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Überfall 2020

September 28, 2015

Die junge Frau vor mir zitterte am ganzen Körper. Ihr sonst leicht anämischer Teint war einem fahlen aschgrau gewichen. Ich wusste, dass sie schon ein paar mal in ihrer Tankstelle überfallen worden war, aber so hatte ich sie noch nie gesehen.
„So schlimm?“, fragte ich leise.
„Furchtbar!“, schluchzte sie. „So was hab ich noch nicht erlebt“
„Erzählen Sie“, forderte ich die junge Dame auf.
„Weiß’de Alter, sonst kamen diese Typen in die Tanke, haben mir ’ne Pistole an den Kopf gehalten und ich sollte die Kasse aufmachen. Da is‘ klar: Die sind verzweifelt. Die brauchen die Kohle. Aber heute …“
„Was war anders?“, fragte ich.
„Wie der Typ schon rein kam, wusste ich, mit dem stimmt was nicht. Der hat sich so komisch bewegt, weiß’de? Als ob ihm noch nicht mal ein Wespenstich was ausmachen würde, so django-mäßig, nicht der übliche Alpha-Kevin.“
Ich nickte.
„Ich hab‘ dann ganz vorsichtig meinen Rucola-Kresse-Salat bei Seite gestellt und den Typ weiter beobachtet.“
„Was hat er gemacht?“
„Der ist zielstrebig zum Kühlregal gegangen und hat dort ’ne Packung Grillfleisch und ’n Liter Milch raus geholt.“
„Das ist ja eigentlich nicht ungewöhnlich, oder?“
„Wart’s ab, Alter“, sagte die Frau.
Während sie erzählte, fummelte sie fortwährend an ihrem Handy.
„Können Sie Ihr Handy nicht mal beiseite legen?“, fragte ich genervt.
„Aber ich muss doch meinem Freund erzählen, was hier alles passiert“, antwortete sie.
„Wenn wir hier fertig sind, können Sie noch stundenlang mit Ihrem Freund reden.“
„Wieso soll ich mit meinem Freund reden?“, frage sie verwundert. „Wir haben doch WhatsApp! Sie sind ja ’n Freak.“
Das Bild eines Schäferstündchens mit Kerzen-App und einem tippendem Pärchen, bekam ich wochenlang nicht mehr aus dem Kopf.
„Okay“, erwiderte ich. „Jetzt weiter. Was hat der Typ dann gemacht?“
„Dann kam er zu mir an die Kasse. Und ich hab gecheckt, dass da ein echter Sadist auf mich zu kommt.“
„Warum?“, fragte ich.
„Wie der geguckt hat! Hatte ich sofort Entenpelle. Eiskalte Augen. Dann hab ich gesehen, dass er die Packung Grillfleisch schon aufgerissen hatte. Und ich so: Das müssen Sie dann jetzt auch kaufen. Und der so: Sagt nix, holt das Fleisch aus Packung und schmeißt es mir auf den Tresen.“
„Und was ist daran so schlimm?“, fragte ich.
„Was daran schlimm ist?“, keifte sie zurück. „Ich bin Veganerin! Ich hätte fast meinen Soja-Drink wieder ausgekotzt.“
„Verstehe!“
„Dann hat er die Milch aufgemacht und gesagt: „Mach die Kasse auf oder ich zwing dich, die Milch zu trinken.“
„Das ist übel“
„Übel? Alter! Ich bin laktose-intolerant! Der hätt‘ mich killen können! Ich sagte ja: Das war ein Sadist. Dem ging’s nicht um die Kohle, der wollte mich leiden sehen.“
„Wo war denn Ihr Kollege?“, fragte ich, um sie ein wenig abzulenken.
„Der Ralf? Ach, der war ja so süß. Wollte mir helfen und hat sich den Typen gegriffen.“
„Aber warum ist dann die Kasse leer?“
„Eyh, der Typ war auf alles vorbereitet. Hatte plötzlich Erdnüsse in der Hand und die Ralf zugeworfen.“
„Sie wollen mir doch jetzt nicht erzählen, dass der Täter mit einem Stück Fleisch, einer Tüte Milch und einer Handvoll Erdnüssen eine Tankstelle ausgeräumt hat.“
„Hallo? Der Ralf ist Allergiker! Der muss nur an ’ner Erdnuss riechen und kriegt ’n Schock! Natürlich haben wir das Weite gesucht.“

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