Verrückte Welt

April 5, 2021

Liebe Lesenden (Hmm! Klingt irgendwie komisch, ist aber laut Duden korrekt.) Ich fang nochmal von vorne an: Liebe Leserinnen und Leser (klingt für mich besser), neulich wollte ich mir ein Glas Milch einschenken.

Ich ging also zum Kühlschrank, nahm das Tetrapack aus dem Fach (und jetzt höre ich schon wieder die Aufschreie: Tetrapack! So eine Umweltsau! Kann er die Milch nicht in Flaschen kaufen oder direkt vom Bauern mit der Kanne?). Wie dem auch sei, ich nahm also die Milch (egal ob nun im Tetrapack, in der Flasche oder noch in der Kuh) aus dem Kühlschrank, ging hinüber zur Spüle und schüttete sie um. Anschließend nahm ich ein Glas aus dem Schrank und stellte es auf die Spüle. Und ich wunderte mich, warum das Glas nicht voll wurde.

Blödmann!, wird jetzt die eine oder der andere von Ihnen denken. Macht Schritt Zwei vor dem ersten und wundert sich. Aber damit bin ich auf der gleichen Stufe wie unsere politische Elite in ihren Pandemie-Maßnahmen: Erst Aufmachen, dann einen Impfplan entwickeln und sich wundern, dass die Infizierten-Anzahl zunimmt.

Und das Volk jubelt! Hurra, endlich die Rotzblagen wieder in der Schule und nicht mehr auf meinen Nerven. Fragt sich nur, wie lange? Während ich diese Zeilen am vorletzten Wochenende im März schreibe, lese ich schon die Schlagzeilen, dass am Montag die Notbremse gezogen werden wird. Alles auf Anfang! Nochmal von vorn! Wir bleiben alle zu Hause, außer die, die wirklich nach draußen müssen! Und Ostern! Ostern fliegen wir alle nach Malle.

Geht es noch verrückter?

Es geht! Um uns von der Krise abzulenken, beschäftigen sich die Medien mit Gaga! Haben Sie in der letzten Zeit mal ins öffentlich-rechtliche Fernsehen geschaut? Da wird neuerdings im gesprochenen Wort gegendert. Man begrüßt nicht mehr Zuschauerinnen und Zuschauer sonder Zuschauer(Sprechpause)Innen. Hammer! Der Genderwahn greift immer weiter um sich, sogar mit Sondersendungen.

Das führte dazu, dass ich Vorgestern im Supermarkt am Kühlregal mit einer Packung Hähnchenbrustinnenfilet in der Hand stand und überlegte: Ist das jetzt ein Hähnchenbrust-Innenfilet? Oder ein Hähnchenbrust*Innen-Filet? Und müsste es im zweiten Fall nicht korrekt heißen Hähnch*Innen-Brustfilet heißen? Machen sich Hühnervögel (oder heißt es Hühner*Innen-Vögel, oder Hühner-Vogel*Innen?) eigentlich Gedanken um ihr Geschlecht? Hört eine Kuh auf, Milch zu geben, wenn sie glaubt, sie wäre ein Stier? Fragen über Fragen. Während sich meine Gedanken weiter um Vogel*Innen oder *Innen-Vögel drehten, stellte ich fest, dass ich völlig unter … hopft war und ging in die Getränkeabteilung.

Zurück ins Öffentlich-rechtliche Fernsehen. In den Talkshows tummeln sich alle möglichen Expert*Innen. Wolfgang Niedecken zum Beispiel. Nichts gegen Wolfgang Niedecken, der hat eine tolle Musik gemacht. Aber jetzt ist er plötzlich Experte für Wirtschaftsfragen in der Pandemie. Eine Chemikerin erklärt uns die Sprache der Virologen. Und über allem thront der lautere Karl: Karl Lauterbach. Zugegeben, ein studierter Mensch, aber kein Epidemiologe, sondern lediglich Gesundheitsökonom mit Schwerpunkt auf Epidemiologie.

Ökonomen, das waren die Menschen, die unser Gesundheitssystem nach wirtschaftlichen und nicht nach medizinischen Aspekten reformiert haben. Demzufolge ist es dem Lauterbach auch völlig egal, ob Sie sich infizieren oder nicht. Ihm ist es wichtig, dass Sie nichts kosten.

Wieder stehe ich da und frage mich: „Wollen die mich verkackeiern?“. Ich gehe doch nicht zum Gynäkologen meiner Freundin und frage ihn nach dem Zustand meiner Prostata, nur weil der angeblich so zarte Finger hat! Fachfragen sollte man Fachleuten stellen.

Aber Fachleute sind wir ja alle. Egal welches internationale Fußballturnier gerade stattfindet, es generiert über 80 Millionen Bundestrainer. Genau das gleiche zeigt sich jetzt in der Pandemie. Fachleute sprießen aus dem Boden hervor und schreien ihre Meinung hinaus. Und wir hören zu! Es ist uns egal, wo sie promoviert haben, ob Harvard, BILD oder Youtube! Wir saugen die Meinungen auf und posaunen sie ungeprüft in die Welt hinaus, weil sie uns gefällt oder unserem Bildungsstand entspricht. Dass es funktioniert haben uns Journalisten in den letzten Jahren immer wieder gezeigt: Abschreiben ohne Nachdenken. Hauptsache man verbreitet etwas in der Welt.

In der Antike glaubten die Menschen, das Gehirn habe einzig die Funktion, das Blut des Menschen zu kühlen. Seit einiger Zeit bin ich der festen Überzeugung, dass es bei manchen Menschen tatsächlich so ist.


Sonntag ist nicht Samstag

März 1, 2021

Wir schreiben das Jahr 1 naCo (nach Corona), was so ziemlich genau dem Jahr 2021 nach Christus entspricht. Noch immer wütet das Virus, rafft die Menschen reihenweise dahin. Die Zahlen sind wenig ermutigend, auch wenn sie rückläufig sind. Denn Mut braucht nur eine: Mutti! Wenn sie nicht ermutigt wird, dann …

Während sich also in Berlin und den Landeshauptstädten Ratlosigkeit, Unwissen zusammen mit blindem Aktionismus und hohler Phrasendrescherei gegenseitig die Klinke in die Hand geben, und das auch nur, um den Wahlkampf vorzubereiten, versuchen andernorts ganz normale Menschen, den Laden am Laufen zu halten.

