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Bei Gericht

März 7, 2011

Es gehört zu den regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen im Berufsleben eines Polizeibeamten, vor Gericht als Zeuge geladen zu sein. Dabei beläuft sich die Gefühlsskala von genervt, weil ein übereifriger Winkeladvokat einem die Worte im Mund zu verdrehen sucht, bis hin zu belustigt, weil einer der Prozessbeteiligten etwas komisches von sich gegeben hat.

Unvergessen und immer wieder gern erzählt in unserer Region ist die Geschichte eines Burgdorfer Amtsrichters, der sich amüsiert die Lügengeschichte eines Angeklagten angehört hatte und sich dann an die Schulklasse im Zuschauerraum wandte, die zur Beobachtung eines Strafprozesses gekommen war.

„Wisst ihr, Kinder“, fragte der Richter, „warum wir in diesem Gerichtssaal eine so schöne Holzbalkendecke haben?“

Die Kinder schüttelten den Kopf.

„Ganz einfach“, sagte er mit einem süffisanten Lächeln. „Anhand der Krümmung der Holzbalken kann ich genau erkennen, wie sehr mich der Angeklagte angelogen hat.“

Dann drehte er sich wieder zur Anklagebank und fuhr fort: „So! Und nun noch mal von vorn. Aber diesmal die Wahrheit, bitte!“

Anekdoten in dieser Art kursieren viele. Ich folge einer Ladung immer mit einer gewissen Spannung. Es könnte ja wieder eine neue Geschichte geschehen, die im Kollegenkreis erzählt wird. Und beim letzten Mal wurde ich nicht enttäuscht.

Es war diesmal allerdings nicht der Richter oder ein Anwalt, der mir ein Schmunzeln ins Gesicht trieb, sondern ein Zeuge. Dazu noch einer vom Vorprozess, der sich aufgrund einiger Anträge der Rechtsanwältin in die Länge gezogen hatte.

Nun warteten also mehrere Zeugen vor dem Gerichtssaal auf ihren Aufruf. Meine Kollegin und ich waren nicht gerade begeistert, denn es stand zu befürchten, dass wir möglicherweise länger als eine Stunde zu warten hatten. Und das für eine Strafverhandlung zu der wir als Zeugen selbst nicht viel beitragen konnten. Hatten wir doch lediglich einen kurzen Sachverhalt aufgenommen und den Beschuldigten transportiert.

Doch wir wurden dafür von einem der anderen entschädigt. Er war etwas heruntergekommen, die Kleidung schmuddelig, die Haare in einer Verfassung als hätte er sie vor einiger Zeit in Öl getaucht. Unter den Arm hatte er sich die Hannoversche Allgemeine geklemmt, die wohl ein wenig Bildung vortäuschen sollte. Ungeduldig schlappte die Gestalt nun vor dem Gerichtssaal auf und ab.

„Mann!“, rief er ab und zu aus. „Wie lange dauert das denn noch? Ich hab Durst.“

Und gleich darauf folgte die Erklärung seines Durstes, obwohl ihm offensichtlich niemand zuhörte: „Ich hab nämlich schon zwei Tassen Kaffee getrunken. Und mein Betreuer hat mir gesagt, dass ich zu jeder Tasse Kaffee auch ein Glas Wasser trinken sollte. Das hab‘ ich vergessen.“

Offensichtlich hatte er auch den Kaffee vergessen, denn aus seinem Mund roch es nach einem ganz anderen Getränk, welches kalt zu genießen ist. Oder hatte er einfach nur vergessen, sich die Zähne zu putzen? Egal. Beide Gedankengänge wollte ich nicht vertiefen.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt vor einem der anderen Zeugen stehen.

„Sag mal, dich kenn‘ ich doch irgendwo her?“

Der andere Zeuge, der durch seine Dienstmarke unschwer als Polizeibeamter zu erkennen war, lächelte. „Na klar, ich hab dich doch schon ein paar Mal auf’m Raschplatz kontrolliert.“

„Ach so“, sagte die Gestalt. „Aber da bin ich ja jetzt nicht mehr so oft.“ Sprach’s, drehte sich wieder um und setzte seine Warterunden fort. „Aber irgendwo her kenn‘ ich den“, murmelte er dabei.

Während er so auf und ab ging, fiel irgendwann mein Blick auf seine Hose, beziehungsweise auf den Reißverschluss, welcher weit geöffnet war. Als er wieder auf meiner Höhe war, sprach ich ihn leise an: „Eyh Meister, du musst mal deine Hose schließen.“

„Ich weiß“, sagte er. „Geht aber nicht. Der Reißverschluss ist mir heute morgen geplatzt. Und ’ne andere Hose hab‘ ich derzeit nicht. Ich müsste mir wohl mal ’ne neue kaufen. Aber bei nur Hundert Euro Taschengeld ist das so eine Sache.“

Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Aber ist ja nicht so schlimm. Wo ein Toter liegt, kann ruhig mal das Fenster offen sein.“

Meine Kollegin und ich sahen uns sprachlos an. Diesen Spruch kannten wir beide nicht. Aber wir haben noch den ganzen Nachmittag darüber gelacht.

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