zivilisierten Reiches in alle Welt zu tragen, auf dass es den Menschen besser ergehe. Und so bestieg er eines schönen Tages seinen fliegenden Teppich um einer fernen Provinz und seiner holden Herrscherin seine Aufwartung zu machen.

Die Prinzessin aus der Provinz, nicht weniger müde anderen zu gefallen, versammelte ihrerseits sämtliche Gelehrten ihres Landes und anderer Reiche um sich, um den Nubier gebührend zu empfangen und mit allerlei Ausgeklügeltem zu beeindrucken.

Als der Prinz dann seinen Teppich in der fernen Provinz zu Boden gleiten ließ, jubelte das Volk ihm zu und alle waren glücklich.“

So oder ähnlich müsste es klingen, hätte Wilhelm Hauff die Ereignisse beschrieben, die sich kürzlich in unserer beschaulichen Landeshauptstadt Hannover abgespielt haben. Barack Obama, die am besten geschützte Person der Welt, gab sich ein Stelldichein, um mit Mutti die Industrie-Messe zu eröffnen.

Na ja, holde Prinzessin ist in diesem Rahmen vielleicht übertrieben, aber den nubischen Prinzen kann man Barack durchaus abkaufen.

Und die Stadt war im Taumel, die einen bekamen sich vor Begeisterung nicht mehr ein, andere waren der Ohnmacht nahe. Wie sollte man das nur bewerkstelligen? Schon Monate vorher traten die ersten Planungsstäbe zusammen. Hinter verschlossenen Türen machte man sich Gedanken, wie diesem Ereignis zu begegnen sei. Pläne wurden geschmiedet, wieder verworfen, neu entwickelt, um am Ende vom Secret Service abgelehnt zu werden.

So auch bei der Polizei. Unter den gestrengen Augen des Polizeivizepräsidenten von Hannover, trat der Stab zusammen und begann Einsatzszenarien zu entwerfen, Sperrzonen einzurichten und mehr oder weniger hilfreiche Informationsschreiben für die Bevölkerung zu entwickeln. Das Ganze natürlich so geheim, dass selbst ich, der seinen Dienst im Nebenraum des Stabes versieht, bis zum Tag X nicht mitbekam, was da geplant wurde, obwohl es auch meine Arbeit unmittelbar berührte.

Selbst die BILD-Zeitung benötigte doch mehr als acht Stunden, um in Erfahrung zu bringen, in welchem Hotel El Presidente nun zu nächtigen gedachte.

Apropos Zeitung. Natürlich waren auch die Medien voll von diesem Ereignis. Wochenlang schien es kein anderes Thema in Schrift, Ton und Film zu geben.

Am Ende die Ernüchterung. Zwar gelang es noch vielen Plane-Spottern das heißbegehrte Foto vom Einflug der Airforce One zu ergattern, doch das war’s dann auch. Die heroische Maschine auf einem Provinzflughafen neben einer Baugrube abgeparkt, das Wetter scheiße und das Empfangskomitee angeführt von unserem Ministerpräsidenten in einem schlecht sitzenden alten Mantel. Hat Barack das wirklich verdient? Immerhin gelang ihm beim Aussteigen noch ein Lächeln.

Der Rest war wie immer: Reden, Essen, Fahren, Reden, Essen, Schlafen, wieder Fahren, Reden, Essen und Abflug. So langsam ging es dem Bürger auch auf die Nerven. Man beschwerte sich, dass man nicht weiterkam, weil Strecken oder ganze Areale abgesperrt waren. Aber die Krönung dessen war folgendes Telefonat:

Polizei, Notruf!“

Ja, Meier, guten Tag. Sagen Sie mal, warum fliegen denn hier seit einer halben Stunde Hubschrauber über meinem Garten in Alt-Garbsen. Das nervt so langsam.“

Schauen Sie Nachrichten, Herr Meier?“, fragte ich.

Nein! Warum?“

Barack Obama ist in der Stadt!“

Schweigen

Wer?????“

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama eröffnet heute die Industrie-Messe Hannover. Und er hält sich gerade in Ihrer Nähe auf. Deswegen die Hubschrauber.“

Aber da hätte man mich ja mal informieren können.“

Herr Meier, seit Wochen berichten die Medien über nichts anderes. Wenn Sie das nicht mitbekommen, kann ich Ihnen leider auch nicht helfen.“

Was hatte er sich vorgestellt? Dass 1000 Polizisten Tage vorher durch die Stadt stromern und bei jedem Klingeln, um ihn zu informieren.

Okay, vielleicht beim nächsten Mal. Dann ist es ja auch nicht mehr Obama sondern eventuell Trump. Da könnte es sogar sinnvoll sein, jeden zu warnen.

