Ein Blick zurück – und voraus

Januar 6, 2020

Schon wieder neigt sich ein Jahr zum Ende. Mir kommt es vor, als sei es gestern gewesen, als Erzengel Claudia mit der Lyra mir ein Liedchen geträllert hat. Aber es liegt schon elfeinhalb Monate zurück. Wie schnell die Zeit vergeht.

Damals wurde mir schnell bewusst, dass Claudia nur eine Vision war. Und heute überlege ich, ob das gesamte Jahr ein Jahr voller Visionen war oder ob das wirklich alles passiert ist?

Geprägt war das Jahr von großer Hysterie rund um das Klima. Es wandelt sich. Und die Experten sind sich einig: Der Mensch ist schuld. Deshalb hält man uns das ganze Jahr vor, dass wir unseren ökologischen Fußabdruck verringern müssen. „Mach das Licht hinter dir aus!“ „Verbanne die Plastiktüte!“ „Fahre elektrisch!“ „Hör auf zu atmen!“

Okay, die letzte Forderung ist natürlich übertrieben, aber atmen produziert CO2. Das können wir nicht verleugnen. Somit sind Haustier-Besitzer per se Klimakiller. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, gipfelte es in der Forderung, wir sollten – für das Klima – auf das Kinderkriegen verzichten. Kinder haben in etwa die Öko-Bilanz eines SUV!

Dabei sind Kinder unsere Zukunft, oder? Fridays for future: Kinder schwänzen freitags die Schule für eine sauberere Zukunft. Sie fordern uns auf, es besser zu machen, denn sie werden es nicht können. Das dazu nötige Schulwissen war immer freitags dran.

Greta, die Initiatorin der Bewegung ist um die halbe Welt gesegelt, um uns zu fragen: „How dare you?“ Wie konnten wir es wagen? Wie konnten wir nur eine Welt erschaffen, in der ihr genau das möglich ist? Zu Zeiten Magellans oder Kolumbus‘ hätte sie als Mädchen nicht mal die Chance gehabt, Schiffsjunge zu werden. Wäre heute kein Problem, aber anderes Thema!

Während ich diese Zeilen schreibe (am 3. Advent) ist sie auf dem Weg nach Hause – mit der Deutschen Bahn. Heilig Abend wird sie vermutlich in der Bahnhofsmission Bielefeld feiern.

Aber genug davon. Es gab noch andere tolle Dinge in diesem Jahr.

70 Jahre Grundgesetz haben wir gefeiert – und endlich den Endsieg über Europa. In einer beispiellosen Schangel-Aktion gelang es Mutti aus der Uckermark, Flinten-Uschi zu Miss Europa mutieren zu lassen: Präsidentin der EU-Kommission! Im Nachklapp ernennt sie Landtagsputze Gretel zur Verteidigungsministerin.

Während Mutti weiter in politischer Agonie zittert, Uschi ihre neue Kommission für verdiente Freunde aufpustet und Gretel recht zweifelhafte Ansichten über Demokratie und Meinungsfreiheit absondert, versenkt unser be-Scheuer-ter Verkehrsminister 700 Millionen Euro Steuergelder in ein Maut-System, dass von vorn herein zum Scheitern verurteilt war.

Das alles ficht uns jedoch nicht an. Wir machen uns lieber Gedanken über die Zukunft Englands und ob Donald Trump tatsächlich das Zeug für einen Politiker hat. Wenn ich das nicht jeden Tag lesen würde, auch nachdem ich mir gerade den kleinen Zeh am Türrahmen gebrochen habe, ich hielte es wieder für Visionen.

Das Jahr 2019 war irgendwie komisch beziehungsweise schräg. Wie wird da erst 2020 werden? Besser! Schlimmer kann es ja eigentlich nicht kommen, oder?

Es wird Wachstum geben – bei den Sondermüll-Deponien. Kassenbons aus dem Thermodrucker sind kein Altpapier. Ein Umstand, den man der Groko vielleicht hätte erklären sollen, bevor sie diese dämliche Pflicht einführten. Aber dafür gibt es weniger Plastikmüll, weil Tüten, Strohhalme und andere Kleinteile inzwischen verboten sind. Für alles gibt es also einen Ausgleich.

Großbritannien wird endlich die EU verlassen können. Dafür spaltet sich Schottland von Großbritannien ab und tritt der EU bei. Erstmal als Netto-Empfänger, bis sich herumgesprochen hat, dass man mit schottischem Whisky alles besser ertragen kann und der Laden endlich brummt.

Die Mindestrente ist beschlossen und wird dann hoffentlich 2020 auch eingeführt – für alle, auch für die, die eigentlich mehr kriegen sollten.

Trotzdem blicke ich positiv in die Zukunft. Ich habe zwei Urlaubsreisen für 2020 geplant. Und solange ich nicht pro Flug 20 ha Wald anpflanzen muss, wird es schon nicht so schlimm werden. Außerdem kenne ich viele nette Menschen, mit denen ich gerne zusammen bin. Sie hoffentlich auch? Vielleicht höre ich auf, Nachrichten zu schauen und Zeitungen zu lesen. Ich kenne Menschen, die dadurch viel gelassener sind.

Nur eines bereitet mir Kopfschmerzen: Ich habe letztens geträumt, dass Modern Talking sich wieder zusammenfindet und mit Helene Fischer eine neue Version von „Last Christmas“ einstimmt. Ab November überall im Radio. So schlimm wird es hoffentlich nicht kommen!


Warum es in Europa bald keine Weihnachten mehr geben wird

Dezember 4, 2019

Irgendwo in einer Amtsstube in Brüssel.

