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Neulich bei Maybrit Illner

Oktober 27, 2014

Maybrit Illner: Guten Abend, liebe Zuschauer. Heute beschäftigen wir uns mit der Frage, ob christliche Traditionen in unserem Land noch zeitgemäß sind und ob wir mit der Wahrung dieser Traditionen nicht die Gefühle von Mitmenschen verletzen, die anderen Glaubens sind.

Hierzu begrüße ich unter anderem den Erzbischof von München und Freising, Herrn Kardinal Marx. Herr Marx, was fällt Ihnen beispielsweise zum Martinsfest ein?

Kardinal Marx: Nun, der heilige Martinus ist ja eine Figur in unserem Glauben, die sich durch ihre Warmherzigkeit auszeichnet. Er hat seinen Mantel mit dem Schwert geteilt, um einem armen Menschen . . .

Michel Friedmann: Und da will ich gleich mal einhaken. Sie betrachten das Christentum als eine friedliche Religion und finden es vollkommen normal, dass ein Heiliger sein Schwert gegenüber einem armen Mann erhebt?

Marx: Er hat doch damit nur seinen Mantel geteilt.

Friedmann: Mit dem Schwert! Das wollen wir mal nicht außer acht lassen.

Illner: Ist es gerade aus diesem Grund nicht richtig, dieses Fest umzubenennen, wie es in einigen Regionen schon geschehen ist, in Sonne-Mond-und-Sterne-Fest?

Marx: Davon hal­te ich gar nichts. Schließlich sind wir ein christlich geprägtes Land.

Illner: Aber schon unser ehemaliger Bundespräsident, Christian Wulff, hat gesagt, dass der Islam zu Deutschland gehört, nicht wahr, Herr Wulff?

Christian Wulff: Also in meiner Amtszeit als Bundespräsident habe ich vieles gesagt, was . . .

Friedmann: Ich muss hier noch mal einhaken. Ich finde es schlimm, dass hier in Deutschland dieses Fest gefeiert wird. Man bedenke: da werden Kinder auf die Straße geschickt.

Marx: Nun ja, die Laternenumzüge gehören halt dazu.

Friedmann: Und haben Sie sich mal angehört, was die Kinder da singen?

Marx: Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne.

Friedmann: Das ist ja nur die erste Zeile. Aber dann!

Marx: Brenne auf mein Licht, brenne auf mein Licht!

Friedmann: Genau. Da sehen Sie’s doch. Brenne auf! Gerade in einem Land mit einer so unrühmlichen Vergangenheit dürfen doch solche Sätze nicht mehr fallen.

Marx: Ich glaube, sie interpretieren da zu viel hinein.

Friedmann: Das glauben Sie!

Bernd Lucke: Ich finde es schon bedenklich, dass wir uns so viele Gedanken über unsere Traditionen und die Gefühle unser muslimischen Mitbürger machen. Die fühlen sich ja auch nicht gekränkt, wenn man ihnen Weihnachtsgeld zahlt.

Friedmann: Und das ist eine reine Unterstellung, Herr Lucke!

Lucke: Die freuen sich doch genauso über eine solche Zuwendung wie die Deutschen auch.

Friedmann: Habe Sie schon einmal bei Ihren muslimischen Beschäftigten nachgefragt, wie die sich fühlen?

Lucke: Ich weiß jetzt nicht . . .

Friedmann: Haben Sie in Ihrer Firma überhaupt muslimische Angestellte?

Lucke: Die Frage kann ich jetzt so gar nicht beantworten.

Friedmann: Das sollten Sie aber. Wenn Sie in meine Sendung kommen, dann müssen Sie mit solchen Fragen rechnen.

Illner: Entschuldigung. Das ist meine Sendung.

Friedmann: Jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich, Frau Illner. Außerdem lenken Sie vom Thema ab.

Irgendwo klingelt ein Telefon. Langsam aber stetig wird der Ton lauter.

Friedmann: Und wollen Sie nicht endlich mal ans Telefon gehen? So kann man doch nicht diskutieren.

Er schaut mich direkt an. Meint der etwa mich? So langsam dämmert mir, dass diese Diskussion nur ein Traum war. Das Telefon hat inzwischen aufgehört zu klingeln. Ich schüttel den Kopf und denke: Gott sei Dank werden unsere Gebühren nicht für solche sinnlosen Diskussionen verschwendet.

Ich schalte den Fernseher ein. Auf dem ersten läuft »Menschen bei Maischberger« und ich höre, wie Claudia Roth betroffen in die Kamera säuselt: »Gerade in einem Land mit einer solchen Willkommenskultur wie unserer müssen wir verstärkt auf die Gefühle andersgläubiger Mitbürger Rücksicht nehmen.«

Ich glaube, es ist an der Zeit, ins Bett zu gehen. Ich träume ja schon wieder . . .

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