Grüße aus dem Irrenhaus

Juni 3, 2019

Mal wieder Nachrichten geschaut. Sollte man das tun? Ich weiß es nicht, aber ich wollte erfahren, ob es außer dem Klimawandel noch andere weltbewegende Themen gibt. Aber aus der Glotze schaut mich Greta mit traurig-zornigen Augen an. Das Bild wechselt. Der einsame Eisbär, der es seit den 80ern nicht von seiner Scholle geschafft hat, treibt durch das Bild. Im Hintergrund liest Claus Kleber mit brüchiger Stimme vor, dass eine Million Tierarten vom Aussterben bedroht sind – als Folge des Klimawandels.

Eigentlich nichts neues. Der Club of Rome hat uns schon in den 70er Jahren versprochen, dass die Hälfte aller Tierarten bis 2010 ausgestorben sein wird. Jetzt haben wir 2019. Und was ist passiert? Inzwischen tauchte ein Meeresforscher auf den Grund des Marianengrabens und entdeckt zwei neue Tierarten. So wird das nichts! Immerhin hat er auch eine Plastiktüte gefunden. Das macht Hoffnung.

Äääähhh – Moment!

Nein. Natürlich müssen wir etwas tun. Es kann so nicht weiter gehen, denn wir leben über unsere Verhältnisse und schaden unserer Umwelt.

Das Monster unserer Zeit ist das CO2, ein unsichtbares Gas, dass zu 0,038% in unserer Atmosphäre dümpelt, wovon 96% natürlichen Ursprungs aus den Weltmeeren stammt. Ich will jetzt nicht die alte Rechnung aufmachen, wie viel Anteil an der Atmosphäre wir überhaupt beeinflussen, wenn wir unseren CO2-Ausstoß reduzieren (und an China verkaufen). Nein, ich bleibe beim allgemeinen Konsens, dass wir unseren CO2-Ausstoß reduzieren müssen.

Nur wie? Auf das Auto kann ich leider nicht verzichten. Ich arbeite viel nachts und am Wochenende – wenn unsere Straßenbahnen ihren Betrieb extrem eingeschränkt haben. Unter der Woche und am Tage nutze ich natürlich das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs.

Und dazu kommt gerade die persönliche Katastrophe: Seit einigen Tagen ist unser Aufzug defekt und meine CO2-Bilanz im Ar… Wir wohnen im fünften Stock. Das ist nicht witzig, liebe Leser! Man lacht nicht über Dicke!

Also das mit dem CO2 und dem Klima überlasse ich dann lieber anderen, zum Beispiel unserer Jugend. Die haben schon bewiesen, dass sie es können. Am Freitag, dem 3. Mai, marschierte „Friday for future“ durch die deutschen Innenstädte. Unter anderem hatte ein Mädchen ein Pappschild mit der Aufschrift: „Oma! Zeig mir einen Schneemann!“ dabei. Samstag, den 4. Mai, fuhr vielerorts der kommunale Räumdienst durch die Gegend, um die Straßen zu pökeln.

Geht doch!

Während in China ein Kohlekraftwerk nach dem nächsten aus dem Boden gestampft wird, haben Umweltaktivisten und Berufsdemonstranten in Deutschland den Hambacher Forst gerettet. Hambi! Ein klitzekleines Wäldchen am Rande eines Braunkohleabbaus. Aber ein Riesensymbol für die Umwelt- und Klimaschützer. Dass RWE am anderen Ende des Abbaugebietes bereits das Mehrfache wieder aufgeforstet hat – völlig irrelevant.

Dass in Deutschland 2018 die dreifache Fläche des Hambi an Wald gerodet wurde, will auch keiner wissen. War ja auch für den guten Zweck der CO2-Vermeidung. Dort hat man Windräder aufgestellt! Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: Anstatt die Pflanzen, die CO2 verarbeiten und in lebenswichtigen Sauerstoff verwandeln, zu erhalten, werden sie umgeholzt, um CO2-vermeidende Windräder zu installieren. Krass!

Jetzt kann mir so ein Öko-Verfechter gerne vorrechnen, dass ein Windrad mehr CO2 vermeidet, als das kleine Stückchen Wald, das es braucht, verarbeiten kann. Aber der lässt wieder den Brasilien-Faktor außer acht.

Das ist hip und machen unsere Europa-Grünen auch. Einer ihrer Slogans lautet: „Wer die Welt retten will, muss auf dem eigenen Kontinent anfangen.“ Deswegen ist es für sie auch nur dezent relevant, dass für europäische CO2-Vermeider hektarweise brasilianischer Urwald brandgerodet wird. Die neuen Balsaholz-Plantagen sind eben zwingend notwendig für Windräder.

Das konnten wir früher schon. Für den Bioethanol! Plantagen auf Borneo und Sumatra. Das muss der Orang-Utan verstehen. Wir wollen die Welt retten! Also weiche von uns! Stirb endlich aus, so wie es der Club of Rome gesagt hat! Ist doch für einen guten Zweck. Und für Nutella!

Inzwischen glaube ich, dass das Klima gar nicht unser Problem ist. Unser Problem ist der Fachkräftemangel – vor allem in der Politik. Wenn wir den beseitigt haben … ich möchte da gar nicht drüber nachdenken.

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Gruß an Lise

April 3, 2019

Irgendwo im Nirgendwo.

Kann mir mal einer erklären, was das soll?“

Krachend flog ein Stapel Zeitungen auf den Tisch.