Erzählen Sie mal, Herr Claus. Wieso wollen Sie jetzt plötzlich eine Überfluggenehmigung für das europäische Festland?“

Das ist nur eine reine Vorsichtsmaßnahme. Seitdem im letzten Jahr diese wirre Blondschopf in den USA dachte, ich sei ein russisches Spionageflugzeug und Raketen auf mich abfeuern ließ, möchte auf Nummer sicher gehen, dass mir das hier nicht passiert.“

Aber warum wollen Sie überhaupt Europa überfliegen?“

Na, um die Kinder zu beschenken!“

Wie viele Kinder haben Sie denn?“

Ich? Hohoho!“, lachte Santa Claus. „Ich habe keine Kinder. Ich beschenke alle Kinder!“

Und das in einer Nacht? So schnell ist doch kein Flugzeug der Welt!“

Aber mein Rentier-Schlitten! Und ein bisschen Magie ist auch dabei. Es ist schließlich Weihnachten.“

Das heißt, Ihre Rentiere müssen die ganze Nacht ihren Schlitten ziehen? Schon mal was von Tierschutz gehört?“

Aber die machen das doch gerne!“

Das sagen Sie. Mit den europäischen Tierschutzgesetzen ist das auf jeden Fall nicht vereinbar.“

Wie soll ich denn sonst die Geschenke zu den Kindern bringen? Ich habe nur diesen Schlitten.“

Das ist natürlich ein Problem. Apropos Geschenke: Sie übergeben die persönlich?“

Natürlich nicht. Das würde doch viel zu lange dauern. Nein, ich schleiche mich in die Häuser und …“

Moment! Sie schleichen in die Häuser?“

So sagte ich das, ja!“

Das ist Hausfriedensbruch!“

Aber irgendwie muss ich doch die Geschenke unter den Tannenbaum legen können“, erwiderte Santa.

Unter welche Tannenbäume?“

Die, die die Hausbewohner zu Weihnachten im Wohnzimmer aufstellen!“

Gefällte Bäume im Wohnzimmer aufstellen! Und das in Zeiten des absoluten Klimaschutzes? Geht gar nicht! Und solche Umweltsünder beschenken Sie auch noch?“

Die Bäume werden doch extra für dieses Fest angepflanzt“, entgegnete Santa.

Was noch viel schlimmer ist. Wissen Sie denn nicht, dass in diesen Plantagen die Böden versauern? Da wächst nichts anderes mehr.“

Einige steigen ja schon um auf künstliche Bäume, aus Plastik“, sagte Santa kleinlaut.

Aus Plastik? Sind die wahnsinnig? Da müssen wir uns über die Vermüllung unserer Meere nicht mehr wundern!“

Die werden doch wieder verwendet.“

Ja, natürlich. Sie glauben auch an den Weihnachtsmann, oder?“

Äh, ich bin der Weihnachtsmann!“

Ja, ne! Is‘ klar!“

Aber denken Sie doch an die Kinder …“, begehrte Santa Claus auf.

Ich fasse nochmal zusammen: Sie sind ein Tierquäler und Hausfriedensbrecher, der die Kinder von Umweltsündern beschenken möchte, richtig?“

Äh …“

Das haben wir gerade gemeinsam festgestellt, oder?“

Na ja, ich meine …“

Ich sag Ihnen was: Kaufen Sie sich ein Elektroauto und klingeln Sie in Zukunft an den Haustüren, wie jeder andere Paketzusteller auch. Und wenn keiner aufmacht, geben Sie die Geschenke beim Nachbarn ab. Dann brauchen Sie auch keine Überfluggenehmigung, sondern nur eine Arbeitserlaubnis. Und dafür bin ich nicht zuständig. Guten Tag!“

Und so wird es kommen, dass das Weihnachtsfest der europäischen Bürokratie zum Opfer fällt – falls man es nicht vorher abgeschafft hat, weil …


Ein Zeichen setzen!

November 4, 2019

Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in einem Irrenhaus. Bewohnt von hysterischen Menschen, die reflexartig zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit Floskeln wiederholen. Und die, die das abstellen könnten, also quasi die behandelnden Ärzte, haben offenbar vergessen, selbst ihre Medikamente zu nehmen.

Der Donald ist gerade dabei, seine GIs aus Syrien abzuziehen. Das nimmt der Irre vom Bosporus nun zum Anlass, den Genozid an den Kurden zu vollziehen. Und was passiert hier? Ein Aufschrei! „Wir müssen ein Zeichen setzen gegen den Krieg!“

Unsere Führung beschließt, künftig keine Waffenexporte in die Türkei mehr zu genehmigen. Die bereits genehmigten werden natürlich geliefert. Hä? Was ist das denn für eine Moral?

Leute, so ein Geschäft kann man auch stornieren!

Aber die Waffen sind zum Teil ja schon gebaut, der Rest in Auftrag gegeben.“

Dann gebt sie der Bundeswehr! Ich hab gelesen, die hätten Probleme mit ihrer Ausrüstung.

Vor einigen Tage lief ein irrer Psychopath durch Halle und wollte mit selbstgebauten Waffen eine Synagoge überfallen. Das hat er zum Glück nicht geschafft, aber zwei Menschen sind ihm dennoch zum Opfer gefallen.

Und wieder geht ein Aufschrei durch das Land: „Wir müssen ein Zeichen setzen gegen Rechts!“

Ich weiß nicht, ob das nur mir so geht, aber ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass wir diese Zeichen andauernd setzen? Nach dem Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübke, nach den NSU-Morden, nach den Wahlsiegen der AfD im Osten und, und, und …

Irgendwie erscheint mir „Zeichen setzen!“ nicht das richtige Instrument zu sein.

Vor einigen Wochen forderte ein knödelnder Sänger, der schon lange in London lebt, man müsse der Gesellschaft ihre Meinung „diktieren!“ Und die Presse jubelt. Liebe Presse, diktieren und Diktatur haben nicht nur zufällig den gleichen Wortstamm! Schon mal darüber nachgedacht? Für mich ist das übrigens auch ein Zeichen. Leider kein gutes!

Aber ich will nicht unfair sein. Natürlich wird auch etwas getan. Die Bundesregierung will jetzt beschließen, dass der Datenschutz aufgeweicht wird, dass die Netzüberwachung auch auf Gaming-Portale ausgeweitet wird. Und Beleidigung im Internet soll härter bestraft werden.

Fehlt da nicht noch was? Richtig. Diesmal musste ich jedoch vier Tage warten, bis Frau Krampf-Knarrenbauer es endlich ausgesprochen hatte: „Wir müssen das Waffenrecht verschärfen!“

Das ist genau mein Humor! In Deutschland sterben zwei Menschen durch eine illegal beschaffte Waffe, die durch eine Verschärfung des Waffenrechts immer noch illegal ist, und in Syrien sterben Tausende Kurden durch legal verkaufte deutsche Waffen.

