Wählen Sie die 110

April 3, 2017

Es ist immer wieder spannend, wen man bei der Entgegennahme eines Notrufs an die Strippe bekommt. Mal erfordert es absolutes Fingerspitzengefühl und Sensibilität, um der schluchzenden Anruferin wenigstens einen kleinen Sachverhalt zu entlocken, mit dem die Kollegen draußen arbeiten können, und mal muss man einen Geschichtenerzähler auch schroff abwürgen, damit das Gespräch wegen einer Bagatelle nicht zu lange dauert.

Es gibt den Drama-King, dessen Lebenstraum auf vier Rädern in einem Akt sinnloser und brutaler Gewalt komplett zerstört wurde, bei dem die Kollegen vor Ort einen Verkehrsunfall mit leichten Lackschäden aufnehmen. Und den Bauern, der sich den halben Arm im Kartoffelroder abgerissen hat und für 18 Uhr einen Rettungswagen bestellt, weil er vorher noch die Ernte einfahren muss.

Dann gibt es noch die, die so ein bisschen einen an der Schüssel haben, aber absolut harmlos sind. Wie jener Herr aus Springe, der sich einmal täglich mit „Guten Tag! Ich hab mich verwählt!“ bei uns meldet. Wünscht man ihm ebenfalls einen guten Tag, ist er glücklich und zieht friedlich seiner Wege. Oder die Dame aus Hannover, deren imaginärer Nachbar in der Nebenwohnung eine Maschine betreibt, wodurch ihr Bett anfängt zu vibrieren. Sie möchte nicht, dass die Polizei kommt. Sie möchte die Geschichte nur jemandem ganz im Vertrauen erzählen und fragt am Ende immer, ob sie noch mal anrufen darf, wenn es wieder los geht. Bejaht man dies, kann sie zufrieden schlafen und ruft nicht mehr an.

Vor einiger Zeit rief uns auf einem Samstag eine Dame an und erzählte unglaubliche Geschichten, bei denen man sofort merkte: Das stimmt nicht! Das ist keinen Einsatz der Kollegen wert. Doch die Dame blieb hartnäckig und wählte immer wieder die 110. Auch das mehrmalige Vorsprechen der Kollegen vor Ort, sie möge das doch bitte unterlassen, half nicht. Immer wieder blockierte sie die Notrufleitung mit ihren Phantasien.

Nach dem zweihundertsechsundsiebzigsten (in Zahlen: 276.) Notruf, wurde es den Kollegen zu bunt. Sie fuhren hin und nahmen ihr die sechs Telefone, die sie benutzte, ab. Das veranlasste die Dame, über ihre Nachbarin den 277. Notruf zu starten, man möge ihr doch ihre Telefone wiedergeben. Die brauche sie schließlich.

Unsere Pressestelle brachte diesen Vorfall in die Zeitung. Das wiederum löste auf Facebook einen Shitstorm selbsternannter Stuhlkreis-Altruisten aus: Wie kann die Polizei nur so reagieren? Die arme Frau! Die braucht doch ihre Telefone! Was, wenn sie wirklich mal in Not ist? Es gipfelte schließlich in der völlig realitätsfernen Behauptung, niemand, der nicht in Not sei, würde die 110 anrufen.

Doch! Wie eingangs schon geschildert, gibt es alle möglichen Anrufer bei uns, so dass in unseren Köpfen schon eine Art Notruf-Bingo schwirrt, weil so mancher Ausspruch mehrmals täglich zu hören ist.

Notruf, Polizei!“

Also, das ist jetzt kein Notruf, aber …“

Wenn es kein Notruf ist, warum wählt er dann die 110?

Notruf, Polizei!“

Guten Tag, können Sie mich mal mit Herrn … verbinden?“

Nein kann ich nicht. Ich bin nicht die Vermittlung.“

Oder: „Notruf, Polizei!“

Guten Tag, ich brauche mal die Telefonnummer Ihrer Kollegen in Berlin!“

Die Auskunft erreichen Sie unter 11880 oder 11833!“

Man könnte auch im Internet schauen, aber die 110 ist halt schneller gewählt.

Ebenfalls mehrmals täglich höre ich: „Guten Tag! Ich hab da mal ’ne Frage …“ Der Hinweis, für Erklärungen die örtliche Polizeidienststelle anzurufen, endet dann meist mit der Bitte: „Können Sie mich da nicht eben mal verbinden?“

Wie man sehen kann, entsteht aus einem Notruf nicht immer ein Einsatz, weil kein tatsächlicher Notfall vorliegt.

Auch das Fahrrad, das im Laufe des Tages am Bahnhof gestohlen wurde, erfordert nicht das sofortige Erscheinen der Polizei vor Ort. Da kann man selbst zum Revier stiefeln und Anzeige erstatten.

Anders verhält es sich vielleicht, wenn der Anrufer eigentlich nur mal die Kollegen durchbeleidigen möchte und dabei eines vergisst: Wir machen auch Hausbesuche!


Bahnfahren 1. Klasse

März 9, 2017

Neulich bin ich mal wieder mit der S-Bahn unterwegs gewesen. Ein schönes Verkehrsmittel, das einen im Großraum Hannover schnell von A nach B bringt und dabei trotzdem an fast jeder Milchkanne hält.

So wie früher halt – nur eben moderner und mit Strom, Öko-Strom, um genauer zu sein. Wobei ich mich immer frage, woher der ganze Ökostrom kommt, der so angeboten und verbraucht wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Die S-Bahn zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass es nur Großraum-Abteile gibt, in denen man mit vielen Menschen zusammen sitzt – ob man will oder nicht. Wer schon mal an einem heißen Sommertag zur Feierabendzeit in so einem Abteil gesessen hat, weiß, was ich meine.

