Archive for Mai, 2011

Grillsaison

Mai 2, 2011

Der Mai ist da! Die Tage werden länger, es wird wärmer. Dieser Tage erfüllt sich ein ehernes Gesetz der Menschheit: Wenn es warm wird, zündet der Mann ein Feuer an!

Was im vergangenen Monat noch eher halbherzig und sporadisch mit gefrorenen Resten aus dem Vorjahr von statten ging, wird nun zum samstäglichen Ritual: die Grillsaison ist eröffnet.

Dabei unterliegt das Grillen ehernen Gesetzen, die unbedingt zu beachten sind. Das wichtigste davon ist einfach formuliert: Frau hat am Grill nichts zu suchen! Mag mann ihr noch zutrauen, auf einer heißen Platte oder in einer geschlossenen Röhre ein einigermaßen schmackhaftes Mahl herzustellen, ist er sich sicher, dass dieses Unterfangen über glühender Kohle oder offenem Feuer von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist.

Allenfalls alleinstehend darf frau es wagen, sich an den Grill zu begeben – den mitleidigen Blicken der männlichen Nachbarschaft ausgesetzt. Denn diese sind sich sicher, sie wird gegen das zweite wichtige Gesetz verstoßen und Gemüse auf den Rost legen – oder noch schlimmer gar: Tofu! Spätestens dann wird sich die entsetzte männliche Nachbarschaft noch entsetzter abwenden.

Das Vergnügen des Grillens ist – so scheint es zumindest – inzwischen in ein festes Schema gepresst. Es beginnt am Freitagabend gegen 22.00 Uhr und nach Missbrauch von mindestens drei bis vier Halben. Einer spontanen Eingebung folgend, die sich aus der Erinnerung an den Wetterbericht der Tagesschau kristallisiert, stößt der Mann den schicksalhaften Satz aus: „Morgen wird gegrillt!“

Unter Verwendung von zwei weiteren Halben wird der Rahmen abgesteckt: Wer wird eingeladen? Was muss noch eingekauft werden? Anschließend geht mann ins Bett, um in eine geräuschvolle mentale Vorbereitungsphase überzugehen. Währenddessen schreibt frau noch schnell den Einkaufszettel oder kocht die Kartoffeln für den obligatorischen Salat.

Am nächsten Morgen beginnt der Tag um 9.00 Uhr. Frau ist seit einer Stunde einkaufen und der Mann begibt sich nach den rituellen drei K (Kaffee, Kippe, Kac…) auf die Terrasse, um diese für das abendliche Spektakulum herzurichten. Nach einer Stunde Fegen, Tischaufstellen und Stühlerücken darf auch der erste Halbe nicht fehlen. Schließlich hat mann sich das nach dieser anstrengenden Arbeit verdient.

Inzwischen ist es 11.00 Uhr. Die Frau ist zurück und er räumt den Einkauf aus dem Auto, was nicht mit einem Anflug von Ritterlichkeit oder Höflichkeit verwechselt werden darf. Nein! Im hintersten Winkel seines Hirns steckt die Erkenntnis, dass es ein verdammt mieser Abend werden könnte, wenn er seiner Frau nicht ein kleines bisschen zur Hand ginge. Und sofern die Frau nicht den Fehler gemacht hat, ausschließlich auf Hähnchenschnitzel und Putensteaks zurückzugreifen, dürfte es ein durchaus gelungener Abend werden.

Anschließend fährt mann zum Getränkemarkt. Eine Kiste Wasser, die Kombikiste mit Cola und Brause, vier Kisten Bier und zwei Säcke Grillkohle wandern auf den Einkaufswagen. Auf dem Weg zur Kasse wird kurz verhalten, um dann noch eine fünfte Kiste Bier einzuladen. Nicht dass der einzig Nüchterne Gast am Abend noch zur Tanke fahren muss, um teuer Nachschub zu holen. Schließlich ist der (meist die) sowieso schon gestraft genug, weil sie/er die ganze besoffene Bagage nach Hause bringen darf. Dazu gesellen sich noch ein Karton Prosecco für die Damen, die trinken dürfen, und mehrere Flaschen Kurze, denn das Verzehrte soll natürlich anständig verdaut werden.

Einem gelungenen Abend steht nun wirklich nichts mehr im Wege.

Gegen 16.00 Uhr, zu einer Zeit, zu der sich anständige Menschen am Kaffeetisch einfinden, beginnt der Griller mit den Vorbereitungen. Die erste Lore Kohlen landet in der Schale und wird entzündet. Bewaffnet mit einem Halben wird die Glutentwicklung fachmännisch beobachtet und begleitet. Gelegentliches Pusten oder Fächeln erweckt den Anschein, dass es sich um einen komplizierten und nicht von jedermann beherrschbaren Vorgang handelt.

Mit Erscheinen der Gäste gegen 18.00 Uhr wandert die erste Fuhre Grillgut auf den Rost: Nackensteaks, Bauchfleisch, Bratwurst und – wenn es sich denn nicht vermeiden lässt – auch ein Hähnchenschnitzel. Der Duft verbrannten Fetts zieht durch die Siedlung und löst das eine oder andere Spontan-Event in der Nachbarschaft aus.

Innerhalb kürzester Zeit werden in dieser Art Berge von Fleisch verarbeitet, zusammen mit Unmengen Kartoffelsalat verputzt, das Ganze noch mit mehreren Litern Bier abgelöscht und mit diversen Kurzen zur Verdauung gezwungen.

Am Ende zeugen nur noch ein schwarz verkrusteter Grillrost und mäkelig beiseite geschobene Fettränder von der ehemaligen Existenz eines ganzes Schweins. Lautstark vernichten die männlichen Teilnehmer die restlichen Spirituosen, um dann sich gegenseitig auf die Schultern klopfend über den gelungenen Abend zu freuen.

Ist der letzte Gast gegangen, verschwindet die Frau in der Küche, um den Spüler einzuräumen. Der Mann nutzt die Zeit, um horizontal auf dem Sofa den Abend geräuschvoll mental nachzubereiten. Und im hintersten Winkel seines Hirns entsteht klein, aber nicht mehr wegzudenken, die spontane Eingebung, am nächsten Samstag zu grillen.

Advertisements