Stellen Sie sich mal vor, ein Satiriker käme auf eine solche Idee. Dem würde doch das Publikum weglaufen.

Auch zu anderen Themen werden bei uns Zeichen gesetzt, für die Umwelt beispielsweise oder das Klima.

Nach Greta und „Fridays for future“ macht nun eine neue Gruppierung auf sich aufmerksam: Extinction Rebellion! In einer weltweiten Aktion wurden in vielen großen Städten Hauptverkehrsknoten oder -adern besetzt und über Stunden blockiert. Dabei gab man sich fröhlich und ausgelassen. Es wurde gesungen, geklatscht, stellte allerlei Kleinkunst zur Schau oder drehte sich einfach wie ein bekifftes Känguruh in einem Steinkreis.

Was für ein Zeichen! Allein auf dem Berliner Alexanderplatz war es 11,5 Kubikmeter groß! Soviel Sperrmüll hatten die Jungs und Mädels den Berliner Stadtwerken bereits am ersten Tag ihrer Aktion hinterlassen. Alles für das Klima!

So etwas verwirrt mich. Ich bin angehalten, meinen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten, soll weniger oder besser noch gar kein Fleisch essen. Ich soll mein Plastik nicht ins Meer schmeißen, obwohl ich gar nicht am Meer wohne, und CO2 einsparen durch weniger Autofahren.

Angesichts dieser Berliner Aktion bin ich überfordert. Was ist richtig? Was ist falsch?

Doch Hilfe naht durch unsere Bundesregierung und ihr Klimapaket. Mutti hat es wie immer gerichtet: Das Paket spart zwar nicht eine einzige Tonne CO2 ein, aber es generiert Geld. Geld, das man dann in wichtige Projekte stecken will. Ich hätte da sogar zwei Ideen: Polizei und Justiz. Mehr Personal und bessere Sachausstattung. Dann müsste man nicht immer nur ein Zeichen gegen Rechts setzen – man könnte auch etwas tun.


Vollmond

September 30, 2019

Es ist Samstag, Mitte September. Noch einmal eine laue Sommernacht, die dazu einlädt, den Abend im freien zu verbringen, mit Freunden zu grillen oder in einem Biergarten zu sitzen. Und es ist Vollmond. Ich habe Nachtdienst in der Notruf-Annahme.

Erfahrungsgemäß ist eine solche Nacht mit allerlei Kuriositäten gespickt. Mal wird man gebeten, die akustische Raumüberwachung aus Bielefeld herunter zu drehen, damit die Kopfschmerzen weggehen, oder ein alter Mann brüllt einem ins Ohr, dass er Anzeige gegen die deutsche Ärzteschaft und die Bundesrepublik Deutschland wegen Freiheitsberaubung erstattet, weil man ihn nicht aus Psychiatrie entlässt.

Dabei beginnt dieser Dienst recht harmlos. Gegen 20 Uhr meldet sich eine Dame, die berichtet, dass sie möglicherweise gerade den Absturz einen Passagierflugzeuges beobachtet habe. „Das ist so steil runter gekommen! Das kann nur abgestürzt sein!“, behauptet sie mit fester Stimme. Ein Anruf beim Flughafen gibt Entwarnung: Es ist nichts passiert.

Nur eine halbe Stunde später meldet sich eine Dame bei mir, die in der südlichen Region Hannover drei abstürzende Asteroiden beobachtet hat. Mein Zögern veranlasst sie sofort zu der schnippischen Bemerkung: „Sie glauben mir wohl nicht!“

Eilig versichere ich ihr, dass ihre Beobachtung durchaus möglich sei.

Und heute morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass eine solche Beobachtung meldepflichtig ist!“, konterte sie.

Wenn das jetzt meldepflichtig ist, denke ich, warum wurde das nicht gebrieft? Was hat die Polizei damit zu tun? Und wo ist eigentlich mein Aluhut?

Okay!“, sage ich. „Ich gebe das sofort an die zuständigen Behörden weiter!“

Nur wer ist zuständig? BKA? BND? Deutsche Flugsicherung oder gar Angela Merkel? Donald Trump? Mir sagt ja in diesem Laden keine Sau was!

Kurz darauf belästigen zwei angetrunkene Spacken ein junges Mädchen in der Fußgängerzone. Natürlich will sie nicht gehen, sie hat schließlich ein Recht darauf, sich in der Fußgängerzone aufzuhalten und es ist meine Aufgabe, ihr das zu ermöglichen. Ja, ne! Is‘ klar!

So muss der Mythos vom Werwolf entstanden sein, schießt es mir durch den Kopf: Ein unrasierter Zottel im Zustand „Verlust der Muttersprache“ steigt im fahlen Schein des Vollmonds einer jungen Blondine nach. Aus ihrer hysterischen Erzählung zu Hause klöppelt ein findiger Verwandter einen erfolgreichen Horrorroman.

Der nächste Anrufer meldet mir eine Verkehrsunfallflucht. Jemand habe ihm den Spiegel abgefahren. Das Kennzeichen des anderen habe er sich natürlich gemerkt. Sein Fahrzeug habe er an der Oper geparkt und es wäre nett, wenn die Kollegen mal vorbeischauen könnten.

Okay!“, sage ich. „Ich schicke Ihnen ein Fahrzeug und Sie machen bitte auf sich aufmerksam, wenn Sie den Streifenwagen sehen.“

Wie? Auf mich aufmerksam machen?“, fragte der Anrufer. „Ich bin doch gar nicht an meinem Auto. Ich muss doch jetzt Party machen!“

Dass für eine Anzeigenerstattung seine persönliche Anwesenheit erforderlich ist, wollte er nicht verstehen. Wir könnten doch einfach mal schauen und er käme morgen vorbei, um da irgend so einen Zettel zu unterschreiben.

Da noch mehrere Anrufer in der Leitung warteten, bat ich ihn, morgen eine Wache mit seinem Fahrzeug aufzusuchen. Dann werde man seine Anzeige aufnehmen und unterbrach das Gespräch.

Und dann beschwerte sich einer über eine laute Party am Ententeich. Da Ententeich keine offizielle Bezeichnung für ein Gewässer in seinem Ort ist und es auch mehrere Teiche zur Verfügung standen, fragte ich ihn nach seiner Adresse, um den Ort des Geschehens einzugrenzen.

