Eine Wintergeschichte

Februar 11, 2010

„Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“, lautet ein altes Sprichwort. Doch auch Gott hat seine Grenzen. Womit ich natürlich nicht an irgendwelchen Glaubensfragen rütteln möchte, aber unlängst musste eine Schar Eltern feststellen, dass dieses alte Sprichwort nicht immer zutrifft.

Wie wir aus den Medien entnehmen können, fordert der Winter seinen Tribut. Die Salzvorräte sind zur Neige gegangen, und der Winterdienst an sich lässt vielerorts zu Wünschen übrig. Dabei betrifft dies nicht nur die faulen Nachbarn, die mal wieder ihren Gehweg nicht geräumt haben und lieber in der warmen Stube hocken, sondern auch die öffentlich bestellten Personen kommen ihrer Arbeit nicht nach. Was natürlich keine Kritik an diesen Menschen sein soll. Es liegt nicht an ihrem Willen. Sie könnten durchaus sofort etwas gegen glatte Wege und Plätze unternehmen, aber leider dürfen sie nicht.

„Wieso das?“, werden Sie sich fragen, zu Recht. Es betrifft auch nicht alle Bereiche des öffentlichen Lebens aber zum Beispiel die Schulen in Hannover.

Hannover hat für den Winterdienst eine geschickte Regelung getroffen. Die Stadt selbst hält keine Bediensteten vor, die sich um die Säuberung der Straßen und Plätze kümmern oder hier den Winterdienst übernehmen. Diese Aufgabe wurde an die private Abfallentsorgungsgesellschaft der Region Hannover übertragen. Man hat also schon im Sommer pauschal einen Winterdienst von einem privaten Anbieter eingekauft. Getreu dieses Einkaufs hat die Gesellschaft ihre Arbeitspläne erstellt. Allerdings hat dieser Einkauf eine kleine Einschränkung. Die zuständige Schuldezernentin der Stadt Hannover muss wohl eine treue Anhängerin des globalen Erwärmungsglaubens sein, denn sie vertrat den Standpunkt: „So schlimm wird der Winter schon nicht werden. Für die Schulhöfe brauchen wir keinen Räum- und Streudienst.“

So haben wir nun die Situation, dass die Stadt Hannover selbst keine Arbeitskräfte hat, die Abfallentsorgungsgesellschaft es gerne tun würde, wenn man ihnen denn den Auftrag gäbe und den jeweiligen Hausmeistern das Räumen der Schulhöfe verboten ist. Das steht nämlich nicht in ihren Arbeitsverträgen also dürfen sie aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen die Schulhöfe nicht angehen.

Also bleiben die Schulhöfe nach Schnee und Antauen vereist. Das hatte wiederum zur Folge, dass in den Schulen sogenannte Regenpausen angeordnet wurden. Die Schüler durften den Schulhof nicht betreten, in einigen Schulen mussten sie in den Klassenräumen und sogar auf ihren Plätzen sitzen bleiben, weil die Schulordnung dies so fordert.

Natürlich könnte man noch einen Winterdienst nachbestellen. Die Entsorgungsgesellschaft würde dies – gegen Aufpreis – organisieren. Nur schreckt der Aufpreis angesichts leerer Kassen. Also lässt man es bleiben.

An einer dieser Schulen wollte die Elternschaft das nicht einsehen und ihren Kindern Erleichterung verschaffen. Man traf sich am letzten Wochen auf einem Schulhof mit Flachschaufel, Schabeisen und diversen anderen Gerätschaften und befreite einen Schulhof in einer gemeinsamen Aktion vom Eis. Anschließend belohnte man sich selbst mit Bratwurst, heißem Kakao, Tee und Kaffee und zog am Abend fröhlich von dannen, stolz darauf, für die Kinder etwas gutes getan zu haben.

Doch leider kam es anders als sie dachten. Als am Montag die erste große Pause eingeläutet wurde, die Kinder sich schon zwei Stunden darauf gefreut hatten, endlich wieder ihren Schulhof betreten zu dürfen, trat die Ernüchterung ein: Regenpause!