Nun gut, inzwischen dürfen die Friseure zum 1. März wieder öffnen. Ein Lichtblick!

„Das ist eine Frage der Menschenwürde!“, hat Markus Söder zu dieser Entscheidung gesagt. Warum es menschenwürdiger ist, dass mir ein alter Mann beim Pony schneiden sein Gemächt in den Rücken drückt, als dass mich eine nette Dame beim Kauf eines DIN A5-Notizblocks anlächelt, erschließt sich mir nicht so ganz. Aber vielleicht vermische ich da auch traumatisierende Kindheitserinnerungen mit aktuellen Bedürfnissen.

Kommen wir zurück zu den normalen Menschen und blicken auf eine kleine Flächengemeinde im Norden der Region Hannover.

Hier erscheint wöchentlich eine kostenlose Zeitung frei Haus, die über alle möglichen Neuigkeiten in der Gemeinde und auch im Umland informiert. Das reicht um ein paar Seiten zu füllen. Doch die wichtigste Funktion dieser Zeitung ist, als Prospekt-Container herzuhalten. Mit dieser Zeitung flattern einem Prospekte von ALDI, Lidl, Penny, REWE, Netto, Rossmann, Expert und sonstigen Märkten mit ihren wöchentlichen Angeboten ins Haus. Und das jeden Samstag!

Doch leider war das Virus auch hier aktiv und ein Teil der Träger fiel aus. Da sich keine neuen Austräger in genügender Zahl fanden, wurde bei den bereits aktiven Trägern angefragt, ob sie noch eine weitere Tour übernehmen könnten.

Tatsächlich fand sich eine Austrägerin, die sich bereit erklärte, eine weitere Tour zu übernehmen. Allerdings bat sie sich aus, da sie in ihrem eigenen Ort am Samstag schon sechs Stunden unterwegs war, die zweite Tour erst am Sonntag austragen zu dürfen. Der Verlag stimmte zu – und so nahm das Verhängnis seinen Lauf!

Die gute Frau fuhr also am Sonntag in den Nachbarort, um dort die Samstagszeitung auszutragen. Es verging die erste Woche, dann die zweite Woche, aber am dritten Sonntag wurde es anders! Plötzlich stand die Austrägerin einer Gruppe aufgebrachter älterer Herren gegenüber!

„Sagen Sie mal! Was fällt Ihnen eigentlich ein? Heute ist Sonntag!“, rief einer der Herren.

„Ich weiß, meine Herren“, antwortete die Austrägerin, „aber …“

„Nix aber!“, rief ein anderer. „Die Zeitung erscheint samstags und nicht sonntags!“

„Wie sollen wir als Rentner unter der Woche günstig einkaufen, wenn wir nicht am Samstag die Prospekte auswerten können?“, fiel der nächste ein.

„Aber das können Sie doch auch noch am Sonntag machen“, entgegnete die Austrägerin.

„Sind Sie verrückt? Am heiligen Sonntag werden keine Prospekte gelesen. Der Sonntag ist ein Ruhetag!“

„Meine Herren, ich bitte Sie!“, versuchte die Angepöbelte zu erklären. „Es geht nun mal nicht anders. Ich habe diese Tour zusätzlich übernommen und schaffe es nicht am Samstag, beide Touren auszutragen.“

„Dann sollten Sie am Freitag weniger feiern und saufen! Damit Sie am Samstag früher aufstehen können!“, fuhr ihr ein anderer in die Parade.

So ging es noch eine Weile hin und her. Jeder Versuch der Beschwichtigung wurde von der Gruppe im Keim erstickt. Das Ganze natürlich ohne Abstand und ohne Maske. Denn wenn es um die Ordnung geht, hat auch Corona hinten anzustehen.

Zu allem Überfluss setzte sich die Rotte rüstiger Rentner danach zusammen, um einen geharnischten Beschwerdebrief an den Verlag zu schreiben. Und die Austrägerin, die einfach nur freundlich sein und helfen wollte, bekam eine Abmahnung.

Wenn Sie jetzt glauben, liebe Leser, ich hätte mir diese Geschichte ausgedacht, muss ich Sie leider enttäuschen. Sie ist tatsächlich so passiert.

Weil Sonntag nun mal nicht Samstag ist, und in Deutschland nicht sein kann, was nicht sein darf.


Mensch im Lockdown

Februar 1, 2021

Fällt es nur mir auf, liebe Leser, oder merken auch andere, dass der Mensch sich im Lockdown verändert hat und sich auch immer weiter verändert, widerspenstiger wird? Diese Aussage beziehungsweise Feststellung ist nicht allgemein gültig. Der Asiate zum Beispiel verändert sich wenig bis gar nicht. Dem wird gesagt: „Bleib zuhause!“ Er macht es, ohne Murren, ohne Wehklagen. Er ist es nicht anders gewohnt. Alles, was er braucht, darf er sich ja noch holen oder bekommt es geliefert. Seine Existenz ist nicht gefährdet.

Auch der Spanier hat im ersten Lockdown eine unheimliche Disziplin bewiesen. Dort gab es strengen Hausarrest, der maximal 1 x am Tag zum Einkaufen notwendiger Lebensmittel durchbrochen werden durfte. Dabei wohnen viele Spanier nicht so komfortabel wie wir, sondern in sehr beengten Verhältnissen. Da fällt es schwer, bei tollem Wetter in der Wohnung zu bleiben. Aber der Spanier weiß auch, dass eine Diskussion mit der Guardia Civil noch schwieriger, wenn nicht gar unmöglich ist.

Bei uns in Deutschland? Im Vergleich zu anderen Ländern, geht man hier noch einigermaßen moderat mit uns um. Wir haben zwar die Kontaktbeschränkungen auf eine bestimmte Personenzahl und viele Geschäfte, die keine lebensnotwendigen Artikel verkaufen, dürfen nicht öffnen, aber ansonsten appelliert man hierzulande noch an die Vernunft des Menschen: Vermeiden Sie unnötige Kontakte! Bleiben Sie nach Möglichkeit zu Hause!