Was denn?“, fragte der Sekretär zurück. „Ich kann da nichts erkennen, was Sie so aufbringen könnte. Da steht doch nichts über Sie!“

Eben. Das ist es doch. Keine Sau spricht oder schreibt mehr über mich. Und das schon seit Wochen. Nicht der kleinste Störfall.“

Das wird schon wieder, Chef. Keine Bange.“

Das wird schon wieder, das wird schon wieder“, äffte der Chef nach. „Was soll denn werden?“ Er nahm eine Zeitung auf. „Greta Thunberg und Friday for future! Seitenweise lassen die sich über diese skandinavische Göre aus. Klimaschutz! Da könnte ja jeder kommen.“

Kommt ja auch!“

Genau! Alle kommen da hin, weil sie dann nicht zur Schule müssen. Und dann hinterlassen sie ihren Müll auf der Straße. Wollen das Klima retten, aber kriegen ihr eigenes Zimmer nicht sauber. Ha! Da lob ich mir meine Gegner von früher. ‚Nein, Danke!‘, haben sie gerufen. Das waren wenigstens noch Demonstranten mit Überzeugung. Mit rußendem Bulli sind die überall hingefahren, um gegen mich zu sein.“

Aber man hat die nicht für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, so wie Greta“, versuchte der Sekretär einen Einwand.

Man hat was?“

Na, man möchte der Greta den Friedensnobelpreis überreichen. Äh, ist aber auch nur ein Vorschlag.“

Greta!“, kochte der Chef. „Greta! Dann gebt den doch der von der Leyen!“

Äh? Wieso jetzt der? Die ist doch Verteidigungsministerin.“

Eben! Und in diesem Amt hat sie es immerhin geschafft, fast eine komplette Armee außer Gefecht zu setzen – ohne auch nur einen Schuss abzugeben. Das ist preiswürdig. Mehr kann man nicht für den Frieden tun. Aber doch nicht mit Klima. Als ob man das so genau beeinflussen kann.“

Führende Wissenschaftler behaupten zumindest, dass …“

Führende Wissenschaftler? Das sind Klimatologen, die Betonung liegt auf den letzten beiden Silben. Die berechnen anhand irgendwelcher Modelle, was so gar nicht eintreffen kann, weil sie immer irgendwas außer acht lassen. Das ist keine Wissenschaft.“

Aber das Klima verändert sich doch“, begehrte der Sekretär auf.

Das macht es schon seit Millionen von Jahren!“

Wieder wühlte der Chef im Zeitungsstapel und zog ein Blatt hervor.

Hier genau das gleiche: Tote durch Feinstaub!“

Ja, das ist schlimm“, sagte der Sekretär. „Da muss am Diesel dringend nachgebessert werden.“

Bist du jetzt völlig bescheuert geworden?“

Wieso?“

Das sind virtuelle Tote!“

Ach, die leben noch?“

Nein! Die hat es nie gegeben. Die sind nur auf dem Papier tot, weil man da wieder zwei völlig unterschiedliche Dinge statistisch in einen Topf geworfen hat. Tod durch Diesel, ha! Wie lange muss ich wohl an einem Auspuff schnüffeln, bis ich tot umfalle?“

Äh, Moment – Euro 4 oder Euro 5?“

Also, bitte … Und schau hier!“ Wieder fischte er eine Zeitung hervor. „Kaminöfen und Kerzen produzieren Feinstaub. Werden jetzt auch verteufelt. Dabei machen die Menschen schon seit zigtausend Jahren Feuer. Verdammt! Ich war mal das Arschloch der Nation. Nicht mal eine Riesenherde furzender Kühe war so schlimm wie ich. Und jetzt? Alles aus!“

Aber in Fukushima haben Sie doch ordentlich …“

Das war das Wasser, der Tsunami, du Honk. Ich hab gar nichts.“

Aber die Grünen sagen doch …“

Ja die sagen immer alles mögliche. Ich sag‘ dir: Wenn das so weiter geht, dann sind die eines Tages für mich. Windkraft tötet Vögel! Windkraft tötet Insekten! Baut Atomkraftwerke – die sind klimaneutral! Mein Gott, nicht auszudenken!“


In der Straßenbahn

März 4, 2019

Ich hatte es schon mal erwähnt: Ich fahre ungern mit dem Auto in die große Stadt. Der gestresste Pendler im Stau, Mutti im SUV auf dem Weg zum Kindergarten, der termingeplagte Aldi-Lieferant – diese Menschen machen mir Angst. Sie stressen mich. Ich bekomme Verkehrs-Tourette und habe nach spätestens zehn Minuten mein Repertoire an Schimpfworten und Flüchen aufgebraucht.

Da lob‘ ich mir, dass ich in unmittelbarer Nähe eine Straßenbahn-Haltestelle vor meiner Haustür habe. Zumindest wenn ich tagsüber zum Dienst muss, nutze ich den öffentlichen Personennahverkehr, und auch privat fahre ich lieber mit der Bahn als mit dem Auto in die Stadt.

Keine gestressten Pendler im Stau – nur welche, die sich im Gang der Bahn zusammenquetschen und sich gegenseitig in den Nacken husten. Keine Mutti im SUV, es sei denn, sie kommt auf die Idee, im Gleisbett zu parken. Und keine Lieferanten – Pizzaboten fahren nicht mit der Straßenbahn.

Nein, innerhalb von 22 Minuten bringt mich die Bahn mit einem Umsteigen zur Arbeitsstelle, entspannt, ohne Aufregung, umwelt- und klimaschonend.

In der Zeit hole ich eines meiner Lieblings-Raketenheftchen aus dem Rucksack und entschwinde in ein Paralleluniversum, in dem der Held ohne Tourette für das Gute im Universum kämpft.

Nur neulich war es anders. Ein kleines blondes Mädchen zupfte plötzlich an meinem Ärmel und fragte. „Was machst du da?“

Ich lese“, sagte ich lächelnd.

Aber warum?“, fragte das Mädchen, zog ihren Finger aus der Nase und minderte mit diesem den Wert meiner Perry-Rhodan-Jubiläumsausgabe um einiges. „Meine Mama sagt immer, dass man keine Bücher lesen muss. Man muss nur sein Handy bedienen können.“

Während ich noch überlegte, der Kleinen ob ihres unverzeihlichen Frevels die Finger zu brechen, schaute ich auf und entdeckte ihre Mutter auf der anderen Seite sitzend.