Es gibt allerdings eine Ausnahme: Ganz vorn im Zug sind sechs Sitzplätze mittels einer Glastür abgetrennt. Auf dieser Glastür prangt ganz groß eine 1, um klar zu machen, dass es sich hierbei um die 1. Klasse im Zug handelt.

Meistens sind diese Plätze nicht besetzt. Wie denn auch? Wer die S-Bahn nutzt, fährt mit einem Ticket des Großraumverkehrs Hannover. Das ist nur für die 2. Klasse.

Neugierig, wie ich nun mal bin, habe ich versucht, auf bahn.de ein Ticket erster Klasse für die S-Bahn zu buchen. Was soll ich sagen? Es geht nicht. Nach Auswahl von Start und Ziel und des Zuges kann ich zwar noch das Feld „1. Klasse“ anwählen, aber dann ist Schluss. Danach streikt die Web-Seite der Bahn. Bezahlen und Ausdrucken des Tickets ist nicht möglich.

Warum also gibt es in der S-Bahn eine 1. Klasse, wenn ich kein Ticket dafür bekomme? Wahrscheinlich eines der großen Rätsel der Menschheit, größer noch als das deutsche Steuerrecht.

Tatsächlich waren bei der nächsten Fahrt zwei dieser sechs Plätze besetzt. Und wie es der Zufall wollte, war auch ein Fahrkartenkontrolleur anwesend.

Nachdem er sich die Fahrkarten der beiden angeschaut hatte, blaffte er: „Das ist hier 1. Klasse. Da haben sie keinen Fahrschein für. Setzen Sie sich da drüben hin oder Sie müssen den erhöhten Fahrpreis zahlen!“

Missmutig trollten sich die beiden Fahrgäste.

Ich aber nutzte die Gelegenheit, um den Kontrolleur anzusprechen: „Sagen Sie, warum ist das hier die 1. Klasse?“

Weil es an der Tür steht!“, kam die knappe, nicht sehr hilfreiche Antwort.

Und was ist an diesen sechs Plätzen 1. Klasse?“, bohrte ich weiter.

Er schaute mich verwundert an. „Ich verstehe die Frage nicht“, sagte er dann.

Na, schauen Sie sich doch mal die Sitze an!“, erwiderte ich.

Was soll mit den Sitzen sein?“

Das sind die gleichen Sitze wie in der 2. Klasse, nur halt ein bisschen sauberer, weil dort keiner sitzt. Kein bisschen bequemer, kein bisschen mehr Komfort.“

Ich konnte genau sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

Und wo ist der Service?“, fragte ich weiter. „In der 1. Klasse sollte es doch einen Service geben, wie beispielsweise in einem ICE, wo Ihre Kollegen einem den Kaffee an den Platz bringen.“

Das sind keine Kollegen, das ist ein Caterer!“, korrigierte er mich. „Hier in der S-Bahn gibt es keinen Kaffee.“

Sehen Sie? Also kein Service.“

Aber wir haben eine Zeitschriften-Box in der ersten Klasse, konterte er.

Stimmt. Hinter einem der Sitze war eine solche Box angebracht. Nur war sie leer.

Und die Zeitschriften?“

Wie? Und die Zeitschriften.“

Na, wo sind die? Da ist doch nichts drin.“

Was weiß denn ich?“, erwiderte der Mann angesäuert. „Ich kontrollier‘ hier nur die Fahrkarten.“

Apropos, Fahrkarten“, da hatte er mir ein gutes Stichwort geliefert. „Wo kriege ich denn ein 1.-Klasse-Ticket für die S-Bahn?“

Zum Beispiel im Internet.“, antwortete er.

Als ich ihm dann erklärte, dass das nicht funktioniert, wurde er pampig: „Sie glauben ja auch, dass das hier keine richtige 1. Klasse ist. Was wollen Sie dann mit so einem Ticket?“

Wollte ich gar nicht. Eigentlich wollte ich nur wissen, warum in einem Zug, der oftmals überfüllt ist, Plätze existieren, für die man kein Ticket kaufen kann. Doch das wird wohl weiterhin ein Rätsel bleiben.


Reformen? – Bitte politisch korrekt!

Februar 6, 2017

Herr Müller, Sie sind Mitglied des Verkehrsausschusses des Bundestages, der heute umfassende Reformen des Verkehrsrechts beschlossen hat. Auf was dürfen wir uns als Autofahrer einstellen?“

Wie Sie vielleicht wissen stammt unser heutiges Verkehrsrecht aus einer Zeit, in der wir – sagen wir mal – noch kein so großes Geschichtsbewusstsein wie heute hatten. Wir sind daher zu dem Schluss gekommen, dass bestimmte Grundsätze neu beziehungsweise moderner gestaltet werden müssen.“

Und was bedeutet das im Einzelnen?“

Nun zum einen möchten wir natürlich auf die Eigenverantwortung des Verkehrsteilnehmers hinaus. Er soll in bestimmten Fällen selbst entscheiden, wie er sich verhält.“

Und Sie glauben, dass das gut ist? Die Regelungen sind doch dazu da, Gefahren zu minimieren.“

Das ist richtig. Aber wir sollten darauf vertrauen, dass die Verkehrsteilnehmer auf sich selbst achten.“

Welche Regel wollen Sie beispielsweise ändern?“

Als erstes werden wir die Vorfahrtregel ,Rechts vor Links‘ streichen.“

Also sollen alle Kreuzungen zukünftig beschildert werden?“

Um Gottes Willen, nein. Das ist doch viel zu teuer. Wie wollen Sie das dem Steuerzahler und vor allem Herrn Schäuble vermitteln? Ich sagte doch: Der Verkehrsteilnehmer soll selbst entscheiden.“

Und was passiert, wenn jemand im Vertrauen auf die anderen in so eine Kreuzung hineinfährt und dann von einem BMW-Fahrer von der Straße gefegt wird?“