„Hast du schon gehört? Am Wochenende soll es im Harz schneien!“

„Cool! Nichts wie hin! Wer weiß, wann wir das noch mal erleben – oder die Kinder. Wegen Klima, und so!“

„Am besten fahren wir gleich morgens um 5 Uhr los. Wird zwar kaum einer da sein, aber sicher ist sicher.“

Die Idee an sich war nicht schlecht, doch in ihrer Ausführung mangelhaft. Während um 5 Uhr morgens der letzte Parkplatz besetzt wurde, stand die Familie um 6 Uhr zwanzig Kilometer vor dem ersehnten Ziel im Stau. Nichts ging mehr. Dafür sah man fast die gesamte Nachbarschaft in den wendenden Fahrzeugen, die sich enttäuscht auf den Heimweg machte.

Unterdessen füllten sich die Hänge und Waldwege mit Menschen wie eine Fußgängerzone zum Wochenmarkt – nur dass niemand eine Maske trug – man war ja im Freien.

Fünf oder sechs Tage später diskutieren ein Großteil dieser Menschen – die anderen befinden sich in Quarantäne – über Sinn und Unsinn des Lockdowns. Bringt ja offensichtlich nichts, weil die Infektionszahlen nicht zurück gehen.

So ist der Mensch inzwischen geworden: Er sieht die Fakten, verweigert aber jegliche Korrelation zum eigenen Verhalten. Ich könnte jetzt hier kurz auf Zusammenhänge eingehen, aber dann wäre ich auch nur eine Systemnutte, die das nachplappert, was Mutti aus der Uckermark uns vorgibt.

Anderes Beispiel. Nehmen wir einen herkömmlichen Restpostenmarkt, der auch Lebensmittel und Drogerieartikel in seinem Sortiment führt. Dieser Markt darf öffnen, aber halt nur diese Dinge des täglichen Bedarfs verkaufen. Andere Waren müssen in den Regalen verbleiben (so zumindest die Regelung in der Region Hannover).

Der Betreiber des Marktes hat sich mangels Platz in den Lagerräumen dazu entschieden, die nicht verkaufbaren Waren mittels rot-weißem Flatterbandes abzusperren und entsprechende Schilder aufzuhängen:

„Sehr geehrter Kunde, leider ist es uns aufgrund der aktuellen Corona-Reglementierung nicht gestattet, die Waren hinter den Absperrbändern an Sie zu verkaufen. Wir bitten um Verständnis.“

Und der Kunde versteht – also versucht es zumindest. Die Augen geschlossen, die Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eingeklemmt, denkt er nach, schwarzer Rauch steigt aus den Ohren. Dann kommt sie – ohne sich wie Wickie unter der Nase zu reiben – schießt dem Kunden die rettende Idee durch den Kopf: Wenn ich die Ware vor das Absperrband hole, müssen die mir das verkaufen!

Nein, müssen sie nicht. Dürfen sie nicht, versuchen die überaus freundlichen Mitarbeiterinnen des Marktes dem Kunden zu erklären. Der Kunde schiebt die Ware in irgendein Regal und verlässt ärgerlich den Laden.

Da fällt mir gerade meine Penny-Kassiererin ein. Sie wissen schon: Die mit dem Baseballschläger und dem Glitzern in den Augen. Die würde irgendwann einem solchen Kunden hinterhergehen, bis zu seiner Wohnung. Dort alle Schränke öffnen, alles ausräumen und irgendwo hinstellen und im Rausgehen sagen: „Deine Butze! Sie zu, wie du klar kommst!“


Das Jahr Corona

Januar 5, 2021

Erinnern Sie sich noch an den Text, den ich letztes Jahr zum Jahreswechsel geschrieben habe? Da hatte ich mich über das unsägliche 2019 ausgelassen. Der Text endete mit einer positiven Aussicht auf das nächste Jahr, weil es nicht schlimmer kommen könne.

Jetzt sitze ich wieder vor meinem Laptop, blicke auf 2020 zurück und denke an diesen berühmten Satz von Ephraim Kishon: „Lächle und sei froh! Es könnte schlimmer kommen. Und ich lächelte, war froh und es kam schlimmer!“

Ich war so zuversichtlich, flog in den Urlaub nach Portugal. Dann kam Corona. Plötzlich war alles anders. Urlaub verkürzt. Zu Hause alles dicht. Der erste Tiefpunkt des Jahres.

Schnell zeigte sich, was der Deutsche am nötigsten brauchte: Klopapier! Und Nudeln, Mehl, Konserven. Was auch nicht fehlen durfte, war Hefe. Es spielten sich Dramen ab. Nicht nur in den Supermärkten, es drohte auch eine zweite Brauerei-Krise.

2019 musste der Ausstoß der Brauereien zeitweise zurückgefahren werden, weil die Leute zu faul waren, ihr Leergut zurück zu bringen. Ein Jahr darauf mangelte es plötzlich an Hefe. Menschen, denen normalerweise eine Rolle Knack-und-back im Ofen explodiert, schleppten plötzlich palettenweise Hefe aus den Märkten. Als erfahrener Bierologe kann ich dazu nur sagen: Hefe hat in den Händen von Amateuren nichts zu suchen!

Aber zurück zu den Supermärkten. Ich feiere noch heute meine Lieblings-Kassiererin im Penny-Markt, die einem Kunden mehrere Packungen Klopapier vom Band riss und ihn anschrie: „Nur handelsübliche Mengen, du Spacken!“

Ein paar Tage später fragte sie mich: „Wenn ich jetzt einen Baseball-Schläger nehme und hier alles und jeden zusammen kloppe, komm‘ ich dann ins Gefängnis?“

„Eher in die geschlossene Psychiatrie“, antwortete ich.

„Echt? Cool! Hauptsache keine Kunden mehr!“

Bislang hat sie sich beherrschen können, aber dieses komische Glitzern in ihren Augen nimmt von Tag zu Tag zu.

Mein Erlebnis 2020 fand übrigens auch in einem Supermarkt statt: Ich ging einmal mehr traurig suchend an einem leeren Klopapier-Regal vorbei. Ein Stück weiter stand eine ältere Dame, bestimmt schon in den 80ern, und herzte zwei 12er-Packungen Klopapier, die sie gerade ergattert hatte. Ich meine, sie hatte auch ein paar Tränen der Freude in den Augen. Als sie gerade die Packungen in ihren Einkaufswagen legen wollte, hielt sie kurz inne und drehte sich zu mir um. Und nach einer kurzen Pause überreichte sie mir eine der Packungen mit den Worten: „Nehmen Sie ruhig, junger Mann. Ich glaube, ich brauche nicht mehr so viel!“

Ja, auch das war Deutschland 2020. Während die Egoisten in Bergen von Klopapier, Nudeln und Hefe versanken, gab es immer noch diejenigen, die wenig haben und doch noch teilen.