Eine etwas in die Jahre gekommene Blondine – das ließ sich bei der Aufmachung nicht so genau sagen – mit Kopfhörern in den Ohren und den Blick starr auf das Handy gerichtet. Ihr Kopf wippte auf und ab, während ihre Finger stakkato-artig auf das Display trommelten. Kein Wunder, dass sich das Kind jemand anderen suchte, um Spaß zu haben. Leider heutzutage kein Einzelfall mehr.

Mit einem gequälten Lächeln schob ich die Kleine zur ihr rüber und sagte: „Geh mal wieder zu deiner Mami. Da bist du besser aufgehoben.“ Ich weiß, man soll nicht lügen, aber nach einem anstrengenden Dienst hab ich wenig Lust, mich noch mit verzogenen Kindern zu beschäftigen.

Unterdessen stürmte eine Horde Jugendlicher den Waggon. Alle hielten Flaschen in den Händen, bei deren Anblick ich mich unweigerlich fragte, welche Kassiererin da wohl vergessen hatte, nach dem Ausweis zu fragen. Party-Stimmung machte sich breit. Warum auch nicht? Es war schließlich Freitagabend.

Heute Abend werden wir ein paar Bitches aufreißen!“, brüllte plötzlich einer aus der Gruppe.

Ich betrachtete mir den Rufer etwas näher, schaute in seine geröteten von einem pickligen Gesicht umrandeten Augen und schüttelte leicht den Kopf.

Ich hörte davon, dass die Anzahl der Frauen, die auf eine Intimrasur beim Mann stehen, stetig wächst. Wobei die Betonung wohl auf Rasur liegt. Da schien mir der Junge oben wie unten weit von entfernt zu sein. Ich vermutete eher, dass das einzige, was er heute aufreißt, die Tür vom Taxi auf der Heimfahrt sein wird, wenn er es denn noch schafft, um sich zu übergeben.

Mir gegenüber saß älteres Paar. Sie schätze ich auf Mitte bis Ende 60, er war, wie ich ihrem Gespräch entnehmen konnte, schon weit über 80, aber noch rüstig. Sie freuten sich darüber, dass es ihnen gelungen war, einen Bekannten nach langer Zeit dazu zu bewegen mal wieder außer Haus zu gehen, das Leben zu genießen.

Während des Gesprächs stützte der Mann plötzlich seine Hände auf die Bank, lupfte seinen Hintern an und entließ eine Flatulenz, die jeden Wikinger-Häuptling vor Neid hätte erblassen lassen.

Stille breitete sich aus. Selbst die Gruppe überschwänglicher Jungen wurde merklich ruhiger. Nur die Dame daneben redete unaufhörlich weiter, als sei nichts passiert.

Mein Raketenheftchen verwandelte ich in einen Fächer, um von irgendwoher frischere Luft an meine Nase zu führen.

Warum?“, röchelte ich leise.

Was keine Miete zahlt, muss raus!“, antwortete der Alte lapidar.

Zum Glück konnte ich die Bahn an der nächsten Station verlassen und überlegte ernsthaft, künftig wieder mit dem Auto zum Dienst zu fahren.


Auf der Straße

Februar 4, 2019

Wissen Sie, welches das gefährlichste Lebewesen auf unserem schönen Erdball ist? Viele glauben ja, es sei der Hai, aber das ist definitiv falsch. Es sterben mehr Menschen im Jahr durch umstürzende Getränkeautomaten als durch Hai-Angriffe. Das liegt nicht daran, dass immer weniger Menschen schwimmen können, sondern mehr an der Tatsache, dass diese Nichtschwimmer auch nicht in der Lage sind, einen Getränkeautomaten richtig zu bedienen. Der fällt ja nicht einfach so um.

Sie fragen sich jetzt, was das mit dem Straßenverkehr zu tun hat? Ganz einfach: Diese Automatenschubser sind meist im Besitz eines Führerscheins. Hier schließt sich auch der Kreis zum gefährlichsten Lebewesen auf Erden: Es ist der Autofahrer.

Früher gab es den klassischen Sonntagsfahrer: Mercedes-Benz in erbsgrün, umhäkelte Klorolle auf der Hutablage, Fahrer über 70 mit Hut und dem klassischen Melkgriff am Lenkrad (lässt man eine Seite des Lenkrads los, fährt der Wagen in die andere Richtung). So schaukelte er seine Frau durch die Gegend und immer wenn er sagte: „Schau mal, da rechts!“, musste der Gegenverkehr höllisch aufpassen.

Heute kommen noch einige andere Gattungen hinzu, nicht nur Mutti, die mit dem SUV ihren zwölfjährigen Bengel bis ins Klassenzimmer fährt, dabei keinerlei Rücksicht auf andere Kinder nimmt. Die haben ja schließlich auch Eltern. Sollen die doch ihren Rotzblagen beibringen, nicht auf die Straße zu treten.

Ich selbst halte mich für einen einigermaßen versierten Fahrer. Nach 22 Jahren Streifendienst sollte ich fahren und mit außergewöhnlichen Situationen umgehen können. Aber Mutti im SUV macht mir Angst – da halte ich Abstand. Auch Taxifahrer sind nicht unbedingt meine Freunde, gerade am Wochenende, wenn sie viele Fahrten abgreifen können und sich dementsprechend schnell durch den fließenden (und stehenden) Verkehr pressen.

Ich fahre auch nicht gerne in die große Stadt. Ich bin froh, eine Straßenbahnhaltestelle in unmittelbarer Nähe zu haben. Aber manchmal kann ich es nicht vermeiden, zum Beispiel wenn ich Nachtdienst habe.

Neulich fahre ich die Hauptstraße entlang, da schießt mir einer aus der Parklücke vor die Karre und zwingt mich zur Vollbremsung. Man du Spacken!, denke ich noch. Meine Faust landet auf der Hupe. Da hält der Typ an und steigt aus.

Will der jetzt Stress machen?, frage ich mich.

Entschuldigung!“, sagt er zu mir. „Aber ich kenn‘ mich hier nicht aus.“

HB steht auf seinem Kennzeichen. Die Erklärung ist einleuchtend.