Trotz aller Bemühungen war es den Eltern nicht gelungen, den Schulhof komplett vom Eis zu befreien. An einigen Stellen erwies sich das gefrorene Nass derart hartnäckig, dass ihm nicht beizukommen war. So verblieben knapp 10% des Schulhofes mit Rutschgefahr, meist an den Rändern. Dies erschien nun der Schulleiterin immer noch zu gefährlich. Wie leicht könnte da etwas passieren, wenn die Kinder erstmal den Freuden des Winters nachkommen und möglicherweise allzu wild über das verbliebene Eis schlittern. Oder noch schlimmer: Sie könnten sich auch von den aufgehäuften Eisbergen Brocken herunter nehmen, um damit andere zu beschmeißen.

Da ein Absperren der gefährlichen Bereiche mit ein paar Stäben und ein bisschen Flatterband offensichtlich nicht möglich und es grundsätzlich der überlasteten Lehrerschaft nicht zuzumuten ist, in der großen Pause an die frische Luft zu gehen, um ihrer Aufsichtspflicht vermehrt nachzugehen, bleibt der Schulhof weiterhin gesperrt.

„Hilf die selbst, dann hilft dir Gott!“ Aber wenn Gott gegen Lehrer antreten muss, sind ihm offensichtlich die Hände gebunden.

Da mutet es am Ende geradezu als Farce an, dass die Stadt Hannover seit gestern sogenannte „Eis-Sheriffs“ ausschickt, um gegen die Bürger vorzugehen, die ihrer Räum- und Streupflicht nicht nachkommen. Aber hier ist vielleicht noch ein wenig Geld in die Kassen zu holen – damit im nächsten Jahr der Winterdienst besser organisiert werden kann.

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4 Antworten to “Eine Wintergeschichte”

  1. Ormuz Says:

    Falls Gott die Welt geschaffen hat, war seine Hauptsorge sicher nicht, sie so zu machen, dass wir sie verstehen können. (Albert Einstein)

    Und mir drängt sich der Verdacht auf, daß er eine diabolische Frude daran gehabt haben muß …


  2. Ich kann Dir nur komplett beipflichten. Dieses Beispiel ist wirklich peinlich.

    Allerdings gibt es an meiner Schule solche Auswüchse nicht… Im Gegenteil ist es da die Lehrerschaft, die quasi im Alleingang Sommerfeste und Tage der offenen Tür stemmt, weil offensichtlich die Schüler wichtigere Dinge zu tun haben und die Eltern eher selten bei uns gesehen werden.

    Auswüchse, die es gibt, sind meistens durch die übergeordnete Schulbehörde verantwortet.

    Von daher wäre ich dankbar, wenn hier Pauschalierungen vermieden werden könnten.

    Heute fand zum ersten Mal seit Menschengedenken an Weiberfastnacht auf der Zufahrtsstraße zu unserer Schule keine Verkehrs- und Alkoholkontrolle statt. Ich persönlich schließe daraus, dass witterungsbedingt wichtigere Einsätze zu fahren waren. Andere denken sich vermutlich, dass DIE PolizeiBEAMTEN sich lieber einen Kaffee ziehen anstatt bei diesem ungemütlichen Wetter ihrem Job nachzugehen. Aber ICH vermeide Pauschalierungen dann doch lieber…


    • Natürlich sollte man nicht pauschalisieren. Es gibt immer sonne und solche, wie der Volksmund sagt.

      Und wenn ich jetzt das Klischee der Lehrer bedient habe und dir damit auf die Füße getreten bin, so tut es mir Leid. Aber Lehrer haben es mir grundsätzlich angetan. Ich habe schon so einige Dinge mit diesem „Völkchen“ erlebt, bei denen sie selbst dieses Klischee bedient haben.

      Andererseits kenne ich auch eine Menge Lehrer, die das genaue Gegenteil sind, vor den ich hochachtungsvoll meinen Hut ziehe, weil sie einen klasse Job machen und noch viel darüber hinaus.

      Das ist quasi so, wie du es mit den Polizeibeamten bei euch angedeutet hast. Aus der Tatsache, dass sie nicht da sind, lassen sich immer 2 Schlüsse ziehen.

      In diesem speziellen Fall konnte ich aber nicht achtlos an dieser Meldung vorbeigehen. Das Engagement der Eltern derart mit Füßen zu treten, da man selbst absolut unfelxibel erscheint, ist genau das Futter, was ich immer wieder gerne in meinen Artikeln und Geschichten verwende.


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