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Auf dem Weihnachtsmarkt

Dezember 6, 2010

Der nasskalte November ist endlich vorbei – und nun beginnt sie: die besinnliche Vorweihnachtszeit, in der wir Gelegenheit finden, uns im Kreise der Familie mit den schönen Dingen des Lebens zu beschäftigen. Die Städte sind festlich geschmückt, man selbst hat vielleicht auch das eine oder andere Licht am Haus angebracht, im Wohnzimmer brennen mehr Kerzen als sonst, eigentlich könnte man es genießen, wenn da nicht …

… Ja, wenn da nicht jeder dritte Song, der aus dem Radio dudelt „Last Christmas“ wäre. Die eigene Kollektion an Weihnachtsliedern, bestehend aus einer Doppel-CD, hab ich mir über gehört. Hinzu kommt, dass mir eigentlich schon seit Ende Oktober kein Lebkuchen mehr schmeckt. Was also tun?

Irgendwer im Freundeskreis verfällt irgendwann auf die glorreiche Idee, den örtlichen Weihnachtsmarkt unsicher zu machen. Alle sind begeistert und gemeinsam ziehen wir in den frühen Abendstunden los, um wenigstens hier ein wenig Besinnlichkeit zu erfahren.

Gleich am Eingang steht die erste Glühwein-Bude, bei der wir einkehren. Es ist kalt und Glühwein wärmt bekanntlich durch. Das tun ein paar warme Klamotten und anständige Schuhe auch, verbreiten aber bei Weitem nicht dieses besinnliche Gefühl der Geselligkeit. Bereits nach dem zweiten Becher des mit Wasser und Gewürzen verpanschten Rotwein-Imitats finde ich auch „Last Christmas“ gar nicht mehr so schrecklich. Oder ist es der Gewöhnungseffekt, weil die umliegenden Stände dieses Lied abwechselnd reihum spielen?

Nach dem vierten Becher sind wir ausreichend erhitzt, um einen Gang über den Markt zu wagen. Schließlich benötigen wir noch ein paar Kleinigkeiten, um Oma, Mama und den Briefträger zu beglücken. Was bietet sich da näher an, als der Weihnachtsmarkt? Preiswert im Fachgeschäft kaufen, kann schließlich jeder.

Ich persönlich finde die Stände am schönsten, in denen Strohsterne verkauft werden. Welche Fantasie muss den Erfinder des Strohsterns damals beflügelt haben, seine Dreschabfälle für teures Geld an ahnungslose, angetrunkene Weihnachtsmarktbesucher zu verkaufen? Und warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, getrocknete Kuhfladen als Weihrauchersatz mit Heizwert zu verkaufen?

Wie dem auch sei, meine Lebensgefährtin fühlt sich geradezu genötigt, einen großen Teil ihres Portmonee-Inhalts an den Standinhaber zu übergeben, weil die Sterne doch „so schön“ sind.

Derweil plagt mich ein leichter Hunger und ich schaue mich nach einem brauchbaren Fressalienstand um. Die Auswahl ist reichlich, vom Schmalzkuchen über Bratwurst bis hin zum Zimt-Crepes und es fällt mir schwer, mich zu entscheiden. Aber schließlich beginne ich mit einer ordentlichen Bratwurst, die ich im Anschluss mit einer großen Tüte Schmalzkuchen zu ersticken gedenke. Es dauert auch nicht lange, bis ich den typischen Weihnachtsmarktschmaus in den Händen halte und mit einem Lächeln im Gesicht zu meinen Freunden zurückkehre. Während ich die Tüte herumgehen lasse – man ist ja schließlich spendabel – überkommt meinen besten Freund plötzlich ein Kribbeln in der Nase, dass sich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt heftigst entlädt, als die Tüte zu mir zurück gereicht wird. Was eben noch als süße Verzierung in Puderform auf den Schmalzkuchen lag, verziert nun meine Klamotten und ich sehe aus, als wäre ich gerade als Putzer vom Bau gekommen.

Während wir uns zwischendurch immer wieder mit Glühwein aufwärmen – die Herren der Runde sind mangels Wirkung des herkömmlichen Gesöffs auf „mit Schuss“ umgestiegen – wandern noch einige Kleinodien des weihnachtlichen Kommerz in unsere Taschen. Langsam aber sicher nähern wir uns dem Ausgang. Wir sind der festen Überzeugung, dass drei Stunden Weihnachtsmarkt mehr als ausreichend sind und beschließen, nach Hause zu gehen.

Am Ausgang bemerken wir den Glühweinstand, an dem wir zu Beginn schon einmal gestanden haben. Ein Absacker zum Schluss kann nicht schaden, also hole ich noch eine Runde. Nicht einmal zwei Stunden später sind mein Freund und ich in der Lage, „Last Christmas“ fehlerfrei mitzusingen und finden es einfach herrlich.

Als ich nächsten Morgen aus der Besinnungslosigkeit erwache, überkommt mich ein Deja vú. War es nicht erst letztes Jahr, dass ich der Weihnachtsmarktbesinnlichkeit für immer abgeschworen hatte? Oder war es das Jahr davor – oder beide?

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