Ach in Bremen haben sie andere Verkehrsregeln?“, frage ich.

Bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, brach hinter mir ein Hupkonzert los, was ihn dazu bewog, die Diskussion zu beenden und weiterzufahren.

Bei einer anderen Fahrt halte ich vor einer roten Ampel. Plötzlich steht ein aufgemotzter AMG neben mir. Der Fahrer schaut zu mir rüber und lässt seinen Motor mehrmals aufheulen.

Was soll das jetzt?, denke ich. Will der ein Rennen? AMG gegen Ford KA? Ich verdrehe die Augen. Junge, das kann nicht dein Ernst sein! Ich schaue wieder nach vorne.

Ich weiß nicht, ob mein Augenverdrehen ihn provoziert hat. Normalerweise versuche ich Konflikten aus dem Weg zu gehen. Aber plötzlich hupt der Typ in dem AMG.

Vor Schreck rutscht mein Fuß von der Kupplung.

Sie wissen was passiert, wenn man bei getretener Bremse die Kupplung kommen lässt? Richtig! Der Motor wird abgewürgt. Wenn dies auch noch plötzlich geschieht, macht der Wagen noch einen kleinen Ruck nach vorne. So auch in diesem Fall.

Das hat der junge Mann neben mir wohl falsch interpretiert. Er gibt Vollgas.

Und während ich noch versuche, meinen Motor neu zu starten, zerraspelt die Front des AMG an der quer fahrenden Straßenbahn.

Ach guck!, denke ich. Auch mit 360 PS unter der Haube hat man keine Chance gegen 80 Tonnen Alublech auf Schiene.

Wie ich später im Dienst erfahre, ging diese Idiotie im Straßenverkehr im Gegensatz zu anderen glimpflich aus. Lediglich der Stolz des kleinen Automatenschubsers ist verletzt.

Ach, und das Zwergfell der unfallaufnehmenden Beamten hat gelitten. Die Ausrede, ein Ford-KA-Fahrer habe ihn zum Rennen herausgefordert, ist wohl doch ein wenig zu weit hergeholt.


Visionen

Januar 5, 2019

Ein sehr schätzenswerter, sozialdemokratischer Bundeskanzler hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!“ Nun, wenn es denn um Politik geht, mag er Recht gehabt haben, aber manchmal hat man halt Visionen. Und die haben nichts mit psychischen Störungen zu tun.

Es ist der 1. Januar. Ich wache früh auf. Der Wecker zeigt erst 19:55 Uhr. Na, ja. Relativ früh für jemanden, der direkt nach dem Nachtdienst zur Blaulicht-Party gegangen ist.

Das Schlafzimmer ist in ein eigenartiges Licht getaucht, und …

Vor mir steht plötzlich Anton Hofreiter! Er hat sich die Haare geschnitten, sieht nicht mehr aus wie „Prinz Eisenherz für Arme“, eher wie jemand mit einem schlechten Schneider beziehungsweise einem mittelmäßigen C&A-Verkäufer.

Ab heute!“, ruft Anton, „ab heute schwöre ich den Ideologien ab! Nur noch wissenschaftlich erarbeitete Fakten werden mich leiten!“

Fein, denke ich. Ein Lichtblick! Hinter ihm schwebt eine rothaarige Elfe mit Pagenschnitt durch das Bild, schwingt die Lyra und singt: „Ich find‘ Sonne, Mond und Sterne schön …“

Von unten schiebt sich Hans-Christian Ströbele vor, die Augenbrauen zu einem festen grauen Balken zusammengekniffen. „Wissenschaft!“, ätzt er. „Gollum! Gollum! Komm auf die grüne Seite der Ideologie!“

Jetzt merke ich: Ich bin noch nicht wach! Ich versuche mich wachzurütteln.

Währenddessen betritt Annegret Kramp-Karrenbauer mein Schlafzimmer und sagt: „Ich werde es besser machen. Es wird sich einiges ändern.“ Zeitgleich verschiebt sie ihre zur Raute verklebten Hände in eine Art Quadrat.

Immerhin, denke ich. Es wird nicht besser, aber irgendwie anders.

Haaalllloooo!, rufe ich in Gedanken. 2019! Kommst du bitte mal und machst das weg!

Noch während ich versuche, wach zu werden, betritt Angela Merkel die Bühne und sagt: „Du, Anne, hab ich dir eigentlich schon gesagt, wie ich mir deine Führung der Partei vorstelle?“

Nein, hast du nicht!“, antwortet AKK schnippisch.

Also pass auf! Du musst …“ Der Rest vergeht in einem bewusstseinsabtötenden Rauschen.

Ich frage mich, ob mir nicht irgendjemand mit einem herzhaften Tritt in den Allerwertesten in die Wirklichkeit verhelfen könnte.

Über mir schwebt ein Engel mit blonder Elvis-Tolle und singt. „Amerika! Amerika!“

Ein Typ mit markantem Schädel und entblößtem Oberkörper reitet auf einem schnaubendem Gaul darunter her und sagt: „Junge! Trinkst du Wodka! Dann du hast keine Visionen!“

Von hinten brüllt ein alter Mann: „Oder du gibst Gas! Ha! Ha! Ha! Kannst auch eine Vietnamesin heiraten! Das macht Spaß!“

Jetzt wird es skuril. Hab ich wirklich so viel getrunken? Mein Gott, bis 5 Uhr morgens Dienst geschoben, und dann zur Party! Okay. Blaulichtler können schon heftig feiern, aber wenn ich mich recht erinnere, hab ich doch nur Bier getrunken …

Anton fängt an mit Hans-Christian über CO2 und Menschenmassen zu diskutieren. „Je mehr Menschen, desto mehr CO2!“ „Der Mensch ist der Klimakiller!“ Ja, ne! Is‘ klar!

Das ist Punsch, du dusselige Kuh! Punsch! Punsch! Punsch!“ Ein kleiner Mann im Feinripp-Look schwenkt einen heißen Topf vor sich her.

