Archive for Oktober, 2011

Ruhestörung

Oktober 31, 2011

Liebe Leser, beim letzten Mal habe ich mich über den „guten Nachbarn“, der mit seinem Ordnungssinn andere in den Wahnsinn treiben kann, ausgelassen. Es existiert aber noch eine zweite Kategorie Nachbarn, die in der Beliebtheitsskala ihrer Mitmenschen in etwa gleichauf mit Kopfschmerzen oder einer Diarrhoe liegen. Es sind Menschen, die ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis an den Tag legen und gegen jede Art von Geräuschbelästigung vorgehen. Solche Leute beziehen beispielsweise ein Haus neben einem Stadion und verklagen spätestens nach dem ersten Heimspiel die Liga auf Abbruch der Saison. Man konnte ja nicht ahnen, dass da auch außerhalb des Stadions was zu hören ist.

So eine Dame hatte ich neulich am Telefon.

Sie müssen hier unbedingt vorbeikommen. Der Lärm nebenan vom Schulhof ist unerträglich. Die spielen da Fußball, was ja gar nicht erlaubt ist. Und außerdem ist es schon nach 20 Uhr.“

Also fuhr ich mit einem Kollegen in die besagte Straße, um mir vor Ort ein Bild von der Situation zu machen. Der Schulhof war wie leergefegt. Weit und breit war niemand zu sehen. Vor allem niemand, der dort Fußball spielte. Damit schien für uns der Auftrag erledigt zu sein, doch bevor wir wieder in den Streifenwagen einsteigen konnten, wurden wir von der Anruferin aufgehalten.

Warum brauchen Sie eigentlich immer so lange?“, rief sie uns aufgebracht anstatt eines Tagesgrußes entgegen.

Guten Abend“, erwiderte ich freundlich. „Sie hatten uns angerufen?“

Natürlich. Das ist ja unerträglich hier. Dieser ganze Lärm. Und das auch nach Schulschluss.“

Nun ja“, sagte ich. „Ich kann Sie zwar verstehen, aber irgendwo müssen die Kinder ja hin. Gibt ja sonst nichts hier im Ort. Und nach der neuen Gesetzeslage, verursachen Kinder ja auch keinen Lärm.“

Hören Sie mal“, erboste sich die Dame. „Sie sehen doch dieses Schild hier!“ Dabei deutete sie in Richtung Eingang des Schulhofes. „Der Schulhof darf ab 20 Uhr nicht mehr betreten werden. Und wie sie unschwer erkennen können, darf hier auch kein Fußball gespielt werden. Und außerdem sind das keine Kinder, das sind Jugendliche.“

Aber nun sind sie doch weg. Jetzt ist es gerade Viertel nach. Da muss man doch nicht so kleinlich sein.“

Doch, muss man!“, erwiderte die Dame. „Wehret den Anfängen, sage ich immer. Aber ich hab ja auch schon meinen Anwalt eingeschaltet. Der wird die Stadt verklagen, dass der Schulhof früher geschlossen wird. Ich mein‘, das wär‘ ja alles kein Problem, wenn die Jungs hier Drogen nehmen würden, wie woanders auch. Dann sind sie wenigstens ruhig.“

Verblüfft schaute ich die Dame an. „Das ist doch jetzt nicht Ihr ernst, oder?“

Ist es! Und nun will ich meine Ruhe haben. Auf Wiedersehen!“ Sprachs und eilte auf ihr Haus zu.

 

Gegen 23 Uhr meldete sich die Dame noch einmal auf der Wache.

Und?“, fragte ich. „Sind schon wieder welche auf dem Schulhof?“

Nein, nein“, antwortete sie. „Diesmal sind es die Nachbarn. Die haben da irgend ’ne Party. Und es ist unerträglich laut.“

Haben Sie denn schon mal mit denen gesprochen?“

Ich? Nein, hab ich nicht! Mit denen kann man auch nicht reden.“

Ach, so ist das. Dann werden wir das wohl übernehmen müssen.“

Aber es wäre nett, wenn Sie meinen Namen nicht erwähnen. Das gibt nur unnötigen Ärger“, sagte die Dame zum Abschied am Telefon.

