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Kruschinskys Katze

Mai 3, 2010

Ich saß auf der Terrasse und genoss die wärmende Frühlingssonne. Endlich war der lange Winter vorbei, überall grünte und blühte es. Ein schöner Anblick. Dazu erfreute das fröhliche Zwitschern der Vögel das Herz.

Doch so ganz konnte ich die Idylle nicht genießen. Nebenan war mal wieder der Teufel los. Ich hörte meinen Nachbarn Horst Kruschinsky schimpfen und fluchen. Die einzelnen Worte waren kaum zu verstehen, daher versuchte ich, es in den Hintergrund zu drängen und konzentrierte mich lieber auf den Anblick meines Gartens.

Jäh wurde meine Konzentration unterbrochen. Ein überlautes Krachen und Scheppern gefolgt von einem gebrüllten „Sch…!!!“ übertönte alle anderen Geräusche. Kurz darauf zischte mit einem langgezogenen „Miiiiiiiiiiiiiiiiiiiaaaaaaaaaaaaaaauuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuu!“ ein schwarzer Blitz durch den Garten und verschwand in der Krone unseres Apfelbaumes.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Gartenpforte öffnete und Horst in seinem obligatorischen roten Overall über den Rasen auf den Apfelbaum zu stürmte. Seine ganze Körperhaltung versprach nichts gutes. „Na, warte!“, brüllte er. „Ich krieg‘ dich Mistvieh ja doch!“

Die Idylle hatte ein Ende

Wie besessen begann er, am Apfelbaum zu rütteln, um schon bald in einem Regen weiß-rosaner Apfelblütenblätter zu stehen.

Eigentlich bin ich ein geduldiger Mensch, gerade im Umgang mit Horst. Es ist nicht ratsam, ihm zu widersprechen oder gar in seinen Arbeiten zu behindern. Doch was zu viel war, war zu viel!

Ich ging zu ihm und tippte ihm sanft auf die Schulter.

Er fuhr herum und brüllte mich an: „Was!?!“

Ich trat einen Schritt zurück, denn Horsts Anblick machte mir Angst. Er sah aus wie nach einem schweren Kampf. Drei blutende Kratzer zogen sich parallel über seine rechte Wange. Die Haare standen ihm wirr vom Kopf und in seinen Augen flackerte der beginnende Wahnsinn.

„Entschuldige“, sagte ich leise, „aber darf ich erfahren, was du hier in meinem Garten machst?“

„Dieses verdammte Katzenvieh braucht die Pille“, keuchte er. „Ich hab keine Lust auf Katzenjunge, die mir die Bude versauen.“

„Meinst du nicht, dass du mit einer etwas sanfteren Methode eher Erfolg hast?“, fragte ich.

„Ich hab doch schon alles versucht“, rief er. „Aber das Biest hat sich gegen alles gewehrt. Sogar unsere Schrankwand hat sie am Ende zerstört.“

„Was du nicht sagst!“ Ich konnte mir zwar nur schwer vorstellen, wie ein gerade mal 4 Kilogramm wiegendes, zartes Geschöpf eine sechs Meter breites, tonnenschweres Resopal-Ungeheuer in brutaler Eichenoptik umwerfen kann, aber wenn Horst das sagte, wird auch etwas dran gewesen sein. Zumindest war damit das Krachen und Scheppern erklärt.

„Aber deswegen musst du jetzt nicht meinen Apfelbaum zerstören“, sagte ich. „Mir wäre es schon recht, wenn ich im Spätsommer noch ein paar Äpfel ernten …“

„Dein Apfelbaum ist mir scheißegal!“, brüllte Horst plötzlich. „Dieses Biest kriegt in den nächsten Minuten seine Pille, oder …“

„Oder was?“, fragte meine Frau, die sich uns unbemerkt genähert hatte.

„Was weiß ich?“, fragte Horst gereizt zurück. „Ich schmeiß‘ sie raus, bring sie ins Tierheim oder sonst was. Ohne Pille kommt sie mir auf jeden Fall nicht ins Haus.“

„Her damit!“ Fordernd hielt meine Frau die Hand auf. „Na los, gib mir die Pille.“

Zögernd griff Horst in seine Hosentasche und holte die Tablette hervor. Meine Frau klappte die Trittleiter, die sie mitgebracht hatte, aus und kletterte hinauf. Dabei murmelte sie beruhigende Worte und hielt der Katze eine zusammengerollte Scheibe Wurst entgegen, die auch unser Tiger liebend gern verschlang.

Die Katze fasste schnell vertrauen und ließ sich mühelos von meiner Frau aus dem Baum holen. Während sie sich dann mit dem noch leicht verstörten Fellknäuel auf dem Arm auf die Terrasse setzte, war Horst sichtlich bemüht, seinen Mund wieder zu schließen.

„Wie? … Wie hat sie das gemacht?“, brachte er endlich hervor.

„Keine Ahnung“, antwortete ich. „Weiblich Intuition, vielleicht?“

Das war die diplomatischste Antwort, die mir in den Sinn kam.

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