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Europäische Weihnachten

November 24, 2014

Im Dorfgemeinschaftshaus von Rovaniemi in Lappland.

Was soll das heißen, du bist ab sofort im Streik?“

Das soll heißen, ich streike! Ich lege meine Arbeit nieder. Wie die Piloten der Lufthansa.“

Aber du bist kein Pilot der Lufthansa, du bist …“

Immerhin Pilot!“

„… ein Rentier! Ein Pilot lenkt das Fahrzeug, mit dem er fliegt. Und ich lenke den Schlitten, also bist du kein Pilot!“

Du lenkst den Schlitten? Dass ich nicht lache. Du hast doch den Orientierungssinn einer komatösen Krähe. Ohne mich würdest du dich hoffnungslos verfliegen.“

Also gut, Rudolf. Was sind deine Forderungen?“

Äh …, kürzere Arbeitszeiten!“

Kürzere Arbeitszeiten?“, fragte der Weihnachtsmann verwundert. „Du arbeitest nur einen Tag im Jahr. Und das auch nur am Abend!“

Dann will ich einen Nachtzuschlag“, maulte das Rentier.

Also schön, ein bisschen mehr Futter“, lenkte der Weihnachtsmann ein. „Dabei bist du fett genug. Noch was?“

Ja! Ich möchte früher in Rente gehen!“

Und wann, bitte schön?“

Mit 55! Wie die Piloten.“

Der Weihnachtsmann lachte laut auf. „Ha! Mit 55! Seit wann arbeitest du für mich?“

Lass mich kurz überlegen“, bat Rudolf. „Seit 1939!“

Und? Kannst du rechnen? Wir schreiben das Jahr 2014.“

Rudolf sah den Weihnachtsmann fragend an. „Was hat das damit zu tun?“

Du bist seit 75 Jahren dabei, meinen Schlitten zu ziehen. Freiwillig! Du hast also dein angebliches Rentenalter schon lange überschritten, ohne dass es dir aufgefallen ist. Du fühlst dich ja immer noch wie am ersten Tag.“

Ja, aber …“

Nichts, ja aber. Du alterst nicht. Genau wie ich. Deshalb ist diese Forderung illusorisch.“

In diesem Moment klopfte es an der Tür.

Ja, bitte?“, rief der Weihnachtsmann.

Eine der Wichtelfrauen trat ein. „Ich habe hier eine Resolution für dich, Weihnachtsmann.“

Heiliges Christkind! Was ist denn in euch gefahren?“

Warum rufst du eigentlich immer die Konkurrenz an, wenn du dich aufregst?“, fragte Rudolf dazwischen.

Weil … Ach! Papperlapapp! Also, was fordert ihr?“, wandte er sich an die Wichtelfrau.

Zunächst einmal bessere Arbeitsbedingungen.“

Aha!“, schnappte der Weihnachtsmann.

Und einen Behindertenbeirat!“

Einen was?“

Einen Behindertenbeirat!“, wiederholte die Wichtelfrau. „Das ist eine EU-Richtlinie. Wenn du schon körperlich beeinträchtigte Menschen beschäftigst, musst du einen Behindertenbeirat zulassen, damit unsere Interessen ausreichend vertreten werden.“

Das wird ja immer verrückter hier!“

Und wir fordern die Einhaltung der Frauenquote.“

Frauenquote?“ Der Weihnachtsmann schaute die Wichtelfrau erstaunt an. „Es gibt genauso viele Wichtelfrauen wie Wichtelmänner. Da ist die Frauenquote ja wohl mehr als erfüllt, oder?“

Und wie sieht’s in der Chefetage aus?“, konterte die Wichtelfrau.

Chefetage? Ich bin hier der Chef!“

Eben!“

Wie? Eben?“

Du bist der Weihnachtsmann. Ein Mann!“

Ja, und?“

Wir fordern eine Weihnachtsfrau!“

Ja, natürlich! Und am besten lass ich auch noch ein paar weibliche Rentiere meinen Schlitten ziehen.“

Geil!“, rief Rudolf. „Dann kann ich ja doch in Rente gehen.“

Ihr spinnt doch alle miteinander!“, rief der Weihnachtsmann. Ich glaube, das war eine Schnapsidee, in dieses finnische Weihnachtsdorf zu ziehen, dachte er noch und schrak aus dem Schlaf.

Und deshalb, liebe Leserinnen und Leser, wohnt der Weihnachtsmann am Nordpol und nicht im Norden Europas.

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