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Laterne, Laterne

Oktober 28, 2013

Da ist sie wieder: die dunkle Jahreszeit. Schietwetter bestimmt den Tag. Die Sonne versteckt sich hinter Regenwolken. Morgens stapfen müde Menschen durch die Dunkelheit zu ihrer Arbeit. Abends gehen sie im Dunkeln nach Hause. Und von Tageslicht kann man kaum sprechen.

Kein Wunder also, wenn viele Menschen in Trübsinn verfallen, ihre alljährliche Winterdrepession pflegen oder einfach nur mies drauf sind.

Im Sommer konnte man trübe Stimmungen wenigstens in der Eisdiele aufhellen. Doch leider zieht Giovanni es vor, die Wintermonate in den Dolomiten zu verbringen, als sich vom stieseligen Deutschen anpupen zu lassen. Und obwohl der nahezu ganzjährige Verkauf von Weihnachtsartikel hierzulande inzwischen in Mode gekommen ist, hat sich die Eröffnung eines Weihnachtsmarktes, auf dem die trüben Gedanken in Glühwein und Lumumba ersäuft werden können, vor dem 1. Dezember noch nicht nicht durchgesetzt.

Was dem trübseligen Menschen bleibt, sind Laternenumzüge. Mit einem fröhlichen Liedchen auf den Lippen zieht man in größeren Gruppen durch die Stadt, um anschließend bei Bratwurst und Heißgetränken den Tag ausklingen zu lassen. Das geht auch ohne Kinder. Sieht zwar komisch aus, aber wir leben schließlich in einer toleranten Gesellschaft.

Nun ist es allein mit dem Laterne-Gehen nicht getan. Zunächst benötigt man eine Laterne, damit das Balg sich auch an einem bunten Licht erfreuen kann. Die sind beim einschlägigen Fachhändler leicht zu beschaffen. Das ist natürlich nichts für die Mutter als solches. Getreu dem Motto „Man ist, was man zeigt!“, ist der Handel mit den fabrikproduzierten Laternen in den letzten Jahren stetig zurück gegangen. Früher hat es niemanden gejuckt, wenn in einer Rotte von fünfundzwanzig Kindern zwanzig mit der gleichen Sonne herumgelaufen sind. Heute ist das anders. Je ausgefallener die Laterne, desto größer die öffentliche Anerkennung.

Also setzt sich meist die Mutter irgendwann hin und fängt an, „Die Laterne“ für den großen Umzug zu basteln, natürlich mit Leuchtdiode. Man möchte ja schließlich nicht als Kerzen schwingender Ökoterrorist abgestempelt werden.

Da dies allein nur wenig Spaß macht, finden sich Mütter und so mancher Vater an einem Abend im örtlichen Kindergarten ein, fleetzen ihr Gesäß auf viel zu kleine Stühle, um dann mit stumpfen Kinderscheren die ausgefallensten Formen aus Tonkarton und Transparentpapier zu schneiden, die dann zur hippen Laterne zusammengeklebt werden. Nebenbei wird getratscht und Tee getrunken. Ein herrliches Vergnügen. Ich habe diese Abende früher auch sehr genossen, und zwar am meisten, wenn mein Dienstplan die Teilnahme verhinderte.

Doch allen Bemühungen der Mütter zum Trotz: die wohl tollste Laterne, die mir jemals untergekommen war, hatte ausgerechnet mein ehemaliger Nachbar Horst Kruschinsky gebastelt. Schon Wochen vor dem ersten Laternenumzug hatte er sich in seine Garage zurückgezogen und dengelte und schraubte an der ultimativen Laterne, die er dann stolz präsentierte.

Sie ähnelte einem goldenen Drachen mit rubinroten Augen und smaragdfarbenen, angelegten Flügeln. „Und erst das Innenleben“, schwärmte Horst. „Die Laterne hat zwei Modi. Ich kann sie sowohl elektrisch als auch mit offener Flamme betreiben. Pass mal auf!“

Und schon fummelte Horst an der Laterne herum. Mit einem gewaltigen Fauchen schoss plötzlich eine Stichflamme aus dem Maul des Drachen.

Nur ein beherztes Herunterreißen der Daunenjacke bewahrte seinen Vordermann davor, den Abend vorzeitig als menschliche Fackel zu beenden.

Oh! Entschuldigung!“, stammelte Horst. „Da hat wohl das Druckventil versagt. Tut mir leid. Vielleicht ist das elektrische Licht doch besser.“

Ein Aufschrei ging durch die Gruppe, als wir plötzlich alle in eine Aureole grellgrünen Lichts getaucht wurden. Quietschen und Krachen übertönte das Kreischen der Kinder. Als ich endlich wieder sehen konnte, war Horst verschwunden. Weinende Kinder riefen nach ihren Müttern, die geblendet über den Gehweg tappsten. Mehrere Fahrzeuge blockierten ineinander verkeilt die nahe Kreuzung.

Am nächsten Morgen berichteten mir die Kollegen von dem wohl merkwürdigsten Verkehrsunfall in ihrer Laufbahn. Obwohl alle Alkohol- und Drogentests negativ verlaufen waren, blieben die Beteiligten bei der Behauptung, dass plötzlich ein seltsames grünes Licht neben der Kreuzung aufgeflammt sei, das sie geblendet habe. Die Kinder hätten ihnen am meisten leid getan, die durch den Unfall während ihres Laternenumzugs offensichtlich traumatisiert worden seien.

Die Schlagzeile der Bild-Zeitung überlasse ich jetzt mal Ihrer Fantasie.

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