Was gab es noch im letzten Jahr? Ach ja, die Verschwörungstheoretiker nahmen abrupt zu. Waren es bislang nur wenige, die daran glaubten, dass die Weltregierung uns mit Chemtrails ausrotten will, wurden es dieses Jahr immer mehr Menschen, mit immer verrückteren Ideen. Leute, die bis dato nicht in der Lage waren, einen fehlerfreien Satz geradeaus zu denken, geschweige denn zu sprechen, nannten sich plötzlich Querdenker, leugneten das Virus, sprachen sich gegen die Maßnahmen der Regierung aus und gaben auch sonst komische Sachen von sich. Aber über diese Typen habe ich im letzten Jahr genug Worte verloren.

Dennoch können wir dem Virus auch etwas positives abgewinnen. Bevor Sie jetzt denken: „Was faselt der Mann da?“, erinnern Sie sich nochmal an den Text vom letzten Jahr. Dort schrieb ich, dass sich Modern Talking mit Helene Fischer zusammen tun, um „Last Christmas“ neu zu intonieren. Haben Sie es getan? Nein. Ich schreib es dem Virus zu. Dieter Bohlen lässt doch sonst keine Gelegenheit aus, um Geld zu verdienen.

Die bucklige Verwandtschaft, die sich sonst jedes Jahr bei Ihnen zu Weihnachten durchgefressen hat, musste zu Hause bleiben. Und wer gewohnheitsmäßig erst am 24. 12. loszieht, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen, hat eine Menge Geld gespart.

Sie mussten auch keine Böller kaufen, um Ihre Nachbarn zu terrorisieren, und konnten an Silvester wie an sonstigen Tagen auch um 23 Uhr ins Bett gehen – und schlafen! Die Tierwelt dankt es Ihnen.

In diesem Sinne freue ich mich auf das neue Jahr. Es beginnt zwar mit dem noch laufenden Lockdown. Aber was schlecht beginnt, kann nur besser werden. Seien Sie zuversichtlich und bleiben Sie gesund!


Eine Weihnachtsgeschichte

November 30, 2020

„Also, dann füllen se ma‘ det Zettelchen hier aus“, sagte der Wirt und klopfte mit der flachen Hand auf ein Blatt Papier, „und denn schau ick ma‘, ob’s noch ’n Zimmerchen jibbet.“

„Das wäre schön“, antwortete der Gast, „meine Verlobte ist nämlich schwanger.“

„Schwanger?“ Der Wirt zog die Augenbrauen hoch. „Dit nenn‘ ich mutich. In der Pandemie, im Mutti-Regime, in diesen heiklen Zeiten? Aber wann waren schon jute Zeiten? Meine Ilse hat och immer jesacht: ‚Lass ma‘ auf bessere Zeiten warten!‘ Und nu‘ isset zu spät.“

„Der Herr hat meine Verlobte auserkoren …“

„Ach! Denn sind se jar nich‘ der Vater? Respekt, mein Lieber! Dit se mit der noch durch die Jejend tingeln.“

„Ich muss doch sehr bitten“, empörte sich der Gast. „Meine Verlobte wird den neuen Heiland zur Welt …“

„Jetzt sagen se nich, dit se so’n Schwurbel-Otto sind“, unterbrach der Wirt ihn. „Anhänger von’ne Hirse-Hitler oder det Jammerlappen aus Mannheim sind hier nich‘ willkommen. Hat mich jenuch Kraft jekostet, meene Tochter wieder jrade zu biejen, als dieset Wendler-Dingens einjeknickt is‘! Rotz und Wasser hat se jeheult.“

„Sagten Sie nicht gerade, dass sie keine Kinder hätten?“

„Mit de Ilse nich’“, antwortete der Wirt. „Aber jibt ja noch andere Frauen. Jott sei Dank sind wa nich‘ im Paradies!“

Feixend klopfte er sich auf die Schenkel. „Der war jut, wa?“

Und nach einer kurzen Pause: „Okay. Ick seh‘ schon, viel Humor haben se wenich. Also? Sind se so’n Schwurbel-Otto?“

„Was meinen Sie?“, fragte der Gast.

„Sind se Reichsbürger? Corona-Leugner? Globen se och, dat Bill Gates uns alle chippen will und wir mit der abgewählten Meerschweinchen-Frisur in Amerika unsere letzte Chance gegen den Deep State verlor’n ham? “

„Ich glaube an Gott, unseren Herrn!“

„Okay, dit will ick ma‘ durchjehen lassen. Obwohl der ja och nich‘ jreifbar is’“

„Sie müssen ihn nur vorbehaltlos annehmen, dann werden Sie ihn bemerken.“

„Det eenzije, wat ick annehm‘, sind Penunse, wa? Zaster rejiert dat Pflaster!“ Der Wirt rieb Daumen und Zeigefinger seiner Rechten gegeneinander.

Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Apropos, sind se ejentlich privat hier oder jeschäftlich? Weil privat müsste ick se jleech wieder an’ne Luft setzen. Wegen det Corona! Verstehen se, oder?“

„Eher geschäftlich. Das Einwohnermeldeamt hat mich bestellt.“

„Det Einwohnermeldeamt. An Weehnachten!“ Irritiert schaute der Wirt über seine halbe Brille. „Ick meen, Berlin is schon verrückt, wa. Aber dit hier ’n Amt oofmacht an’nen Feiertach?“

„Der Termin ist bereits verstrichen“, sagte der Gast. „Aber zu unserer Entschuldigung: Wir sind mit der Deutschen Bahn angereist.“

„Dit wa hier ’nen neuen Fluchhafen ham, is‘ aber bekannt, oder?“

„Wir sind schon vor der Eröffnung losgefahren. So ist halt die Bahn.“

„Also wissen se, det is‘ mir bisschen heikel mit ihnen zwe beeden. Zimmer kriejen se nich‘ von mir. Aber wenn se wollen, können se den Schuppen im Hinterhof belejen. Da jibbet ne Couch. Und wenn se de Geruch von’ne Trecker nich‘ stört …“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen.“

„Und Pfoten wech von’ne Drahtesel. Dit is meener und soll’s auch bleeben.“

So zogen Maria und Josef am 24. Dezember 2020 in einen Hinterhofschuppen einer billigen Absteige in Berlin. Und das Weihnachtswunder vollzog sich erneut. Nur ohne Ochs‘ und Esel, sondern mit Trecker und Fahrrad.