Heinz, der Straßenfeger

Februar 29, 2016

Es war einmal ein Straßenfeger, der hieß Heinz. Seine Aufgabe war es, bei einem großen Wohnblock in der Stadt die Gehwege und Innenhöfe sauber zu halten. Heinz machte seine Arbeit gern. Jeden Morgen begann er zur gleichen Zeit. Die Bewohner freuten sich, dass es Heinz gab. Sie begrüßten ihn immer wieder freundlich, und wenn sie Zeit hatten, hielten sie noch einen kleinen Plausch mit ihm.

Doch mit der Zeit wechselten die Bewohner des Blocks und damit änderten sich auch Gewohnheiten. Ältere Menschen zogen aus, jüngere zogen ein. Menschen mit wenig Zeit, die den ganzen Tag gestresst durch die Gegend liefen und zu Hause ihre Ruhe haben wollten. Auch sie schätzten die Arbeit des Straßenfegers. Wenn da nicht diese eine Kleinigkeit gewesen wäre: Heinz benutzte für seine Arbeit einen alten Reisigbesen, mit dem es ihm möglich war, auch den hartnäckigsten Schmutz aus den Fugen zwischen den Pflastersteinen herauszukehren. Die jüngeren Bewohner störte jedoch das morgendliche Kratzen der Reiser auf dem Pflaster und so gingen sie eines Tages zur Hausverwaltung, um sich darüber zu beschweren.

An einem der nächsten Tage hatte Heinz einen Termin bei der Hausverwaltung und ein Manager erklärte ihm die Situation. „Aber mach dir keine Sorgen, Heinz!“, sagte der er. „Wir haben schon eine Lösung gefunden.“ Mit diesen Worten präsentierte er Heinz einen neuen High-Tech-Besen, mit weichen Borsten, die kein Kratzgeräusch mehr auf dem Pflaster verursachten. „Und dazu haben wir dir auch eine neue Schaufel mit einer Gummi-Lippe gekauft. Auch sie ist extrem leise“, sagte der Manager stolz.

Am nächsten Morgen begann Heinz mit neuem Equipment seine Arbeit. Leider waren die Borsten des Besens sehr weich, so dass er länger brauchte, um den Schmutz aus den Fugen zu fegen und auch die neue Schaufel hatte ihre Nachteile. Schon bald war die Gummi-Lippe kaputt und eine neue musste beschafft werden.

Natürlich bemerkten die Bewohner irgendwann, dass Heinz nun länger für seine Arbeit brauchte. Sie sparten nicht mit Tipps, wie er effizienter arbeiten könne, schließlich hatten sie schon unzählige Straßenfegerserien und -filme im Fernsehen geschaut. Heinz quittierte die Ratschläge meist mit einem Lächeln und fuhr in seiner Tätigkeit fort.

Irgendwann wurde ein neuer Hausmeister eingestellt. Auch dieser versah seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen. Sein Hauptaugenmerk lag darauf, dass in dem Block alles seinen Vorstellungen von Ordnung entsprach. So geriet auch Heinz irgendwann in den Fokus seiner Aufmerksamkeit.

Dem Hausmeister war aufgefallen, dass Heinz den Dreck, den er von den Wegen kehrte, immer in den gleichen Behälter warf, ohne eine Sortierung vorzunehmen. Das entsprach nicht der Auffassung des Hausmeister und er begann, immer wenn Heinz seine Arbeit beendet hatte, den Dreck zu sortieren. Leider blieb es dabei nicht aus, dass ein Teil des Drecks wieder auf den Boden fiel und vom Wind in alle Richtungen verstreut wurde.

Von den Bemühungen des Hausmeisters bemerkten die Bewohner nichts. Ihnen fiel nur auf, dass es am Abend, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen, wieder dreckig vor ihrem Haus war. Sie beschwerten sich wieder bei der Hausverwaltung, mit dem Hinweis, sich eine neue Verwaltung zu suchen, wenn die alte dies nicht in den Griff bekäme.

Der Manager bestellte Heinz erneut und erklärte ihm die neue Situation. „Leider ist es uns nicht möglich, einen weiteren Straßenfeger einzustellen. Das ist zu teuer. Heinz, du musst nun auch abends noch einmal los und fegen.“

So kam es, dass Heinz von nun an zwei Mal am Tag seiner Arbeit bei dem Wohnblock nachging, um die Bewohner zufrieden zu stellen. Doch dann wurde Heinz stutzig. Immer wieder entdeckte er Sachen, die er entweder am Morgen oder abends zuvor schon einmal aufgekehrt hatte.

Wie konnte das sein? Schnell kam Heinz dahinter, dass nur der neue Hausmeister dafür verantwortlich sein konnte und stellte ihn zur Rede. „Du boykottierst meine Arbeit!“, warf er ihm vor. Das ließ der Hausmeister nicht auf sich sitzen und beschwerte sich bei der Hausverwaltung.

So hatte Heinz den dritten Termin und der Manager warf ihm vor: „Dir als Straßenfeger steht es nicht zu, die Arbeit des Hausmeisters in Frage zu stellen. Tust du dies noch einmal, hat das unweigerlich Konsequenzen für dich!“ Heinz nahm es zur Kenntnis und ging am nächsten Morgen wieder zur Arbeit.

