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Mehr Schein als Sein

April 29, 2013

Für viele Menschen – auch für mich – ist das Auto ein Mittel zum Zweck. Es bringt mich von A nach B oder transportiert mehr oder weniger zuverlässig meine Kiste Bier vom Getränkemarkt nach Hause. Was anderes kann ich von dem 13 Jahre alten Italiener auch kaum erwarten. Wenigstens ist er durch diverse Unfallschäden schon fast refinanziert. Das einzige, was mich so ein bisschen stolz macht, ist der Umstand, dass er als einziges Modell aus seinem Hause sich komplett dem ökologischen E10-Wahn entzieht. Das Zeug verträgt das sympathische kleine Kerlchen halt nicht.

Gerne erinnere ich mich auch an mein erstes Auto. Ein marsroter VW Derby mit sagenhaften 40 PS unter der Motorhaube. Dennoch sorgte dieses Auto immer für Aufmerksamkeit. Vor allem, wenn ich mit voll besetzter Karre auf der A7 durch die Kasseler Berge fuhr – auf der Kriechspur mit 40 km/h, während die großen Brummer wild hupend an mir vorbeizogen. Was für eine herrliche Zeit war das doch.

Für manche Menschen aber ist das Auto mehr. Es ist ein Status-Symbol. Frei nach dem Motto »Das Leben ist nur im SUV zu ertragen« geht es kaum größer, schöner oder schneller. Je mehr der Wagen einmal gekostet hat, desto stolzer ist der Besitzer. Und wenn noch etwas Geld übrig ist, kann man das geliebte Gefährt auch ein kleines bisschen aufmotzen.

In unserer schönen Landeshauptstadt Hannover gibt es dafür eine eigene Szene, die jetzt im Frühjahr wieder zum Leben erwacht. Jedes Wochenende treffen sich an der Vahrenwalder Straße Menschen, um ihre aufgemotzten Karren zur Schau zu stellen oder aber, wenn die Schmiere nicht guckt, auch mal ein kleines Rennen mit ihren PS-Boliden zu starten.

Manchmal trifft man diese Leute aber auch einzeln an. Erst neulich hatte ich während meiner Streifenfahrt wieder so ein Kompensationsgerät für zu klein geratene Geschlechtsorgane vor mir. Ursprünglich war es wohl mal ein kleiner VW gewesen, aber davon war kaum noch etwas zu erkennen. Der Besitzer hatte kaum Kosten und Mühen gescheut, seine Karre aufzumotzen. Er hatte breite Walzen auf chromblitzenden Felgen aufgezogen. Dazu kamen natürlich Front- und Heckspoiler, veränderte Scheinwerfer und die schon obligatorische Tieferlegung. Zu guter Letzt hatte er sich noch zwei Katzenschlafplätze als Auspuffendrohre unter das Chassis montiert, die mit ihrem Sound starke Leistung suggerierten. Es sah schon nach einem heißen Flitzer aus.

Da mich solche Fahrzeuge immer wieder reizen, entschloss ich mich zu einer Kontrolle, um zu schauen, ob die ganzen Veränderungen am Fahrzeug auch den Vorschriften entsprachen. Gleich nachdem ich das Haltezeichen gegeben hatte, wurde der Wagen langsamer.

»Oh verdammt!«, dachte ich, »der will doch wohl hoffentlich nicht auf dem Bahnübergang da vorne anhalten?«

Doch das Fahrzeug rollte in Schrittgeschwindigkeit weiter und hielt schließlich hundert Meter hinter dem Bahnübergang an.

Als ich an den Wagen herantrat, konnte ich erkennen, dass auch das Innere nicht mehr dem Original glich. Die Rückbank hatte zwei Querverstrebungen weichen müssen. Zwischen diesen thronte eine gewaltige Lautsprecherbox, deren Schalldruck wahrscheinlich das Hirn des Fahrers im Beatrhytmus an die Stirninnenseite schlagen ließ.

Nachdem ich mein Sprüchlein aufgesagt hatte, sprach ich ihn auf die Szene am Bahnübergang an.

»Ne, ne, Herr Wachtmeister«, antwortete der junge Mann. »Ich kann nur nicht schneller über so Unebenheiten fahren. Sonst reißen mir die Endtöpfe ab.«

Ein Grinsen konnte ich mir bei diesen Worten nicht verkneifen. »Na, dann geben Sie mir doch mal den Fahrzeugschein. Mal schauen, ob alles eingetragen ist.«

»Klar doch!«, sagte der Mann und reichte mir drei zusammengetackerte Fahrzeugscheine. »Viel Spaß beim Durchsehen!«

»Scheint ja alles eingetragen zu sein«, murmelte ich nach einer Weile.

»Natürlich! Der Wagen ist mein ganzer Stolz. Hab da mein ganzes Geld reingesteckt. Dann muss auch alles korrekt sein.«

»Da sind Sie bestimmt der Star der Tuning-Szene, oder?«

Der junge Mann schaute verlegen zu Boden. »Na ja, das eher nicht«, sagte er.

Ich sah es. Grinsend reichte ich ihm die Papiere zurück.

»Was soll ich machen?«, fragte er. »So’n Motor kostet ’n Heidengeld. Da muss ich mich halt mit 55 PS zufrieden geben.«

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