Haben Sie was gegen BMW-Fahrer?“

Nicht grundsätzlich. Aber wer zahlt den Schaden?“

Na der, der nicht aufgepasst hat.“

Also der BMW-Fahrer!“

Sie haben doch was gegen diese Leute, oder?“

Nein, natürlich nicht. Aber ich finde, dass die Rechts-vor-Links-Regel ganz hilfreich in solchen Fällen ist.“

Wissen Sie eigentlich, was Sie da sagen?“

Äh, wieso?“

Sie können doch in der heutigen Zeit nicht mehr rechts bevorzugen! Wie sieht das denn aus? Überlegen Sie, was sie vor allem unseren jungen Mitbürger mit dieser Aussage vermitteln: Rechts geht vor!“

Dass es unter bestimmten Umständen Regeln geben muss, an die man sich halten sollte?“

Ja, Regeln müssen unter bestimmten Umständen sein, aber bitte politisch korrekt abgefasst. Keine Richtung – vor allem nicht die!“

Dann hätten Sie die Regel ja auch in Links-vor-Rechts umändern können. Oder wir steigen ganz auf den Linksverkehr um – wie in Großbritannien.“

Damit geben Sie der anderen Richtung den Vorzug. Das wollen wir gerade nicht.“

Links ist doch in der heutigen Zeit nicht verkehrt.“

Heute schon. Aber was ist morgen? Was wenn sich der Trend verändert? Plötzlich ist die Mitte das Maß aller Dinge. Was dann? Nein, wir wollen schon zukunftsweisend mit unseren Änderungen sein.“

Also auf keinen Fall festlegen – ganz so, wie sich der Trend in der Politik abzeichnet.“

Richtig! Die letzten Jahre haben gezeigt, dass es funktioniert.“

Verstehe! Haben Sie noch weitere Änderungen beschlossen?“

In der Tat wollen wir uns auch von alten Begrifflichkeiten, wie etwa dem Fahrzeugführer verabschieden. Führer! Das hatten wir mal – und es ging nicht gut! Fahrzeuglenker trifft es genauso, ist aber nicht negativ belastet.“

Und was ist mit dem Führerschein?“

Der fällt selbstverständlich der Reform zum Opfer. Der Verkehrsteilnehmer erwirbt zukünftig einen Kraftfahrzeug-Lenker-Berechtigungs-Nachweis!“

Mein Gott! Geht das auch kürzer?“

Natürlich: KraftfahrLenkBeNa!“

Hä???“

Genial, oder? KraftfahrLenkBeNa. Auf so etwas kommt kein normal denkender Mensch.“


Vorsätze

Januar 9, 2017

Sie kennen das sicher auch: Draußen ist es nass und kalt. Die Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn haut einen auch nicht gerade vom Hocker. Also macht man es sich auf dem Sofa gemütlich. Und während man so aneinander gekuschelt da liegt, fragt sie plötzlich: „Sag mal, hast du dir für das nächste Jahr schon was vorgenommen?“

Ja, natürlich!“, antwortete ich. „So oft es geht mit dir nach La Gomera fahren, zum Beispiel.“

Nein, das meinte ich nicht.“

Was denn?“

Na, gute Vorsätze“, antwortete sie. „Macht doch jeder so im Angesicht des neuen Jahres.“

Ich bin nicht jeder!“

Könnte aber nicht schaden“, konterte sie mit einem Blick auf meinen Bauch. „Du könntest dir zum Beispiel vornehmen, weniger zu essen.“

Wenn ich Hunger habe, muss ich was essen. So einfach ist das!“, sagte ich.

Das ist kein Hunger. So viel Hunger kann kein Mensch haben. Und außerdem könntest du ja auch mehr Gemüse essen.“

Mach ich doch!“

Wann?“

Naja, aus zweiter Hand sozusagen. Kuh und Schwein essen Grünzeug, ich ess‘ Kuh und Schwein.“

Das zählt nicht!“

Außerdem hatten wir letztens erst Grünkohl. Das zählt doch wohl! – Hey, ich bin ja ein kleiner Poet“, lachte ich.

Zu dem du dir noch die fetten Bregenwürste reingezogen hast. Und lenk‘ nicht vom Thema ab.“

Den Bauch hatte ich aber schon, als wir uns kennen gelernt haben. Und du hast mal gesagt, dass du den magst.“

Da war der aber noch kleiner“, entgegnete sie schnippisch.

Also wenn Gutes mehr wird, kann das doch nicht verkehrt sein.“

Blödmann!“

Was hast du dir denn vorgenommen?“, fragte ich sie nach einer Weile.

Abnehmen!“

Warum wollt ihr Frauen eigentlich immer abnehmen?Akzeptiert euch doch mal, so wie ihr seid!“

Machen wir doch!“, antwortete sie.

Und warum willst du dann abnehmen?“

Das verstehst du nicht.“

Nein!“, entgegnete ich. „Das verstehe ich wirklich nicht.“

Sie schwieg.

Und hast du dir noch was vorgenommen?“, fragte ich nach einer Weile.

Auf jeden Fall mehr Bewegung, sportlicher werden“, antwortete meine Frau.

Da fällt mir was ein“, lächelte ich. „Wir können gleich damit anfangen.“

Du denkst auch immer nur an das eine!“, sagte sie.

Das stimmt nicht!“

Stimmt. Manchmal denkst du auch ans Essen!“

Plötzlich musste ich lachen.

Was ist denn jetzt los?“, fragte meine Frau.

Ist dir nicht aufgefallen“, antwortete ich. „Das wir letztes Jahr um diese Zeit eine ähnliche Diskussion geführt haben.“

Und so ist es tatsächlich. Eigentlich bei fast allen. Jedes Jahr kurz vor Silvester, fängt man an zu überlegen, was man im nächsten Jahr besser machen könnte. Gute Vorsätze für das neue Jahr fassen. Gesünder Leben, mehr Sport, kein Alkohol. Viele dieser guten Vorsätze haben eine Halbwertzeit von wenigen Wochen. Der Vorsatz, keinen Alkohol zu trinken, sogar noch weniger. Der hält gerade mal bis kurz nach dem Aufstehen an Neujahr, wenn man mit dem Konterbier den Wahnsinns-Kater von der Silvestersause bekämpft.

