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Johnny auf der pythagoräischen Schwimmbahn

August 2, 2010

Fitness kann nie schaden. Für einen Polizeibeamten ist es gar festgeschriebene Pflicht, sich ab und an sportlich zu betätigen, was man manchem von uns aus den unterschiedlichsten Gründen heraus nicht ansieht. Dabei bietet es fast jede Dienststelle für ihre Mitarbeiter an. Meist beschränkt sich das Angebot allerdings auf Joggen, Fußball oder andere Ballsportarten. Nun bin ich nicht der Typ, der Kilometer um Kilometer möglicherweise sogar schwitzend im Wald zurücklegt. Auch mit dem Ball habe ich so meine Probleme. So ein Teil ist rund und daher schon rein physikalisch nicht kompatibel zu meinen Quadratlatschen. Wie gut, dass unsere Polizeiverwaltung auch einige Verträge mit Schwimmbädern abgeschlossen hat. Wasser ist mein Element. Also besuchte ich vor einiger Zeit das Hallenbad in der Nachbargemeinde und zog dort friedliche meine Bahnen, bis ER den Raum betrat.

Er war etwa 180 cm groß, einigermaßen muskulös und etwa 20 Jahre alt. Seine schwarze Badehose kontrastierte überzeugend zu der Blässe eines gesunden Kellerkindes. Nachdem er sich umständlich eine neongelbe Schwimmbrille aufgesetzt hatte, hüpfte er anmutig wie ein einbeiniger Frosch ins Wasser. Gleich darauf begann er, dieses mit weiten Zügen zu durchmessen.

Der Schwimmstil dieses Johnny Weissmüller für Arme war eine Mischung aus Freistil, Delphin beziehungsweise Schmetterling und dem Balzverhalten eines liebeskranken Erpels. Abwechselnd zerhackten seine Arme, die er wie Dreschflegel schwang, das Wasser, als wollte er wie damals Moses eine trockene Gasse für das flüchtende Volk schaffen.

Mag ein jeder schwimmen, wie er kann, dachte ich. Solange er nicht andere dabei belästigt, ist es in Ordnung. Und hier lag die Krux. Denn Johnnys Bahnen waren nicht 25 Meter lang, er benutzte auch nicht die kurze Seite von 15 Metern, was ich bei diesem Schwimmstil durchaus verstanden hätte. Nein, er zerteilte das Becken in zwei rechtwinklige Dreiecke und schwamm zum ewigen Beweis des Satzes des Pythagoras entlang der Hypotenuse 29,15 und ein paar zerdrückte Meter pro Bahn. Dabei achtete er weder Mann noch Frau noch Kind, die seine Bahn unweigerlich kreuzen mussten.

Sein erstes Opfer war ein sechsjähriges Mädchen, das anscheinend erst vor kurzem ihr Seepferdchen gemacht hatte. Sie paddelte auf der zweiten Bahn dahin und ging unweigerlich auf Kollisionskurs mit Johnny, der sich ihr gischtend mit brachialer Gewalt näherte. Im letzten Augenblick bemerkte die Kleine ihn. Doch anstatt zur Seite zu schwimmen, verharrte sie stocksteif und glotzte mit schreckgeweiteten Augen dem Bewegungslegastheniker entgegen. Nun hat der Mensch eine etwas höhere Dichte als Wasser, und die Physik will, dass er untergeht, wenn er sich nicht bewegt. Das tat das Mädchen. Aber ihr fastfood-verwöhnter Körper war leider zu langsam, so dass sie mit einem Tritt an den Hinterkopf zur Seite geschleudert wurde. Weinend verließ sie das Becken, und die ersten Unmutsäußerungen der anderen Badenden wurden laut.

Ich schaute mich nach dem Bademeister um, der vor kurzem noch seinen Poloshirt-bedeckten Wohlstandsbauch auf Gesundheitslatschen durch die Halle geschoben hatte. Doch nachdem ihn ihn weit und breit nicht finden konnte, zuckte ich mit den Schultern und versuchte, das Geschehen um mich herum zu ignorieren. Sollten sich andere um den Todesschwimmer kümmern. Es war nicht meine Aufgabe.

Das nächste Opfer war eine ältere Dame, die sich langsam mit einer Mischung aus verhindertem Brustschwimmen und Hundepaddel durch das Wasser hievte. Auch sie wurde von dem Grobmotoriker gnadenlos unter Wasser gepflügt und kurz darauf dümpelte nur noch ihre blümchenbesetzte Badekappe an der Unglücksstelle dahin. Hustend und Prustend rettete sich die Alte an den Beckenrand. Zum Schimpfen fehlte ihr die Luft.

Wie gut, dachte ich, dass du ein einigermaßen wendiger Schwimmer bist. Das wird dir nicht passieren. Ich schwamm also gerade meine achtzehnte Bahn, als Johnny unfairerweise von hinten über mich kam. Zunächst traf mich einer seiner Dreschflegel derb am Hinterkopf. Ich versuchte noch, unter ihm weg zu tauchen, doch schon hämmerten sein Füße stakkatoartig auf meinen Rücken ein. Machtlos fügte ich mich dem unerbittlichen Schicksal.

Als ich es endlich schaffte, wieder aufzutauchen, schaute ich mich noch einmal nach dem Bademeister um. Doch er war wieder nicht zu sehen. Nun gut, dachte ich, dann werde ich dieser Gefahr begegnen. Johnny hatte inzwischen gewendet und näherte sich mir unaufhaltsam. Das Volk hatte das Weite gesucht und, ohne trockene Gasse, die relative Sicherheit des Beckenrandes erreicht. Es war also nur noch eine Sache zwischen Johnny und mir!

Kurz bevor er heran war, tauchte ich hinunter. Ich zog meinen Kopf zwischen die Fäuste und stieß mich kraftvoll vom Boden ab. – Volltreffer! Ich hatte ihn genau in der Magengegend erwischt. Johnny klappte zusammen und versank wie seinerzeit die leckgeschlagene Titanic in den Fluten, und das unter großem Beifall und Gejohle der anderen.

Ich konnte ihn natürlich nicht dort unten lassen. Also tauchte ich hinab und zog ihn zum Beckenrand, wo ihn mir der inzwischen herbeigeeilte Bademeister abnahm. Meine Aktion hatte er gesehen und in logischer Konsequenz erteilte Meister Wohlstandsbauch mir ein einjähriges Hausverbot. „Wo kämen wir denn hin, wenn ein Badegast einfach einen anderen tätlich angreifen dürfte“, erklärte er seine Maßnahme. Recht hatte er. So etwas durfte es einfach nicht geben.

Durch ein Spalier klatschender Menschen verließ ich die Halle in dem Bewusstsein, für heute Held des Tages zu sein. Über das Hausverbot machte ich mir keine Gedanken. Es gibt schließlich noch genug Bäder in der näheren Umgebung. Und Johnny kann nicht überall sein.

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