Archive for März, 2010

Unterwegs mit der Bahn

März 23, 2010

Reisen, auch Dienstreisen sind immer wieder ein Erlebnis. Nicht nur am Zielort erlangt man viele neue Eindrücke, schon die Fahrt dorthin kann wundersame Erlebnisse mit sich bringen. Gestern war ich dienstlich auf dem Weg nach Bielefeld. Nun ist es dem Beamten Pflicht – offensichtlich anders als beispielsweise Politikern – bei einer dienstlichen Reise möglichst wenig Aufwand zu betreiben und somit die Kosten klein zu halten.

Von meinem Heimatort nach Bielefeld führt der einfachste Weg über das Schienennetz der Deutschen Bahn. Sechsundzwanzig Minuten mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof Hannover und von dort nach fünfzehn Minuten Aufenthalt weitere fünfzig Minuten mit dem ICE nach Bielefeld. Da spare ich nicht nur Zeit sondern auch Nerven, sofern ich in der Lage bin, mich mental auf „Verzögerungen im Betriebsablauf“ einzustellen.

Zudem kostet es weder mich noch der Landeskasse einen Cent, da ich in Uniform reisend zur Hebung der Sicherheit im Reiseverkehr der Deutschen Bahn beitrage.

Es ist schon eigenartig, wenn man in Uniform auf einem Bahnsteig steht und auf den Zug wartet. Zwei ältere Damen, die eben noch in einem intensiven Austausch über ihre Zipperlein vertieft waren, unterbrachen das Gespräch als sie mich sahen, um mir freundlich „Guten Tag!“ zu sagen. Drei Jugendliche, die sich eben anschickten, sich über die beiden Damen lustig zu machen, verfielen reflexartig in das wohl instinktgesteuerte Verhaltensmuster, möglichst viel Abstand zwischen sich und dem Bullen zu bringen. Für mich nur allzu verständlich, zumal einer der drei noch am Wochenende in einem Anflug alkoholverstärkten Größenwahns der Meinung war, mir und meinen Kollegen einen vorräubern zu müssen.

Und dann war da noch ER, ein Typ Marke „alt gewordener 68iger!“ Der Kopf von grau melierten Locken umhüllt, dazu ein Vollbart, dessen gepflegter Schnitt nicht ganz in das Bild passen wollte. Seine Kleidung war eine angemessene Mischung aus ökologisch wertvoll und halbwegs situiert in hellbraunen und grünen Tönen gehalten. Auf der Nase vermittelte eine dezente Brille einen Anflug von Intellektualität.

Mit dieser Gestalt verband sich in mir die Vorstellung eines Studiums der Germanistik und Kunst mit dem Willen, eine so hochqualifizierte Ausbildung maximal in einem Halbtagsjob zu vergeuden, also auf Lehramt.

Während ich diesen Menschen aus den Augenwinkeln betrachtete, vernahm ich aus seinem Mund ein Reihe von Lauten, die sich wohl zu einer Melodie formen sollten: „Dum, dumdidumdum, dum, dum, didumdidum, dum di …“ Musik hatte der Mann auf keinen Fall studiert. Da war ich mir sicher. Dazu bewegten sich seine Füße in kleinen Schritten, aus denen ich eine Art Langsamer Walzer/Quickstep mit eingespieltem Chachacha erkennen konnte. Offensichtlich war der Mann am Vorabend noch zur Tanzschule gewesen und versuchte nun das Gelernte einigermaßen umzusetzen. Der Mensch kommt halt auf die eigenwilligsten Ideen, um sich eine ungewollte Wartezeit zu verkürzen.

Irgendwann kam die S-Bahn nach den obligatorischen 10 Minuten Verzögerung im Betriebsablauf an und der vermeintliche Lehrer unterbrach seine Darbietung, um in den Zug zu steigen. Der Zufall wollte es, dass er mir gegenüber auf der anderen Seite des Mittelganges Platz nahm.

Während ich meine Reiselektüre aus der Tasche kramte, zog er die Schuhe aus und legte die Füße auf den Sitz vor sich. Nun habe ich mal gelernt, dass das Hochlegen der Füße kein Ausdruck der Flegelhaftigkeit sondern mehr als Maßnahme zur Gesunderhaltung zu werten ist. Immerhin hatte meine scheinintellektuelle Reisebegleitung den Anstand besessen, seine verkeimten Botten auf dem Boden zu lassen.

Als mir jedoch nach wenigen Minuten das Odeur eines in die Jahre gekommenen Romadur in die Nasenflügel kroch, sah mich genötigt, den Herrn anzusprechen: „Entschuldigen Sie!“, sagte ich. „Fänden Sie es toll, sich in einen derart vermockerten Sitz setzen zu müssen?“

Der Mann zog indigniert eine Augenbraue nach oben: „Wie meinen?“, näselte er zurück.