Zum wiederholten Male fragte ich mich, warum Menschen nicht in der Lage sind, mit ihren Mitbürgern zu reden? Inzwischen scheint es eine der Hauptaufgaben der Polizei geworden zu sein, sozial-kommunikative Defizite unserer Mitmenschen auszugleichen.

Seufzend machte ich mich noch einmal mit meinem Kollegen auf den Weg.

Bei den Nachbarn war tatsächlich Party. Aus dem Haus war Musik zu hören. Nicht übermäßig laut, aber immerhin war es zu hören. Nach mehrmaligem Klingeln wurde uns geöffnet und ein verwunderter Hausherr starrte uns an.

Gibt es ein Problem, Herr Wachtmeister?“

Offensichtlich“, antwortete ich. „Sonst wären wir nicht hier.“

Was ist denn los, Friedbert?“, fragte eine Frau aus dem Hausflur.

Die Polizei ist hier, Helga“, rief er nach hinten. „Sind wir zu laut?“, fragte er mich dann.

Zumindest fühlt man sich in der Nachbarschaft gestört“, sagte ich.

Das kann doch gar nicht sein“, wunderte sich Helga. „Die Nachbarn sind doch alle hier. Die haben wir doch extra eingeladen.“

Warte mal“, unterbrach Friedbert seine Frau. „Die Meiersche von nebenan ist doch vor zwanzig Minuten gegangen, oder nicht?“ Und an mich gewandt fragte er: „Das war die doch, oder?“

Mit einem Lächeln schaute ich an die Decke. Ich sollte den Namen ja nicht erwähnen.

Das hat ein Nachspiel!“, rief Helga.

Das war zu befürchten. Bleibt zu hoffen, dass Friedbert und Helga die Angelegenheit ohne uns regeln können. Angesichts der Nachbarin hatte ich da allerdings meine Zweifel. Die Zukunft wird es zeigen. Für heute blieb nur noch die Frage offen, warum man sich von Menschen einladen lässt, mit denen man angeblich sowieso nicht reden kann?

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Der gute Nachbar

Oktober 4, 2011

Es gibt eine bestimmten Sorte Menschen, die mag ich nicht mehr: Nachbarn! Also nichts gegen meine hier im Haus. Von denen sehe und höre ich nichts. Sie sind anders als Horst, der immer, wenn er in Erscheinung trat, eine Katastrophe heraufbeschwor, wobei er aber jedes Mal noch etwas liebenswürdiges an sich hatte.

Nein, die Nachbarn, die ich meine, sind eigentlich leicht zu erkennen. Unter anderem am Kissen auf der Fensterbank des strategisch günstigsten Fensters der Wohnung. So ist es ihnen möglich, in alt hergebrachter Blockwart-Manier die wichtigsten Gegebenheiten vor dem Haus zu überwachen: das Halteverbot auf der Straße, den Fahrradabstellplatz und vor allem die Mülltonnen des Hauses.

Erst neulich hatte ich wieder so einen am Telefon.

Sie müssen hier unbedingt einen Streifenwagen herschicken. Hier parkt einer, wo er gar nicht darf und blockiert damit den ganzen Garagenhof.“

Was ist denn das für ein Fahrzeug?“, fragte ich. „Und haben sie sich vielleicht schon mal das Kennzeichen notiert?“

Weiß ich nicht!“, kam es zurück. „Das Kennzeichen hab ich auch nicht. Aber der gehört hier nicht her, das weiß ich ganz bestimmt!“

Ich machte mich mit einem Kollegen auf den Weg, um an Ort und Stelle nach dem Rechten zu schauen. An der angegebenen Adresse wurden wir jedoch nicht fündig. Kein Fahrzeugführer hatte es gewagt, sich in einer Halteverbotszone oder gar vor einer Ausfahrt abzustellen. Der Anrufer erwartete uns allerdings schon vor der Haustür und führte uns auf den großzügig ausgebauten Garagenhof des Mehrfamilienhauses.

