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Neue Hosen

Februar 3, 2014

Es war bereits im November, als mein Hase zu mir sagte: »Du siehst unmöglich aus!« Was mich zunächst ein wenig pikiert schauen ließ, relativierte sie sogleich: »Du brauchst dringend ’ne neue Hose!«

Uff, dachte ich. Wenn’s nur die Hose ist – das kann man ändern. Gedacht, getan, am nächsten Tag spazierten wir hinüber ins City-Center, um einige der dortigen Plünnen-Hökerer heimzusuchen.

Da der Geschmack des Mannes sich nachweislich nur zwischen »Yepp!«, »Geht!« oder »Kann man machen!« bewegt, was eigentlich auch nicht mehr bedeutet als »Mach doch!«, begann meine Liebe, Jeans für mich aus den Ständern zu suchen.

»Was hast du denn für eine Größe?«, fragte sie schließlich.

Ich musste überlegen. Bei den englischen Größen war ich mir immer unsicher. Die Uniformhosen bestellte ich aber seit Jahren immer in der selben Größe, die war ja im Web-Shop automatisch vorgegeben. Ich wusste zwar nicht mehr, wann ich das letzte Mal bestellt hatte, aber plötzlich fiel mir ein, dass ich mal Hosen in 34/32 gekauft hatte. Also nannte ich ihr meine Größe.

Schnell hatte sie ein paar Jeans zusammengesucht und wir begaben uns in Richtung Umkleidekabinen.

Schon die erste Hose passte nicht. Egal wie ich zog und zerrte, höher als bis zu den Oberschenkeln wollte sie irgendwie nicht. Ärgerlich schleuderte ich die Hose meiner Frau entgegen. »Eyh, ich sagte 34/32! Nicht 32/32!«

»Hallooooo? Das ist 34/32!«, schrie sie zurück.

Unmöglich!, dachte ich. Bei den anderen Hosen war das Ergebnis jedoch das gleiche und ich musste die Erkenntnis schlucken: 34/32 war nicht mehr meine Größe!

Hatte der lagerfeldsche Magerwahn inzwischen auch Clamotten-August erreicht? Gab es wirklich keinen Laden mehr, in dem die Größe von damals auch heute noch galt? Stimmte es wirklich, dass die allgemeinen Größentabellen an die zierlichen asiatischen Näherinnen immer mehr angeglichen wurden?

Oder war dies das Ergebnis einer internationalen Verschwörung multinationaler Konzerne? Eigentlich lag es doch auf der Hand: Seit Jahren strömen immer mehr Nahrungsmittelimitate mit der hoffnungsverheißenden »LINE«-Überschrift auf den Markt: Fettreduziert! Mit wenig Kohlenhydraten! Und garantiert geschmacklos! Damit man diese zudem appetitfördernden Produkte auch verkaufen kann, müssen sich die Konzerne natürlich etwas einfallen lassen. Also werden die Näherinnen angewiesen, immer wieder ein paar Millimeter Stoff abzuzwacken, bis man dann im Laufe der Jahre feststellt: Ich muss etwas tun! Was perfiderweise zu einem erhöhten Absatz von Diätprodukten wie zum Beispiel SlimFast führt.

Wie dem auch sei, ich war das Opfer einer riesengroßen Verschwörung. Mit dem Ergebnis, dass meine Bundweite auf 36 angewachsen war. Mit Verlaub – eine Riesensauerei der multinationalen Konzerne.

Aber immerhin hatte ich ein paar neue passende Hosen gekauft. Man soll ja die Erfolge auch im Kleinen suchen!

Ein paar Tage später hatte ich eine glorreiche Idee. Dass ich anschließend etwas irritiert aus dem Bad kam, nahm meine Süße zum Anlass zu fragen: »Was ist denn mit dir?«

»Wusstest du«, hob ich zur Gegenfrage an, »dass unsere Waage auch drei Stellen vor dem Komma anzeigen kann?«

»Yepp!«, sagte sie. »Ich hab’s geahnt. Du bist fett geworden!«

Oha! Hatte sie wirklich Recht? Beim nächsten Termin vor dem Spiegel musste ich ihr zustimmen. Der Bauch war gewachsen. Und wie! Respekt!

Ich musste etwas tun, keine Frage! Aber was? Auf eine Diät mit Vitaminpille zum Frühstück, einem Salatgurken-Carpaccio zum Mittag und dem Gedanken an ein Mineralwasser abends hatte ich keine Lust.

»Lass uns doch Sport machen«, schlug meine Süße vor.

Und so landeten wir im Fitness-Studio zwischen Hantelbank, Cross-Trainer und Bauchmuskel-Maschine. Und wie sang schon damals die EAV? »Wenn man die Hantel drückt und die Gewichte stemmt, braucht man bald ein neues Hemd.« Tja, da muss ich demnächst wohl wieder zu Clamotten-August.

Aber immerhin hab’ ich unserer Waage die drei Stellen vor dem Komma abgewöhnt.

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