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Morgens, halbacht in Hannover

Juni 7, 2010

Ich gebe es zu: Ich bin nicht Beamter geworden, weil ich die Arbeit erfunden habe. Auch ist mir ein morgendlicher Ausbruch hektischer Betriebsamkeit mehr als suspekt. Deshalb kann ich mir ein Grinsen kaum verkneifen, wenn ich aus dienstlichen Gründen in der Frühe zusammen mit einer Horde von Pendlern in die große Stadt einfalle.

Es beginnt damit, dass der allmorgendlich gleiche Gang zur Arbeit offenbar einen äußerst hinderlichen Einfluss auf das Zeitgefühl zu haben scheint. Immerhin verharrt die S-Bahn bei uns geschlagene zwölf Minuten im Bahnhof. Eine Zeit, in der man unseren Ort in Nord-Süd-Richtung bequem per pedes durchqueren kann. Fünfzig Meter Bahnsteig hingegen sind wohl ein anderes Kaliber. Da lohnt sich der Sprint, um anschließend elfeinhalb Minuten im stehenden Zug zu sitzen.

Heute morgen habe ich das Glück, mit einem solchen Menschen näher in Kontakt zu kommen. Mit einem gemurmelten „’tschulligung!“ hämmert er mir im Vorbeilaufen seinen Aktenkoffer in die linke Kniekehle. Kurz darauf huscht er durch eine sich gerade schließende Tür der S-Bahn.

Wie es der Zufall will, sitze ich ein paar Minuten später dem Kofferrowdy gegenüber. Während ich mein Buch aus der Tasche hole, trommeln seine Finger nervös auf den Aktenkoffer, den er sich auf die Beine gelegt hat. Mit der Zeit lässt jedoch auch die größte Anspannung nach, weswegen er nur zwei Stationen später ein leichtes Schnarchgeräusch von sich gibt.

Derweil füllt sich der Zug mit jeder Station um ein paar Dutzend Pendler mehr. Alle sind sie auf dem Weg in die große Stadt, zu ihren Arbeitsplätzen. Und alle verströmen sie dieses Flair von ungeduldiger Spannung. Eine Spannung, die sich mit jedem neuen Fahrgast zu steigern scheint. Manche von ihnen sind so ungeduldig, dass sie es nicht wagen, einen der wenigen noch freien Sitzplätze aufzusuchen. Wer weiß, wie lange man dann warten muss, um am Ziel aus der Bahn zu kommen.

Schon kurz nach der letzten Station vor dem Hauptbahnhof breitet sich diese Spannung auf einen Teil der noch sitzenden Fahrgäste aus. Langsam verhärten sich bei einigen die Beinmuskeln, der Oberkörper beugt sich leicht nach vorn. Unstete Blicke huschen über den Mittelgang auf der Suche nach einem freien Platz in der Nähe. Kaum ertönt die Ansage: „Nächster Halt: Hannover Hauptbahnhof!“, springen die ersten auf, quetschen sich in Richtung Tür. Dabei fahren wir noch mindestens 2 Minuten.

Auch mein Gegenüber ist wach geworden. Benommen richtet sich sein Blick auf die drängelnden Menschen. Leichte Panik flackert in seinen Augen. Wird er es rechtzeitig schaffen? Als der Zug endlich hält, springt er auf und drückt sich in die Menge. Falsche Richtung! Auf der anderen Seite ist es leerer und ich kann in aller Ruhe den Zug verlassen, bin auch eher am Treppenabgang. Vorsichtshalber halte ich mich rechts, damit ich nicht von einer „Zu-spät-komm-Panik“-erfüllten Menge niedergewalzt werde.

Eine Minute später suche ich mir beim Bäcker in aller Ruhe zwei belegte Brötchen für den Tag aus. Hektischer Atem streift heiß meinen Nacken, während ich das Kleingeld aus meiner Geldbörse zusammensuche. Hinter mir steht der Kofferrowdy. Er sagt nichts aber über seinen verkniffenen Augenbrauen kann ich deutlich „Mach hin, du Honk!“ lesen.

Auf der Rolltreppe zur U-Bahn halte ich mich wieder rechts. Gegen das, was jetzt an mir vorbei stürmt, ist das Verlassen der S-Bahn nur ein laues Lüftchen gewesen. Plötzlich überkommt mich eine heiße Woge aromatischen Getränks nebst einem gemurmelten „’tschulligung!“. Mein Aktenkofferrowdy entpuppt sich als Coffee-to-go-Versprüher, um sich einen Platz in der U-Bahn zu ergattern. Wie der Wind huscht er mit der Hektiker-Masse an den wenigen vorbei, die morgens noch ein bisschen Zeit mitgebracht haben.

Auf dem Bahnsteig treffen wir uns wieder. Und während er von einem auf den anderen Fuß trippelnd auf die U-Bahn wartet, kann ich mir seine Adresse notieren, damit ich ihm die Reinigungsrechnung zuschicken kann.

Inzwischen ist er in Form gekommen. Ich kann beobachten, wie er sich auf dem Weg zur nächsten Station – wir fahren mit der gleichen Bahn – geschickt in Pool-Position schiebt. Kaum bewegen sich die Türen, stürzt er auch schon hinaus und hastet die Treppen nach oben. Er hat es wirklich eilig. Ich nicht. Ich bin rechtzeitig losgefahren.

An der nächsten Fußgängerampel wünsche ich meinem Aktenkoffer schwingenden Coffee-to-go-Schütter einen geruhsamen Tag. Hier trennen sich unsere Wege.

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