2019? Kannst du mich jetzt bitte erlösen? Das muss doch hier mal ein Ende haben! Was hat der jetzt in meinem Kopf zu suchen?

Ein weißhaariger, alter Mann beugt sich über mich und fragt: „The same procedure as last year?“

Neeeiiiinnn!!!“ schreie ich auf.

Angela Merkel taucht wieder auf: „Meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger, ich wünsche mir für das Jahr 2019 mehr Respekt …“

Moment! Das hatte sie sich doch schon für 2018 gewünscht. Ändert sich tatsächlich nichts? Bleibt alles so wie es war?

Mein Handy klingelt und reißt mich aus dem Schlaf. Ich schaue mich um. Keiner mehr da. Also muss ich wach sein.

Ohne auf die Nummer zu achten, nehme ich das Gespräch an: „Schön, dass du ran gehst“, sagt eine mir bekannte Stimme. „Wir brauchen morgen noch jemanden für den Spätdienst.“

Jetzt bin ich wach. Und 2019 wird genauso wie 2018. Es ändert sich nichts. Eine beruhigende Vorstellung?


Weihnachtspost

Dezember 6, 2018

Es ist ein guter alter Brauch zu Weihnachten an Menschen zu denken, die man sonst kaum trifft oder spricht. Mit einer kleinen Karte oder einem Brief wünscht man ihnen ein gesegnetes Fest und natürlich einen guten Rutsch in das Neue Jahr.

So füllt sich zum Beispiel mein Briefkasten gerade in der Vorweihnachtszeit mit Post von Handwerksbetrieben, von denen ich nicht einmal mehr weiß, wann ich dort mal Kunde war.

Aber auch persönliche und zuweilen sentimentale Post erreicht so manchen. So schreibt zum Beispiel Angela M. aus B. an ihren Ziehvater:

Lieber Helmut,

ich hab ja immer gesagt: ‚Wir schaffen das!‘, aber leider hab ich es nicht geschafft. Also im Amt zu bleiben. Ansonsten hab ich ja schon einiges erreicht. Schade eigentlich, dass ich jetzt den Parteivorsitz abgegeben habe. Aber vielleicht hast du eine Möglichkeit, dass die Menschen den anderen Sermon, den ich abgesondert habe, vergessen. Du weißt es selbst: Es ist geil, Kanzlerin zu sein!“

Hätte Helmut die Chance auf eine Antwort, lautete die wohl: „Sag mal, Mädel: Kiffst du?“

Auch Andrea N. hat sehr emotional an ihr Idol geschrieben:

Lieber Willy,

es tut mir aufrichtig leid, dass ich deine einstmals so stolze Partei derart abgewrackt habe. Dabei habe ich alles gegeben, wollte sogar einigen in den Allerwertesten treten. Aber mit der Truppe ist leider kein Staat zu machen. Eins noch: Wenn du den Helmut da oben triffst, dann bitte ihn doch aufzuhören, sich im Grab herumzudrehen. Die Anwohner in Hamburg-Ohlsdorf beschweren sich schon über die lauten Rotationsgeräusche.“

Auch Björn H. hat einen sehr emotionalen Brief an sein Idol verfasst: „Mein F….“ Okay. Den Rest ersparen wir uns an dieser Stelle.

Sie sehen. gerade in der Vorweihnachtszeit werden, teilweise vom Glühwein gesteuert, Emotionen und Sentimentalität groß. Da schreibt man schon mal Dinge, die einem sonst nicht aus der Feder fließen.

Sehr schön finde ich übrigens auch den Weihnachtsservice der Deutschen Post. Bevor Sie sich fragen: „Post und Service? Wie geht das denn zusammen?“, möchte ich das Rätsel auch gleich lösen. Ich meine die Poststellen in beispielsweise Himmelsthür oder Himmelpforten. Zumeist Kinder – aber auch Erwachsene – schicken dort ihre Wunschzettel an den Weihnachtsmann oder das Christkind hin, je nach Konfession oder Glaube.

So schreibt zum Beispiel die Claudia:

Lieber guter Nikolaus,

ich seh‘ ziemlich komisch aus.

Drum wünsch ich mir vom Weihnachtsmann,

dass ich weiter Blödsinn reden kann.“

Süß, oder? Das Versmaß stimmt zwar nicht ganz. Aber für jemanden, der auf die Türkei angesprochen wird, und sagt: „Ich finde Sonne, Mond und Sterne schön!“, ist es doch eine beachtliche Leistung.

Auch Cem hat einen außergewöhnlichen Wunsch:

Lieber Weihnachtsmann,

auch wenn es nicht ganz legal ist, wünsche ich mir eine neue Hanfpflanze. Nachdem diese beiden Drecksb… äh … überaus höflichen und zuvorkommenden Beamten meine alte Pflanze mitgenommen haben, fehlt mir doch etwas auf meinem Balkon. Ich verspreche auch, mich nicht mehr daneben ablichten zu lassen.“

Ja, bei außergewöhnlichen Wünschen, sollte man auch Zugeständnisse machen. Allerdings steht es dennoch in den Sternen, ob sie erfüllt werden.

Sollten Sie selbst keine Weihnachtspost bekommen, ist es übrigens keine Lösung, sich diese von Amazon zuschicken zu lassen.

Gehen Sie lieber zum örtlichen Händler! Vielleicht bedankt er sich mit einer Tasse Glühwein, die Sie dann bewegt, selbst einen Brief zu schreiben.


Der Bürger und das liebe Vieh

Juni 21, 2018

Der Mensch ist ein recht gleichgültiges Wesen. Zumindest was seine Mitmenschen angeht. Wenn der Nachbar nicht stört, ist er seiner Umgebung egal. Da kann er auch seine Frau verhauen – solange sie nicht allzu heftig schreit und man keine Nachtruhe bekommt. Und wenn Opa aus dem dritten Stock verstirbt, ist es allenfalls eine Randnotiz im Leben, es sei denn es fängt an, im Hausflur zu riechen.