Aber das ist auch gut so. Man muss sich dann am kommenden Jahresende nicht nochmal neue Dinge überlegen, die man unbedingt ändern will. Die alten guten Vorsätze sind ja immer noch aktuell.


Interview mit Santa

Dezember 1, 2016

Irgendwo am Nordpol. Eine kleine Hütte, in deren Wohnzimmer das Feuer im Kamin prasselt. Aus der Küche erklingen geschäftige Geräusche. In den beiden Sesseln vor dem Kamin sitzen der Weihnachtsmann und ein Reporter.

Herr Weihnachtsmann“, beginnt der Reporter.

Ho, ho, ho! Nennen Sie mich doch einfach Santa“, lacht der Weihnachtsmann.

Okay, Santa“, erwidert der Reporter. „Bald beginnt ja Ihre große Zeit. Wie bereiten Sie sich darauf vor?“

Die Vorbereitungen mache ich nicht. Dafür habe ich meine Wichtel.“

Claus?“, tönt eine weibliche Stimme aus der Küche, „Warst du mit Rudolf schon beim Veterinär-Wichtel?“

Natürlich!“, ruft der Weihnachtsmann zurück. „Also ein paar Kleinigkeiten muss ich schon selbst erledigen“, sagt er dann zum Reporter.

Was motiviert Sie, jedes Jahr in einer Nacht um die ganze Welt zu reisen?“

Haben Sie sich schon mal das Gesicht eines Kindes gesehen, dass die ganze Nacht auf mich gewartet hat und dann am Morgen ein Geschenk unter dem Weihnachtsbaum findet?“

Nein. Sie?“

Nein! Wie soll ich denn? Ich muss ja weiter! Aber ich stell es mir einfach vor.“

Also haben Sie nie diese leuchtenden Kinderaugen gesehen?“

Doch, doch! Ab und an fahre ich hinaus in die Welt und schaue mir Kinder an ihren Geburtstagen an. Da sehe ich dann …“

Claus?“, tönt es aus der Küche, „Hast du deinen Mantel aus der Reinigung geholt?“

Hab ich!“, brummelt der Weihnachtsmann.

Aber in einer Nacht um die ganze Welt zu reisen, bedeutet doch sicherlich auch Stress, oder nicht?“, fragt der Reporter.

Na ja“, antwortet Santa Claus, „die Weihnacht hat ja etwas magisches. Und soll ich Ihnen was verraten?“

Gerne! Was denn?“

Natürlich benutze ich Magie! Oder dachten Sie, Rentiere können wirklich fliegen? Hohoho! Überlegen Sie mal, wie ein so beleibter Mann wie ich durch einen Kamin rutschen kann.“

Da haben Sie Recht. Das ist mit Physik nicht zu erklären.“

Claus?“, tönte es wieder aus der Küche, „hast du auch alle Wunschzettel gelesen? Erinnere dich an den kleinen Kevin im letzten Jahr!“

Ja doch!“, rief Santa Claus zurück. „Verdammt noch mal! Das war auch eine Sauklaue von dem Jungen – und voller Fehler. Oder wissen Sie was eine Blehsteeschen ist?“

Santa Claus! Du bist ein braver Mann. Und als solcher sollst du nicht fluchen!“, keift es aus der Küche.

Ja, doch!“, seufzt Santa. „Na, ja, vielleicht muss ich im nächsten Jahr nicht mehr die ganze Welt bereisen.“

Warum das?“

Schauen Sie doch mal in die USA! Wer weiß denn schon, was diesem neuen Präsidenten so alles einfällt?“

Aber Sie! Santa Claus! Sie sind doch eine ur-amerikanische Figur!“, erwidert der Reporter.

Ich wohne aber am Nordpol. Nachher hält mich dieser Typ für einen illegalen Einwanderer. Oder befürchtet einen Luftangriff. Weiß man das?“

Na ganz so schlimm wird es wohl nicht kommen“, wendet der Reporter ein.

Claus? Hast du den Schlitten geputzt?“, erschallt die Frage aus der Küche.

Ja! Verd … „

Claus! Du sollst nicht fluchen!“

Kommen Sie mal mit“, sagt der Weihnachtsmann, steht auf und geht zur Tür. „Ich muss Ihnen draußen was zeigen.“

Draußen angekommen holt Santa Claus tief Luft: „So! Jetzt mal Klartext. Sie haben es ja eben erlebt: Claus, mach dies. Claus mach das. Hast du schon! So geht das das ganze Jahr. Tagein, tagaus. Und deswegen freue ich mich auf Weihnachten. Das hat nichts mit Helfersyndrom oder leuchtenden Kinderaugen zu tun. Ich will einfach nur eine Nacht im Jahr meine verdammte Ruhe haben!“


Touroristen

November 10, 2016

Es ist Herbst. Draußen ist es trübe, nass und kalt, da möchte man sich am liebsten auf’s Sofa kuscheln. Oder man fliegt in den Süden, dahin wo die Sonne scheint.

Da uns Sultan Recep inzwischen ein wenig suspekt geworden ist und wir auch mit ägyptischen oder tunesischen Fünf-Sterne-Auffanglagern nichts anfangen können, zieht es uns immer wieder auf die Kanarischen Inseln. Dort ist die Welt noch in Ordnung – also fast.

Auf manchen Inseln trifft man leider Menschen, denen man nicht begegnen will. Viele von denen zeichnen sich durch eine Hautfarbe, die an gegrillte Garnelen erinnert, aus, sind laut, das auch noch auf englisch und ähneln im Blutalkoholgehalt einem polnische Trucker zur Frühstückspause. Solche Typen braucht kein Mensch, aber leider trifft man sie auf fast jeder Strandpromenade.

