Archive for August, 2011

Derrick, CSI und andere Irrtümer

August 29, 2011

Es scheint eine unumstößliche Tatsache zu sein: Was im deutschen Fernsehen gezeigt wird, entspricht der Realität. Es muss wahr sein! Nicht umsonst erfreuen sich solche Sendungen wie „Frauentausch“, „Mitten im Leben“ und ähnliche Formate einer nicht zu brechenden Beliebtheit. Schließlich zeigen sie das reale Leben. Dass es sich hierbei lediglich um eine „skriptet reality“, die nur unwesentlich von der Wirklichkeit getrübt wird, handelt, überliest der geneigte Zuschauer nur allzu gern.

Doch auch Spielfilme oder Serien sind dem deutschen Michel derart realistisch, dass er glaubt, das wahre Leben läuft in ähnlichen Bahnen ab. Schon vor Jahren endete ein Dialog wie der folgende mit einem erstaunten Gegenüber:

„Sie sind bei der Polizei? Was haben Sie denn für einen Dienstgrad?“

„Ich bin Hauptkommissar!“

„Ach! Dann sind Sie ja bei der Kriminalpolizei!“

„Nein, bei der Schutzpolizei. Ich fahre Streife.“

Noch größer ist die Verblüffung, teilt man dem Gegenüber mit, dass es nicht der eigenen Erfüllung entspricht, die meiste Zeit seines Dienstes am Schreibtisch zu sitzen und Akten zu wälzen.

Liebe Leserinnen und Leser, auch wenn es schockiert, aber ich muss hier einfach mal aufklären: Mit großen Augen hinter violett getönten Brillengläsern fragend durch die Gegend rennen, um nach 40 Minuten mit einem Geistesblitz einen Mord aufzuklären, konnte nur Horst Tappert alias Derrick. Vielleicht auch nur, weil er nie den Wagen holen musste. Mit kriminalistischem Gespür oder Sachverstand hat das nichts zu tun, eher mit dem Sendeformat.

Der Schutzpolizist hat in Wirklichkeit eine breite Palette von Aufgaben, die ihm so manches Mal einiges abverlangen. Er ist nicht dazu da, sinnlos dekorativ neben einem Streifenwagen zu stehen, bei dem überflüssigerweise noch das Blaulicht eingeschaltet ist. Und den Kaffee kann sich der „Herr Kommissar“ selbst holen!

Auch das andere Extrem des Ermittlers entspricht nicht der Realität. Deutsche Kommissare springen nicht aus fliegenden Hubschraubern auf fahrende Busse. Genauso wenig haben wir jede Woche die Explosion eines Tanklastzuges auf deutschen Autobahnen zu beklagen. „Cobra 11“ ist zwar ein schönes Lehrstück über deutsche Stuntmen-Kunst, mehr aber nicht!

Es sind aber nicht nur deutsche Serien, die der Normalbürger als realitätsnah einstuft, auch amerikanische Fernsehserien werden inzwischen als der Realität entspringend aufgefasst.

So hatte ich vor einiger Zeit das Vergnügen einen Tatort aufzunehmen, an dem bei einem Hausneubau die frisch eingebauten Fenster mittels Spaxschrauben zerkratzt wurden. Dem angehenden Hauseigentümer war natürlich schon bei Entdecken der Tat klar, dass der Täter nur im Kreise seiner lieben Nachbarschaft zu suchen war, mit der er schon beim Kauf des Grundstückes im Clinch gelegen hatte.

Stolz präsentierte er mir die beiden Tatwerkzeuge: zwei Spax-Schrauben, 3,5 x 40 mm, die auf einer Fensterbank lagen. „Sehen Sie mal, Herr Wachtmeister. Damit haben die offensichtlich meine Scheiben zerkratzt. Ich hab die auch nicht angefasst! Die liegen noch so da, wie ich sie gefunden habe.“

Artig holte ich meine Digitalkamera hervor, um die Auffindesituation zu dokumentieren. Als ich die Schrauben dann in einer kleinen Beweissicherungstüte verstaute, begann der Geschädigte sogar ein wenig zu strahlen.

„Wenn Sie von den Schrauben die Fingerabdrücke genommen haben, finden Sie den Täter bestimmt ganz schnell“, meinte der Geschädigte dann.

„Tja, wenn das mal so einfach wäre“, entgegnete ich.

„Natürlich!“, sagte der Mann. „Ich hab das doch schon ein paar Mal im Fernsehen gesehen. Da bedampfen die sowas mit so’nem komischen Zeugs und vergleichen dann den Abdruck mit ihrer Computerdatei.“

Ach ja, das liebe Fernsehen, dachte ich. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als diesen Enthusiasmus ein wenig zu dämpfen.

„Die haben da auch nur einen Fall gleichzeitig zu lösen. Und ich muss Ihnen leider sagen, dass das CSI Langenhagen derzeit damit beschäftigt ist, Reifenspuren auf einem plattgefahrenen Straßenkater zu sichern.“

„CSI Langenhagen?“, fragte der Mann. „Wollen Sie mich jetzt auf die Schippe nehmen? Sowas gibt’s doch gar nicht!“

„Eben!“, antwortete ich. Als ich ihm dann noch erklärte, dass es nahezu unmöglich ist, mit einer dreieinhalb Millimeter breiten Fingerspur, die zudem noch von einem Schraubgewinde abgenommen wurde, einen Treffer zu landen, wurde er ganz kleinlaut. Aber zumindest hatte ich ihn überzeugen können, dass nicht alles stimmt, was der Flimmerkasten hergibt.

