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Telekommunikations-Odyssee

September 6, 2010

Es ist schon merkwürdig. Da sind wir in der Lage, einen Menschen zum Mond zu schießen, demnächst sogar bis zum Mars. Jedoch einen Menschen den anderen ein Stückchen näher zu bringen, stellt uns vor gewaltige Herausforderungen. Nicht alle, aber die Techniker, die das bewerkstelligen sollen.

Diese Erfahrung durfte ich letztens nach meinem Umzug machen, nachdem ich bei einer renommierten Gesellschaft einen Telefonanschluss bestellt hatte.

Zunächst erfüllte mich große Freude, dass die Bereitstellung des Anschlusses schon zwei Tage nach dem Einzug erfolgen sollte. Leider zu früh, denn zu diesem Zeitpunkt erhielt ich lediglich eine schriftliche Bestätigung, dass mein Auftrag eingegangen sei und man sich schnellstmöglich um mich kümmern werde, verbunden mit dem Hinweis, dass aus zwei Tagen nun zwölf geworden sind. Dann werde ein Techniker erscheinen und die notwendige Schaltung vornehmen, sofern ich zwischen 8.00 Uhr und 16.00 Uhr zu Hause bin.

Ich hätte schon hellhörig werden sollen, als unser Koordinator bei meinem Wunsch nach Dienstplanänderung mit einem süffisanten Grinsen fragte: „Und das glaubst du wirklich?“ Damals glaubte ich es tatsächlich. Ich hatte es ja schwarz auf weiß.

Bereits um 9.00 Uhr klingelte es an der Tür. Freudestrahlend öffnete ich sie für – den Postboten, der mir ein Paket der Telefongesellschaft überreichte. Das Paket enthielt die notwendige Hardware für Telefon und DSL. Dazu fand ich noch einen Brief mit einer weiteren Auftragsbestätigung, die mir den Telefonanschluss innerhalb der nächsten sieben Tage in Aussicht stellte. Ein Techniker sei diesmal nicht notwendig. Für Rückfragen stehe der Kundenservice jederzeit telefonisch zur Verfügung. „Ja, Himmel, Gesäß und Nähgarn! Wie denn?“

Nun gut. Aufregen hatte keine Sinn. Also wartete ich ab. Innerhalb der nächsten sieben Tage geschah viel, nur mein Telefon wollte irgendwie nicht. Zum Glück verfüge ich über ein Handy. Am achten Tag rief ich den Kundenservice an. Nach drei Akkuladungen und stundenlangem Warten in einer nervigen Computerschleife gelang es mir auch, einen der bundesweit spärlich gestreuten Callcenter-Agents an die Strippe zu bekommen, der mir auch sogleich bestätigte, dass mein Anschluss nicht funktionierte.

„Und warum tut die Firma dann nichts?“, fragte ich.

„Weil Sie noch keinen Auftrag dazu gegeben haben“, antwortete der Herr an der anderen Seite der Leitung.

„Äh ….?“ Das war zu hoch für mich. „Schön. Dann erteile ich hiermit den Auftrag, meinen Anschluss zu reparieren“, sagte ich.

Der Techniker erschien – man lese und staune – am vereinbarten Tag. Nach Anstöpseln der üblichen Testgeräte verabschiedete er sich in den Keller, um am Hausverteiler zu basteln. Vorher sagte er noch zu seinem Azubi: „Achte auf die Messwerte!“

Doch dazu kam der junge Mann nicht, denn er wurde durch ständig neue SMS auf seinem Handy abgelenkt. Anhand des schmierigen Grinsens, dass man ihm vermutlich nur mit einem Presslufthammer aus dem Gesicht hätte meißeln können, ging ich davon aus, dass er frisch verliebt war.

Dennoch gelang das Werk. Nach wenigen Minuten erlosch das rote Blinklicht an meinem Router und dieser nahm die Arbeit auf. „Ich muss dann noch mal kurz an den Straßenverteiler“, sagte der Techniker und verschwand zum zweiten Mal aus meiner Wohnung. Nur wenige Minuten später begann das rote Licht am Router wieder zu blinken und meine Freude erlosch.

„Tja“, sagte der Techniker, als er wieder in meiner Wohnung stand. „Da kann ich nichts machen. Das liegt an den Leitungen hier im Haus. Da muss wohl irgendeine Störung sein, die erst lokalisiert werden muss.“

„Aber bevor sie am Straßenverteiler waren, ging doch alles“, wandte ich ein.

„Nein!“, bekam ich zu hören. „Das Signal war nicht synchron. Das liegt hier am Haus. Hier muss es noch Unterverteiler geben, in denen eine Störung vorhanden ist.“

Damit verschwanden die beiden zusammen mit meiner Hoffnung, endlich wieder ins Internet zu können, aus meiner Wohnung.

Als mir am nächsten Tag die Wohnungsbaugenossenschaft erzählte, dass es im Haus gar keine Unterverteiler gab, rief ich erzürnt wieder bei der Telefongesellschaft an und schon am nächsten Tag erschien ein Techniker, der sich mit etwas anderem und offensichtlich älteren Equipment an die Arbeit machte.

Nach einer Stunde hatte ich das Gefühl, dass wir der Sache auf den Grund kamen, denn der findige junge Mann machte die nicht existierenden Unterverteiler aus, die sich dummerweise aber in verschlossenen Kellerboxen befanden.

„Tut mir leid“, verabschiedete er sich. „Da kann ich wohl nichts machen.“

Es war zum aus der Haut fahren. Also wieder ein Anruf bei der Genossenschaft. Dennoch dauerte es eine Woche, bis die Besitzer der Boxen ausfindig gemacht waren und weitere zwei Tage, bis endlich wieder ein Techniker Zeit hatte.

Mit der Bewegungsenergie einer Wanderdüne schleppte sich der Mann in meine Wohnung, stöpselte seine Geräte an und stellte fest: „Hier kommt nichts an.“

Ach was!, dachte ich. Die Hoffnung, dass ich an diesem Tag endlich einen funktionierenden Anschluss bekam, begrub ich sofort. Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. Ich erklärte ihm, was hier bislang geschehen war – mit dem Hinweis auf die Unterverteiler im Haus, von denen einer die Störung enthalten sollte.

„Das kann nicht sein“, brachte er mühsam hervor. „Ich geh mal an den Straßenverteiler.“

Wenn ich die Zeit abziehe, die er für Hin- und Rückweg brauchte, verbrachte er allenfalls drei Minuten an dem Kasten, um mir dann freudestrahlend zu verkünden: „Ich habe den Fehler gefunden. Da unten sind die Ports falsch geschaltet. Das lässt sich einfach beheben.“

Und er hatte Recht. Eine Stunde später hatte ich Telefon und Internet. Auf die Frage, warum das nicht gleich der erste Techniker erkannt hatte, antwortete er lapidar: „Es ist halt nicht jeder so bemüht wie ich.“ Sprach’s, schleppte sich aus der Wohnung und verschwand.

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