Nicht am Strand zu treffen, dafür häufiger in den Hotelanlagen ist die sogenannte russische Buffet-Fräse. Mit mehreren Tellern bewaffnet pflügt sie sich nach dem Prinzip „Verbrannte Erde“ durch die verschiedenen Speisenangebote, um schließlich mehr als die Hälfte der aufgehäuften Nahrungsmassen dem Abfall zu überantworten.

Sieht man vom gewöhnlichen Ballermannianer ab, ist der Deutsche natürlich anders: Höflich, zurückhaltend (vor allem beim Trinkgeld) und der nicht zu erschütternden Meinung, überall gern gesehen zu sein.

Vor einiger Zeit traf meine Frau auf Gran Canaria einen älteren Herrn, der so begeistert von der Insel ist, dass er schon seit 22 Jahren dort seinen Urlaub verbringt. Die Einheimischen, schwärmt er, seien so höflich und zuvorkommend. Und dazu noch absolut entspannt.

Kurz darauf betrat er mit seiner Angetrauten ein Restaurant, fläzte sich an einen Tisch und rief lautstark der Bedienung zu: „Zwei Bier!“

Tatsächlich erschien kurz darauf die Kellnerin und stellte ihm lächelnd zwei Gläser auf den Tisch, obwohl sie den Inhalt – das sagten zumindest ihre Augen – ihm am liebsten über’s Chemisett kippen würde.

Dass sie es nicht tat, mag allein dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass der Spanier an sich nur eines mehr fürchtet als seine eigene Bürokratie: den deutschen Rechtsanwalt. Der Kontakt sowohl zu der einen als auch zu dem anderen ist meist schmerzlich teuer.

Aber vielleicht war es ja auch Respekt. Respekt vor einer Person, die 22 Jahre an ein und demselben Ort Urlaub macht und sich konsequent dem Erlernen der Landessprache verweigert hat. Nach 22 Jahren nicht einmal den einfachen Satz: „Buenas dias! Dos Cervesas, por favor!“ herauszubringen, das ist schon eine Leistung, eines Deutschen würdig und nicht zu toppen.

Oder doch?

Bei unserem letzten Urlaub auf La Gomera trafen wir auf Türkei-Flüchtlinge, also Touristen, die aufgrund der angespannten Lage am Bosporus notgedrungen ihren All-In-Palast verlassen haben. Da hörte man schon mal so Sätze wie: „Das ist ja schön hier, aber alles so antik. Na ja, für die Einheimischen hier reicht das ja.“

Na klar! Für die Einheimischen reicht das. Die sollen doch froh sein, dass sie uns deutsche Touristen haben. Wir bringen ja auch Geld auf die Insel. Der deutsche Euro ist bestimmt auch mehr wert als der spanische!?!

Am Abend schaffte es einer dieser Menschen, das Ganze auf die Spitze zu treiben. Wir saßen in einem Restaurant. Es war viel Betrieb und die Kellnerinnen hatten ordentlich zu tun. Am Nebentisch hatte jemand Vor- und Hauptspeise bestellt, und wie es der Teufel so wollte: Beides kam gleichzeitig an den Tisch. Das sollte nicht sein, kann aber im Eifer des Gefechts vorkommen.

Doch der Tourist hatte kein Verständnis dafür und fing auch gleich an zu schimpfen. Eine deutschsprachige Kellnerin versuchte zu beschwichtigen und bot ihm auch an, die Kollegin, die bei ihm serviert hatte, an den Tisch zu holen.

Das war zuviel für den Touroristen. Er rief: „Was soll ich denn mit der reden? Die kann ja noch nicht mal deutsch!“

Ein Trauma! Da sitzt man auf einer kleinen spanischen Insel, auf der einige Menschen leben, die noch nicht mal deutsch können. Würden Sie da Urlaub machen? Nein? Na, Gott sei Dank!, denkt sich der Spanier.

Übrigens: Sollten Sie in diesem Text Vorurteile finden, dürfen Sie die gerne behalten. Da bin ich großzügiger als beim Trinkgeld!


Du hast die Wahl

August 29, 2016

Am Sonntag, dem 11. 09. 2016, ist es wieder so weit: Jeder Niedersachse im wahlfähigen Alter ist aufgefordert, sein Kreuzchen auf einen Zettel zu machen und diesen dann in einer Urne zu versenken.

Vielen geht es dabei wie den beiden Fischen, die sich irgendwo im Meer treffen. Da fragt der Walfisch den Thunfisch: „Was soll ich tun, Fisch?“ Und der Thunfisch sagt zum Walfisch: „Du hast die Wahl, Fisch!“

Mancher wird sich sagen: „Es ist ja nur eine Kommunalwahl.“ Aber so einfach ist das nicht. Bei einer Landtagswahl kann man als eingefleischter CDU-Wähler auch weiterhin seine Partei wählen. Bei der Bundestagswahl ist es sogar noch einfacher: Egal, wie man sein Kreuz setzt, es wird sowieso die Mutti aus der Uckermark.

Bei unseren Kommunalpolitikern ist das jedoch etwas anderes. Sie unterliegen nicht unbedingt den Zwängen ihrer Partei. Und so wird aus einem CDU-Mann plötzlich ein Linker und aus einem grünen Bürgermeister ein akzeptabler Linksaußen der CDU. Man will ja schließlich nur das beste für seinen Ort.

Und diesmal hat auch die FDP erkannt: „Deutschland wird vor Ort entschieden!“ Als ob die FDP in der Lage wäre, Entscheidungen mitzugestalten. Erinnern Sie sich noch an diesen Splitterverein? Da war mal was, ja. Doch das ist lange her.

