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Auf alles vorbereitet

Januar 3, 2011

Es war ein sonniger aber kalter Wintermorgen, an dem ich mal wieder staunend vor der Garage meines Nachbarn Horst Kruschinsky stand. Bekleidet mit seinem obligatorischen roten Overall werkelte er offensichtlich an der nächsten Idee, die ihm zwar nicht den Nobelpreis einbringen aber wahrscheinlich dafür sorgen würde, dass er in aller Munde blieb.

„Diesmal lass ich mich nicht überraschen“, bruddelte er vor sich hin. „Diesmal bin ich vorbereitet. Wäre doch gelacht. Ha! Die Leute werden staunen.“

Bei diesen Worten schluckte ich. Immer, wenn wir staunen sollten, kam es am Ende zu einem kleinen Desaster.

„Guten Morgen, Horst!“, rief ich in die Garage. „Bist du wieder eifrig?“

„Grüß dich, Mike!“, klang es zurück.

„Und? Wer soll dich diesmal nicht überraschen?“

„Daisy!“, antwortete Horst knapp.

„Aha!“, sagte ich. „Äh … Wer ist Daisy? Eine Verwandte?“

„Nein, keine Verwandte. Du weißt doch: Daisy! Letzten Januar!“

Letzten Januar? Hatte Horst da Besuch gehabt? Doch dann fiel es mir ein: Na klar! Daisy! Der plötzlich Wintereinbruch, der fast ganz Deutschland lahm gelegt hatte.

„Du fürchtest also, dass „Daisy“ wiederkommen wird?“

„Quatsch! Daisy doch nicht. Vielleicht heißt es diesmal Bernd oder Cäsar oder sonst wie. Aber auf jeden Fall bin ich vorbereitet. Schau mal!“ Grinsend zeigte er auf das Regal an der Garagenrückwand. „Hab ich schon im Sommer bestellt.“ Im untersten Fach lagen vier große Säcke Streusalz-Gemisch. „Jeweils 50 Kilo. Ich hab das mal ausgerechnet. Reicht garantiert für 180 Tage, inklusive des Garagenplatzes.“

„Hm“, machte ich. Wirklich überrascht war ich nicht, obwohl ein deutscher Winter in der Regel noch nie ein halbes Jahr gedauert hatte.

„Und schau mal hier“, sagte Horst. Dabei zeigte er auf ein Gerät, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Einachszugmaschine hatte, die allerdings nicht auf Rädern sondern auf Borsten zu laufen schien. „Hab ich selbst gebaut.“ In seiner Stimme schwang ein bisschen Stolz mit.

„Ach …“

„Ja! Aus meinem alten Rasenmäher ist jetzt eine Kehrmaschine geworden, die garantiert 20 cm Schnee schafft. Sogar mit elektrischem Anlasser. Pass mal auf!“

„Ne, Horst. Lass mal!“, winkte ich ab. Seine Erfindungen hatten es in sich – und meist traf es die Personen in unmittelbarer Nähe.

Doch es war zu spät. Horst hatte die Kehrmaschine schon in Stellung gebracht. Grinsend drückte er auf den Knopf des Anlassers und innerhalb von Sekunden standen wir in einer blauen Wolke aus Öl- und Benzinabgasen. Hustend flüchtete ich aus der Garage.

Kurz darauf erstarb der Motor in einem spuckenden Röcheln, dann erschien Horst schulterzuckend aus der Wolke. „Muss ich wohl noch ein bisschen dran feilen. Naja, keiner ist perfekt.“

Stimmt!, dachte ich. Du offensichtlich auch nicht. Dennoch verkniff ich mir jede Bemerkung.

„Aber eins muss ich dir noch zeigen. Komm mal mit ins Haus.“

„Äh, Horst“, entgegnete ich. „Eigentlich hab ich gar nicht so viel Zeit.“

„Papperlapapp. Dauert nicht lange. Und du wirst aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.“

Neugierig war ich schon. Nur fürchtete ich, erneut Opfer einer seiner tollen Basteleien zu werden. Die Abgase seiner Kehrmaschine hatten mir für diesen Tag eigentlich gereicht. Doch Horst ließ mir keine Zeit für weitere Überlegungen. Er fasste mich an der Schulter und zog mich zur Haustür.

„Erinnerst du dich noch an meinen Rasen im letzten Frühjahr?“, fragte er.

Allerdings konnte ich mich an den erinnern. Meinem war es ähnlich ergangen. Als der Schnee abgetaut war, standen wir vor einer Fläche erfrorenen Braungrüns. Für Horst der Anlass, ein weiteres Mal seinen Garten komplett umzugraben.

„Auch das wird mir nicht noch einmal passieren“, dozierte er und führte mich im Wohnzimmer zur Terrassentür.

„Siehst du diesen Knopf?“, fragte er und zeigte auf einen roten Schalter links neben der Tür.

Ich nickte.

Während Horst den Schalter betätigte, lamentierte er weiter: „Mit diesem Knopf aktiviere ich eine 732 Meter lange Heizschlange aus Silberdraht, die ich im Frühjahr mit eingegraben habe. Sie lässt eine zehn Zentimeter dicke Schneedecke innerhalb von einer Stunde abtauen. Nie wieder wird mein Rasen erfrieren!“

Noch während er sprach, kräuselten die ersten Rauchfähnchen über dem Gras auf. Innerhalb weniger Minuten zog sich eine 732 Meter lange Schlangenlinie aus verkohlten Gräsern über den Rasen.

„Hast Recht, Horst!“, grinste ich ihn an, während seine Augen vor Staunen immer größer wurden. „Naja, keiner ist perfekt. Musst wohl noch ein bisschen dran feilen.“

 

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