Anders hingegen ist es bei Tieren. Da hört der Spaß auf! Der Klassiker bei diesen Geschichten ist natürlich der Hund im Auto. Dabei ist es egal, ob die Sonne scheint, es regnet, es heiß oder kalt ist. Ein Mensch, der seinen Hund im Auto lässt, ist immer Abschaum, ein Tierquäler, dem man am besten die Karre abfackelt – wenn da nicht der Hund drin säße.

Auch das Kälte gewohnte Shetland-Pony, dass im Winter artgerecht auf einer Weide gehalten wird, ist für den Normalbürger eine Schande, ein Fall für das Veterinäramt und die Polizei.

Ebenso klassisch ist die zugelaufene Katze, bei der man sich dann nach 2 Wochen entschließt, endlich mal den Notruf zu betätigen.

Ich hab hier eine streunende Katze aufgegriffen.“

Aha! Und was sollen wir Ihrer Meinung nach tun.“

Das weiß ich jetzt auch nicht.“

Ist das Tier denn verwahrlost?“

Nein, die sieht eigentlich ganz gepflegt aus. Die maunzt nur morgens immer so herzergreifend. Da hab ich ihr einfach mal Futter hingestellt.“

Also geben sie dem Tier seit 14 Tagen was zu fressen?“

Natürlich. Die kommt doch jeden Morgen. Was soll ich denn machen?

Hören Sie einfach auf Nachbars Katze zu füttern. In drei Tagen hat sich die Sache erledigt. Dann frisst sie wieder zu Hause.“

Am schönsten ist es jedoch mit dem von jeglicher Kenntnis über die Natur befreiten Stadtmenschen. Einen solchen hatte ich letzte Woche am Telefon.

Guten Tag, ich bin hier am Maschsee. Und hier sitzt eine Ente.“

Ach was!

Der geht es gar nicht gut. Die jappst so nach Luft.“

Okay! Aber was soll die Polizei jetzt machen?“

Wissen Sie, da war noch eine andere Ente, die hat das arme Tier immer unter Wasser gedrückt!“

Also soll ich jetzt einen Streifenwagen schicken, um das rüpelige Tier zu verhaften?

Die Ente, die so nach Luft jappst, hat die ein braunes Gefieder?“, fragte ich.

Ja, hat sie! Kennen Sie das Tier?“

Na, klar! Ich gehe jeden Tag zum Maschsee und begrüße die Enten mit Vornamen.

Nein, natürlich nicht. Wie sah denn die andere Ente aus.“

Äh, die war mehr so grau, mit grünem Kopf.“

Jo“, sagte ich. „Dann ist der Fall ja klar!“

Schicken Sie jetzt jemanden, um dem Tier zu helfen.“

Nein!“

Äh, aber warum denn nicht?“

Gegenfrage: Braucht Ihre Frau Hilfe, wenn Sie beide im Bett … also wenn es da mal richtig zur Sache geht?“

Also das ist doch …“ echauffierte sich der Anrufer. „Was geht Sie das an? Was soll überhaupt die Frage?“

Es ist Frühling!“, sagte ich.

Ja, und? Was soll das denn jetzt, auch wenn es Frühling ist, können Sie doch nicht einfach…“

Klick! Man konnte den fallenden Groschen durch die Leitung hören.

Äh … Sie meinen, dass …“

Genau! Die beiden hatten ihren Spaß und in ein paar Wochen schwimmen kleine Küken auf dem See.“

Ach so, na dann. Also ich meine … Entschuldigen Sie bitte den Anruf. Das wusste ich nicht.“

Eben! Deshalb gab es auch den kostenlosen Biologie-Unterricht für Stadtmenschen am Notruf.


Von der Dramaturgie eines Verkehrsunfalls

Februar 5, 2018

Was liest man nicht immer von den Dingen, die auf deutschen Straßen passieren?

Killer-Fahrer!“, „Horror-Unfall!“ oder „Massen-Katastrophe!“ sind nur einige einschlägige Begriffe, die unser führendes Blatt für Volks-Bildung immer wieder auf die erste Seite bringt.

Abgesehen davon, dass mir mein Deutschlehrer damals derartige Wortkonstrukte erbarmungslos um die Ohren gehauen hätte, bevorzuge ich bei solchen Meldungen, die regionale Presse, die weniger reißerisch bei den Fakten bleibt.

Natürlich sind Verkehrsunfälle für die Beteiligten schlimm. Auch wenn niemand verletzt wurde, kann es schon mal empfindlich in die Haushaltskasse schlagen, wenn das geliebte Vehikel nur noch Schrottwert hat.

Einen solchen Fall von schwerem Schicksalsschlag hatte ich letztens am Telefon.

Notruf, Polizei!“

Ich brauch‘ hier ganz schnell einen Streifenwagen!“

Ja, ne! Is‘ klar! Jeder braucht ganz schnell einen Streifenwagen.

Was ist denn passiert? Und wo sind Sie?“

Ich bin in der Arndtstraße. Hier ist ein Verkehrsunfall passiert. Nun schicken Sie doch endlich einen Streifenwagen!“

Ist denn jemand verletzt?“, fragte ich.

Nein, verletzt ist keiner“, antwortete der Anrufer.

Und Sie sind Beteiligter an diesem Unfall?“

Ja, natürlich! Deswegen brauche ich ja einen Streifenwagen.“

Auch dieser Mensch oblag dem weit verbreitetem Irrtum, dass ein reiner Blechschaden unbedingt polizeilich aufgenommen werden müsse.

Wenn Sie sich über den Unfallhergang einig sind, brauchen Sie keine Polizei“, sagte ich.

Der Unfall muss aber aufgenommen werden!“

Nein, muss er nicht.“

Aber meine BMW …“

Jetzt ahnte ich, dass sich hier ein persönliche Tragödie anbahnte. Es war zwar niemand körperlich zu Schaden gekommen, aber Stolz und Ehre waren nicht nur leicht verletzt, sondern schwer angeschlagen.