Hmmm, dachte ich. Entweder hat er ein äußerst dickes Fell oder er ist intellektuell auf derart anderer Ebene, dass er den dezentbürgerlichen Hinweis auf seine Käsefüße tatsächlich nicht verstanden hat. Also versuchte ich es auf andere Art: „Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber die olfaktorischen Emissionen ihrer untersten Extremitäten affizieren meine nasale Mukosa in nicht hinnehmbarer Weise.“

Das Fragezeichen auf seiner Stirn war nun deutlich zu erkennen. Seine kurze Erwiderung sprach Bände: „Hä?“

In diesem Moment bekam ich ungeahnte Hilfe. Eine der beiden älteren Damen, die mich auf dem Bahnsteig so nett begrüßt hatten, stand plötzlich zwischen uns. „Mein Gott!“, rief sie. „Das ist ja nicht zum Aushalten!“ Schon drückte sie auf den Knopf ihres Deosprays, welches sie in der Hand hielt, und hüllte den Mann, vor allem aber dessen Füße, in eine Wolke industrieller Frische.

Wie von einer Tarantel gebissen fuhr der Mann aus dem Sitz hoch, schlüpfte in seine Schuhe, packte seine Sachen und ging den Mittelgang hindurch in den hinteren Teil des Zuges, allerdings nicht ohne sich lautstark über die Frechheit seiner Mitmenschen und die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit auszulassen.

Ich nickte der Dame anerkennend zu. Lächelnd sagte sie mir: „Sehen Sie, junger Mann, manchmal hilft das Reden nicht. Da muss man einfach handeln.“

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Das Schlagloch als Chance

März 18, 2010

So. Nun scheint er ja vorbei zu sein, der Winter. Die ersten beiden Tage mit einer Temperatur deutlich über 10 Grad sind vorüber und die Eisdielen haben wieder Zulauf wie nie. Überall fröhliche Gesichter.

Apropos Eis: Das hat uns in den letzten Monaten extrem zugesetzt, zumindest auf den Straßen. Die Auswirkungen des langen Winters mit ungewohnten Temperaturen sind jetzt um so deutlicher zu spüren. Keinen Meter kann man fahren, ohne nicht in irgendeine Unebenheit zu geraten, über eine Spalte zu hoppeln oder ein Schlagloch auszukosten.

Deswegen können wir auch nicht überall fröhliche Gesichter sehen. Der gemeine Autofahrer schaut eher verkniffen angesichts der Unebenheiten und den daraus resultierenden Geschwindigkeitsbeschränkungen. Eine der Landesstraßen, die durch unsere kleine Gemeinde führt, ist dermaßen entstellt, dass hier durchgängig Tempo 30 außerhalb geschlossener Ortschaften angeordnet wurde.

Diese Tempobegrenzungen sind nur eine Notlösung, eher eine Verzweiflungstat der zuständigen Straßenbaulastträger, denn auch sie haben mit Löchern zu kämpfen – im Haushalt. Für die Straßensanierung ist kaum ein Euro übrig. Damit nicht irgendwer auf die Idee kommt, seine verhunzte Achse dem Staat in Rechnung zu stellen, wurde die Höchstgeschwindigkeit so weit herabgesetzt, dass auch ein ungeübter Autofahrer dieses On-the-Road-Offroad-Adventure schadlos überstehen kann.

Teilweise macht es auch Spaß. Hand auf’s Herz: Wann haben Sie sich das letzte Mal an einem Ortseingang gewünscht, so richtig auf’s Gaspedal treten zu können. Bei uns ist das möglich – bis Sie 20 Stundenkilometer schneller geworden sind. Mehr ist leider wegen der Straßenverkehrsordnung nicht drin. Aber witzig ist es dennoch.

Abgesehen davon hält sich aber kaum einer an das Tempolimit. Es sei denn, wir sind mit unserem Streifenwagen in der Nähe, also selbst auf der Strecke. Es versteht sich, dass wir als Vorbilder mit unserem bunten Auto das Tempolimit einhalten. Wenn ich dann in den Rückspiegel schaue, kommen mir allerdings Zweifel, ob der Fahrer hinter mir meine Vorbildfunktion zu schätzen weiß. So manches Mal dachte ich: „Wenn der jetzt kein Lenkrad in der Hand hätte sondern einen Knochen, würde er damit auf mich schmeißen!“

Aus dem gleichen Grund kamen Kollegen auch schon auf die Idee, sich mit der Laserpistole an einen dieser Streckenabschnitte zu stellen. Innerhalb von vier Wochen hätten wir das Geld für die Sanierung dieses Teilstücks zusammen. Aber das ist zynisch. So sind wir nicht. Schließlich wollen wir mit den Bürgern in unserer Gemeinde weiterhin auskommen. Und nur auswärtige Fahrzeuge anzumessen, wäre ungerecht.