Damit wir uns entscheiden können, haben die Parteien, die sich zur Wahl stellen, natürlich weder Kosten noch Mühen gescheut, um uns über ihre Programme und Planungen aufzuklären. In erster Linie erfolgt das über Plakate. Schon Loriot wusste: „Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“

So lächeln uns von diesen Plakaten Menschen an, denen wir das Schicksal unserer schönen Stadt in die Hände legen sollen, aber jederzeit den Zutritt zu unserer Wohnung verwehren würden. Verrückt!

Genauso verrückt wie so mancher Slogan, der uns von den Plakaten entgegenschlägt. So wird zum Beispiel eine Alternativ-Partei in Langenhagen mit „Wir sind gegen die Arroganz des Rates!“ Okay. Das kann ich akzeptieren. So mancher Ratsherr kommt einem tatsächlich etwas überheblich daher. Aber der Spruch geht noch weiter. Man ist nicht nur gegen die Arroganz des Rates sondern auch gegen „die Ignoranz des Bürgerwillens!“

So, so! Die geneigten Damen und Herren dieser Partei halten mich also für ignorant und wollen trotzdem, dass ich sie wähle? Was wollen die gegen meine Ignoranz unternehmen? Mich zu Ratssitzungen zwingen? Unter Polizeibegleitung in den Ratssaal führen? Oder meinen die doch etwas anderes, sind aber des Deutschen nicht so ganz mächtig? Man weiß es nicht. Aber auch diese Partei wird ihre Wähler haben.

So reiht sich derzeit Slogan an Slogan. Der eine oder andere ringt mir dann auch ein Lächeln ab. Neulich wurde es allerdings gefährlich. Man kann ja gar nicht umhin, als ständig auf irgendwelche Plakate zu schauen. Sie ziehen die Blicke magisch an.

Neulich fuhr ich an einem Wahlplakat der Piraten vorbei. Da stand drauf: „Für mehr Fachkompetenz in der Kommunalpolitik!“ Meine Gedanken reisten zurück in jenes Jahr, als die Fraktion der Piraten im Rat der Stadt Berlin allen Ernstes die kleine Anfrage startete, inwieweit die Stadt auf eine Zombie-Apokalypse vorbereitet sei. Da fragte ich mich: „Welche fachliche Kompetenz ist da gemeint? Okay. Politik kann manchmal der reine Horror sein, aber so?“

Am Ende war es nur der Aufmerksamkeit und des wilden Hupens eines anderen Verkehrsteilnehmers zu verdanken, dass ich keinen Unfall gebaut habe. Aber ich war dem Bordstein schon verdammt nahe gekommen. Auf einer stark befahrenen Straße sollte man vielleicht doch das plakatieren verbieten.

Wie dem auch sei, es ist mal wieder spannend in den Städten. Nicht nur plakat-mäßig. Info-Stände schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Wer also immer noch nicht weiß, wen oder was er wählen soll, kann sich da informieren. Vielleicht wird ihm ja geholfen.

Zum Schluss noch ein kleiner Tipp: Auch wenn Ihnen diese Wahl wieder mal auf die Nerven geht, gehen Sie trotzdem hin. Denn nur wer wählt, darf sich auch über die Politiker, die er nicht gewählt hat, beschweren – meinetwegen auch über die, denen er seine Stimme gegeben hat.


Urlaub mit Hindernissen

August 1, 2016

Man stelle sich vor: Endlich hat man das Urlaubs-Domizil gefunden, was einen bis an das Lebensende begleiten wird. Man hat ein Ziel gefunden, dass einem quasi die Heimat ersetzt. So geht es mir mit La Gomera. Eine traumhafte Insel. Manche Menschen fahren dorthin, um ihre innere Reinigung zu erfahren – mit Bongo-Trommeln, Ayurveda und Joga. Manchmal auch zum Wandern und Singen. Ich reise zu dieser Insel, um mich zu entspannen. Innere Reinigung? Mit so ’nem esoterischen Scheiß kann ich nix anfangen.

Und was passiert? Ich fahre nach La Gomera und unterziehe mich einer inneren Reinigung. Anders als erwartet – zugegeben. Aber gebraucht hätte ich es nicht.

Über zwei Stunden hat Dr. Francisco an mir geschnippelt. Nur weil mein Blinddarm sich gedacht hat, er könne sich mal eben verabschieden und das gesamte Bauchfell entzünden. Und weil ich einer der wenigen glücklichen Menschen bin, die nichts merken, habe ich das zunächst für einen quer sitzenden Furz gehalten. So fand er dann eine „grande porceria“ in meinem Bauchraum vor, die er zu beseitigen hatte.

Tja, da lag ich nun. In einem der modernsten Krankenhäuser Europas. Kompetenter Arzt, freundliche Schwestern. Aber mal ehrlich: Ich habe nicht ein Wort verstanden. Die haben alle spanisch gesprochen. Kann man das als deutscher Tourist ahnen? Umgekehrt ging es meiner Frau, die ein wenig Spanisch kann, und von dem freundlichen Mitarbeiter der Notrufzentrale immer wieder darauf hingewiesen wurde: „Sie können auch deutsch mit mir sprechen!“ Kann man ja auch nicht ahnen.

Okay. Verstanden habe ich die Mitarbeiter im Krankenhaus schon irgendwie. Was nicht sprachlich funktionierte, hat man halt mit Händen und Füßen geregelt. Aber was ich da alles unterschrieben habe? Einverständniserklärungen, Formulare, die mich auf die Gefahren von irgendwelchen Allergien hingewiesen haben und eventuell auch noch das Formular für den Verkauf einer Niere? Vielleicht sollte ich hier zu Hause mal zu einem Internisten gehen. Möglicherweise fehlen mir auch noch fünf Meter Darm? Der Typ, der jeden Tag auf der Terrasse des Nebenzimmers telefoniert hat, kam mir schon ein bisschen suspekt vor.