Sie denken, die Geschichte sei an den Haaren herbeigezogen? Machen Sie doch aus dem Straßenfeger einen Polizeibeamten, aus dem Hausmeister vielleicht einen Staatsanwalt … Besser?

Märchen neu bewertet

Oktober 25, 2015

Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass unsere Sprache auf einem harten Prüfstand steht. Nicht nur jede persönliche Aussage wird unter die Lupe genommen, sondern auch vor Jahren geschriebene Texte werden auf neue Befindlichkeiten hin geprüft. In Gesetzestexten musste der Radfahrer der radfahrenden Person weichen, damit es geschlechtsneutral ausgedrückt ist.

Der Papa von Pippi Langstrumpf musste vom Neger- zum Südseekönig umschulen (und ich bitte jetzt nicht um Verzeihung, weil ich das N-wort benutzt habe). Der Negerkuss ist verpönt, das Zigeunerschnitzel aus den Speisekarten verbannt, und Sarotti hat den Mohr entlassen. Seit kurzem ist sogar an stuttgarter Schulen der traditionelle Tagesgruß „Grüß Gott!“ untersagt. Man möchte schließlich keinerlei Gefühle verletzen.

Nur eine Art von Schriftgut ist bislang von diesem Wahn verschont geblieben: das Märchen. Dabei gäbe es doch so viele Ansatzpunkte. Allein Schneewittchen ist schon eine Herausforderung. Ein junges Mädchen wohnt mit sieben Männern zusammen. Ich meine jetzt nicht das, was Sie schon wieder denken, liebe Leserinnen und Leser. Manchmal müssen Sie Ihre Gedanken auch ein wenig zügeln. Kann es denn richtig sein, dass ein so junges Ding, für sieben Männer putzt und kocht, während die nur ihren persönlichen Reichtum im Auge haben? Wo sind die Frauenrechtlerinnen? Da muss man doch gegen angehen!

Neulich konnte ich folgendes Gespräch beim wöchentlichen Pazifisten-Treff belauschen:

Und? Was ist mit dir?“

Peace, Mann. Ich hab gestern meiner Tochter, der Gwendolyn-Shanaia, Hänsel und Gretel vorgelesen.Voll cool!“

Das findest du cool? Dass Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen?“

Naja, okay. Hast ja Recht. Die müsste man eigentlich verklagen. Aber der Hänsel – der ist doch voll ghandi-mäßig.“

Hä?“

Na, wie er so gehungert hat. Um sich und seine Schwester zu retten. Kriegt da immer voll das fette Essen und isst nix, damit der Finger nicht dicker wird. Das ist doch wie bei Mahatma. Hungerstreik als Widerstand, oder?“

Sag mal, hast du gekifft?“

Hätt‘ ich den Joint nicht beim Vorlesen rauchen sollen?“

Die Hexe hat doch nie seinen Finger in der Hand gehabt. Hänsel hat einen Knochen rausgehalten.“

Was? Der hat die Alte beschissen?“

Genau, nix Ghandi! Und außerdem haben die beiden die Hexe am Ende in den Ofen gestoßen. Schreiend verbrannt ist die Dame. Was ist daran noch Ghandi?“

Oh man, vielleicht hätt‘ ich den Joint doch nicht rauchen sollen. Bin auf der Hälfte der Geschichte eingeschlafen.“

Das ist ein nicht zu tolerierender Gewaltexzess. So was kann man doch nicht gut heißen. Und dann liest du das auch noch deiner Tochter vor.“

Okay, okay. Dann lese ich das nächste mal Rotkäppchen vor.“

Bist du von Sinnen?“

Wieso? Das ist doch eine tolle Geschichte, wie sie am Ende die Oma retten.“

Indem der Jäger einem wehrlosen Wolf bei lebendigem Leibe den Bauch aufschlitzt. Also manchmal zweifel ich wirklich an deinem Verstand.“

Na, hätt er halt die Oma nicht fressen sollen, und das Rotkäppchen.“

Hallo? Das war ein Wolf! Ein Tier! Und er hatte Hunger. Tiere sind nun mal so. Dafür darf man sie nicht bestrafen.“

Tja, in dieser Art ging das Gespräch weiter. Zum Schluss bekam ich selbst ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Kindern solche Geschichten vorgelesen hatte. Das war gedankenlos. Wie konnte ich meine Kinder nur solch Grausamkeiten aussetzen? Vielleicht hätte ich bei Dornröschen bleiben sollen. In dieser Geschichte wird wenigsten keiner erschlagen oder aufgeschlitzt. Am Ende wird nur eine Prinzessin wach geküsst.

Allerdings befürchte ich, dass irgendwann eine Feministinnen-Gruppe zu dem Schluss kommen wird, dass der Prinz das Dornröschen nur so liebevoll weckt, weil er mit ihr … wollte. Das wäre dann das aus – auch für Schneewittchen.