Da ist es wenig tröstlich, dass wir nicht die einzige Nation Europas sind, die mit diesem Problem auf den Straßen zu kämpfen hat. Auch Englands Straßen sind durch den Winter schwer gebeutelt. Doch man hört wenig von den dortigen Autofahrern. Dem Engländer ist eine Gelassenheit eigen, von der sich der Deutsche allgemein eine gehörig große Scheibe abschneiden könnte. So wundert es nicht, dass auf der Insel das Schlaglochproblem ganz anders angegangen und auch gelöst wird. Dabei sind die Mittel so einfach und billig, dass wir gar nicht drauf kommen konnten. Nicht Teer und Split ließen die Löcher auf den Inselstraßen verschwinden sondern die Definition!

Richtig gelesen. In England wurde das Schlaglochproblem zum größten Teil per definitionem gelöst. Ein Loch zum Beispiel in den Straßen Gloucestershire ist kein Loch, zumindest kein Schlagloch, wenn es nicht den Durchmesser eines Suppentellers und die Tiefe eines Golfballs besitzt. Alle Löcher darunter sind kein Problem und somit nicht sanierungsbedürftig. Eine wunderbare Lösung, die zudem noch eine Menge Geld spart. Der Engländer wird damit zurechtkommen. Er ist Kummer gewohnt.

Tja, so einfach kann die Welt sein, wenn man nur will. Das geht bei uns freilich nicht. Bei uns müssen klare Fakten geschaffen werden, und zwar bundeseinheitlich, sonst ist der Deutsche nicht zufrieden.

Ich hätte auch eine Idee, wie wir unsere Schlaglöcher kostengünstig und zudem gewinnbringend behandeln können. Und das hat nichts mit Privatisierung und Mauterhebung zu tun. Die Idee ist so ebenso einfach effizient. Warum ist noch kein Ökonom drauf gekommen?

Zunächst erlässt die Bundesregierung ein Gesetz, dass eine Haftung der Straßenbaulastträger für Fahrzeugschäden aufgrund schlechter Straßenverhältnisse ausschließt. Das muss man noch nicht mal an die große Glocke hängen. Die Regierungen unseres Landes haben schon viele solcher Gesetze auf den Weg gebracht, ohne dass wir davon wussten. Fast jeder Schadensfall hat auch etwas mit Erkenntnis zu tun: „Ach! Das wird nicht bezahlt?“

Durch ein solches Gesetz würde der Staat nicht nur Geld sparen, er könnte auch daran verdienen. Nicht nur, dass er ad hoc keine Milliarden, die er sowieso nicht hat, in die Straßensanierung schießen müsste, könnten alle Kfz-Werkstätten, die im Zuge der Abwrackprämie pleite gingen, ihre Pforten wieder öffnen, Arbeiter einstellen, Gewerbesteuer zahlen und vor allem die Wirtschaft ankurbeln.

Derlei Straßenzustände sind Gift für jedes Auto. Irgendwann gibt jeder Hobel auf. Es muss ja nicht gleich der Achsbruch sein, aber eine verwurstete Felge oder eine gerissene Achsmanschette müssen auch repariert werden.

Für Null Euro Nullundnullzig könnte die Bundesregierung ein milliardenschweres Konjunkturprogramm auf den Weg bringen, wenn sie nur will. Mit den Gewinnen aus den zusätzlichen Steuereinnahmen und den eingesparten Sozialleistungen könnte man so nach und nach die Straßen wieder in Ordnung bringen. Natürlich langsam, und immer auf den Winter achtend, damit genug Schäden übrig bleiben und die Sanierung sich selbst trägt.