Apropos Zimmer: Das war mit Meerblick! Was ich allerdings erst nach zwei Tagen bemerkt habe, als ich mich endlich vom Bett trennen konnte. Mit dem Tropf-Ständer in der Hand auf die Terrasse und den Ausblick auf einen kleinen Hafenausschnitt genießen, war so ziemlich der Höhepunkt meines „Urlaubs“. Eigentlich sollte das mein dritter Hochzeitstag sein, doch der ging mit einer Rose im Wasserglas so ziemlich klanglos vorüber.

Aber ich will mich ja nicht beschweren. Es waren alle immer sehr nett zu mir, auch der Krankenhaus-Pfarrer, der eines Abends bei mir im Zimmer stand. Verdammt! Letzte Ölung? Nein, er wollte einfach nur freundlich sein, hat mich aber schon erschreckt.

Der Tropf war auch so eine Sache. Die Flüssigkeit, die einem da zugeführt wird, muss ja auch wieder raus aus dem Körper. Das wurde überprüft. Solange ich ans Bett gefesselt war, kein Problem. Da musste ich in so eine Ente pieseln, die dann in einen Messbehälter ausgeschüttet wurde. Als ich wieder aufstehen durfte, war das vorbei. Endlich wieder normal auf Toilette gehen! Die Quittung bekam ich dann am Abend, als drei Schwestern in meinem Zimmer erschienen, den Messbehälter prüften und lautstark schrien: „Pipi?“ Jetzt versuch mal diesen Damen zu erklären, dass du auf Toilette gegangen bist. Ich hab’s versucht und jeden Abend ein riesen Gezeter geerntet. Erst am letzten Tag, als ich sagen konnte: „Tomorrow I go home!“ Da war Ruhe.

Aber kann man dann den Rest-Urlaub genießen? Natürlich fühlt man sich erst mal so richtig Kacke. Mit zwölf Tacker-Nadeln auf dem Bauch kannst du auch nicht baden gehen. Also war Schattenparken angesagt.

Dazu hatte ich jeden Tag im Centro de Salud zur Wundversorgung aufzuschlagen, was der Dame von der Autovermietung schon ein Grinsen ins Gesicht zauberte, als wir zum dritten Mal den Vertrag für den Wagen verlängerten.

Aber auch einer der Ärzte, die die Wundversorgung übernahmen, bewies seinen Sinn für Komik, als er mich fragte: „Vacaciones?“

Als ich das bejahte, grinste er und sagte: „Muy bien! Enjoy!“


Eine Stadt im Taumel

Juni 20, 2016

Es war einmal ein nubischer Prinz, der nicht müde wurde, die Errungenschaften seines zivilisierten Reiches in alle Welt zu tragen, auf dass es den Menschen besser ergehe. Und so bestieg er eines schönen Tages seinen fliegenden Teppich um einer fernen Provinz und seiner holden Herrscherin seine Aufwartung zu machen.

Die Prinzessin aus der Provinz, nicht weniger müde anderen zu gefallen, versammelte ihrerseits sämtliche Gelehrten ihres Landes und anderer Reiche um sich, um den Nubier gebührend zu empfangen und mit allerlei Ausgeklügeltem zu beeindrucken.

Als der Prinz dann seinen Teppich in der fernen Provinz zu Boden gleiten ließ, jubelte das Volk ihm zu und alle waren glücklich.“

So oder ähnlich müsste es klingen, hätte Wilhelm Hauff die Ereignisse beschrieben, die sich kürzlich in unserer beschaulichen Landeshauptstadt Hannover abgespielt haben. Barack Obama, die am besten geschützte Person der Welt, gab sich ein Stelldichein, um mit Mutti die Industrie-Messe zu eröffnen.

Na ja, holde Prinzessin ist in diesem Rahmen vielleicht übertrieben, aber den nubischen Prinzen kann man Barack durchaus abkaufen.

Und die Stadt war im Taumel, die einen bekamen sich vor Begeisterung nicht mehr ein, andere waren der Ohnmacht nahe. Wie sollte man das nur bewerkstelligen? Schon Monate vorher traten die ersten Planungsstäbe zusammen. Hinter verschlossenen Türen machte man sich Gedanken, wie diesem Ereignis zu begegnen sei. Pläne wurden geschmiedet, wieder verworfen, neu entwickelt, um am Ende vom Secret Service abgelehnt zu werden.

So auch bei der Polizei. Unter den gestrengen Augen des Polizeivizepräsidenten von Hannover, trat der Stab zusammen und begann Einsatzszenarien zu entwerfen, Sperrzonen einzurichten und mehr oder weniger hilfreiche Informationsschreiben für die Bevölkerung zu entwickeln. Das Ganze natürlich so geheim, dass selbst ich, der seinen Dienst im Nebenraum des Stabes versieht, bis zum Tag X nicht mitbekam, was da geplant wurde, obwohl es auch meine Arbeit unmittelbar berührte.

Selbst die BILD-Zeitung benötigte doch mehr als acht Stunden, um in Erfahrung zu bringen, in welchem Hotel El Presidente nun zu nächtigen gedachte.

Apropos Zeitung. Natürlich waren auch die Medien voll von diesem Ereignis. Wochenlang schien es kein anderes Thema in Schrift, Ton und Film zu geben.

Am Ende die Ernüchterung. Zwar gelang es noch vielen Plane-Spottern das heißbegehrte Foto vom Einflug der Airforce One zu ergattern, doch das war’s dann auch. Die heroische Maschine auf einem Provinzflughafen neben einer Baugrube abgeparkt, das Wetter scheiße und das Empfangskomitee angeführt von unserem Ministerpräsidenten in einem schlecht sitzenden alten Mantel. Hat Barack das wirklich verdient? Immerhin gelang ihm beim Aussteigen noch ein Lächeln.