Die Straße, die er mir nannte, fand mein Rechner nicht, was ich ihm auch sagte.

Eyh, ich wohn‘ hier schon seit ich klein bin!“, antwortete er.

Die folgende Diskussion beendete ich schließlich mit der Aufforderung, mir die Meldeadresse auf seinem Personalausweis vorzulesen, was er auch tat und kommentiert: „Komisch ich dachte immer, die Straße heißt anders.“

Ob er jemals Ware aus einem Versandhaus erhalten hat? Ich weiß es nicht.

So geht es die Nacht weiter. Nach 12 Stunden kognitiver Ausfälle wird mir eines klar: Die Menschheit wird definitiv untergehen!

Plötzlich fange ich an, darüber nachzudenken, ob es überhaupt noch Sinn hat, seinen Müll zu trennen?


Im Lande der Schnappatmer

September 2, 2019

Können Sie sich noch an Ihre letzte unbeschwerte Unterhaltung erinnern? Also nicht nur Small-Talk sondern richtig – so mit Meinungsaustausch! Einfach mal hart an der Sache! Am Ende mit den typischen Beleidigungen: „Penner! Nichtsnutz! Dummkopf!“ Aber dann gab es noch ein Bier für beide, und die Welt war schön.

Heute? Heute darf man eine Meinung haben, man muss nicht, aber man darf. Und oftmals sollte man keine haben, jedenfalls keine abweichende.

Wer heute eine abweichende Meinung äußert, ist mindestens Nazi, wenn nicht sogar konservativer FDP-Wähler, quasi so eine Art Donald Erdogan Wladimir Un I. von Gottes Gnaden, Premierminister von England. Oder einfach nur Anhänger von Christian L., was schlimm genug sein soll.

Neulich klagte jemand sein Leid in einer Facebook-Gruppe, dass schändliche Individuen seine Tasche mit Leergut von seinem Fahrrad geklaut hätten. Dabei war er nur kurz ins Haus gegangen, um seinen Enkel zu holen. Von dem Erlös des Leerguts wollte er sich eigentlich Lebensmittel holen.

Nun mag man über diesen Vorfall denken, was man möchte. Mieses Pack! Oder: Gelegenheit schafft halt Diebe! Das darf man alles denken – aber bitte nicht äußern.

Da schrieb jemand dazu: „Unser Land und die Menschen verändern sich. Raub und Gewalt nehmen zu!“

Es war kein Raub, es war bloß ein Diebstahl.

Aber es dauerte nur wenige Minuten bis eine Dame reagierte:

Schnapp-schnapp!

Willst du etwa behaupten, die Ausländer seien Schuld?“

Und das meine ich. Man muss gewisse Worte heute nicht mehr aussprechen. In diesem Fall reichte ein Allgemein-Platz, um den Schreiber gleich in die „richtige!“ Ecke zu drängen. In der folgenden Diskussion fehlte eigentlich nur noch der grün-gewandete Kapuzen-Verein, der sich aufmacht, um das Haus dieses schändlichen Außenseiters abzufackeln. Als Exempel! Schließlich sind wir alle Demokraten – also sei gefälligst unserer Meinung!

Bei einer anderen Gelegenheit, fragte eine Lokalität in Hannover auf ihrer Social-Media-Präsenz, was man denn von den neuen E-Rollern hält, die jetzt vermehrt in den Städten zum Leihen aufgestellt werden?

Ich hab noch überlegt! Reagierst du jetzt da drauf? Mach es nicht!, hat mein Verstand geschrien! Zu spät. Die ersten Sätze waren schon geschrieben. Und ich erinnerte an die gute alte Zeit, als der Mensch noch einen Fuß vor den anderen gesetzt hat, um gehenderweise ans Ziel zu kommen. Heute muss es E(lektro) sein, damit man sein ökologisches Gewissen beruhigen kann. Und Abends fährt man mit dem SUV ins Fitness-Studio, um auf einem elektrischen Laufband zu gehen!

Schnapp-schnapp!

Einen so dummen Früher-war-alles-besser-Kommentar habe er noch nicht gelesen, schrieb jemand in den Antworten. Ich sei halt zu alt und habe die Entwicklung verschlafen.

Zugegeben. Bei „Fridays for Future“ gehe ich nicht mit. Ist nicht meine Altersgruppe. Es wäre auch purer Stress für mich, alle zwei Minuten einem Teilnehmer zu sagen: „Wenn du schon für die Klimarettung bist, dann bring deinen Sch…-Pappbecher auch zum nächsten Mülleimer!“

Aber so bin ich halt zu alt, darf nicht mehr mitreden. Wahrscheinlich rettet mich das sogar, denn wenn ich mitreden wollte, wären irgendwann Greenpeace-Aktivisten auf meinem Dach, um das Transparent „Öko-Sau!“ über meinem Balkon auszurollen, weil ich rauche, nicht konsequent darauf achte, dass Papier in der Mülltonne nichts zu suchen hat und Plastikbehälter nicht mit Spülmittel und Heißwasser auf das Recycling vorbereite.

Schnapp-schnapp!

Schnapp-schnapp!

Oder weil ich einfach nur eine eigene Meinung habe – mich vielseitig informiere und noch nicht vergessen habe, was meine Naturwissenschaftslehrer mir beigebracht haben. Physik, Chemie, Biologie = Zusammenhänge!

Schnapp-schnapp!

Der will uns was von Tatsachen erzählen!“ – „Er hat Jehowa gesagt!“ – „Spalter!“

Also hören wir lieber den Grünen zu, die der Meinung sind, dass „Kobold“ ein wichtiger Bestandteil von Batterien und das Stromnetz ein Speicher ist.

Aber Vorsicht: 21 ist nur die halbe Wahrheit!

Schnapp-schnapp!

Übrigens: Schnapp-Atmung war früher ein rein pulmologisches Problem – heute mehr ein psychologisches.


Lebenselixier

August 5, 2019

Jeder hat diese eine Person im Bekanntenkreis, die da sagt: „Oh! Für einen richtig guten Tee, könnte ich sterben.“

Abgesehen davon, dass dieser Satz völlig sinnbefreit ist, frage ich mich jedesmal: Was stimmt mit diesen Menschen nicht? Um etwas Gutes zu bekommen, gleich sterben, heißt doch nichts anderes, als es nicht genießen zu können. Und dann auch noch für Tee?

