Vollmond

September 30, 2019

Es ist Samstag, Mitte September. Noch einmal eine laue Sommernacht, die dazu einlädt, den Abend im freien zu verbringen, mit Freunden zu grillen oder in einem Biergarten zu sitzen. Und es ist Vollmond. Ich habe Nachtdienst in der Notruf-Annahme.

Erfahrungsgemäß ist eine solche Nacht mit allerlei Kuriositäten gespickt. Mal wird man gebeten, die akustische Raumüberwachung aus Bielefeld herunter zu drehen, damit die Kopfschmerzen weggehen, oder ein alter Mann brüllt einem ins Ohr, dass er Anzeige gegen die deutsche Ärzteschaft und die Bundesrepublik Deutschland wegen Freiheitsberaubung erstattet, weil man ihn nicht aus Psychiatrie entlässt.

Dabei beginnt dieser Dienst recht harmlos. Gegen 20 Uhr meldet sich eine Dame, die berichtet, dass sie möglicherweise gerade den Absturz einen Passagierflugzeuges beobachtet habe. „Das ist so steil runter gekommen! Das kann nur abgestürzt sein!“, behauptet sie mit fester Stimme. Ein Anruf beim Flughafen gibt Entwarnung: Es ist nichts passiert.

Nur eine halbe Stunde später meldet sich eine Dame bei mir, die in der südlichen Region Hannover drei abstürzende Asteroiden beobachtet hat. Mein Zögern veranlasst sie sofort zu der schnippischen Bemerkung: „Sie glauben mir wohl nicht!“

Eilig versichere ich ihr, dass ihre Beobachtung durchaus möglich sei.

Und heute morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass eine solche Beobachtung meldepflichtig ist!“, konterte sie.

Wenn das jetzt meldepflichtig ist, denke ich, warum wurde das nicht gebrieft? Was hat die Polizei damit zu tun? Und wo ist eigentlich mein Aluhut?

Okay!“, sage ich. „Ich gebe das sofort an die zuständigen Behörden weiter!“

Nur wer ist zuständig? BKA? BND? Deutsche Flugsicherung oder gar Angela Merkel? Donald Trump? Mir sagt ja in diesem Laden keine Sau was!

Kurz darauf belästigen zwei angetrunkene Spacken ein junges Mädchen in der Fußgängerzone. Natürlich will sie nicht gehen, sie hat schließlich ein Recht darauf, sich in der Fußgängerzone aufzuhalten und es ist meine Aufgabe, ihr das zu ermöglichen. Ja, ne! Is‘ klar!

So muss der Mythos vom Werwolf entstanden sein, schießt es mir durch den Kopf: Ein unrasierter Zottel im Zustand „Verlust der Muttersprache“ steigt im fahlen Schein des Vollmonds einer jungen Blondine nach. Aus ihrer hysterischen Erzählung zu Hause klöppelt ein findiger Verwandter einen erfolgreichen Horrorroman.

Der nächste Anrufer meldet mir eine Verkehrsunfallflucht. Jemand habe ihm den Spiegel abgefahren. Das Kennzeichen des anderen habe er sich natürlich gemerkt. Sein Fahrzeug habe er an der Oper geparkt und es wäre nett, wenn die Kollegen mal vorbeischauen könnten.

Okay!“, sage ich. „Ich schicke Ihnen ein Fahrzeug und Sie machen bitte auf sich aufmerksam, wenn Sie den Streifenwagen sehen.“

Wie? Auf mich aufmerksam machen?“, fragte der Anrufer. „Ich bin doch gar nicht an meinem Auto. Ich muss doch jetzt Party machen!“

Dass für eine Anzeigenerstattung seine persönliche Anwesenheit erforderlich ist, wollte er nicht verstehen. Wir könnten doch einfach mal schauen und er käme morgen vorbei, um da irgend so einen Zettel zu unterschreiben.

Da noch mehrere Anrufer in der Leitung warteten, bat ich ihn, morgen eine Wache mit seinem Fahrzeug aufzusuchen. Dann werde man seine Anzeige aufnehmen und unterbrach das Gespräch.

Und dann beschwerte sich einer über eine laute Party am Ententeich. Da Ententeich keine offizielle Bezeichnung für ein Gewässer in seinem Ort ist und es auch mehrere Teiche zur Verfügung standen, fragte ich ihn nach seiner Adresse, um den Ort des Geschehens einzugrenzen.

Die Straße, die er mir nannte, fand mein Rechner nicht, was ich ihm auch sagte.

Eyh, ich wohn‘ hier schon seit ich klein bin!“, antwortete er.

Die folgende Diskussion beendete ich schließlich mit der Aufforderung, mir die Meldeadresse auf seinem Personalausweis vorzulesen, was er auch tat und kommentiert: „Komisch ich dachte immer, die Straße heißt anders.“

Ob er jemals Ware aus einem Versandhaus erhalten hat? Ich weiß es nicht.

So geht es die Nacht weiter. Nach 12 Stunden kognitiver Ausfälle wird mir eines klar: Die Menschheit wird definitiv untergehen!

Plötzlich fange ich an, darüber nachzudenken, ob es überhaupt noch Sinn hat, seinen Müll zu trennen?

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