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2012

Januar 2, 2012

Es ist Neujahrmorgen, 16 Uhr! Nachdem dieses heimtückische Ding namens Wecker meiner satanischen Rache zum Opfer gefallen ist, tappe ich durch das Trümmerfeld, das einmal meine Wohnung gewesen ist, in Richtung Kaffeemaschine. Zwischen Bergen von Tellern und Dutzenden Gläsern steht sie, lächelt mich an als wolle sie sagen: „Schalte mich ein! Ich werde dich beleben.“

Und tatsächlich: Nachdem der erste Duft nach frisch gebrühtem Kaffee durch die Wohnung zieht, belebt sich mein Geist. So langsam erkenne ich, dass das Trümmerfeld eigentlich noch bewohnbar ist. Es sieht halt nur aus, wie nach einer langen Party.

Nach den ersten Schlucken beginne ich mit dem Aufräumen und denke über den gestrigen Abend/heutigen Morgen nach. Nebenbei pinne ich ein Memo an mich selbst an den Kühlschrank: „Wecker kaufen! Wichtig!!!“

Ja. Es war eine ganz normale Party gewesen, bis Günther das Gespräch auf das Jahr 2012 brachte.

„Das ist das Jahr, in dem die Erde untergeht!“, hatte er gesagt.

Betretenes Schweigen breitete sich im Raum aus. Eigentlich war Günther kein Verschwörungsfan oder Esoterik-Spezi. In Erwartung einer größeren Diskussion holte ich schnell noch mehr Getränke aus dem Kühlschrank.

„Wie kommst denn da jetzt drauf?“, fragte Nicole.

„Hast du nicht diesen Film 2012 von Roland Emmerich gesehen?“, fragte Günther. „Am 21. 12. 2012 endet die Welt. Dann läuft der Kalender der Maya ab und alles ist aus. Die wussten schon damals, was kommt.“

„Du spinnst!“, sagte ich. „Das ist ein Film. Wie Independence Day.“

„Ne, ne“, erwiderte Günther. „Das stimmt schon so. Ich hab mich damit beschäftigt. Irgendwas wird am 21. Dezember passieren. Und nichts ist mehr so, wie es vorher war. Selbst Nostradamus kannte dieses Datum und hat das Ende des Dritten Weltkriegs vorausgesagt. Und du weißt ja sicherlich auch, was Einstein zum Dritten Weltkrieg gesagt hat.“

„Das ist mir alles zu unausgegoren“, erwiderte ich.

„Es gibt aber auch ernst zu nehmende Ansätze“, warf Horst in die Diskussion ein. „Angeblich haben ja Wissenschaftler festgestellt, dass sich das Magnetfeld der Erde umpolen wird. Was das für Auswirkungen hat, weiß keiner. Auch die Auswirkungen des Photonengürtels, in den wir dann vollends eintreten, weiß keiner. Und außerdem steigen die Sonnenaktivitäten stetig an.“

„Und am Ende kommt ein großer Asteroid und löscht alles Leben aus“, entgegnete ich. „Wie damals bei den Dinosaurieren.“

Als hätte ich damit ein Stichwort gegeben, begann nun die Diskussion in die unmöglichsten Untergangsvisionen abzuschweifen. Aus dem Asteroiden wurde eine Flotte blutrünstiger Aliens, die in der harmlosesten Variante nur die enttäuschten Nachfahren der Götter der Mayas darstellten.

Irgendwer warf dann noch ein, dass es ja tatsächlich einen Parallel-Erde geben könnte, die auf der gegenüberliegenden Seite der Sonne die gleiche Umlaufbahn wie unser schöner Planet zieht, aber in etwa einem halben Jahr derart an Geschwindigkeit verliert, dass wir unweigerlich mit dieser zusammenprallen müssten. Ja, ne! Is‘ klar!

Ich schüttele den Kopf über den Unsinn, den wir uns da im alkholgeschwängerten Geist ausgemalt hatten. Mit einem Lächeln auf den Lippen räume ich weiter die Gläser vom Tisch und finde schließlich den Zettel mit dem Ausdruck einer Facebook-Seite: Weltuntergang mit anschließender Aftershowparty! Beginn 21. 12. 2012, 0.00 Uhr. Aftershowparty ab 3.00 Uhr. Darunter steht handschriftlich: „Wir nehmen teil!“ Und alle haben unterschrieben.

Ist ja ein cooles Programm. Elvis, Michael Jackson, Amy Winehouse und viele andere Stars werden auftreten. Verlockend. Vor allem, wenn man nicht mehr klar denken kann.

Und so’n Weltuntergang hat ja auch seine Vorteile, gerade kurz vor Weihnachten. Da muss ich mir den Einkaufsstress beispielsweise nicht mehr geben. Die Umtauschaktionshektik zu Beginn des nächsten Jahres fällt ebenfalls weg. Und die Neujahrsansprache unseres sprechenden Hosenanzugs aus der Uckermark bleibt einem auch erspart, genauso wie die Weihnachtsansprache des Präsidentendarstellers.

Also liebe Leser, auch scheinbar negative Dinge haben immer eine positive Seite. Das Memo „Wecker kaufen!“ nehme ich wieder ab. Für das letzte Jahr ist so ein Gerät völlig überbewertet. Da sollte man alles gelassener sehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gelungenen Start ins Neue Jahr und viel Erfolg. Und vielleicht treffen wir uns tatsächlich am 21. 12. auf dem Highway to Hell. Wenn nicht, lesen Sie in der Januar-Ausgabe 2013 wieder von mir.

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