Für einen guten Kaffee könnte ich töten!“ Ja! So hat der Satz einen Sinn! Und morgens muss der Kaffee noch nicht mal gut sein – Hauptsache, es ist Kaffee!

Vor einiger Zeit hatte ich mich dazu überreden lassen, einen sogenannten „nachgezogenen Frühdienst“ zu machen – ein Frühdienst, bei dem man drei Stunden später anfängt und vier Stunden später aufhört. Bekloppt – ich weiß! Aber was tut man nicht alles, um seine Vorgesetzten zufrieden zu stellen.

Ich stehe also kurz vor Dienstbeginn in der Küche und werfe die Senseo an, da kommt ein Kollege rein, guckt mich an und sagt: „Gute Idee! Ich glaube, ich mach mir auch mal ’nen schönen Kaffee.“

Wir unterhalten uns weiter und beiläufig erwähnt der Kollege, dass das sein erster Kaffee heute sei. Da wäre mir meiner fast aus der Hand gefallen. Der hat schon drei Stunden Dienst hinter sich gebracht, ohne einen einzigen Kaffee zu trinken? Wie ist der überhaupt hierher gekommen? Ich hab schon zwei Kaffee getrunken, bevor ich losgefahren bin. Ohne morgendlichen Kaffee würde ich noch nicht mal meine Wohnungstür finden – von innen!

Bei den jetzigen sommerlichen Temperaturen fragte mich neulich ein Kollege: „Wie kannst du dir bei diesem Wetter nur so’n heißes Zeug in den Balg schütten?“ Dieser Kollege hat Kaffee definitiv nicht verstanden!

Außerdem schütte ich nicht – ich genieße!

Leider gibt es auch Kritiker dieses wunderbaren Lebenselixiers. Die hauen solche Sätze raus wie: „Zuviel Kaffee ist ungesund!“ Aber das wusste schon Paracelsus: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“

Da war ich sehr froh, dass vor kurzem eine neue Studie über Kaffee veröffentlicht wurde, die in ihrem Kern folgende Aussage trifft: Bis zu 25 Tassen Kaffee am Tag, schaden der Gesundheit nicht!

Das nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln. Und 25 Tassen Kaffee am Tag schaffe selbst ich nicht. Dann wäre bei mir auch der Eichhörnchen-Modus erreicht: Auf Zack, andauernd in Bewegung, aber ich vergesse ständig, was ich eigentlich machen wollte!

Bei aller Liebe zum Kaffee, jeden Trend mache ich dennoch nicht mit. „Coffee to go“ zum Beispiel finde ich ganz grausam. „Coffee to sit“ ist viel besser. Wie gesagt: Ich will mir das Getränk nicht rein schütten, sondern in jedem Zug genießen. Okay, nicht in jedem. Der Kaffee der Deutschen Bahn ist ungenießbar!

Und bei einem dieser amerikanischen Pappbecher und Plastikdeckel-Verschwender kriegt man einen Chai-Vanille-Latte mit gerösteten Curcuma-Samen für 8,- Euro, der bestenfalls so schmeckt, als hätte er mal neben einem richtigen Kaffee gestanden. Also wirklich, muss das sein?

Oder kennen Sie Kobi Luwak? Das ist eine Kaffeesorte aus Indonesien und wahrscheinlich die teuerste der Welt. Da wird die Kaffeebohne zunächst von einer bestimmten Affenart gefressen und durch die Verdauungsenzyme fermentiert. Ich bin ja schon froh, dass man den Affen erst einmal die Gelegenheit gibt, die Bohne wieder auszuscheiden, und nicht den Affen mit der Bohne in die Kaffeeemühle … Möchte ich gar nicht dran denken.

Und wie müssen die Menschen drauf sein, die die Köttel dieser Affen aufsammeln und da die Bohnen wieder raus … Oder hauen die die Bohnen mit den Kötteln in die Mühle? Nicht drüber nachdenken! Für den Geschmack kommt der Mensch ja auf die komischsten Ideen.

Fair Trade Kaffee ist auch so eine neumodische Erscheinung, an die die Menschen glauben. Der Kaffeebauer bekommt 20 bis 50 Cent mehr für den Sack Bohnen, und wir zahlen 2,- Euro mehr pro Pfund. Geil, oder? Wir werden verarscht und dem Kaffeekonzern ist das völlig Latte, weil er mehr Kohle macht. Absolut fair, sowohl für den Bauern als auch für den Verbraucher.

Und neulich fand ich in einem Supermarkt „Bio-Kapselkaffee“! Was ist an Kaffeekapseln umweltverträglich? Sind die Kapseln aus Öko-Plastik? Oder aus Bio-Aluminium? Aber es ist egal. Der Kunde, der Mensch, kauft das. Weil da „Bio“ drauf steht und der Verbraucher an sich doof ist! Darauf mache ich mir erst einmal einen Kaffee – aber diesmal mit Schuss!


Grüße aus dem Irrenhaus

Juni 3, 2019

Mal wieder Nachrichten geschaut. Sollte man das tun? Ich weiß es nicht, aber ich wollte erfahren, ob es außer dem Klimawandel noch andere weltbewegende Themen gibt. Aber aus der Glotze schaut mich Greta mit traurig-zornigen Augen an. Das Bild wechselt. Der einsame Eisbär, der es seit den 80ern nicht von seiner Scholle geschafft hat, treibt durch das Bild. Im Hintergrund liest Claus Kleber mit brüchiger Stimme vor, dass eine Million Tierarten vom Aussterben bedroht sind – als Folge des Klimawandels.

Eigentlich nichts neues. Der Club of Rome hat uns schon in den 70er Jahren versprochen, dass die Hälfte aller Tierarten bis 2010 ausgestorben sein wird. Jetzt haben wir 2019. Und was ist passiert? Inzwischen tauchte ein Meeresforscher auf den Grund des Marianengrabens und entdeckt zwei neue Tierarten. So wird das nichts! Immerhin hat er auch eine Plastiktüte gefunden. Das macht Hoffnung.

Äääähhh – Moment!

