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Observation

Juni 4, 2012

Neulich wurde bei uns in Langenhagen eine Tierarztpraxis angegangen. Das ist nichts besonderes, das passiert fast jeden Tag irgendwo in Deutschland. Ich frage mich immer, was einen Täter treibt, in eine solche Praxis einzudringen? Bis auf Kaffee- oder Portokasse ist da kaum etwas zu holen. Oder reizt der Impfstoff gegen Maul- und Klauenseuche? Vielleicht gibt der ’nen besonderen Kick? Ich weiß es nicht!

In der Nacht hatten es die Täter nicht geschafft, in die Praxis einzudringen. Aber unsere Ermittler waren der festen Überzeugung, dass sie es in der nächsten Nacht wieder versuchen würden. Man spricht von gesicherten Erkenntnissen aufgrund der besonderen Umstände der Tatbegehung.

Wie dem auch sei, es war in der folgenden Nacht Aufgabe des Streifendienstes, auf die Praxis aufzupassen. Und weil die Aufgabe furchtbar spannend ist, dürfen natürlich nur die Gewinner eines kleinen Spiels zu Dienstbeginn diese wahrnehmen.

In dieser Nacht zogen mein Partner und ich den Kürzeren. Also suchten wir bei Einbruch der Dunkelheit die Praxis auf. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Mehrfamilienhaus mit einem größeren, durch Hecken geschützten Parkplatz. Dieser erschien uns geeignet, sich so aufzustellen, dass man selbst nicht gesehen wurde, aber sonst die gesamte Umgebung beobachten konnte.

Wir stellten uns zunächst mit unserem Zivilstreifenwagen in eine freie Parkbucht, von der wir eine gute Sicht hatten. Leider machte uns eine Anwohnerin schon kurz darauf einen Strich durch die Rechnung. „Das ist mein Parkplatz!“, keifte sie. Aber nach einem kurzem klärenden Gespräch gestattete sie uns, quer hinter ihrem Fahrzeug zu parken, „sofern wir niemanden sonst aus dem Hause stören, wäre man gern bereit, die Polizei zu unterstützen.“

Etwa zwei Stunden später, fuhr ein Taxi auf den Hof. Nachdem der deutlich alkoholisierte Fahrgast bezahlt hatte, stand er auf dem Platz und starrte unser Auto an. Schließlich schüttelte er den Kopf, raffte die Jacke nach unten und trat an die Fahrertür. Mit einem jovialen Klopfen bedeutete er mir, die Scheibe zu öffnen.

Dass’n Pr’vtpa’kpl’tz!“, schwallte er mich an.

Bitte?“, fragte ich.

S‘ dü’fen hi“ n’ch steh’n! Ich ru‘ die P’l’zei!“

Da der Mann meine Uniform offensichtlich nicht bemerkt hatte, stieg ich aus, um ihm die Erkenntnis zu erleichtern. „Die brauchen Sie nicht zu rufen“, lächelte ich ihn an. „Die ist schon da!“

Herr Wachtmeester!“, strahlte er mich an. „Gut, dass s‘ da sin‘! Könn’n se die beiden Typen hier ’ntfern’n?“

Welche beiden Typen?“

Na, die b’den in dem Auto!“

Aber da bin ich einer von“, lachte ich ihn an.

’s mir egallll. Die s’ll’n hier weg!“

Okay. Er hatte es nicht begriffen. Also versuchte ich, ihm in Ruhe zu erklären, was wir hier vor hatten, merkte aber schon bald, dass ich an die alkoholvernebelten Grenzen seines Geistes stieß. Mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand drückte er an die Nasenwurzel, so als ob er nachdenken müsste. Eigentlich fehlten nur noch Dampfwolken, links und rechts aus den Ohren dringend, um seine Überanstrengung zu dokumentieren. Doch dann schien ihm der Geistesblitz gekommen zu sein.

Aaaahhhh!“, rief er. „Ve’sch’t’he!“, und ich atmete auf. Es dauerte noch eine Weile, bis ich ihn in ins Haus komplementiert hatte, aber schließlich hatten wir Ruhe auf dem Parkplatz und konnten unserer Aufgabe nachgehen.

Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis wir wieder von ihm hörten. Gerade hatten wir es uns wieder gemütlich gemacht.

Herr Wachtmeester! Herr Wachtmeester!“, tönte es von einem Balkon aus dem dritten Stock. „Dat is’ser! Der Dieb!“

Gerade war eine Straßenbahn vorgefahren und hatte einen jungen Mann ausgespuckt. „Halt’s Maul, Opa!“, gab der junge Mann von sich.

Damit hatte er allerdings den Nerv unseres Freundes getroffen. Laut keifend verließ er seinen Balkon, um kurz darauf auf dem Parkplatz zu erscheinen. „Hier ist die Polizei!“, bölkte er durch die Büsche. „Die werden dich gleich verhaften. Musst nicht glauben, dass du damit durchkommst!“

Unsere Aufgabe war damit hinfällig geworden. Unserem Freund zu erklären, dass er auch gleich eine große Hinweistafel mit unserem Standort hätte aufstellen können, wäre wohl müßig gewesen. Inzwischen waren auch schon andere Hausbewohner wach geworden und beschwerten sich wegen des Lärms auf dem Parkplatz. Auch die Dame, die uns zuerst aufgescheucht hatte, stand in einem geblümten Bademantel auf ihrem Balkon und rief: „Wenn ich das gewusst hätte …!“

 

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