Eigentlich hätten wir den Einsatz schon jetzt abbrechen können, denn grundsätzlich sind wir für falsch abgestellte Fahrzeuge auf Privatgrundstücken nicht zuständig. Aber auf der anderen Seite gehört es auch zu unseren Aufgaben, dem Bürger in allen möglichen Situationen behilflich zu sein.

Auf dem Hof fanden wir tatsächlich einen Wagen mit ortsfremden Kennzeichen vor, der an der vorletzten Garage abgestellt war.

Sehen Sie“, sagte Nachbar Adlerauge, „aus der letzten Garage komm ich gar nicht mehr raus mit dem Auto.“

Ein Grinsen konnte ich mir kaum noch verkneifen, denn auf dem Hof war soviel Platz, dass man die letzte Garage bequem mit einem 7,5-Tonner hätte erreichen können. Aber darum ging es dem guten Nachbarn gar nicht, wie ich gleich feststellen durfte.

Ja, müssen Sie denn jetzt wegfahren?“, fragte ich ihn.

Ich? Nein! Wieso? Ich mein ja nur, dass, wenn ich jetzt aus der Garage raus fahren müsste.“

Die hintere Garage ist also Ihre?“, fragte ich weiter.

Wieso meine? Was soll ich denn mit einer Garage?“, erwiderte Adlerauge verwundert. „Ich hab doch gar kein Auto.“ Er drehte sich um und zeigte zur Hofausfahrt. „Aber sehen Sie mal, da vorn steht ein Schild, das das Parken auf dem Hof verbietet.“

Inzwischen hatte mein Kollege eine Halterfeststellung veranlasst und kam mit entsprechenden Personalien zu uns. „Der Wagen gehört einem gewissen Herrn Mehnert.“

Ach!“, rief Adlerauge. „Das ist bestimmte der Sohn von der alten Frau Mehnert, 2. OG links.“

Dann ist ja alles geklärt“, sagte ich. „Wenn der Wagen wirklich jemanden stören sollte, können Sie ja kurz bei Frau Mehnert klingeln, damit Sohnemann das Auto umparkt.“

Wieso sollte ich das?“, fragte Adlerauge zurück. „Was geht mich die olle Mehnert an?“

Okay“, lenkte ich ein. „Auf der anderen Seite können Sie natürlich als Hausmeister für die Durchsetzung der Hausordnung sorgen und den Wagen abschleppen lassen.“

Als Hausmeister?“ Adlerauge sah mich verwundert an. „Ich bin doch hier nicht der Hausmeister. Das ist der Krause, Hochpaterre, Mitte. Ich hab damit nichts zu tun. Ich schau hier nur nach dem Rechten. Einer muss das ja machen!“

Ach, so ist das“, entgegnete ich lächelnd. „Dann sind wir hier wohl fertig. Wir können als Polizei auf einem Privatgrundstück nichts machen. Deshalb werden wir uns jetzt wieder in den öffentlichen Verkehrsraum begeben, um dort nach dem Rechten zu schauen.“ Augenzwinkernd fügte ich noch hinzu: „Einer muss das ja machen!“

Adlerauge richtete sich auf und ließ seine Brust vor Stolz anschwellen: „Also hier in der Straße brauchen Sie nicht mehr zu schauen. Hier seh ich immer nach dem Rechten.“

Das habe ich mir fast gedacht“, sagte ich. „Hier sind wir wirklich überflüssig.“ Die Frage, was Adlerauge vor zwei Tagen gemacht hatte, als in dieser Straße mehrere Fahrzeuge aufgebrochen worden waren, verkniff ich mir. Verstanden hätte er es wahrscheinlich nicht. Schließlich waren es ja nicht seine Autos. Dennoch war ich mir sicher, dass ich nicht das letzte Mal mit Adlerauge zu tun gehabt hatte.

 

Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, irgendwann mal jemanden besuchen und unbedingt auf dem Garagenhof parken wollen, bestellen Sie den Abschlepper gleich selbst. So können Sie dem guten Nachbarn eine Freude bereiten und sparen sich unnötigen Ärger. Wer weiß? Vielleicht werden Sie so sogar zu einem gern gesehenen Fremden.