Nein. Natürlich müssen wir etwas tun. Es kann so nicht weiter gehen, denn wir leben über unsere Verhältnisse und schaden unserer Umwelt.

Das Monster unserer Zeit ist das CO2, ein unsichtbares Gas, dass zu 0,038% in unserer Atmosphäre dümpelt, wovon 96% natürlichen Ursprungs aus den Weltmeeren stammt. Ich will jetzt nicht die alte Rechnung aufmachen, wie viel Anteil an der Atmosphäre wir überhaupt beeinflussen, wenn wir unseren CO2-Ausstoß reduzieren (und an China verkaufen). Nein, ich bleibe beim allgemeinen Konsens, dass wir unseren CO2-Ausstoß reduzieren müssen.

Nur wie? Auf das Auto kann ich leider nicht verzichten. Ich arbeite viel nachts und am Wochenende – wenn unsere Straßenbahnen ihren Betrieb extrem eingeschränkt haben. Unter der Woche und am Tage nutze ich natürlich das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs.

Und dazu kommt gerade die persönliche Katastrophe: Seit einigen Tagen ist unser Aufzug defekt und meine CO2-Bilanz im Ar… Wir wohnen im fünften Stock. Das ist nicht witzig, liebe Leser! Man lacht nicht über Dicke!

Also das mit dem CO2 und dem Klima überlasse ich dann lieber anderen, zum Beispiel unserer Jugend. Die haben schon bewiesen, dass sie es können. Am Freitag, dem 3. Mai, marschierte „Friday for future“ durch die deutschen Innenstädte. Unter anderem hatte ein Mädchen ein Pappschild mit der Aufschrift: „Oma! Zeig mir einen Schneemann!“ dabei. Samstag, den 4. Mai, fuhr vielerorts der kommunale Räumdienst durch die Gegend, um die Straßen zu pökeln.

Geht doch!

Während in China ein Kohlekraftwerk nach dem nächsten aus dem Boden gestampft wird, haben Umweltaktivisten und Berufsdemonstranten in Deutschland den Hambacher Forst gerettet. Hambi! Ein klitzekleines Wäldchen am Rande eines Braunkohleabbaus. Aber ein Riesensymbol für die Umwelt- und Klimaschützer. Dass RWE am anderen Ende des Abbaugebietes bereits das Mehrfache wieder aufgeforstet hat – völlig irrelevant.

Dass in Deutschland 2018 die dreifache Fläche des Hambi an Wald gerodet wurde, will auch keiner wissen. War ja auch für den guten Zweck der CO2-Vermeidung. Dort hat man Windräder aufgestellt! Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: Anstatt die Pflanzen, die CO2 verarbeiten und in lebenswichtigen Sauerstoff verwandeln, zu erhalten, werden sie umgeholzt, um CO2-vermeidende Windräder zu installieren. Krass!

Jetzt kann mir so ein Öko-Verfechter gerne vorrechnen, dass ein Windrad mehr CO2 vermeidet, als das kleine Stückchen Wald, das es braucht, verarbeiten kann. Aber der lässt wieder den Brasilien-Faktor außer acht.

Das ist hip und machen unsere Europa-Grünen auch. Einer ihrer Slogans lautet: „Wer die Welt retten will, muss auf dem eigenen Kontinent anfangen.“ Deswegen ist es für sie auch nur dezent relevant, dass für europäische CO2-Vermeider hektarweise brasilianischer Urwald brandgerodet wird. Die neuen Balsaholz-Plantagen sind eben zwingend notwendig für Windräder.

Das konnten wir früher schon. Für den Bioethanol! Plantagen auf Borneo und Sumatra. Das muss der Orang-Utan verstehen. Wir wollen die Welt retten! Also weiche von uns! Stirb endlich aus, so wie es der Club of Rome gesagt hat! Ist doch für einen guten Zweck. Und für Nutella!

Inzwischen glaube ich, dass das Klima gar nicht unser Problem ist. Unser Problem ist der Fachkräftemangel – vor allem in der Politik. Wenn wir den beseitigt haben … ich möchte da gar nicht drüber nachdenken.


Gruß an Lise

April 3, 2019

Irgendwo im Nirgendwo.

Kann mir mal einer erklären, was das soll?“

Krachend flog ein Stapel Zeitungen auf den Tisch.

Was denn?“, fragte der Sekretär zurück. „Ich kann da nichts erkennen, was Sie so aufbringen könnte. Da steht doch nichts über Sie!“

Eben. Das ist es doch. Keine Sau spricht oder schreibt mehr über mich. Und das schon seit Wochen. Nicht der kleinste Störfall.“

Das wird schon wieder, Chef. Keine Bange.“

Das wird schon wieder, das wird schon wieder“, äffte der Chef nach. „Was soll denn werden?“ Er nahm eine Zeitung auf. „Greta Thunberg und Friday for future! Seitenweise lassen die sich über diese skandinavische Göre aus. Klimaschutz! Da könnte ja jeder kommen.“

Kommt ja auch!“

Genau! Alle kommen da hin, weil sie dann nicht zur Schule müssen. Und dann hinterlassen sie ihren Müll auf der Straße. Wollen das Klima retten, aber kriegen ihr eigenes Zimmer nicht sauber. Ha! Da lob ich mir meine Gegner von früher. ‚Nein, Danke!‘, haben sie gerufen. Das waren wenigstens noch Demonstranten mit Überzeugung. Mit rußendem Bulli sind die überall hingefahren, um gegen mich zu sein.“

Aber man hat die nicht für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, so wie Greta“, versuchte der Sekretär einen Einwand.

Man hat was?“

Na, man möchte der Greta den Friedensnobelpreis überreichen. Äh, ist aber auch nur ein Vorschlag.“

Greta!“, kochte der Chef. „Greta! Dann gebt den doch der von der Leyen!“

Äh? Wieso jetzt der? Die ist doch Verteidigungsministerin.“

Eben! Und in diesem Amt hat sie es immerhin geschafft, fast eine komplette Armee außer Gefecht zu setzen – ohne auch nur einen Schuss abzugeben. Das ist preiswürdig. Mehr kann man nicht für den Frieden tun. Aber doch nicht mit Klima. Als ob man das so genau beeinflussen kann.“

Führende Wissenschaftler behaupten zumindest, dass …“

Führende Wissenschaftler? Das sind Klimatologen, die Betonung liegt auf den letzten beiden Silben. Die berechnen anhand irgendwelcher Modelle, was so gar nicht eintreffen kann, weil sie immer irgendwas außer acht lassen. Das ist keine Wissenschaft.“

Aber das Klima verändert sich doch“, begehrte der Sekretär auf.

