Auf der Straße

Februar 4, 2019

Wissen Sie, welches das gefährlichste Lebewesen auf unserem schönen Erdball ist? Viele glauben ja, es sei der Hai, aber das ist definitiv falsch. Es sterben mehr Menschen im Jahr durch umstürzende Getränkeautomaten als durch Hai-Angriffe. Das liegt nicht daran, dass immer weniger Menschen schwimmen können, sondern mehr an der Tatsache, dass diese Nichtschwimmer auch nicht in der Lage sind, einen Getränkeautomaten richtig zu bedienen. Der fällt ja nicht einfach so um.

Sie fragen sich jetzt, was das mit dem Straßenverkehr zu tun hat? Ganz einfach: Diese Automatenschubser sind meist im Besitz eines Führerscheins. Hier schließt sich auch der Kreis zum gefährlichsten Lebewesen auf Erden: Es ist der Autofahrer.

Früher gab es den klassischen Sonntagsfahrer: Mercedes-Benz in erbsgrün, umhäkelte Klorolle auf der Hutablage, Fahrer über 70 mit Hut und dem klassischen Melkgriff am Lenkrad (lässt man eine Seite des Lenkrads los, fährt der Wagen in die andere Richtung). So schaukelte er seine Frau durch die Gegend und immer wenn er sagte: „Schau mal, da rechts!“, musste der Gegenverkehr höllisch aufpassen.

Heute kommen noch einige andere Gattungen hinzu, nicht nur Mutti, die mit dem SUV ihren zwölfjährigen Bengel bis ins Klassenzimmer fährt, dabei keinerlei Rücksicht auf andere Kinder nimmt. Die haben ja schließlich auch Eltern. Sollen die doch ihren Rotzblagen beibringen, nicht auf die Straße zu treten.

Ich selbst halte mich für einen einigermaßen versierten Fahrer. Nach 22 Jahren Streifendienst sollte ich fahren und mit außergewöhnlichen Situationen umgehen können. Aber Mutti im SUV macht mir Angst – da halte ich Abstand. Auch Taxifahrer sind nicht unbedingt meine Freunde, gerade am Wochenende, wenn sie viele Fahrten abgreifen können und sich dementsprechend schnell durch den fließenden (und stehenden) Verkehr pressen.

Ich fahre auch nicht gerne in die große Stadt. Ich bin froh, eine Straßenbahnhaltestelle in unmittelbarer Nähe zu haben. Aber manchmal kann ich es nicht vermeiden, zum Beispiel wenn ich Nachtdienst habe.

Neulich fahre ich die Hauptstraße entlang, da schießt mir einer aus der Parklücke vor die Karre und zwingt mich zur Vollbremsung. Man du Spacken!, denke ich noch. Meine Faust landet auf der Hupe. Da hält der Typ an und steigt aus.

Will der jetzt Stress machen?, frage ich mich.

Entschuldigung!“, sagt er zu mir. „Aber ich kenn‘ mich hier nicht aus.“

HB steht auf seinem Kennzeichen. Die Erklärung ist einleuchtend.

Ach in Bremen haben sie andere Verkehrsregeln?“, frage ich.

Bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, brach hinter mir ein Hupkonzert los, was ihn dazu bewog, die Diskussion zu beenden und weiterzufahren.

Bei einer anderen Fahrt halte ich vor einer roten Ampel. Plötzlich steht ein aufgemotzter AMG neben mir. Der Fahrer schaut zu mir rüber und lässt seinen Motor mehrmals aufheulen.

Was soll das jetzt?, denke ich. Will der ein Rennen? AMG gegen Ford KA? Ich verdrehe die Augen. Junge, das kann nicht dein Ernst sein! Ich schaue wieder nach vorne.

Ich weiß nicht, ob mein Augenverdrehen ihn provoziert hat. Normalerweise versuche ich Konflikten aus dem Weg zu gehen. Aber plötzlich hupt der Typ in dem AMG.

Vor Schreck rutscht mein Fuß von der Kupplung.

Sie wissen was passiert, wenn man bei getretener Bremse die Kupplung kommen lässt? Richtig! Der Motor wird abgewürgt. Wenn dies auch noch plötzlich geschieht, macht der Wagen noch einen kleinen Ruck nach vorne. So auch in diesem Fall.

Das hat der junge Mann neben mir wohl falsch interpretiert. Er gibt Vollgas.

Und während ich noch versuche, meinen Motor neu zu starten, zerraspelt die Front des AMG an der quer fahrenden Straßenbahn.

Ach guck!, denke ich. Auch mit 360 PS unter der Haube hat man keine Chance gegen 80 Tonnen Alublech auf Schiene.

Wie ich später im Dienst erfahre, ging diese Idiotie im Straßenverkehr im Gegensatz zu anderen glimpflich aus. Lediglich der Stolz des kleinen Automatenschubsers ist verletzt.

Ach, und das Zwergfell der unfallaufnehmenden Beamten hat gelitten. Die Ausrede, ein Ford-KA-Fahrer habe ihn zum Rennen herausgefordert, ist wohl doch ein wenig zu weit hergeholt.

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