Unter Nachbarn

September 1, 2014

Ich geb es ja zu: Ich bin ein Mensch, der gerne Spaß hat. Ich feiere gerne. Man lebt schließlich nur einmal. Also, was soll’s? So war es dann auch neulich, als ich meine Frau anrief: „Hey, Hase. Wie sieht’s aus?“

Ganz gut soweit““, antwortete sie. „Wo bist du?“

In 10 Minuten bei dir, wenn du willst. Was macht die Wohnung?“

Was soll das denn?“, fragte sie. „Bringst du noch jemanden mit?“

Na, ja. Die Kneipe hat inzwischen dicht.

Es war einer jener Abende, an denen man mit Kollegen einfach mal nach dem Spätdienst loszieht. Und heute hatte sich eine Truppe zusammen gerauft, die einfach kein Ende finden konnte. Wie gut, dass meine Bar und der Kühlschrank gut gefüllt war.

Okay, ich feg‘ eben durch. Bis gleich!“, antwortete mein Engel.

Kurze Zeit später fand ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen zu Hause ein. Der Kühlschrank war voll, die Bar auch – jeder bekam das Getränk, dass er haben wollte. Und dann kam die Musik!

Ist ja klar – ein bisschen angetrunken will man auch tanzen. Musik hab ich genug. Rockmusik zum Beispiel. Hören meine Nachbarn auch immer wieder – ob sie wollen oder nicht.

Plötzlich klingelte es.

Ich hatte mich schon gewundert, wer zu so später Stunde bei uns Einlass begehrte, doch nachdem ich die Wohnungstür geöffnet hatte, sah ich meinen Nachbarn von unten vor mir. Irgendwie sah er ziemlich verhunzt aus. Die Haare zerzaust, dunkle Ränder unter den Augen. Sein T-Shirt saß irgendwie nicht richtig, als hätte er es eben schnell übergeworfen. Er wollte auch gar nicht reinkommen.

Sach ma‘, weißt du eigentlich, wie spät es ist?“, fragte er mich mit müder Stimme.

Du, kein Problem“, antwortete ich und ging ins Schlafzimmer. Wieder zurück an der Wohnungstür reichte ich ihm meinen Wecker. „Den hätte ich aber gerne wieder.“

So was hab ich selbst“, knurrte mein Nachbar. „Und der klingelt in drei Stunden!“

Das ist verdammt früh.“

Stimmt! Und bis dahin würd‘ ich gern noch ein bisschen schlafen. Wenn ihr also ein bisschen leiser tanzen könntet.“

Ach, so!“ Ich schlug mir an die Stirn. „Mensch, sag das doch gleich. Kein Problem. Wir machen leise weiter.“

Aber wie das nun mal so ist: Auf leise hat kaum einer Lust, also löste sich die Party in Windeseile auf und nur noch ein paar Hartgesottene vernichteten meine Biervorräte auf dem Balkon.

Man könnte also sagen, dass der Nachbar mir die Tour vermasselt hat. Trotzdem bin ich ganz glücklich drüber. Hätte ja auch anders laufen können. So wie neulich bei uns in der Wache als das Telefon gegen 23.00 Uhr klingelte:

Polizei Langenhagen, guten Abend!“, meldete ich mich.

Na, von einem guten Abend kann hier keine Rede sein!“, keifte es am andere Ende. „Schanz hier, ich möchte mich beschweren.“

Worüber möchten Sie sich denn beschweren?“, fragte ich höflich zurück.

Über meinen Nachbarn. Der Typ über mir macht schon wieder ’ne Party in seiner Wohnung. Ich muss morgen früh raus und will jetzt schlafen.“

Waren Sie denn schon mal oben und haben mit ihrem Nachbarn gesprochen?“

Sind Sie verrückt?“, fragte der Anrufer. „Bei den vielen Leuten in der Wohnung? Das gibt doch nur Ärger. Ne, ne. Das machen Sie mal lieber. Gehört ja auch zu Ihren Aufgaben. Außerdem kann man mit denen nicht reden.“

Ja, ja, dachte ich bei mir. Und schließlich zahlt der Mann auch Steuern.

Ich ließ mir die Adresse geben und fuhr mit einem Kollegen los.

Im Haus war es tatsächlich laut. Musik dröhnte durch den Flur. Die Party schien wirklich gut zu sein. Wir mussten auch mehrmals klingeln, bis uns der Wohnungsinhaber endlich öffnete.

Oh!“, entfuhr es ihm, als er uns sah. „Sind wir zu laut?“

Ich bestätigte. „Kein Problem!“ Und dann rief er nach hinten: „Heinz, mach mal die Mucke aus!“

Schlagartig wurde es still.

Schon besser“, sagte ich.

Wer hat sich denn beschwert? Etwa der Herr unter uns? Warum kommt er denn nicht hoch. Wir beißen doch nicht!“

Da wusste ich nun auch keine Antwort drauf. Aber ich nahm die Worte zum Anlass, bei Herrn Schanz noch einmal zu klingeln. „Nur mal so zur Kenntnis“, sagte ich, nachdem er geöffnet hatte. „Der Ausgleich Ihrer kommunikativen Defizite ist nicht unsere Aufgabe. Ihr Nachbar bat darum, dass sie nächstes Mal selbst raufkommen.“

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