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I’m jogging

Februar 6, 2012

Es ist ein Kreuz. Da hat man sich über die Feiertage die größte Mühe gegeben, seine Gastgeber nicht zu enttäuschen, hat gefuttert, was in den Wanst hineinpasst, das Ganze so lange mit Getränken abgelöscht, bis wirklich nichts mehr geht und nun das: Die Hose kneift!

Eine neue Schicht Winterspeck hat sich auf den Hüften niedergelassen. Dabei war die alte Schicht noch nicht mal aufgebraucht. Bin halt im letzten Jahr sparsam im Verbrauch gewesen. Oder war’s die Verinnerlichung eines alten Polizeigrundsatzes: Reserven bilden? Keine Ahnung. Ist aber auch egal. Jetzt muss was runter.

Nur wie fängt man das an? Natürlich mit einer Diät. Einschlägige Zeitschriften, die zumeist vom weiblichen Geschlecht konsumiert werden, bieten da pro Jahr etwa 4000 – 5000 Stück an. Natürlich ausgewogen, hundertfach bewährt, medizinisch optimiert und garantiert mit Jo-Jo-Effekt. Die nächste Ausgabe soll schließlich auch noch verkauft werden.

Das muss ich mir nicht antun. Aber an der Ernährung sollte schon gefeilt werden. Es soll Diäten geben, die einigermaßen erfolgversprechend verlaufen können. Auch wenn Salat nicht unbedingt mein Fall ist (den soll doch mein Essen fressen), bin ich geneigt meine Ernährung umzustellen.

„Das allein nützt aber nichts“, sagt meine Lebensgefährtin. „Da musst du dich auch noch bewegen, wenn’s was bringen soll.“

„Wie? Bewegen?“, frage ich erstaunt. „Noch mehr? Ich kauf doch schon jeden Tag frisch ein. Ist doch genug Bewegung.“

„Ne, ne, ne, richtig bewegen! Also Sport.“

Ach du Schreck!, denke ich. Das artet aus. Dennoch lass ich mich breitschlagen. Wir machen sogar einen Deal. Sie läuft mit, dafür melden wir uns im Mai beim Hannover-Marathon an, mindestens für die 10-Kilometer-Strecke. Bis dahin vergehen noch einige Wochen, in denen wir ausreichend trainieren können.

Gesagt, getan. Schon bin ich am Schrank und wühle nach den Sportklamotten. Irgendwo hab ich die; das weiß ich genau. Nur wo? Wahrscheinlich schon zu lange her, dass ich gelaufen bin.

Nach einer Kompletträumung des Schrankes halte ich die Sportklamotten in den Händen. Apropos Motten? War das Loch schon immer in der Hose? Wohl kaum. Zum Glück ist es am Knie und nicht an anderer, möglicherweise peinlicherer Stelle.

Schuhe habe ich natürlich auch. Die sind sogar relativ schnell gefunden.

„Was willst du denn mit den verkeimten Botten?“, fragt mich meine Lebensgefährtin.

„Na, laufen!“, entgegne ich.

„Aber doch nicht mit sowas! Du brauchst vernünftige Laufschuhe, bei deinen Füßen. Du hast doch ’ne Fehlstellung.“

Wir diskutieren eine Weile über meine Senk-Spreiz-Füße und ich gebe mich geschlagen, fange an zu recherchieren. Ich bin überrascht, was es für den Schuhkauf alles zu beachten gilt. Wissen Sie, was die Supinationsstellung ist? Oder eine Überpronation? Also die Pronation ist Einwärtsdrehung des Fußes. Dabei wird der äußere Fußrand gesenkt und der innere angehoben. Dies ähnelt in etwa der Fußstellung Ihrer Lebensgefährtin, wenn sie ihre eiskalten Füße zwischen Ihre Beine steckt, um sie zu wärmen. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall sollte ich eine Laufband-Analyse machen, damit ich mir die richtigen Schuhe kaufe. Am besten noch die alten Schuhe mitbringen – nicht um den Verkäufer zu ersticken, sondern weil der aus der Sohlenabnutzung meine krummen Füße einordnen kann. Je mehr ich lese, desto verunsicherter werde ich. Hab ich denn früher alles falsch gemacht? In meiner Ausbildung hatten wir die flachen Hallenschuhe mit den drei Streifen an der Seite bekommen und sind damit durch den Wald gelaufen. Von Dämpfung, Stabilisierung oder Gelenkschonung war keine Rede.

Am Ende bin ich aber doch beruhigt. Als abschließenden Tipp lese ich, dass mein subjektives Gefühl über den Kauf entscheiden soll. Ich soll mich im Schuh wohlfühlen – und passen soll er. Das tun die alten auch. Jetzt kann ich laufen gehen.

Am nächsten Tag starten wir frisch ausgeruht mit einem lockeren Trab. Es läuft sich gut an. Ich kann mit meiner Lebensgefährtin mithalten, die im Laufen geübter ist. Den ersten Kilometer fress ich wie eine Maschine. Allmählich beginne ich auch, mich wie eine solche anzuhören – also wie eine alte Dampfmaschine, die selten geschmiert wurde. Irgendwann pfeif ich auf dem letzten Loch. Ich werde langsamer. Ich empfinde es noch nicht mal mehr als unverschämt, dass mich ein altes Mütterchen mit Rollator überholt. Soll sie doch rennen, wenn sie die Kraft dazu hat. Aber der Schnecke, die mich im Vorbeikriechen hämisch angrinst, möchte ich am liebsten … Nicht ablenken lassen. Was zählt ist die Strecke.

Immerhin schaff ich die ersten drei Kilometer. Danach sind meine Waden so hart, dass ich damit Nägel einschlagen könnte, wenn ich sie denn noch bewegen könnte. Ich japse nach Luft, als hätte man mich eine halbe Stunde unter Wasser getaucht. Und dennoch erfüllt mich ein kleines bisschen Stolz.

Aber sobald ich wieder normal Luft holen kann, werde ich meine Lebensgefährtin fragen, ob wir unbedingt dieses Jahr noch am Hannover-Marathon teilnehmen wollen. Nächstes Jahr reicht doch auch, oder? Muss man denn gleich alles übertreiben?

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