Es gab auch keinen Engel, der die umliegenden Hirten zusammenrief. Nur einen verängstigten Wirt, der die 110 wählte. So erschienen statt der Schafhüter Rettungsdienst, Polizei und Jugendamt auf der Bildfläche.

Auch die die Heiligen Drei Könige werden diesmal nicht dabei sein. Die Drei Weisen aus dem Morgenland wurden bei der Einreise nach Österreich abgefangen. Aber das ist eine andere Geschichte.


Erinnerungen

November 2, 2020

Unser Gehirn ist das wohl erstaunlichste Organ, dass in der oberen Hälfte unseres Schädels herum dümpelt. Gerade mal ein Viertel größer als eine herkömmliche Milchtüte erfüllt es so viele Funktionen, dass Alexa und Siri sich als ausgemachte elektronische Stümper vorkommen müssten.

Gut, bei so manchem hat es auch nicht mehr Funktion als die besagte Milchtüte, nämlich nicht unkontrolliert irgendwo Flüssigkeit zu verlieren, aber bei den meisten funktioniert das Teil – mehr oder weniger.

Schon im Mutterleib fängt es an zu arbeiten. Es nimmt Eindrücke wahr und prägt damit schon die ersten Grundzüge einer Persönlichkeit. Mit der Geburt wird es dann von Reizen überflutet, positiven wie negativen. Je mehr Reize auftreten, desto mehr Synapsen bilden sich, Verbindungen zwischen den einzelnen Gehirnzellen, die – einfach ausgedrückt – die Leistung, die Intelligenz, die Aufnahmefähigkeit des Organs bestimmen.

Nach zwei Lebensjahren endet dieser Prozess. Dann ist entschieden, ob das Oberstübchen eine Gartenlaube, ein Einfamilienhaus oder eine Luxusvilla geworden ist.

Danach werden zwar weiterhin Eindrücke verarbeitet, aber die führen nicht zu neuen Synapsen, sondern bestimmen mehr, ob aus der Gartenlaube ein behagliches Heim mit Anschluss an die Stadtbücherei wird, oder ob die Luxusvilla lediglich mit Matratze und Fernseher in RTL2-Dauerschleife ausgestattet ist.

Warum schreibe ich das hier eigentlich? Ah! Jetzt fällt es mir wieder ein: Ich hab an meinem Schreibtisch gesessen und über Erinnerungen nachgedacht. Auch so eine tolle Einrichtung unseres Gehirns. So werden uns schöne Augenblicke im Leben für immer bewahrt. Leider auch die unschönen Dinge, aber an die muss man ja nicht denken.

Leider ist die Kapazität irgendwann erschöpft und für neue Eindrücke gehen ältere verloren. Oder aber man nimmt keine neuen Eindrücke mehr auf und lebt in der Vergangenheit, was häufig bei älteren Menschen der Fall ist.

Ich hatte mal einen Kollegen, der war ein wahrer Fleischberg, über zwei Meter groß. Wenn er sich in einen Türrahmen stellte, wurde es im Raum dunkel. Damit das auch so blieb, aß er. Ständig. Ich glaube seine innerdienstliche Kalorienaufnahme lag so bei Zehn- bis Zwölftausend pro Schicht. Das einzige, was bei ihm als störend empfunden werden konnte, war das starke Schnaufen, wenn er sich bewegte, denn er war zudem auch starker Raucher. Wie es sich für einen anständigen Schutzmann gehört, war er auch verheiratet, mit einer absolut zierlichen Dame, die es auf gerade mal auf 165 cm brachte.

Eines Tages saß dieser Kollege im Aufenthaltsraum und sagte zu mir: „Mike! Heute geht es mir so richtig gut!“

„Warum das?“, fragte ich.

„Ich bin heute vor dem Dienst noch meinen ehelichen Pflichten nachgekommen!“ Sprach’s und ein Quarkbällchen, drapiert auf einer halben Puddingschnecke, verschwand nebst dieser in seinem Rachen.

Für dieses Bild vor Augen starb in mir eine schöne Kindheitserinnerung. Es brannte sich in mein Hirn und irgend etwas musste dafür weichen. Was? Keine Ahnung! Die Erinnerung ist ja weg. Unwiederbringlich.

Und ich bin der festen Überzeugung, dass auch Quarkbällchen und Puddingschnecke eine weitere Erinnerung aus unbedarfteren Tagen ausgelöscht haben.

So ist das: Besonders eindrucksvolle Bilder brennen sich ein, andere, nicht so intensive Bilder sind futsch. Eben konnte man sich noch dran erinnern, dass man als Bengel für eine geklaute Tafel Schokolade vom Vater den Arschvoll seines Lebens bekommen hat. Und fünf Minuten später erzählt man seinem Kumpel: „Mein Papa hat nie die Hand gegen mich erhoben.“ Was noch nicht mal gelogen ist. Man hat es halt nur vergessen. Nur weil der Kumpel gerade ’ne Zote gerissen hat.

Aber warum sollte das nur Kindheitserinnerungen betreffen? Könnten nicht auch jüngere Ereignisse aufgrund intensiver Erlebnissen einfach verschwinden? Wie intensiv muss ich mir die Erlebnisse eines Andi Scheuer vorstellen, dass er den Hinweis „Wir können auch warten mit der Unterschrift.“ einfach vergessen hat? Oder erinnern Sie sich noch an Helmut Kohls Blackout? Wenn ja, war Ihr Leben vielleicht nicht so spannend. Was hat der Mann kurz vor der Befragung erlebt? Vollständiger Blackout! Unvorstellbar, aber möglich.


Neulich am Baggersee

September 7, 2020

Was für ein Sommer! Tauwetter für Dicke! Temperaturen jenseits der 30 Grad, bei denen man sich nicht einmal mehr bewegen muss, damit die Suppe den Schädel runter läuft. Da möchte man sich am liebsten den ganzen Tag ins Wasser legen. Ab ins Schwimmbad! Aber als Langschläfer habe ich in diesem Jahr ein Problem: Zugangsbeschränkung aufgrund der Pandemie.

