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Performances

Oktober 10, 2010

Ich mag Kunst. Vor allem, wenn man bei dieser erkennen kann, dass der Künstler sein Handwerk versteht und wahrhaft meisterlich umzusetzen weiß. Bei moderner Kunst hingegen habe ich dieses Gefühl oftmals nicht – im Gegenteil: Oft hab ich das Gefühl, da möchte uns jemand einen ziemlich teuren Bären aufbinden oder einfach nur verpacken.

Doch manchmal verbinden sich auch nette Momente mit der modernen Kunst. Es ist schon eine Weile her, da wohnte in einer kleinen Ortschaft in der Wedemark ein junger, freischlafender Künstler zur Hälfte in einer alten Bauernkate. Zwar lag das Hauptaugenmerk seiner gestaltenden Kunst zumeist in der skurilen Anhäufung von Leergut, aber von Zeit zu Zeit hatte er seine Eingebungen. Sehr zum Leidwesen seines Nachbarn, der die andere Hälfte der Bauernkate bewohnte und so gar nichts mit der Berufung seines Nebenmannes anzufangen wusste.

Es kam wie es kommen musste. Eines Abends klingelte das Telefon in der Mellendorfer Wache und Herr Nachbar beschwerte sich lautstark darüber, dass der Künstler Abfälle in seinem Garten verbrannte.

„Das ist doch sicher nicht erlaubt“, stellte er fest. „Außerdem ist heute Sonntag.“

Ich versprach, mich um die Angelegenheit zu kümmern und fuhr mit einem Kollegen zu der kleinen Bauernkate.

Tatsächlich brannte im Garten ein großes Feuer. Durch die Flammen konnten wir erkennen, dass der Künstler eine Reihe Kisten und Stühle aufgeschichtet und diese in Brand gesetzt hatte. Zudem dröhnte härtester Punkrock in unseren Ohren, der wohl die Atmosphäre – sofern man davon sprechen konnte – untermalen sollte.

In einer Ecke vor dem Haus hockte unserer Künstler und stierte ins Feuer.

„Das ist aber ein recht großes Lagerfeuer“, sagte ich zu ihm. „Haben Sie denn dafür eine Genehmigung?“

Langsam hob er den Kopf und stecknadelkopfgroße Pupillen musterten mich aus roten Augen.

„Ich brauch keine Genehmigung, Herr Wachtmeister“, lallte er.

„Das denke ich aber doch“, entgegnete ich. „Vor allem, wenn sie in dieser Größenordnung Abfälle verbrennen.“

„Sind keine Abfälle. Das ’s Kunst!“

„Kunst? Was ist Kunst?“, fragte ich ein wenig entgeistert. „Das Feuer?“

Er nickte heftig. „Das ’s nich bloß ’n Feuer. Das ’ne Feuer-Performance.“

Ich wollte mich in diesem Moment nicht in eine Diskussion über Kunst einlassen, zumal ich den künstlerischen Faktor dieses Feuers nicht erkennen konnte – und ich gab mir wirklich Mühe. Manchmal waren seine Ideen halt ein wenig zu verschroben.

„Nichtsdestotrotz muss diese Performance leider beendet werden“, sagte ich kurzentschlossen. „Entweder Sie löschen das jetzt ab oder die Feuerwehr wird dies tun.“

Was mir daraufhin entgegenschlug lässt sich am einfachsten mit übelsten Beschimpfungen umschreiben, wobei der Begriff „Kunstbanause“ noch der harmloseste war. Allerdings weigerte er sich standhaft, das Feuer zu löschen.

Mein Kollege, der wohl schon geahnt hatte, dass sich unser Künstler nicht bereit erklären würde, hatte inzwischen die örtliche Feuerwehr verständigt, die in diesem Augenblick auch schon anrückte.

Lächelnd trat der Ortsbrandmeister in den Garten und fragte: „Liegt wohl keine Genehmigung für dieses Lagerfeuer vor, oder?“

„Das ’s kein Lagerfeuer!“, schrie der Künstler wutentbrannt. „Das ’s ’ne Performance!“

„Oh!“, sagte der Ortsbrandmeister. „Das ist natürlich was anderes.“ Ein breites Grinsen zog durch sein Gesicht. „Dann verspreche ich Ihnen natürlich, dass wir diese Performance nach allen Regeln der Kunst behandeln werden.“

Dann drehte er sich um und rief: „Jungs! Zeigt dem Herrn hier mal unsere schönste Wasser-Performance! Ab dafür!“

Mit sichtlichem Vergnügen gingen die Feuerwehrmänner dabei, dass Feuer zu löschen. Ich weiß nicht, wie viele Hektoliter sich damals in dem Tankwagen befanden, aber langsam wandelte sich der Garten in eine kleine Seenplatte – und am Ende war der Tank leer!

Dass unserem Künstler in dieser Nacht noch eine dritte Performance in Form einer Blutprobe, die absolut kunstgerecht von einem Arzt entnommen wurde, widerfuhr, weil er sich nach unserem Einsatz besoffen mit seinem Roller zur Wache begeben hatte, um sich über die Beschneidung seiner Kreativität zu beschweren, ist allerdings eine andere Geschichte.

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