Der Rest war wie immer: Reden, Essen, Fahren, Reden, Essen, Schlafen, wieder Fahren, Reden, Essen und Abflug. So langsam ging es dem Bürger auch auf die Nerven. Man beschwerte sich, dass man nicht weiterkam, weil Strecken oder ganze Areale abgesperrt waren. Aber die Krönung dessen war folgendes Telefonat:

Polizei, Notruf!“

Ja, Meier, guten Tag. Sagen Sie mal, warum fliegen denn hier seit einer halben Stunde Hubschrauber über meinem Garten in Alt-Garbsen. Das nervt so langsam.“

Schauen Sie Nachrichten, Herr Meier?“, fragte ich.

Nein! Warum?“

Barack Obama ist in der Stadt!“

Schweigen

Wer?????“

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama eröffnet heute die Industrie-Messe Hannover. Und er hält sich gerade in Ihrer Nähe auf. Deswegen die Hubschrauber.“

Aber da hätte man mich ja mal informieren können.“

Herr Meier, seit Wochen berichten die Medien über nichts anderes. Wenn Sie das nicht mitbekommen, kann ich Ihnen leider auch nicht helfen.“

Was hatte er sich vorgestellt? Dass 1000 Polizisten Tage vorher durch die Stadt stromern und bei jedem Klingeln, um ihn zu informieren.

Okay, vielleicht beim nächsten Mal. Dann ist es ja auch nicht mehr Obama sondern eventuell Trump. Da könnte es sogar sinnvoll sein, jeden zu warnen.


Kino-Abend

Mai 16, 2016

Neulich überlegten meine Frau und ich, wie wir unseren freien Samstag gestalten wollten. Das Wetter war nicht so toll, um auf’s Motorrad zu steigen, aber in der Wohnung zu hocken, hatten wir auch keine Lust.

Wir könnten ja ins Kino gehen“, schlug meine Liebste vor.

Gute Idee. Ich gehe gern ins Kino. So mancher Film kommt doch erst auf der großen Leinwand zur Geltung. Dazu haben wir in Hannover ein richtig tolles Kino mit Bedienung am Platz. Das macht Spaß!

Welchen Film wollen wir denn schauen?“, fragte ich.

Weiß nicht“, antwortete sie. „Was läuft denn?“

Wie gut, dass es Internet gibt. Bei Google kennen sie sogar das Kinoprogramm einer so unbedeutenden Provinzhauptstadt wie Hannover.

Batman vs. Superman läuft“, sagte ich.

Hör mir auf mit diesem Marvel-Sch…“, schimpfte meine Frau.

Marvel? Batman ist doch nicht Marvel. Batman ist DC. Ganz andere Baustelle.Außerdem mochtest du die letzten Batman-Filme.“

Ich will aber keine Superhelden gucken!“, schmollte meine Frau. „Und schon gar nicht Marvel!“

Das ist nicht …“ Ruhig bleiben, Michael, dachte ich. Nicht aufregen.

Dschungelbuch läuft auch“, sagte ich. „Ist eine Neuverfilmung von Disney.“

Der ist bestimmt ganz witzig“, entgegnete sie.

Ich hab schon ein bisschen darüber gelesen. Soll teilweise ganz schön gruselig sein.“

Zeichentrick von Disney – gruselig?“

Ist ja kein Zeichentrick. Sind animierte Echtaufnahmen.“

Ach, diese Animationsfilme mag ich auch nicht.“

Okay. Keine Helden, keine Animation. Also kann ich Zoomania auch gleich streichen.

Ich erinnerte mich gerade an meinen letzten Versuch, mit meiner Liebsten ins Kino zu gehen. Der letzte Film von Quentin Tarantino. Den Regisseur findet sie auch nicht schlecht. Dummerweise hat er einen Western gedreht. Ohne Christoph Waltz.

Den möchte ich unbedingt im Kino sehen!“, hab ich damals gesagt. „Kommst du mit?“

Ja, können wir uns anschauen“, war die wenig begeisterte Antwort.

Hey!“, sagte ich. „Django fandest du doch toll.“

Da hat ja auch der Waltz mitgespielt. Den mag ich sowieso.“

Lange Rede – kurzer Sinn! Nach mehreren Anläufen hab ich’s dann aufgegeben. Habe mir jetzt die DVD bestellt und hoffe auf einen Abend, an dem sie Dienst hat, damit ich den Film in Ruhe schauen kann.

Also rätselte ich weiter über dem aktuellen Programm, was man denn am Samstag anschauen könnte.

Wir müssen das ja nicht heute entscheiden“, sagte meine Frau schließlich. „Sind ja noch ein paar Tage hin.“

So blieb mir noch ein bisschen Zeit, das Kino-Programm zu studieren – und zwar von allen Kinos in der Gegend. Man muss ja flexibel sein.

Superhelden und Animation schieden von vornherein aus. Liebesfilm? Nicht meins! Komödie? Ist das Leben nicht eine einzige Komödie? Dafür muss ich nicht ins Kino. Action? Muss ich meiner Liebsten nicht mit kommen. Drama? Bitte nicht. Ich möchte unterhalten werden. und nicht bis zur Mitte des Films darüber nachdenken, warum der Protagonist in den ersten Minuten gestorben ist.

Es war nicht leicht, etwas für uns beide zu finden.

Wir müssen auch nicht ins Kino gehen“, sagte meine Frau dann am Freitag. „Wir waren ja gerade erst.“

Hallo? Das war letztes Jahr vor Weihnachten!“

Sag ich doch! Ist noch gar nicht so lange her.“

Aber du wolltest doch ins Kino!“

Ja, wollte ich“, sagte sie schnippisch. „Wir müssen aber nicht.“

Und so sah unser Samstagabend am Ende aus: Puschen-Kino mit Pizza-Bringdienst, Bier aus dem Kühlschrank, Shopping-Queen und DSDS. Schön war’s. Machen wir wieder!