Das macht es schon seit Millionen von Jahren!“

Wieder wühlte der Chef im Zeitungsstapel und zog ein Blatt hervor.

Hier genau das gleiche: Tote durch Feinstaub!“

Ja, das ist schlimm“, sagte der Sekretär. „Da muss am Diesel dringend nachgebessert werden.“

Bist du jetzt völlig bescheuert geworden?“

Wieso?“

Das sind virtuelle Tote!“

Ach, die leben noch?“

Nein! Die hat es nie gegeben. Die sind nur auf dem Papier tot, weil man da wieder zwei völlig unterschiedliche Dinge statistisch in einen Topf geworfen hat. Tod durch Diesel, ha! Wie lange muss ich wohl an einem Auspuff schnüffeln, bis ich tot umfalle?“

Äh, Moment – Euro 4 oder Euro 5?“

Also, bitte … Und schau hier!“ Wieder fischte er eine Zeitung hervor. „Kaminöfen und Kerzen produzieren Feinstaub. Werden jetzt auch verteufelt. Dabei machen die Menschen schon seit zigtausend Jahren Feuer. Verdammt! Ich war mal das Arschloch der Nation. Nicht mal eine Riesenherde furzender Kühe war so schlimm wie ich. Und jetzt? Alles aus!“

Aber in Fukushima haben Sie doch ordentlich …“

Das war das Wasser, der Tsunami, du Honk. Ich hab gar nichts.“

Aber die Grünen sagen doch …“

Ja die sagen immer alles mögliche. Ich sag‘ dir: Wenn das so weiter geht, dann sind die eines Tages für mich. Windkraft tötet Vögel! Windkraft tötet Insekten! Baut Atomkraftwerke – die sind klimaneutral! Mein Gott, nicht auszudenken!“


In der Straßenbahn

März 4, 2019

Ich hatte es schon mal erwähnt: Ich fahre ungern mit dem Auto in die große Stadt. Der gestresste Pendler im Stau, Mutti im SUV auf dem Weg zum Kindergarten, der termingeplagte Aldi-Lieferant – diese Menschen machen mir Angst. Sie stressen mich. Ich bekomme Verkehrs-Tourette und habe nach spätestens zehn Minuten mein Repertoire an Schimpfworten und Flüchen aufgebraucht.

Da lob‘ ich mir, dass ich in unmittelbarer Nähe eine Straßenbahn-Haltestelle vor meiner Haustür habe. Zumindest wenn ich tagsüber zum Dienst muss, nutze ich den öffentlichen Personennahverkehr, und auch privat fahre ich lieber mit der Bahn als mit dem Auto in die Stadt.

Keine gestressten Pendler im Stau – nur welche, die sich im Gang der Bahn zusammenquetschen und sich gegenseitig in den Nacken husten. Keine Mutti im SUV, es sei denn, sie kommt auf die Idee, im Gleisbett zu parken. Und keine Lieferanten – Pizzaboten fahren nicht mit der Straßenbahn.

Nein, innerhalb von 22 Minuten bringt mich die Bahn mit einem Umsteigen zur Arbeitsstelle, entspannt, ohne Aufregung, umwelt- und klimaschonend.

In der Zeit hole ich eines meiner Lieblings-Raketenheftchen aus dem Rucksack und entschwinde in ein Paralleluniversum, in dem der Held ohne Tourette für das Gute im Universum kämpft.

Nur neulich war es anders. Ein kleines blondes Mädchen zupfte plötzlich an meinem Ärmel und fragte. „Was machst du da?“

Ich lese“, sagte ich lächelnd.

Aber warum?“, fragte das Mädchen, zog ihren Finger aus der Nase und minderte mit diesem den Wert meiner Perry-Rhodan-Jubiläumsausgabe um einiges. „Meine Mama sagt immer, dass man keine Bücher lesen muss. Man muss nur sein Handy bedienen können.“

Während ich noch überlegte, der Kleinen ob ihres unverzeihlichen Frevels die Finger zu brechen, schaute ich auf und entdeckte ihre Mutter auf der anderen Seite sitzend.

Eine etwas in die Jahre gekommene Blondine – das ließ sich bei der Aufmachung nicht so genau sagen – mit Kopfhörern in den Ohren und den Blick starr auf das Handy gerichtet. Ihr Kopf wippte auf und ab, während ihre Finger stakkato-artig auf das Display trommelten. Kein Wunder, dass sich das Kind jemand anderen suchte, um Spaß zu haben. Leider heutzutage kein Einzelfall mehr.

Mit einem gequälten Lächeln schob ich die Kleine zur ihr rüber und sagte: „Geh mal wieder zu deiner Mami. Da bist du besser aufgehoben.“ Ich weiß, man soll nicht lügen, aber nach einem anstrengenden Dienst hab ich wenig Lust, mich noch mit verzogenen Kindern zu beschäftigen.

Unterdessen stürmte eine Horde Jugendlicher den Waggon. Alle hielten Flaschen in den Händen, bei deren Anblick ich mich unweigerlich fragte, welche Kassiererin da wohl vergessen hatte, nach dem Ausweis zu fragen. Party-Stimmung machte sich breit. Warum auch nicht? Es war schließlich Freitagabend.

Heute Abend werden wir ein paar Bitches aufreißen!“, brüllte plötzlich einer aus der Gruppe.

Ich betrachtete mir den Rufer etwas näher, schaute in seine geröteten von einem pickligen Gesicht umrandeten Augen und schüttelte leicht den Kopf.

Ich hörte davon, dass die Anzahl der Frauen, die auf eine Intimrasur beim Mann stehen, stetig wächst. Wobei die Betonung wohl auf Rasur liegt. Da schien mir der Junge oben wie unten weit von entfernt zu sein. Ich vermutete eher, dass das einzige, was er heute aufreißt, die Tür vom Taxi auf der Heimfahrt sein wird, wenn er es denn noch schafft, um sich zu übergeben.

