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Märchen neu bewertet

Oktober 25, 2015

Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass unsere Sprache auf einem harten Prüfstand steht. Nicht nur jede persönliche Aussage wird unter die Lupe genommen, sondern auch vor Jahren geschriebene Texte werden auf neue Befindlichkeiten hin geprüft. In Gesetzestexten musste der Radfahrer der radfahrenden Person weichen, damit es geschlechtsneutral ausgedrückt ist.

Der Papa von Pippi Langstrumpf musste vom Neger- zum Südseekönig umschulen (und ich bitte jetzt nicht um Verzeihung, weil ich das N-wort benutzt habe). Der Negerkuss ist verpönt, das Zigeunerschnitzel aus den Speisekarten verbannt, und Sarotti hat den Mohr entlassen. Seit kurzem ist sogar an stuttgarter Schulen der traditionelle Tagesgruß „Grüß Gott!“ untersagt. Man möchte schließlich keinerlei Gefühle verletzen.

Nur eine Art von Schriftgut ist bislang von diesem Wahn verschont geblieben: das Märchen. Dabei gäbe es doch so viele Ansatzpunkte. Allein Schneewittchen ist schon eine Herausforderung. Ein junges Mädchen wohnt mit sieben Männern zusammen. Ich meine jetzt nicht das, was Sie schon wieder denken, liebe Leserinnen und Leser. Manchmal müssen Sie Ihre Gedanken auch ein wenig zügeln. Kann es denn richtig sein, dass ein so junges Ding, für sieben Männer putzt und kocht, während die nur ihren persönlichen Reichtum im Auge haben? Wo sind die Frauenrechtlerinnen? Da muss man doch gegen angehen!

Neulich konnte ich folgendes Gespräch beim wöchentlichen Pazifisten-Treff belauschen:

Und? Was ist mit dir?“

Peace, Mann. Ich hab gestern meiner Tochter, der Gwendolyn-Shanaia, Hänsel und Gretel vorgelesen.Voll cool!“

Das findest du cool? Dass Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen?“

Naja, okay. Hast ja Recht. Die müsste man eigentlich verklagen. Aber der Hänsel – der ist doch voll ghandi-mäßig.“

Hä?“

Na, wie er so gehungert hat. Um sich und seine Schwester zu retten. Kriegt da immer voll das fette Essen und isst nix, damit der Finger nicht dicker wird. Das ist doch wie bei Mahatma. Hungerstreik als Widerstand, oder?“

Sag mal, hast du gekifft?“

Hätt‘ ich den Joint nicht beim Vorlesen rauchen sollen?“

Die Hexe hat doch nie seinen Finger in der Hand gehabt. Hänsel hat einen Knochen rausgehalten.“

Was? Der hat die Alte beschissen?“

Genau, nix Ghandi! Und außerdem haben die beiden die Hexe am Ende in den Ofen gestoßen. Schreiend verbrannt ist die Dame. Was ist daran noch Ghandi?“

Oh man, vielleicht hätt‘ ich den Joint doch nicht rauchen sollen. Bin auf der Hälfte der Geschichte eingeschlafen.“

Das ist ein nicht zu tolerierender Gewaltexzess. So was kann man doch nicht gut heißen. Und dann liest du das auch noch deiner Tochter vor.“

Okay, okay. Dann lese ich das nächste mal Rotkäppchen vor.“

Bist du von Sinnen?“

Wieso? Das ist doch eine tolle Geschichte, wie sie am Ende die Oma retten.“

Indem der Jäger einem wehrlosen Wolf bei lebendigem Leibe den Bauch aufschlitzt. Also manchmal zweifel ich wirklich an deinem Verstand.“

Na, hätt er halt die Oma nicht fressen sollen, und das Rotkäppchen.“

Hallo? Das war ein Wolf! Ein Tier! Und er hatte Hunger. Tiere sind nun mal so. Dafür darf man sie nicht bestrafen.“

Tja, in dieser Art ging das Gespräch weiter. Zum Schluss bekam ich selbst ein schlechtes Gewissen, weil ich meinen Kindern solche Geschichten vorgelesen hatte. Das war gedankenlos. Wie konnte ich meine Kinder nur solch Grausamkeiten aussetzen? Vielleicht hätte ich bei Dornröschen bleiben sollen. In dieser Geschichte wird wenigsten keiner erschlagen oder aufgeschlitzt. Am Ende wird nur eine Prinzessin wach geküsst.

Allerdings befürchte ich, dass irgendwann eine Feministinnen-Gruppe zu dem Schluss kommen wird, dass der Prinz das Dornröschen nur so liebevoll weckt, weil er mit ihr … wollte. Das wäre dann das aus – auch für Schneewittchen.

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