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Die mediale Katastrophen-Sau

Februar 7, 2011

Die Leere meines Vorratsschranks trieb mich letztens wieder in den örtlichen Discounter. Und hier begegnete ich ihm, dem Durchschnitts-Nachrichtenkonsumenten, der sofort unhinterfragt verinnerlicht, was die Medien ihm vorsetzen.

Ungeduldig zuppelte er einer der Angestellten am Kittel. „Sagen Sie mal, junge Frau“, rief er dabei lautstark. „Haben Sie hier auch Bio-Eier? Die da kann man ja nicht essen, seit dieser Seveso-Sache!“

Seveso? Das war doch in den 70ern. So alt sollten die Eier selbst in diesem Markt nicht sein.

Aber halt! Wir haben es derzeit wieder mit Dioxinen zu tun, die irgendein gewinngieriger Futtermittelhersteller in Form von technischen Fetten ins Hühner- und Schweinefutter gemischt hatte. Natürlich ist das nicht in Ordnung. Darüber bedarf es auch keiner Diskussion. Aber was uns da wieder einmal von der Presse geboten wurde, war auch nicht das Gelbe vom Ei.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass jeder von uns bei der Erwähnung des Wortes „Dioxin“ sofort an Seveso denkt. Aber wussten sie, dass es 200 verschiedene Dioxine gibt? Und keines der 199 anderen ist so toxisch wie das Seveso-Gift. Aber da schweigt sich die Presse einmal mehr aus, denn nach wie vor gilt: Je dramatischer die Sache aufgezogen wird, desto besser sind die Verkaufszahlen.

Die Politik tut dazu ein übriges, um das Thema warm zu halten. Die Parteien werfen sich gegenseitiges Versagen vor und Minister, die noch nicht mal im Amt sind, werden zum Rücktritt aufgefordert, weil der eigentliche Minister fieser weise zurücktrat, ohne dass die Opposition sich entsprechend vorbereiten konnte.

Auf der anderen Seite haben Experten aber schon ausgerechnet, wie viele Frühstückseier Sie noch essen dürfen, bevor Sie den Grenzwert an Giftbelastung erreicht haben. Vielleicht sollten Sie vorher aber mit Ihrem Hausarzt reden. Der hat bestimmt eine andere Meinung zum täglichen Konsum von fünf Frühstückseiern. Und womit? Mit Recht!

Aber zurück zum Durchschnittskonsumenten. Natürlich gab es im Discounter auch Bio-Eier, bei denen er beherzt zugriff. Wussten Sie übrigens, dass auch ohne entsprechende Futtermittel Eier aus Freilandhaltung oder Bio-Eier eine höhere Dioxin-Konzentration enthalten als Batterie-Eier? In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen werden die Grenzwerte bei diesen Eiern auch ohne weiteres zutun überschritten. Einfach weil Hühner ihr Futter vom Boden aufpicken und dementsprechende Stäube aufnehmen, die allgegenwärtig sind. Aber das war unserem Durchschnitts-Verbraucher egal oder nicht bewusst.

Dafür hatte er an der Fleischtheke seinen nächsten Aufreger, als er eine Packung Schweinegulasch in der Hand hielt. „Auch alles verseucht!“, schimpfte er. „Man kann ja nichts mehr essen!“ Eine Behauptung, die mir angesichts seiner Figur irgendwie aus der Luft gegriffen zu sein schien. Er führte sich auch selbst ad absurdum, indem er zum Rindergulasch griff.

Dass auch Kühe mit Dioxin belastetes Gras fressen, steht ja nirgends. Außerdem ist BSE schon lange abgeschafft, jedenfalls medial. Und das gleiche Schicksal wird auch den Dioxin-Skandal ereilen.

Schon jetzt ist die Presse krampfhaft bemüht, etwas neues zu finden. Da ließt man plötzlich wieder von drei Menschen, die an der Schweinegrippe gestorben sind. Die vielen, die an der schnöden Influenca eingegangen sind, werden nicht erwähnt. Das passiert jedes Jahr und ist normal.

Schön ist auch, dass mit der Schneeschmelze die Sau von der Jahrhundertflut durchs Dorf beziehungsweise die Zeitungen getrieben werden kann. Doch leider ist es ein vergängliches Thema. Im Sommer kräht kein Hahn mehr danach.

Wirkungslos verpuffte auch die Erklärung der VOLKS-Zeitung, warum der harte Wintereinbruch auf die Erderwärmung zurück zu führen sei. Es war arschkalt! Wer will da was von Erwärmung hören?

Apropos VOLKS-Zeitung. In einer der Januar-Ausgaben titelte sie auf der ersten Seite: „Alle Horoskope falsch? Der Astro-Schock!“

Das ist natürlich eine Katastrophe, die wirklich an den Grundfesten unserer Zivilisation rüttelt. Angesichts solcher Meldungen, erscheint mir fast alles andere nebensächlich. Und deshalb werde ich mir auch morgen noch ein Frühstücksei kochen.

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