Gleich und gleich

März 1, 2010

Heute schon gegendert (sprich: gedschendert)? Gender Mainstreaming ist ein Trend, der vor einiger Zeit auf den Markt der Gleichberechtigung geworfen wurde und sich immer größerer Beliebtheit erfreut, liebe LeserInnen. Ausgehend von These, dass MännerInnen und FrauInnen grundsätzlich gleich sind, wird dies sogar in die Welt der KinderInnen übertragen. So musste vor einiger Zeit ein Pixi-Buch, das Kindern die Welt der Schule erklären sollte, in Hamburg vom Markt genommen werden, weil PolitikerInnen (kann in diesem Fall auch mit kleinem i geschrieben werden) aufgefallen war, dass die Aspekte des Gender Mainstreaming eklatant missachtet worden waren. Gab es doch beispielsweise lediglich Schuldirektoren in diesem Buch aber keine Schuldirektorinnen.
Natürlich bin ich ein Freund der Gleichberechtigung. Ich begrüße ausdrücklich, dass unser mittlerweile etwas angestaubtes Grundgesetz die gesetzliche Gleichheit von Mann und Frau in den Grundrechten festgeschrieben hat, auch wenn dies in Teilbereichen noch nicht konkret umgesetzt wurde. Vor einigen Wochen konnten wir der Presse entnehmen, dass fast ausschließlich Frauen outgesourct und lohngedumpt in den Arbeitsmarkt geschickt werden. Oder haben Sie in bestimmten Drogeriemärkten schon mal männliche Verkäufer gesehen? Dass hier dringend etwas getan werden muss, dürfte jedem von uns klar sein.
Ich frage mich allerdings, ob „Gleichberechtigung“ wirklich in allen Bereichen sein muss? Und bevor mir jetzt die Frauen Gleichstellungsbeauftragte auf ’s Dach steigt, will ich das erläutern.
In Einzelfällen gibt es zwar Haushalte, in denen die Frau das Bier kalt und ansonsten den Mund zu halten hat, aber in der Masse begegnet Mann der Frau mit ausgewiesenem Respekt und Höflichkeit.
Dabei kann es vorkommen, dass Mann plötzlich die Welt nicht mehr versteht. Gerade hat er als Zeichen seines Respekts der Dame vor dem Supermarkt die Tür aufgehalten und fängt sich dafür von der eingefleischten Emma-Leserin eine verbale Klatsche ein, dass ihm Hören und Sehen vergeht, bis hin zur Unterstellung rein sexistischer Motivation. (Bei diesem Szenario entsprang lediglich das Lesen der Emma der Phantasie des Autors).
Auch meine Frau musste sich schon dem Unmut ihrer Bekannten aussetzen. Sie hatte vor einigen Jahren ein Namensschild für unser Haus bestellt. Weil sie nach den allgemein gültigen Regeln des menschlichen Miteinanders erzogen war und der Esel sich immer zuletzt nennt, unterlief ihr der Lapsus, ihren eigenen Vornamen hinter meinen, also ans Ende zu setzen, was einer Gleichberechtigten eigentlich egal sein könnte, komischerweise aber nicht ist.
Ganz ehrlich: Hier muss in Sachen gesunder Menschenverstand dringend nachgebessert werden.
Ob dies allerdings mit dem Gender Mainstreaming geschafft werden kann, wage ich zu bezweifeln. Diese Theorie geht in ihren extremen Auswüchsen davon aus, dass ein jedes Menschenwesen zunächst geschlechtslos auf die Welt kommt. Dabei ist es völlig egal, ob dem Kind ein Schniepelchen zwischen den Beinen hängt oder nicht. Zum Manne wird es erst durch seine Umwelt. Höchstwahrscheinlich durch den biersaufenden Fußballfan, der als Erzeuger zeichnet und sich Vater nennt. Wird es ein Mädchen, hatte die Mutter den größeren Einfluss. Doch wie sieht das eigentlich aus, wenn die alleinerziehende Mutter einen Jungen groß zieht? Hat sie ihn zu sehr der Umgebung ausgesetzt? Hat sie sich selbst bei der Erziehung falsch verhalten? Oder zahlt am Ende die Krankenkasse das Entfernen des Schniepelchens, weil Frau sich im falschen Körper wähnt? So richtig durchdacht erscheint mir das Extrem-Gendering noch nicht.
Unlängst war Gender Mainstreaming auch Thema in einer Mitarbeiter-Konferenz unseres Aus- und Fortbildungsdezernats. Die einzelnen MitarbeiterInnen sollten sich Gedanken machen, wie Aspekte des Genderings in ihren speziellen Bereichen umgesetzt werden können.
Einer der Schießausbilder regte daher an, neue Filme als Zieldarstellung für das Schusswaffen-Einsatztraining zu drehen. In seinen Augen ist es sehr auffällig, dass in den dargestellten Situationen ausschließlich Männer als Täter auftreten. Allein die Praxis zeige doch, dass auch Frauen durchaus kriminelle Energie aufweisen. Sie können sich wahrscheinlich denken, dass dieser Vorschlag nicht die ungeteilte Zustimmung der Dezernatsleiterin fand.
Fazit: Gleichberechtigung ist ein Muss – aber nicht um jeden Preis.