Archive for März, 2015

Wenn der Notruf zweimal klingelt

März 29, 2015

Wie in allen zivilisierten Ländern können wir uns auch hierzulande glücklich schätzen, dass wir im Notfall nicht allein gelassen werden. Hat man sich den Finger abgesägt, wählt man schnell die 112. Damit ist der Finger zwar nicht wieder an der Hand, aber zumindest kommt jemand schnell vorbei, um das Ausmaß des Unglücks in Grenzen zu halten.

Egal ob 110 oder 112: Hier wird Ihnen im Notfall immer geholfen.

Wobei allerdings der Begriff „Notfall“ definierungswürdig ist. Die 110 zu wählen, um zu erfahren, welche Apotheke Notdienst hat, gehört nach meinem Verständnis nicht dazu. Zwar haben Notdienst und Notruf den gleichen Wortbeginn, aber das hat Notdurft auch. Und auch diese gehört nicht zu den eigentlichen Notfällen, obwohl auch sie schon des öfteren in der Leitung thematisiert wurde.

Für derlei Fragen reicht es in der Regel aus, bei der örtlichen Polizeidienststelle über die normale Amtsleitung anzurufen. Und da heute nahezu jedermann über eine Telefonflatrate verfügt, kostet es einen genauso wenig wie der Notruf.

Ein echter Notfall – zumindest für die Anruferin – ereignete sich vor einigen Jahren in Uelzen, zu einer Zeit, als die Mittagsruhe noch das heilige Recht des aufrechten Rentners war:

Polizei, Notruf!“

Ja, guten Tag. Sowienoch mein Name. Sie müssen hier unbedingt mal vorbeikommen und meinem Nachbarn Einhalt gebieten.“

Was macht denn Ihr Nachbar, was Sie so stört?“, fragte ich zurück.

Na, hören Sie mal. Es ist Mittagszeit und der Mann arbeitet in seinem Garten.“

Das war natürlich eine Frechheit: In der Mittagszeit macht man gefälligst Pause, Herr Nachbar. So was geht nun wirklich nicht.

Haben Sie denn schon mit Ihrem Nachbarn gesprochen?“, fragte ich.

Natürlich. Aber der hat bloß gesagt, dass ich mich um meine Angelegenheiten kümmern soll. Können Sie sich das vorstellen?“

Oh, ja! Das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

Aber nun sagen Sie mir doch bitte, was Sie daran stört.“

Hören Sie!“, fuhr die Dame mich am Telefon an. „Es ist Mittagszeit. Da habe ich ja wohl einen Anspruch darauf, in Ruhe auf meiner Terrasse zu sitzen, oder?“

Natürlich haben Sie das“, antwortete ich.

Sehen Sie“, entgegnete die Dame schnippisch. „Und das kann ich nicht, wenn mein Nachbar seinen Garten umgräbt.“

Da kamen wir der Sache schon ein bisschen näher. Der Nachbar bringt seinen Garten auf Vordermann und hat wahrscheinlich schweres Gerät aufgefahren.

Ihr Nachbar gräbt also mit einem Bagger den Garten um“, versuchte ich die Beschwerde auf den Punkt zu bringen.

Mit dem Bagger?“, fragte die Dame. „Guter Mann, jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich. Ich wohne in einer Reihenhaus-Siedlung. Für diese kleinen Grundstücke braucht man keinen Bagger.“

Äh …“ Jetzt war ich ratlos.

Nein, mein Nachbar gräbt ganz normal mit dem Spaten seine Beete um.“

Aber das ist doch keine Ruhestörung.“

Natürlich ist das eine Ruhestörung. Bei dem steinigen Boden hier stößt das Spatenblatt immer wieder auf etwas festes. Und das macht dann immer ‚Ping‘, ‚Ping‘. Bei diesem Geräusch kriege ich kein Auge zu.“

Was sollte ich dazu noch sagen? Um die Leitung wieder frei zu bekommen, versprach ich der Dame, so bald wie möglich einen Streifenwagen vorbeizuschicken. Dass dies aufgrund anderer dringenderer Einsätze erst nach der Mittagsruhe passierte, steht auf einem anderen Blatt und ist sicherlich irgendwann noch einmal Thema für eine neue Geschichte.

Aber so kann es gehen: Nicht jeder Notruf beinhaltet auch einen echten Notfall. Dennoch sind wir stets bemüht, jeden Fall ernst zu nehmen.

Wenn Sie also, liebe Leserin, lieber Leser, das nächste Mal bei der 110 in der Warteschleife liegen, dann ärgern Sie sich bitte nicht. Es liegt nicht an dem faulen, ständig Kaffee trinkenden Beamten am anderen Ende der Leitung. Es gibt jede Menge Menschen in Not. Sei es, dass die SIM-Karte nicht in das Handy passt, oder das Taxi schon eine halbe Stunde auf sich warten lässt. Im realen Leben spielen sich Dramen ab, die man sich als normaler Mensch gar nicht vorstellen kann.