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Typisch deutsch

August 1, 2011

 

Vor einiger Zeit fand sich in einer großen deutschen Boulevard-Zeitung ein Artikel über die Angst der Engländer, zu sehr deutsch zu sein. Historisch gesehen stammen die meisten ihrer Vorfahren aus dem hiesigen Raum, der heute Deutschland ausmacht, was der natürlichen Abneigung der Inselbewohner gegen uns – die es offiziell eigentlich gar nicht gibt – zu wider läuft. Nun dürfen die Engländer im britischen Pendant unserer Zeitung einen Test machen, um festzustellen, ob sie eher deutsch oder doch glücklicherweise mehr britisch sind.

Mir stellte sich beim Lesen dieser Meldung die Frage, was deutsch eigentlich bedeutet? Gibt es den typischen Deutschen? Wohl eher nicht. Der Urbayer kann mit einem drögen Hamburger nicht umgehen. Dem Friesen sind die allemannischen Bräuche eher suspekt. Genauso ist der schwäbische Geiz in Berlin völlig fehl am Platze.

Selbst mit der gemeinsamen Sprache hapert es. Wir haben zwar das verbindliche Hochdeutsch im Duden festgeschrieben, aber wer spricht das schon? Der Kölner hat bereits zwanzig Kilometer außerhalb seiner Stadt in der Eifel Schwierigkeiten, nach dem Weg zu fragen. Von einem Thüringer in Oberbayern will ich gar nicht erst anfangen.

Fazit: Typisch deutsch gibt es eigentlich nicht! Oder doch?

Betrachten wir mal ein Dorf in tiefster Provinz mit Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Es befindet sich also eine Bushaltestelle in dem Ort. In England sieht das so aus, dass irgendwo am Straßenrand ein Mast mit entsprechendem Schild steht. Sonst nichts – auch kein Fahrplan.

Für den Deutschen wäre dies schon mal ein Grund, sich bei den Verkehrsbetrieben per Anruf oder aber mit einem geharnischten Brief zu beschweren. Woher soll er wissen, wann der Bus kommt? Die Ruhe eines Briten, der sich einfach an die Haltestelle stellt und wartet, hat er nicht.

Führt die Beschwerde nicht umgehend zum Erfolg wendet er sich an die Presse oder gründet mindestens die Bürgerinitiative „Pro Fahrplan!“, natürlich unter Einbeziehung des örtlichen Landtagsabgeordneten, um den Forderungen mehr Gewicht zu verleihen.

Dem Briten ist das egal. Er steht auch so an der Bushaltestelle. Fragt man ihn, wann der Bus kommt, wird er lapidar mit „Soon!“ (zu deutsch: bald) antworten, wobei dieses „Soon!“ einen Zeitraum von einer Minute bis zu drei Stunden umfassen kann. Irgendwann wird der Bus schon kommen.

Geben Sie eine solche Antwort mal an einer deutschen Bushaltestelle. Im günstigsten Fall wird Sie der Fragesteller gedanklich verfluchen. Das anschließende Erscheinen eines Rettungswagens wäre aber auch nicht abwegig. Dem Deutschen verlangt es nun mal nach Präzision.

Irgendwann wird schließlich dem Druck der Bürgerinitiative nachgegeben und ein Fahrplan ausgehängt. Hat man den dazugehörigen Volkshochschulkurs erfolgreich absolviert, bereitet auch das Lesen dieses Plans keine Schwierigkeiten. So weiß der deutsche Dorfbewohner jetzt, dass der Bus planmäßig alle paar Stunden fahren müsste, und zwar genau 26 Minuten nach der vollen Stunde.

Dem Briten ist das immer noch egal. Der Bus kommt irgendwann.

In der 27. Minute nach der vollen Stunde beginnt der Deutsche unruhig mit den Füßen zu tippeln. Verdammt! Schon wieder Verspätung.

Es wird 28 nach: Nervös schaut der Deutsche auf die Uhr.

Um halb zückt er das Handy. Erst mal den Chef informieren, dass es möglicherweise später wird.

Zwei Minuten nach halb zückt er erneut das Handy und holt die Nummer seines Rechtsanwalts in den Kurzwahlspeicher. Sicher ist sicher!

Der Brite zückt weder sein Handy (so etwas hat er auch gar – höchstens ein mobile phone) noch schaut er auf die Uhr. Sollte ihn etwas aus der Ruhe bringen, dann vielleicht die Tatsache, dass es schon drei Stunden nicht mehr geregnet hat, was ihn zu einem sorgenvollen Blick in den Himmel verleiten könnte.

Um fünf nach halb beginnt es tatsächlich zu regnen. Während sich der Brite über das normale Wetter freut, ist der Deutsche verärgert, weil es kein Wartehäuschen gibt. Gedanklich verfasst er eine Petition an den Bundestag, die den Erlass der BuhasteÜbdaVO, der Bushaltestellen-Überdachungs-Verordnung einfordert.

Endlich kommt der Bus. Während der Brite seelenruhig einsteigt, um die Fahrt zu seinem Zielort zu genießen, hält den Deutschen allein der Umstand einer noch größeren Verspätung von der körperlichen Züchtigung des Fahrers ab. Er wird sich auf ein paar wüste Beschimpfungen über den trödelnden Chauffeur beschränken, bevor er seinen Anwalt anruft, um mit diesem die Klage auf Verdienstausfall gegen die Verkehrsbetriebe zu besprechen.

So ist er, der Deutsche! Typisch halt!

Da muss sich der Engländer nun wirklich keine Gedanken machen, eventuell zu sehr nach seiner Abstammung zu kommen.