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Ein Vergleich

Juni 6, 2011

Liebe Leserinnen und Leser, Sie kennen sicherlich diesen Spruch, der immer wieder einmal in aller Munde ist: Früher war alles besser! Gerade die älteren unter uns führen dies häufig an. Aber stimmt das wirklich?

Nehmen wir einen handelsüblichen Biergarten. Heutzutage sprießen die Dinger wie Pilze aus dem Boden und so mancher hat mehr mit Bier als mit Garten zu tun, aber davon abgesehen, ist eine solche Einrichtung damals wie heute ein beliebter Treffpunkt.

Früher endete zumeist der sonntägliche Familienausflug in einem Biergarten. Man war froher Dinge. Jeder kannte jeden. Man grüßte sich gegenseitig – die Herren hoben den Hut und das junge Fräulein machte artig einen Knicks. (Ich weiß, liebe Feministinnen, dass dieser Ausdruck heutzutage verpönt ist, aber früher hieß das so!) In unserer Zeit ist der Biergartenbesuch eher anonymer. Wenn ein Gruß notwendig sein sollte, dann allenfalls dem Kollegen oder Vorgesetzten, dem man eigentlich überhaupt nicht begegnen wollte, oder aber dem Knauser aus der Kneipe gestern abend, der einem noch drei Bier schuldet.

Wenn früher eine hochgestellte Persönlichkeit einen Biergarten betrat, standen die Herren auf, hoben ihren Hut und zeigten dem Manne ihre Ehrerbietung. Wenn heute ein Minister den Biergarten am Waterloo in Hannover betritt, würden wahrscheinlich auch viele Menschen aufspringen wollen. Allerdings geht es da nicht um Ehrerbietung, sondern eher darum, diesem Kerl mal gehörig und mit schlagfesten Argumenten die Meinung zu geigen. Dass niemand aufspringt, ist wohl nur den zwei bis drei grimmig dreinschauenden Bodyguards zu verdanken, die den fröhlichen Minister begleiten und am Nebentisch an einer Diät-Cola nuckeln. (Müsste ich in einem Biergarten so etwas trinken, würde ich auch grimmig gucken.)

Früher saß also die Familie vereint an einem Tische. Der Vater trank sein Bier, Mutter ein Gläschen Wein oder Weinschorle, die Kinder hatten ihre Brause. Nebenbei wurden die mitgebrachten Stullen verzehrt. Es wurde geredet. Miteinander – nicht übereinander. Meist brachte der Vater seinen Kindern noch etwas bei, lehrte ihnen die verschiedenen Pflanzen oder Tiere, die es vom Tisch aus zu beobachten gab. Das alles ging dezent vor sich. Am Nebentisch war das Gespräch der Familie schon gar nicht mehr zu belauschen.

Heute ist das nicht mehr so einfach. Vater muss sich erstmal entschieden. Trinkt er Pils, Export oder Weizen; alkoholfrei oder nicht; mit Schuss oder ohne? Die Frau studiert stundenlang die Karte, weil sie nicht weiß, ob sie lieber weißen oder roten Wein, Prosecco oder Sekt trinken soll. Oder doch lieber ein alkoholfreies Weizen mit Bananensaft? (Urghs!) Stulle auspacken geht schon mal gar nicht. Wer das wagt, ist schneller wieder draußen als er sein Bier trinken kann. Also muss man aus der Karte wählen zwischen der deutschen Currywurst, den griechischen Fleischgerichten, Mafiatorten oder dem mediterranen Salat. Vielfalt ist angesagt – und das macht es nicht leichter.

Mancher gar ist schon überfordert.

So ist es kein Wunder, dass der Vater auch keinen Nerv mehr hat, seinen Kindern etwas beizubringen. Außerdem ist eine Unterhaltung gar nicht so einfach, denn die dezente Kapelle von damals ist schon lange durch eine watt-starke Stereoanlage mit Subwoofer und Bassbooster an jeder Ecke ersetzt worden.

Die Kinder toben lieber um Tische und Bänke, als ihrem Alten zu lauschen. Hat der Spinner ihnen doch neulich erst weiß machen wollen, dass Kühe nicht lila sind.

Kinder brauchen ihren Freiraum und der sei ihnen gegönnt. Natürlich unter den strengen Blicken der Mutter. Während der einsame Herr am Nachbartisch einen Kieselstein und die Bröckchen seiner Schneidezähne aus dem Bierglas fischt, kann es durchaus sein, dass die Mutter ermahnend ruft: „Kevin! Du weißt schon, dass du jemandem weh tun kannst, wenn du mit Steinen wirfst?“ – „Ja, Mama!“, kommt es dann zurück. Und am Nebentisch wischt sich der einsame Herr sein Bier von der Hose, nachdem er seinen umgerissenen Stuhl aufgehoben und den schmerzenden Rücken massiert hat.

Angesichts dieser Dinge mag sich so mancher fragen, ob es früher nicht doch besser gewesen ist. Ich vermag diese Frage nicht zu beantworten. Früher war es anders als heute. Wir leben nunmal im Jetzt! Das einzige, was mich wirklich stört, sind jene coolen Dressmen, die alle fünf Minuten an ihr quickendes Mist-Handy gehen müssen, um den Anrufer und der ganzen Umgebung lautstark mitzuteilen, dass sie gestern schon wieder was total tolles gemacht, gekauft, verkauft oder vernascht haben. Das nervt! Und das gab’s früher nicht!

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