Da ist der Gartenbesitzer besser dran. So ein eigener Pool ist was feines, den gibt es von Luxus in Beton bis hin zu billig für einen Sommer – Hauptsache Wasser zum Reinlegen. Wer noch keinen hat, kann sich jetzt noch überteuert einen aus dem Baumarkt holen und hoffen, dass er den im nächsten Jahr auch noch befüllen darf.

Auf meinem 9-Quadratmeter-Balkon reicht es gerade mal für ein kleines Plantschbecken. Vorausgesetzt ich entferne den Tisch und die beiden Stühle. Aber wo will ich dann abends sitzen? Im Plantschbecken könnte es dann doch ein bisschen kalt für die Blase werden. Und krank werden möchte ich bei diesem tollen Wetter auch nicht.

Da bleibt wohl nur der Baggersee. Schnell die Sachen zusammen gesucht und das Fahrrad aus dem Keller geholt, was mir einen weiteren Liter kostbare Flüssigkeit aus dem Körper trieb und losgeradelt.

Endlich am See angekommen musste ich dann jedoch feststellen, dass noch viel mehr Menschen die gleiche Idee wie ich hatten. Wo ich auch hinschaute: Menschen über Menschen. Abstände? Fehlanzeige. Und das in diesen Zeiten. Unglaublich.

Ich hatte wenig Lust, mich da noch irgendwo zwischen zu quetschen und suchte daher erst einmal die Strandbar auf, um wenigstens den eigenen Flüssigkeitshaushalt wieder auf Vordermann zu bringen. Mit einem kühlen Bier in der Hand setzte ich mich auf einen Hocker und beobachtete die Leute am Strand.

Den Poser! Mit aufgeblähter Brust und vorgehängter überdimensionaler Goldkette, stolzierte er zwischen den Damen auf und ab. Immer darauf erpicht einen Blick unter den Bikinistoff werfen zu können.

Etwas weiter hockte, stand, lag eine Gruppe Jugendlicher. Sie waren mit dem neuen Ferienspiel „Wer wird Tagesvollster?“ beschäftigt. So unsicher, wie die Flasche Hochprozentiger weitergereicht wurde, schien man auch schon in der finalen Runde zu sein. Jedenfalls stand der Favorit bereits fest: jener junge Mann, der gerade seinen Mageninhalt via Würfelhusten auf seinem T-Shirt drapierte.

Dann sah ich die beiden Mädchen. Nein, nicht was Sie jetzt wieder denken. Die beiden lagen in trauter Zweisamkeit nebeneinander, aber irgendwas stimmte nicht. Die hatten kein Handy in der Hand. Stattdessen waren ihre Blicke in diese komischen Dinger vertieft, die Sie bestimmt auch kennen. Diese Pappdeckel mit den Blättern dazwischen. Wie heißen die noch? Becher! … Ach, ne! Bücher!

Das interessiert mich und ging zu den beiden Mädels hin. Ich räusperte mich und fragte: „Sagt mal, was macht ihr beiden denn da?“

„Wir lesen“, sagten beide wie aus einem Mund.

„Das sehe ich“, antwortete ich. „Aber warum? Habt ihr keine Smartphones?“

„Doch“, sagte das eine Mädchen, „aber warum soll ich auf dem ollen Teil rumtippen, wenn ich doch ein spannendes Buch lesen kann?“

„Und lesen bildet doch auch“, ergänzte das andere Mädchen. „Das sagen unsere Eltern auch immer.“

„Guckt ihr denn wenigstens ab und an RTL 2 zu Hause?“, fragte ich.

„Ne, wir gucken kein Privatfernsehen. Lieber eine schöne Dokumentation auf 3sat oder Arte.“

Verdammt!, dachte ich. Auch das noch. Zerrütte Verhältnisse. Möglicherweise spielen die Eltern auch noch Schach oder so.

„Aber wie wollt ihr euch denn auf das Leben vorbereiten?“

„Ist Bildung keine gute Vorbereitung?“, fragte die eine.

Nachdenklich schaute ich zu dem Favoriten hinüber, der gerade versuchte, sich von seinem T-Shirt zu befreien und dabei den Auswurf in seinen Haaren verteilte. Hätte ihm Bildung helfen können? Irgendwie hatten die Mädels recht: Lesen bildet. Wer liest, besäuft sich nicht. Und wer nicht besoffen ist, hat eigentlich auch mehr vom Leben und weniger Kopfschmerzen.


Internet und Social Media

August 3, 2020

Wir leben in tollen Zeiten. Gut, mit Einschränkungen. Dieses Jahr 2020 ist irgendwie gebraucht. Würde ich gerne zurück geben, nur das geht leider nicht.

Aber sonst? Wir können weltweit kommunizieren – außer mit Nordkorea; das gestaltet sich schwieriger. Und wir können uns aus der ganzen Welt Wissen heranschaffen. Wir sind keiner endlosen Propaganda wie unsere Vorväter und -mütter (nur wegen der Gleichbehandlung erwähnt) ausgesetzt, sondern wir können uns völlig frei informieren. Bequem vom Wohnzimmer aus – dank Internet.

Irgendjemand hat auf einem Sachgebiet Ahnung, schreibt eine Abhandlung und stellt sie in das Internet. Sie haben Interesse an diesem Thema und können sich anhand dieser Abhandlung weiterbilden. Die wohl größte Sammlung solcher Abhandlungen nennt sich Wikipedia und hat seit Jahren das 24bändige Universallexikon abgelöst. Es ist zwar nicht alles richtig, was man da zu lesen bekommt, manches fehlt auch, aber man muss ja auch nicht alles wissen.

Die neueste Form sogenanntes Wissen zu verbreiten, ist das Meme. Memes sind Bilder, auf denen man einen kurzen, prägnanten Text – meist nur ein Satz – platziert. Ob es dann ein Faktum, ein Sinnspruch oder nur ein Witz ist, wird anhand des Machers und der eigenen Bildung entschieden.

Beispiel: Ich nehme ein Bild von Harald Juhnke und schreibe drauf: Glaube nicht alles, was du im Internet liest, nur weil ein Foto und ein Zitat dabei sind. – Dieter Thomas Heck, Lead-Sänger von Dschinghis Khan.