Dennoch versuchte ich weiterhin, ihm zu erklären, was statt einer polizeilichen Aufnahme zur reinen Schadensabwicklung erforderlich war. Allerdings wurde ich immer wieder von dem Herrn unterbrochen.

Ich hätte natürlich einen Einsatz anlegen und das Gespräch beenden können. Doch wollte ich dem Herrn keine Wartezeit von mindestens anderthalb Stunden – was auf einem Freitagnachmittag in Hannover bei einem sogenannten Schlichtunfall durchaus üblich ist – aufbürden.

Leider hörte mir der Mann nicht zu, wurde immer hektischer und ich wurde etwas lauter: „Mein Gott! Jetzt hören Sie mir doch mal zu!“

Plötzlich herrschte Stille am anderen Ende. Und nach zwei Sekunden fragte der Mann: „Haben Sie mich gerade angeschrien?“

Nein, ich bin nur ein wenig lauter geworden, weil …“

Sie haben mich angeschrien!“, keifte der Mann hysterisch. „Das kann doch wohl nicht wahr sein! Da braucht man dringend die Polizei und man wird hier beschimpft am Notruf!“

Ich habe Sie nicht beschimpft. Ich bin nur lauter geworden, damit Sie mir endlich …“

Das ist doch die Höhe!“, unterbrach mich der Mann erneut. Dann erging er sich in Tiraden über die unmögliche Polizei in Deutschland, bis es mir zu bunt wurde.

Ich beende das Gespräch jetzt“, sagte ich. „Sie können ja wieder anrufen, wenn Sie sich beruhigt haben.“

Er rief wieder an. Diesmal hatte ein Kollege ihn am Draht. Auch der Kollege versuchte dem Mann zu erklären, dass eine polizeiliche Aufnahme des Unfalls nicht erforderlich sei. Vergeblich.

Er schrieb den Einsatz.

Zwei Stunden später lasen wir schmunzelnd die Abschlussmeldung des Streifenwagens: „Keinen Schaden festgestellt, kein Unfall. Hysterischen Anrufer beruhigt. Wieder einsatzbereit!“


Was wird werden?

Januar 8, 2018

Schon wieder ist ein Jahr vorüber, das neue hat begonnen. So mancher wird sich fragen: „Was bringt mir das neue Jahr?“ Jeder macht sich Gedanken. Einige haben auch Angst vor 2018 – obwohl es aufgrund neuester Experten-Einschätzungen völlig unbegründet ist. 2019 wird schlimmer! Und wenn Sie das überlebt haben, kommt auch noch 2020.

Also kein Grund zur Sorge, trotz allem, was man immer lesen muss: Fluglinien fliegen in die Pleite. Ein ICE vergisst einen Halt auf der Strecke – das sogar mehrmals. Ein Regionalzug biegt falsch ab, weil der Lokführer ein seltenes Pokemon entdeckt hat. Alles schlimm!

Dazu kommen die ganzen weltpolitischen Probleme: Ein tumber Blondschopf aus Amerika setzt neue diplomatische Maßstäbe. Ein kleiner, korpulenter Diktator schießt Raketen durch die Gegend. Auf dem Bosporus, verdreht jemand demokratische Grundwerte und droht mit Konsequenzen, wenn wir ihm nicht die Füße küssen. Das ist herb!

Jetzt hat auch noch unsere Nachbarland Österreich einen neuen Dik … äh … Kanzler. Unsere Presse läuft Amok: „Kann der das überhaupt? Der ist doch erst 31 – viel zu jung, um Erfahrung zu haben!“ Es wird gefragt, warum die Österreicher so gewählt haben. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Weil sie es können! Das nennt man Demokratie und ist nicht gefährlich!

Machen Sie sich lieber Gedanken über Ihre eigene Umgebung. Was wird sich ändern? Nichts, wenn Sie es nicht wollen. Also genießen Sie das neue Jahr.

Schauen Sie nach Berlin. Da ändert sich auch nichts. Unsere Bundesregierung dümpelt vor sich. Es ändert sich nichts. Auch der Schönefelder Flughafen bleibt weiter in Betrieb. BER verschlingt immer noch Unsummen. Alles bleibt beim Alten.

Na ja, vielleicht entdecken sie irgendwo in Kreuzberg noch ein Pärchen, das gerne auf dem Kopf stehend pinkelt und man wird eine neue öffentliche Toilette installieren, weil Unisex- und Transgender-Toiletten nicht die Möglichkeit bieten.

Aber hat das Auswirkungen auf Ihr persönliches Leben? Nein! Das Geld für die öffentliche Toilette hätten Sie sowieso nie zu Gesicht bekommen, weil es entweder nie da war, oder anderweitig verbrannt werden würde.

Auch im Süden unseres Landes wird alles beim Alten bleiben. In Stuttgart wird weiterhin am Bahnhof gebaut. Solch eine Panne wie Anfang 2017 in Hamburg, dass plötzlich ein öffentliches Großbauprojekt beendet und eröffnet wird, passiert so schnell nicht wieder. Zum Glück konnte bereits im April mit der Sanierung begonnen werden. Nicht dass sich da noch öffentliche Gelder ungenutzt ansammeln.

Nein, wir befinden uns auf einem guten Weg und deshalb sollten Sie voller Hoffnung auf das Jahr 2018 blicken.

Selbst unsere Innenstädte werden sich wieder beleben. Nachdem der Online-Handel den Einzelhandel systematisch ausgerottet hat, plant Amazon, in den leerstehenden Geschäften eigene Shops zu installieren. Das ist zwar nicht konsequent durchdacht, weil der typische Amazonkunde immer noch online bestellen wird, aber die Post wird in einer beispiellosen Kooperations-Personal-Einsparungs-Aktion erwirken, dass sich zumindest in der Vorweihnachtszeit die Amazon-Shops mit Paketabholern füllen.

Da können Sie vielleicht mit einem kleinen Glühweinstand vor dem Laden etwas vom Kuchen abgreifen.

