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Horst kauft ein

November 28, 2011

Es ist jedes Jahr das gleiche. Kaum ist der letzte Monat des Jahres angebrochen, verfallen die Menschen in hektische Betriebsamkeit. Das große Fest steht vor der Tür und dafür muss einiges vorbereitet und vor allem eingekauft werden. Da wundert es nicht, dass die Straßen und Geschäfte in den Städten vor Überfüllung fast zu platzen drohen. Und allen, die sich da tummeln ist offensichtlich eines gemeinsam: eine gewisse Gereiztheit. Nur einer nahm dieses Chaos zunächst mit Gelassenheit: Horst Kruschinsky.

Ich traf ihn neulich am Hauptbahnhof.

Hallo, Horst!“, sprach ich ihn an. „Na? Auch Weihnachtseinkäufe machen?“

Hallo, Mike! Ja, natürlich. Muss ja sein.“

Genau, einmal muss man sich diesem Stress aussetzen.“

Wieso Stress?“, fragte Horst verwundert. „Das ist doch kein Stress, wenn man sich vernünftig vorbereitet.“

Wie hast du dich denn vorbereitet?“, wollte ich wissen.

Sieh mal!“ Horst zog einen Zettel aus der Tasche. „Das ist mein Einkaufsplan. Den habe ich gestern ausgearbeitet.“

Neugierig begann ich zu lesen:

09.52 Uhr: S-Bahn nach Hannover.

10.30 Uhr: Kaufhof, Parfümabteilung

10.50 Uhr: Kaufhof, Spielwarenabteilung …

Minutiös hatte Horst jeden einzelnen Posten aufgeführt.

Da kann gar nichts schiefgehen“, strahlte er.

Ich weiß ja nicht …“ wandte ich zögernd ein.

Du, ich hab da gestern vier Stunden recherchiert. Alle durchschnittlichen Einkaufszeiten aus dem Internet rausgesucht. Diese dann mal zwei genommen und noch ’nen kleinen Zuschlag oben drauf. Wirst schon sehen. Klappt bestimmt. Ich hab ja sogar die durchschnittliche Verspätung der Bahn eingerechnet und jetzt schon fünf Minuten gewonnen.“

Von denen du schon drei verplappert hast.“

Bleiben immer noch zwei Minuten. Also, ich wünsch dir was“, sagte Horst. „Ich muss dann los.“

Etwa eine Stunde später hatte ich meine ersten Einkäufe erledigt. Ich beschloss, bei einem Tässchen Glühwein zu entspannen und schaute mir amüsiert das hektische Treiben der Menschen an. Plötzlich spritzte Horst an mir vorbei.

Na, Horst?“, rief ich hinterher. „Läuft alles?“

Keine Zeit“, rief er abgehetzt. „Der Zeitplan, du weißt schon.“ Sprach’s und tauchte in der Menschenmenge unter.

War die Planung doch zu eng gewesen?

Zwei Stunden später traf ich ihn noch einmal beim Buchhändler. Tippelnd stand er in der Schlange vor der Kasse. Die Einkaufstaschen wechselten immer wieder nervös von einer Hand in die andere.

Alles klar, Horst?“, fragte ich.

Später, Mike“, murmelte er gehetzt. „Später! Ich muss mich sputen.“

Offenbar hatte ihn nun doch der Stress gepackt. Es machte mich neugierig, ob er seinen Plan würde einhalten können. Da ich wusste, dass er um 16 Uhr mit der Bahn zurückfahren wollte, beschloss ich, am Bahnhof auf ihn zu warten.

Es wurde allerdings 17 Uhr. Aber war das wirklich Horst, der mir da entgegen kam? Einkaufstaschen hatte er keine dabei. Die Haare zerzaust und mit gehetztem Blick rannte er über den Ernst-August-Platz.

Was ist denn mit dir los?“, fing ich ihn ab.

Es … es ist nicht zu fassen“, stammelte er. „Der Plan war fast perfekt.“

Das glaub ich gern. Aber wo sind die Geschenke, die du eingekauft hast?“

Geschenke? Was für Geschenke?“ Das Flackern in seinen Augen steigerte sich.

Die du vorhin noch hattest.“

Ach die!“ Horst schluchzte auf. „Die hab ich nicht mehr. Kein einziges.“

Was ist passiert?“

Der Zeitplan. Ich wollte mich ja genau dran halten. Doch plötzlich war ich schon dreißig Minuten über der Zeit. Das hat mich gestresst. Und dann tauchte dieser Weihnachtsmann auf.“

Welcher Weihnachtsmann?“

Der in der Ernst-August-Galerie. Rief immer ‚Ho, ho, ho! Fröhliche Weihnachten!‘ Und dann bimmelte er andauernd mit seiner Glocke. Hat mich total nervös gemacht. Als es in diesem einen Laden das Parfüm für Helga nicht mehr gab, hab ich wohl rot gesehen.“

Mehr war aus Horst nicht rauszukriegen. Auf dem Weg zur Bahn murmelte er nur noch: „Aber der Plan war gut.“

Am nächsten morgen prangte folgende Schlagzeile auf der ersten Seite der Presse: Weihnachtsmann mit Einkaufstaschen verprügelt! Dem Bericht der Zeitung nach war ein offensichtlich geistig verwirrter Mann mit den Worten „Ich geb dir gleich Weihnachten!“ auf einen kostümierten Angestellten der Galerie zu gestürmt. Anschließend schlug der Mann mit seinen Einkaufstaschen zu. Dabei hatte er immer wieder „Hier hast du fröhlich!“ gerufen. Mit den Worten „Nie wieder Weihnachten!“ hatte sich der Mann anschließend seiner Taschen entledigt und war geflohen.

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