Wenn ich dieses Bild bei Facebook einstelle, verschafft mir das mindestens 40 Lach-Smilies. Aber nur die Hälfte haben den Witz und die Aussage dahinter verstanden. Der Rest lacht mich aus unterschiedlichen Gründen aus. Ein Teil von diesem Rest erkennt auf dem Bild Gerd Fröbe. Den muss man kennen, der war doch mal Bundesaußenminister! Andere erkennen den ehemaligen Formel-1-Piloten Klaus Kinkel. Der nächste kennt zwar den Typen auf dem Bild nicht, weiß aber ganz genau, dass Dieter Thomas Heck blond ist und seit Jahr und Tag in der Öffentlichkeit eine dunkle Sonnenbrille trägt.

Und der letzte denkt: Ach guck! Das ist also Dieter Thomas Heck. Aber der war doch kein Sänger? Der war doch Nachrichtensprecher bei der Tagesschau! Hätte der Schliekau ja auch erkennen können. Guckt der keine Nachrichten? Bei den komischen Ansichten, die der hat, bestimmt nicht. Und lacht mich aus.

Wie dem auch sei. Im Internet verbreitet sich viel Wissen und auch viel Unwissen. Auf Attila und die vegane Corona-Kombo möchte ich jetzt nicht eingehen.

Wenn Sie also etwas wissen möchten, suchen Sie im Internet. Auch wenn Sie nur eine Anleitung brauchen. Sie werden sie finden. Nur einen Gefallen sollten Sie sich tun: Fragen Sie nicht nach Wissen!

User 1: Ich muss ein Achter Loch bohren. Sollte ich da mit einem kleineren Bohrer vorbohren?

User 2 (der Normalo): Jo. Am besten mit nem 5er.

User 3 (Spaßvogel 1): Und dann mit nem 3er hinterher rutschen. Lol.

User 4 (Spaßvogel 2): Oder du nimmst zwei 4er. Dann musste nicht mal umspannen. Rofl!

User 5 (der Schlaumeier): Ein 8er-Loch kann man nicht mit nem 5er vorbohren. Der 8er ist doch viel länger als der 5er. Sieht man doch auf den ersten Blick.

User 6 (der Schmutzfink): Meiner ist auch länger.

User 1: Hallo! Es geht um ein Loch in der Wand!

User 7 (Typ Hausmotz): Solange du nicht nach 19 Uhr bohrst, kannst du das machen, wie du willst.

User 6: Loch in der Wand? Ist doch langweilig!

User 8 (der Analytiker): Wozu brauchst du denn das Loch?

User 1: Ist das nicht egal?

User 9 (der Internet-Philosoph): Niemand in der Welt braucht ein 8er-Loch, außer der Golf-Spieler, den der braucht 18 Löcher.

User 8: Also, wenn du mir nicht sagen willst, wofür du das Loch brauchst, kann ich dir nicht richtig helfen. Ich muss doch wissen worum es geht, damit ich dir die richtige Antwort geben kann.

User 10 antwortet auf User 9: Hast recht! Mein Alter ist Handwerker. Der hat mal nen 8er Dübel in ein 6er Loch geschlagen. Ging auch!

Sind Sie ein normaler Mensch, dann platzt Ihnen spätestens hier der Kragen. Infolge werden Sie für eine Woche auf Facebook gesperrt, müssen sich einen Handwerker suchen, der mit einer schweren Hilti für 76,29 Euro plus Mehrwertsteuer plus Anfahrtkosten das Loch bohrt und gleichzeitig großflächig den Putz von der Wand bröckelt.

Also, stellen Sie keine Fragen!


Experten

Juli 7, 2020

Es ist ein kaum beachtetes Phänomen, dass das deutsche Volk offensichtlich nur aus Experten besteht. Schon zur Fußballweltmeisterschaft zeigte sich, dass wir zwar nur einen Bundestrainer haben, aber mindestens achtzig Millionen Bundesbürger, die diesen Job besser gemacht hätten.

Gerade in der heutigen Zeit ist der Rat des Experten gefragt. Virologen, Epidemiologen und was der Fachkräfte mehr auf dem Markt ist. Und alle haben sie eine Meinung, nämlich die eigene, die von der anderer natürlich abweicht.

Auch wer nicht studiert oder promoviert hat, gibt gerne seinen Senf dazu, meist ungefragt. Schließlich informiert sich der aufmerksame Bürger in dem täglich erscheinenden Wissenschafts-Fachjournal aus dem Springer-Verlag, welches auf Seite 1 mit so existentiellen Sachverhalten aufwartet wie „Corona! Was Sie jetzt über das Virus wissen müssen!“ Auf Seite 3 lesen wir dann, dass Philipp Amthor vor dem Bundestag keinen Parkplatz findet, gefolgt von der Spitzeninformation auf Seite 4, dass der Wendler pleite ist. Nur über das Virus steht da nichts.

Trotzdem redet der geneigte Leser, den es eigentlich gar nicht gibt (Niemand hat die Absicht, diese Zeitung zu kaufen!) mit.

Damit unterscheidet er sich wenig von unseren politischen Eliten, die sich in diversen Talkshows die Klinke in die Hand und das Wort aus dem Mund nehmen. Manchmal frage ich mich allerdings, wer diese Politiker zu den Talkshows einlädt? Oder laden die sich selbst ein? Nach dem Motto: Ich habe schlechte Umfragewerte. Ich muss mal wieder ins Fernsehen?

Wie muss ich mir ein solches Casting vorstellen?