Also grämen Sie sich nicht – planen Sie einen längeren Urlaub. Keine Bange vor den Kosten, auch wenn die Billigflieger von AirBerlin oder Niki nicht mehr unterwegs sind. Es gibt noch Stehplätze bei Ryan Air.

Auch Türkei-Urlaube sind wahnsinnig preiswert geworden. Buchen Sie ein Wochenende und sprechen Sie am Flughafen Antalya die richtigen Worte aus. Werden Sie gehört, wird Ihr Urlaub automatisch auf Staatskosten um mindesten drei Monate verlängert. Mit ein bisschen Glück können Sie aus dem vergitterten Fenster Ihrer Unterkunft sogar das Meer sehen. Und die Anteilnahme unserer Bundesregierung ist Ihnen gewiss.

Sie sehen, die Möglichkeiten sind auch 2018 nahezu unbegrenzt.

Ich selbst habe mir einen Selbstfindungsprozess für 2018 vorgenommen. Ich werde mich selbst suchen. Sollten Sie mich 2018 also antreffen, bevor ich von meiner Suche zurückgekommen bin, dann sagen Sie mir doch bitte, dass ich auf mich warten soll, bis ich wieder da bin.


Vater-Sohn-Gespräch

Dezember 4, 2017

Neulich saß Jesus auf einer Wolke. Mit trüben Blick starrte er hinunter auf die Erde. Er seufzte.

Mein Sohn!“, hallte eine Stimme durch das Firmament. „Was bist du so traurig?“

Ach Vater“, antwortete Jesus, „in wenigen Tagen habe ich Geburtstag.“

Aber ist das nicht ein Grund zur Freude?“, fragte Gott. „Auch die Menschen freuen sich auf deinen Geburtstag und feiern ihn.“

Die freuen sich nicht auf meinen Geburtstag“, antwortete Jesus verbittert. „Für die meisten Menschen ist das Weihnachtsfest doch nur Kommerz. Und wehe die Geschenke sind nicht ausreichend. Wer geht denn noch in die Kirche?“

Na, ein paar sind es ja noch.“

Ho, ho, ho! Hat da jemand von Geschenken gesprochen?“

Klappe, Claus!“, riefen Jesus und Gott wie aus einem Mund.

Die Weihnachtszeit sollte eine Zeit der inneren Einkehr und Besinnlichkeit sein“, beschwerte sich Jesus. „Und was machen die Menschen stattdessen? Liegen ausgekotzt und besinnungslos am Glühweinstand.“

Mal ehrlich, Sohn: Was hast du erwartet?“

Hab ich den Menschen nicht meine Lehren mit auf den Weg gegeben? Meine Jünger sind in die ganze Welt gezogen und haben meine Geschichte erzählt. – Und es hat funktioniert!“

Eine Zeit lang. Und jetzt? Ich hab’s dir damals gesagt: Mit Glaube, Liebe, Hoffnung, ziehst du eines Tages keine Wurst mehr vom Teller. Ich hab es dir gesagt!“

Ja, Vater!“, entgegnete Jesus genervt.

Und dass du dich damals für dieses Pack ans Kreuz hast nageln lassen, war eine Schnapsidee!“

Vater!“ Empört schaute Jesus auf. „Es sind deine Geschöpfe!“

Eben. Ich kenne die Menschen 4000 Jahre länger als du. Ich habe sie gemacht – nach meinem Ebenbild. Ich weiß, wie sie ticken.“

Ja, ja. Jetzt kommt wieder die alte Leier: Hör auf deinen Vater! Bla, bla, bla!“

Richtig, mein Sohn! Hättest du damals auf mich gehört, hättest du eine schöne Zeit auf der Erde gehabt, ein paar Prophezeiungen und Wunder raus gehauen, und gut wär’s gewesen. Aber nein, du dachtest ja, mit 30 Jahren bist du klüger als der Herr Papa. Warum hast du nichts mit Maria Magdalena angefangen? War doch eine tolle Frau.“

Die Menschen sind mir gefolgt. Sie haben meine Geschichte aufgeschrieben. Ihren Glauben an Gott erneuert. Ist das nichts?“

Und?“, fragte Gott zynisch. „Wie lange hat es gehalten?“

Was wäre denn deine Alternative gewesen?“, fragte Jesus schnippisch.

Eine zweite Sintflut, zum Beispiel?“

Natürlich. Was man nicht mehr braucht, einfach wegspülen.“

Hat doch beim ersten Mal wunderbar funktioniert. Noah und seine Nachkommen hatten wieder Respekt vor mir. Sie wussten: Wenn du nicht gehorchst, ist Schluss mit lustig.“

Aber das geht doch jetzt nicht mehr. Du bist zwar der Allmächtige, aber auch der liebe Gott. Du kannst nicht mehr alles wegspülen, was dir nicht gefällt.“

Kann ich nicht? Pass mal auf!“ Gott hob seine Hände.

Vater! Bitte!“, rief Jesus.

Ist ja gut“, sagte Gott beschwichtigend. „Ich mach es nicht noch einmal – obwohl ich es könnte!“

Eine Zeit lang herrschte Schweigen im Firmament.

Und?“, fragte Gott nach einer Weile, „was willst du jetzt unternehmen, mein Sohn?“

Jesus stützte die Ellbogen auf die Knie und legte seinen Kopf auf die Hände.

Ich weiß es auch nicht, Vater“, seufzte er.

Dann geh hinunter in die Häuser, in denen man noch an dich glaubt. Genieße die Ehre und feiere deinen Geburtstag. Vielleicht ist es ja auch der letzte.“

Aber du versprichst mir, nicht wieder alles wegzuspülen?“

Mein Ehrenwort, Sohn! Inzwischen sind die Menschen viel geschickter geworden, was Vernichtung angeht. Schau dir den blonden Irren in Amerika an, oder seinen kleinen dicken Gegenspieler aus Nordkorea. Die werden es schon richten. Außerdem gibt es ja noch andere Verrückte da unten.“