Mir gegenüber saß älteres Paar. Sie schätze ich auf Mitte bis Ende 60, er war, wie ich ihrem Gespräch entnehmen konnte, schon weit über 80, aber noch rüstig. Sie freuten sich darüber, dass es ihnen gelungen war, einen Bekannten nach langer Zeit dazu zu bewegen mal wieder außer Haus zu gehen, das Leben zu genießen.

Während des Gesprächs stützte der Mann plötzlich seine Hände auf die Bank, lupfte seinen Hintern an und entließ eine Flatulenz, die jeden Wikinger-Häuptling vor Neid hätte erblassen lassen.

Stille breitete sich aus. Selbst die Gruppe überschwänglicher Jungen wurde merklich ruhiger. Nur die Dame daneben redete unaufhörlich weiter, als sei nichts passiert.

Mein Raketenheftchen verwandelte ich in einen Fächer, um von irgendwoher frischere Luft an meine Nase zu führen.

Warum?“, röchelte ich leise.

Was keine Miete zahlt, muss raus!“, antwortete der Alte lapidar.

Zum Glück konnte ich die Bahn an der nächsten Station verlassen und überlegte ernsthaft, künftig wieder mit dem Auto zum Dienst zu fahren.


Auf der Straße

Februar 4, 2019

Wissen Sie, welches das gefährlichste Lebewesen auf unserem schönen Erdball ist? Viele glauben ja, es sei der Hai, aber das ist definitiv falsch. Es sterben mehr Menschen im Jahr durch umstürzende Getränkeautomaten als durch Hai-Angriffe. Das liegt nicht daran, dass immer weniger Menschen schwimmen können, sondern mehr an der Tatsache, dass diese Nichtschwimmer auch nicht in der Lage sind, einen Getränkeautomaten richtig zu bedienen. Der fällt ja nicht einfach so um.

Sie fragen sich jetzt, was das mit dem Straßenverkehr zu tun hat? Ganz einfach: Diese Automatenschubser sind meist im Besitz eines Führerscheins. Hier schließt sich auch der Kreis zum gefährlichsten Lebewesen auf Erden: Es ist der Autofahrer.

Früher gab es den klassischen Sonntagsfahrer: Mercedes-Benz in erbsgrün, umhäkelte Klorolle auf der Hutablage, Fahrer über 70 mit Hut und dem klassischen Melkgriff am Lenkrad (lässt man eine Seite des Lenkrads los, fährt der Wagen in die andere Richtung). So schaukelte er seine Frau durch die Gegend und immer wenn er sagte: „Schau mal, da rechts!“, musste der Gegenverkehr höllisch aufpassen.

Heute kommen noch einige andere Gattungen hinzu, nicht nur Mutti, die mit dem SUV ihren zwölfjährigen Bengel bis ins Klassenzimmer fährt, dabei keinerlei Rücksicht auf andere Kinder nimmt. Die haben ja schließlich auch Eltern. Sollen die doch ihren Rotzblagen beibringen, nicht auf die Straße zu treten.

Ich selbst halte mich für einen einigermaßen versierten Fahrer. Nach 22 Jahren Streifendienst sollte ich fahren und mit außergewöhnlichen Situationen umgehen können. Aber Mutti im SUV macht mir Angst – da halte ich Abstand. Auch Taxifahrer sind nicht unbedingt meine Freunde, gerade am Wochenende, wenn sie viele Fahrten abgreifen können und sich dementsprechend schnell durch den fließenden (und stehenden) Verkehr pressen.

Ich fahre auch nicht gerne in die große Stadt. Ich bin froh, eine Straßenbahnhaltestelle in unmittelbarer Nähe zu haben. Aber manchmal kann ich es nicht vermeiden, zum Beispiel wenn ich Nachtdienst habe.

Neulich fahre ich die Hauptstraße entlang, da schießt mir einer aus der Parklücke vor die Karre und zwingt mich zur Vollbremsung. Man du Spacken!, denke ich noch. Meine Faust landet auf der Hupe. Da hält der Typ an und steigt aus.

Will der jetzt Stress machen?, frage ich mich.

Entschuldigung!“, sagt er zu mir. „Aber ich kenn‘ mich hier nicht aus.“

HB steht auf seinem Kennzeichen. Die Erklärung ist einleuchtend.

Ach in Bremen haben sie andere Verkehrsregeln?“, frage ich.

Bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, brach hinter mir ein Hupkonzert los, was ihn dazu bewog, die Diskussion zu beenden und weiterzufahren.

Bei einer anderen Fahrt halte ich vor einer roten Ampel. Plötzlich steht ein aufgemotzter AMG neben mir. Der Fahrer schaut zu mir rüber und lässt seinen Motor mehrmals aufheulen.

Was soll das jetzt?, denke ich. Will der ein Rennen? AMG gegen Ford KA? Ich verdrehe die Augen. Junge, das kann nicht dein Ernst sein! Ich schaue wieder nach vorne.

Ich weiß nicht, ob mein Augenverdrehen ihn provoziert hat. Normalerweise versuche ich Konflikten aus dem Weg zu gehen. Aber plötzlich hupt der Typ in dem AMG.

Vor Schreck rutscht mein Fuß von der Kupplung.

Sie wissen was passiert, wenn man bei getretener Bremse die Kupplung kommen lässt? Richtig! Der Motor wird abgewürgt. Wenn dies auch noch plötzlich geschieht, macht der Wagen noch einen kleinen Ruck nach vorne. So auch in diesem Fall.

Das hat der junge Mann neben mir wohl falsch interpretiert. Er gibt Vollgas.

Und während ich noch versuche, meinen Motor neu zu starten, zerraspelt die Front des AMG an der quer fahrenden Straßenbahn.

Ach guck!, denke ich. Auch mit 360 PS unter der Haube hat man keine Chance gegen 80 Tonnen Alublech auf Schiene.

Wie ich später im Dienst erfahre, ging diese Idiotie im Straßenverkehr im Gegensatz zu anderen glimpflich aus. Lediglich der Stolz des kleinen Automatenschubsers ist verletzt.

Ach, und das Zwergfell der unfallaufnehmenden Beamten hat gelitten. Die Ausrede, ein Ford-KA-Fahrer habe ihn zum Rennen herausgefordert, ist wohl doch ein wenig zu weit hergeholt.