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In der Innenstadt

März 2, 2015

Ich muss es mir leider eingestehen: Ich werde nicht jünger. Mit dem Alter kommen auch die einen oder anderen Einschränkungen. Man wacht morgens mit Schmerzen auf (und weiß, dass man wenigstens noch lebt), man kann plötzlich nicht mehr so gut gucken und so weiter. Tja, und das mit dem Gucken war letztens der Grund, mal wieder in die Stadt zu marschieren – zum Optiker für einen Sehtest.

Vor dem Geschäft beschlich mich dann ein komisches Gefühl. Nicht weil mir jetzt erklärt werden würde, dass ich ein Brille brauche, sondern wegen dieses komischen Werbespruchs, mit dem das gesamte Schaufenster verklebt war: „Die hier verscherbel ich an alle, die damals über diese blöde Kuh gelacht haben, als sie zum ersten Mal mit Brille in die 7 b kam!“

Das erinnerte mich irgendwie an die Werbung von diesem Online-Brillenhändler. Ob das was zu bedeuten hatte? Im Laden war es düster. Ein Teil der Regale war mit Laken abgedeckt. Nur aus dem Büroraum drang durch einen Türspalt Licht – zusammen mit einem krächzenden Kichern.

Hallo?“, fragte ich in Richtung Büro. „Ist hier jemand?“

Natürlich!“, krächzte es aus dem Büro zurück und ein älterer Herr in dunklem Mantel und breitkrempigen schwarzem Hut auf dem Kopf betrat den Verkaufsraum. „Was kann ich für sie tun?“, fragte er händereibend.

Äh …, ich wollte einen Sehtest machen“, antwortete ich.

Der Mann brach in schallendes Gelächter aus. „Hier?“ Er schüttelte den Kopf. „Da sind sie zu spät dran. Der Optiker hat in’n Sack gehauen. Ist jetzt Lagerist bei ’nem Online-Brillenhändler.“

Und Sie?“, fragte ich.

Ich? Ich bin hier nur der Insolvenzverwalter – für den gesamten Block!“ Und wieder brachte er das krächzende Lachen hervor.

Für den gesamten Block? Auch für den Buchhändler nebenan?“

Der hat letzte Woche mit einer Prime-Vorstellung aufgehört. Hat alle seine Stammkunden eingeladen.“

Da war bestimmt einiges los, oder?“

Na, ja. Zwei ältere Ehepaare und die Nachtwache aus’m Altersheim. Aber die Show war spitze.“

Schade, dass ich das nicht gesehen habe“, antwortete ich.

Jo! Die Prime-Show! Wollte jedem zeigen, wie sich Bücher aus echtem Papier auswirken können. Hat alle Bücher aus seinem Laden ausgeräumt und zu einem zwanzig Meter hohen Turm aufgebaut.“

Und dann?“

Komplizierter Hüft-Splitterbruch. Hätte wohl nicht springen sollen, der Mann.“ Und wieder lachte er krächzend.

Und der Fernseh-Laden um die Ecke?“

Pleite! Obwohl er anfangs noch ganz pfiffig war mit seiner Werbung. Hatte ’nen tollen Slogan: Who the fuck is Tech-Nick?“

Klingt wirklich toll.“

Hat aber auch nichts gebracht. Die Leute haben sich nur noch von ihm beraten lassen und woanders gekauft. Das hat ihn um den Verstand gebracht.“

Wie das?“, fragte ich.

Das fing vor zwei Wochen an“, antwortete der Insolvenzverwalter. „Hat nur noch vor sich hin gebruddelt: ‚Ich bin doch nicht blöd! Ich bin doch blöd!‘ Und so weiter.“

Furchtbar, so zu enden, dachte ich. „Aber dann sterben ja die Innenstädte aus!“, rief ich laut.

Ach, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wir haben ein schönes Sanierungskonzept. Schauen Sie mal auf die andere Straßenseite. Da drüben verwaltet ein Kollege von mir. Sehr integrer Mann. Das wird alles weggerissen. Dort wird ein Sanatorium für Frischluft-Verweigerer und Internet-Junkies gebaut.“

Und hier?“, fragte ich.

Hier? Hier kommt ein Logistikzentrum für einen großen Online-Händler hin. Da kann der die Leute auf der anderen Straßenseite noch schneller beliefern.“

Na, das sind ja Aussichten“, sagte ich und wandte mich zum Gehen.

Haben Sie nicht auch noch ein Geschäft?“, fragte der Mann.

Nein, ich bin nur Beamter.“

Och“, sagte er. „Ich mache auch Privat-Insolvenzen. Sie können mich übrigens online buchen. Auf Insolvenz24.de. Findet den schönsten und billigsten Insolvenzverwalter.“