Im Lande der Schnappatmer

September 2, 2019

Können Sie sich noch an Ihre letzte unbeschwerte Unterhaltung erinnern? Also nicht nur Small-Talk sondern richtig – so mit Meinungsaustausch! Einfach mal hart an der Sache! Am Ende mit den typischen Beleidigungen: „Penner! Nichtsnutz! Dummkopf!“ Aber dann gab es noch ein Bier für beide, und die Welt war schön.

Heute? Heute darf man eine Meinung haben, man muss nicht, aber man darf. Und oftmals sollte man keine haben, jedenfalls keine abweichende.

Wer heute eine abweichende Meinung äußert, ist mindestens Nazi, wenn nicht sogar konservativer FDP-Wähler, quasi so eine Art Donald Erdogan Wladimir Un I. von Gottes Gnaden, Premierminister von England. Oder einfach nur Anhänger von Christian L., was schlimm genug sein soll.

Neulich klagte jemand sein Leid in einer Facebook-Gruppe, dass schändliche Individuen seine Tasche mit Leergut von seinem Fahrrad geklaut hätten. Dabei war er nur kurz ins Haus gegangen, um seinen Enkel zu holen. Von dem Erlös des Leerguts wollte er sich eigentlich Lebensmittel holen.

Nun mag man über diesen Vorfall denken, was man möchte. Mieses Pack! Oder: Gelegenheit schafft halt Diebe! Das darf man alles denken – aber bitte nicht äußern.

Da schrieb jemand dazu: „Unser Land und die Menschen verändern sich. Raub und Gewalt nehmen zu!“

Es war kein Raub, es war bloß ein Diebstahl.

Aber es dauerte nur wenige Minuten bis eine Dame reagierte:

Schnapp-schnapp!

Willst du etwa behaupten, die Ausländer seien Schuld?“

Und das meine ich. Man muss gewisse Worte heute nicht mehr aussprechen. In diesem Fall reichte ein Allgemein-Platz, um den Schreiber gleich in die „richtige!“ Ecke zu drängen. In der folgenden Diskussion fehlte eigentlich nur noch der grün-gewandete Kapuzen-Verein, der sich aufmacht, um das Haus dieses schändlichen Außenseiters abzufackeln. Als Exempel! Schließlich sind wir alle Demokraten – also sei gefälligst unserer Meinung!

Bei einer anderen Gelegenheit, fragte eine Lokalität in Hannover auf ihrer Social-Media-Präsenz, was man denn von den neuen E-Rollern hält, die jetzt vermehrt in den Städten zum Leihen aufgestellt werden?

Ich hab noch überlegt! Reagierst du jetzt da drauf? Mach es nicht!, hat mein Verstand geschrien! Zu spät. Die ersten Sätze waren schon geschrieben. Und ich erinnerte an die gute alte Zeit, als der Mensch noch einen Fuß vor den anderen gesetzt hat, um gehenderweise ans Ziel zu kommen. Heute muss es E(lektro) sein, damit man sein ökologisches Gewissen beruhigen kann. Und Abends fährt man mit dem SUV ins Fitness-Studio, um auf einem elektrischen Laufband zu gehen!

Schnapp-schnapp!

Einen so dummen Früher-war-alles-besser-Kommentar habe er noch nicht gelesen, schrieb jemand in den Antworten. Ich sei halt zu alt und habe die Entwicklung verschlafen.

Zugegeben. Bei „Fridays for Future“ gehe ich nicht mit. Ist nicht meine Altersgruppe. Es wäre auch purer Stress für mich, alle zwei Minuten einem Teilnehmer zu sagen: „Wenn du schon für die Klimarettung bist, dann bring deinen Sch…-Pappbecher auch zum nächsten Mülleimer!“

Aber so bin ich halt zu alt, darf nicht mehr mitreden. Wahrscheinlich rettet mich das sogar, denn wenn ich mitreden wollte, wären irgendwann Greenpeace-Aktivisten auf meinem Dach, um das Transparent „Öko-Sau!“ über meinem Balkon auszurollen, weil ich rauche, nicht konsequent darauf achte, dass Papier in der Mülltonne nichts zu suchen hat und Plastikbehälter nicht mit Spülmittel und Heißwasser auf das Recycling vorbereite.

Schnapp-schnapp!

Schnapp-schnapp!

Oder weil ich einfach nur eine eigene Meinung habe – mich vielseitig informiere und noch nicht vergessen habe, was meine Naturwissenschaftslehrer mir beigebracht haben. Physik, Chemie, Biologie = Zusammenhänge!

Schnapp-schnapp!

Der will uns was von Tatsachen erzählen!“ – „Er hat Jehowa gesagt!“ – „Spalter!“

Also hören wir lieber den Grünen zu, die der Meinung sind, dass „Kobold“ ein wichtiger Bestandteil von Batterien und das Stromnetz ein Speicher ist.

Aber Vorsicht: 21 ist nur die halbe Wahrheit!

Schnapp-schnapp!

Übrigens: Schnapp-Atmung war früher ein rein pulmologisches Problem – heute mehr ein psychologisches.

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