Für die nächste Talkrunde brauchen wir einen Rechtsexperten.“

Wie wär‘s mir dem Gauland?“

Einen Rechtsexperten, keinen rechten Experten!“

Ach, so!“

Außerdem möchte diesmal nicht so viele Politiker in der Runde.“

Dann nimm den Markus Lanz! Der hat doch immer recht.“

Der soll die Runde schon moderieren.“

Wir könnten den Pfeiffer fragen, ob der Zeit hat.“

Der ist Kriminologe, kein Jurist! Haben wir denn keinen Juristen in der Kartei?“

Äh …, die sind alle im Urlaub.“

Irgendjemanden müssen wir doch noch greifbar haben.“

Da wäre noch Anton Schneidbrenner.“

Welche Qualifikation?“

Wird ständig wegen verschiedener Delikte von der Kriminalpolizei vernommen.“

Ich soll einen Straftäter in die Show einladen? Kommt gar nicht in Frage!“

Das ist ja das schöne: Er ist noch nie verurteilt worden. Kennt sich also mit dem Rechtssystem aus. Und heißt es nicht ‚In dubio pro libido‘?“

Reo!“

Wie?“

Egal! Noch jemand?“

Ah! Hier: Frau Dr. Hiltrud Dingeldei!“

Hört sich gut an. Juristin?“

Äh, nein.“

Aber studiert hat sie, als Frau Doktor. Was macht sie beruflich?“

Also studiert hat sie jetzt nicht. Sie ist die Ehefrau von einem Landarzt und wird deshalb in ihrem Ort Frau Doktor genannt.“

Das ist doch keine Qualifikation. Was hat die mit Recht zu tun.“

Die Dame ist Putzfrau am Amtsgericht und liest im Richterzimmer immer die Fallakten. Also wenn die sich nicht auskennt, dann weiß ich auch nicht weiter.“

Ich kann doch keine Putzfrau in die Talkrunde nehmen.“

Wieso nicht? Mit der Kramp-Karrenbauer ging das doch auch.“

Es hilft nichts: Wir nehmen die üblichen Teilnehmer: Roth, Hofreiter, Merz, Lindner und die Weidel. Soll der Lanz zusehen, was er daraus macht.“

Und jetzt wird uns auch klar, warum immer die gleichen Gesichter in den Talkrunden zu sehen sind, egal um welches Thema es sich handelt.


Neulich an der Markthalle

Juni 1, 2020

Vor ein paar Wochen sahen unsere Innenstädte noch wie Geisterstädte aus. Kaum ein Mensch auf den Straßen. Wer nicht unbedingt irgendwohin musste, blieb zu Hause. So nach und nach nähern wir uns der Normalität. Die Geschäfte dürfen wieder öffnen und seit kurzem auch die Restaurationen. Das haben meine Frau und ich letzte Woche genutzt, uns ein sonniges Plätzchen an der Markthalle gesucht, um ein leckeres Getränk zu genießen.

Doch anstatt unsere erste Bestellung entgegen zu nehmen, legte uns die Kellnerin Zettel und Stift auf den Tisch. „Das müssen Sie erst mal ausfüllen“, sagte sie. „Ist neue Vorschrift!“

Klar, um nachvollziehen zu können, wer sich möglicherweise durch Kontakt im Restaurant infiziert hat, soll man seinen Namen und seine Erreichbarkeit hinterlassen. Das hat Sinn!

Ich nahm den Stift zur Hand, als ich ein „Pst!“ hörte. Irritiert drehte ich mich um.

Schreiben Sie bloß nicht Ihren richtigen Namen auf den Zettel!“, raunte mir ein Mann vom Nachbartisch zu.

Warum nicht?“, fragte ich zurück. „Ich will doch informiert werden, falls es in diesem Lokal einen Corona-Fall gibt und ich mich möglicherweise angesteckt habe.“

Papperlapapp! Corona!“, wiegelte der Mann ab. „Damit hat das überhaupt nichts zu tun.“

Aber es steht doch auf dem Zettel“, antwortete ich.

Sie glauben offensichtlich auch, was in der Tageszeitung steht“, sagte mein Gegenüber.

Hören Sie!“, setzte er kurz darauf erneut an. „Das alles dient lediglich der staatlichen Überwachung. Mit diesem Zettel helfen Sie den Behörden, ein Bewegungsbild von Ihnen zu erstellen.“

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es den Staat interessiert, ob ich Pizza oder Steak bevorzuge.“

Da haben Sie möglicherweise recht, aber er will wissen, welche Restaurants sie bevorzugen.“

Aber warum?“, fragte ich.

Wegen Bill Gates!“

Hä?“

Der hat doch die WHO gekauft, um alle Menschen zwangsimpfen zu können. Doch hier in Deutschland klappt das nicht.“

Wegen unseres Grundgesetzes“, warf ich im Brustton der Überzeugung ein.

Ach was, Grundgesetz! Pff! Hier sind einfach schon zu viele Menschen erwacht. Deswegen! Und daher versucht man nun die Chips als Nanoroboter in unserer Nahrung zu verabreichen, damit er endlich die Kontrolle über die Menschen zurück erlangt.“

Warum sollte er das wollen?“, fragte ich.

Sie wissen doch sicher, dass Bill Gates einer der letzten Atlanter ist“, sagte der Mann.

Äh, ja. Und Angela Merkel ist seine Schwester.“

Quatsch! Das ist reine Verschwörungstheorie von irgend so einem Wirrkopf. Angela ist die Cousine zweiten Grades von Bill Gates“, erwiderte er mit erhobenen Zeigefinger.

Wie dem auch sei“, fuhr er fort, „die Menschheit wurde damals in geheimen Gen-Labors auf Atlantis gezüchtet. Deshalb suchen wir auch vergeblich nach dem Missing Link. Das gibt es gar nicht. Und nun ist die Menschheit außer Kontrolle geraten und muss wieder zur Räson gebracht werden.“

Mit Nanobots, die in meine Pizza eingebacken werden …“

Genau!“, nickte der Mann. „Schauen Sie mal da drüben den Kellner an!“

Ich drehte mich zur anderen Seite.

Nicht so auffällig, Mann!“, schrie er entsetzt flüsternd. „Was glauben Sie, was er da macht?“

Er tippt die Bestellung des Gastes in sein Gerät und übermittelt sie an die Kasse“, antwortete ich.

Blödsinn! Die Bestellung kann er sich so merken. Er scannt die Hirnfrequenz des Gastes und übermittelt die Daten an die CIA!“

Nicht an Microsoft?“, fragte ich lächelnd.

Kopfschüttelnd stand der Mann auf. „Bei Ihnen ist Hopfen und Malz verloren. Ich hoffe für Sie, dass Sie eines Tages erwachen, bevor es zu spät ist.“

Das hoffe ich auch. Irgendwann muss wieder Normalität eintreten. Die Menschen werden immer verwirrter durch diese Situation. Das dachte wahrscheinlich auch die Kellnerin, als ich statt eines Aperol-Spritz eine Rolle Alufolie bei ihr bestellte.