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Verkehrskontrolle

April 3, 2010

Es war eine jener Nächte, in denen uns der Bürger der Wedemark nicht zu brauchen schien. Eigentlich eine gute Zeit, um mal die Dinge aufzuarbeiten, die noch in den Fächern schlummerten. Aber nachts um 2.00 Uhr ist das so eine Sache mit der Konzentration. Also entschlossen mein Kollege und ich uns, eine stationäre Verkehrskontrolle auf der Straße Richtung Hannover durchzuführen. Außerdem war gerade Messe, so dass durchaus noch die Chance auf einen kleinen Fang bestand.

Kaum hatten wir unsere Warnwesten übergezogen, kam auch schon der erste Wagen angerauscht. Frank streckte die Anhaltekelle nach oben und bedeutete dem Fahrzeugführer, rechts ran zu fahren. Ich trat an den Wagen der gehobenen Mittelklasse heran und klopfte gegen die Scheibe der Fahrertür. Der ältere Herr hinter dem Steuer des Fahrzeugs ließ die Scheibe herunter und schaute mich mürrisch an. „Was gibt’s?“, fragte er unfreundlich.

„Guten Morgen!“, antwortete ich. „Eine allgemeine Verkehrskontrolle. Führerschein und Fahrzeugschein, bitte! Und stellen Sie bitte den Motor ab und schalten die Innenbeleuchtung ein.“

„Das hat mir gerade noch gefehlt“, maulte der Mann und kramte in seiner Aktentasche, die auf dem Beifahrersitz lag, nach seinen Papieren. Als er sie gefunden hatte, reichte er sie mir mit den Worten: „Haben Sie eigentlich nichts besseres zu tun?“

„Derzeit ist dies die Aufgabe, für die ich bezahlt werde“, antwortete ich freundlich.

„Sie könnten doch mal zur Abwechslung Verbrecher fangen.“

„Das ist leichter gesagt als getan“, sagte ich. „Aber wenn wir beide annehmen, Sie wären einer, wäre ich jetzt gerade dabei.“

„Also das ist doch …“, begehrte der Fahrer auch. „Wollen Sie etwa behaupten, ich bin ein Verbrecher?“

„Das habe ich nicht gesagt“, entgegnete ich lächelnd. „Aber wenn Sie einer wären, dann wäre ich jetzt mitten in der von Ihnen geforderten Aufgabe.“

„Sehe ich etwa aus wie ein Verbrecher?“, fragte der Mann noch lauter.

„Wenn ich wüsste, wie ein Verbrecher aussieht, könnte ich das beantworten“, entgegnete ich und warf einen Blick in die Papiere des Mannes.

„Was machen Sie da eigentlich?“, wollte der wissen.

„Ich überprüfe Ihre Papiere.“

„Das dürfen Sie doch gar nicht.“

„Wie bitte?“

„Also mein Freund, der ist Anwalt“, sagte der Mann. „Und der hat mir mal erzählt, dass sie das gar nicht dürften. Ich müsste auch gar nicht anhalten für so eine Kontrolle.“

„Da hätte ich einen Buchtipp für Ihren Freund: Das Straßenverkehrsrecht. Gibt es für die, denen der reine Gesetzestext zu dröge ist, auch kommentiert. Da steht drin, was wir dürfen und was Sie zu tun haben.“

„Hmpf!“, machte der Mann enttäuscht, weil ich mich durch die Erwähnung seines Anwalts nicht einschüchtern ließ. „Trotzdem finde ich das hier nicht gut. Schließlich zahle ich Steuern.“

„Ach?“, tat ich überrascht. „Sie auch? Dann haben wir ja schon was gemeinsam, oder?“ Während ich dies sagte, kramte ich in meiner Hosentasche.

„Suchen Sie was?“

„Ja!“ Mit einem breiten Lächeln holte ich einen Cent hervor. „Wissen Sie, ich habe den Eindruck, dass Sie mit meiner Arbeit nicht so ganz zufrieden sind“, begann ich. „Damit Sie nicht weiterhin dieses unangenehme Gefühl haben, für etwas zu bezahlen, dass Ihnen nicht gefällt, gebe ich Ihnen hiermit Ihren Anteil an meinem Jahresgehalt inklusive einer ordentlichen Verzinsung zurück und wünschen Ihnen eine schöne Weiterfahrt.“

Mit diesen Worten drückte ich dem Mann seine Papiere und den einen Cent in die Hand.

„Ich sollte mich über Sie beschweren!“, schimpfte der.

„Bitte!“, sagte ich. „Tun Sie das! Es ist Ihr gutes Recht. Außerdem sollte mein Chef einmal aus berufenem Munde erfahren, dass ich auch noch nach 2.00 Uhr nachts meine Arbeit erledige.“

Natürlich beschwerte der Mann sich nicht. Aber drei Wochen später hatte ihn ihn wieder in einer Kontrolle. Diesmal war er zu schnell gefahren und musste ein Verwarnungsgeld bezahlen, was er ohne zu murren tat. Er zeigte sich unerwartet einsichtig und entschuldigte sich für sein Verhalten in der letzten Kontrolle. Er hatte über unser Gespräch noch lange nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass er derjenige gewesen war, der sich unmöglich verhalten hatte.

„Trösten Sie sich“, sagte ich ihm. „Da sind Sie nicht allein.“ Und wir beide mussten laut lachen.

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