Michael Schliekaus Blog

April 2, 2012

Werbung

Einsortiert unter: Gesellschaft — Michael Schliekau @ 08:12
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Werbung ist allgegenwärtig. Keine Zeitung, die sich nicht zum großen Teil aus Anzeigen finanziert. Halb verhungerte Models schauen uns von Litfaßsäulen herab lasziv-verstört an. Bushaltestellen erklären uns, dass geil einfach geil ist oder dass sie nicht blöd sind. Auch sonst werden unsere schönen Städte mit Plakaten zugekleistert, die einen auffordern, dieses oder jenes Produkt zu kaufen.

Im Radio ertönt stündlich Werbung, gefolgt von einem Jingel, der mir klar macht, welchen Sender ich gerade eingeschaltet habe und vor allem, warum? Und das meist noch in einem grauenvollen deutsch.

Doch die wahre Werbehölle ist und bleibt das Fernsehen. Aufgefallen ist es mir neulich beim Boxen. Früher konnte man noch zwischen den Runden verfolgen, wie der Trainer seinen Schützling ob der schlechten Leistung zur Sau macht. „Lass ihn nicht an dich ran!“ oder „Hau doch auch mal zu!“ waren die Bonbons einer jeden Box-Übertragung.

Heute muss ich mir anhören, dass eine alkoholfreie Plörre immerhin Vitali-sierend ist oder ich versagt habe, weil ich mir noch nicht alle Autos gekauft habe, die ich mir jemals wünschte, obwohl doch eine Website über eine Million Fahrzeuge anbietet.

Spaß macht da höchstens der Spot, in dem Dieter Bohlen von einem unbeholfenen Handwerker einen Balken an den Kopf geschlagen bekommt. Aufgrund der kurzen Kampfpausen hat auch das Wegzappen keinen Zweck, also schau ich mir die Spots zwangsweise an, wenn ich nicht gerade damit beschäftigt bin, mir ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank zu holen.

So mancher Werbespot bleibt sogar im Gedächtnis haften. So habe ich gelernt, dass Koffein gut für den Haarwuchs sein soll. Ich habe schon darüber nachgedacht, meinen Kaffee morgens nicht mehr zu trinken. Da auch mein Haupthaar immer lichter wird, könnte ich ihn ja kalt werden lassen und mir dann über die Haare kippen. Vielleicht hilft’s und ich muss mir dieses teure Shampoo nicht kaufen. Denn wenn ich immer alles kaufen würde, was laut Werbung gut ist, wäre ich ein armer Mann oder hätte diverse easy-Kredite und am Ende den Zwegart im Haus.

Außerdem geht’s ja um das Koffein – sagt zumindest dieser komische Professor an seinem Computer.

Werbung kann nicht nur lehrreich sein, sie ist zudem auch in der Lage, Massen zu bewegen. Sie kennen sicherlich den Spot, in dem Dirk Nowotzki eine Metzgerei betritt. Die zunächst in Ehrfurcht erstarrte Metzgersfrau („Jessas, der Dirk!“) reicht dem Profi schließlich eine Scheibe Schinkenwurst mit der Frage „Was haben wir früher immer gesagt?“ „Damit du groß und stark wirst“, antwortet der Dirk.

Nun kann man geteilter Meinung sein, ob eine Schinkenwurst, von der wahrscheinlich nur der Schlachter weiß, was wirklich drin ist, gesund ist oder nicht. Ob man davon groß und stark wird, mag vielleicht auch dahingestellt sein. Ich finde den Spot auf jeden Fall witzig. Tausende Vegetarier und Veganer waren da anderer Meinung. Sie bombardierten die für den Spot verantwortliche Bank mit empörten Mails, so dass diese ihren Internetauftritt kurzzeitig vom Netz nehmen musste. Und warum?

Wahrscheinlich, weil der Gemüsehändler versagt hat. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich als kleiner Stepke vom Schlachter immer eine Scheibe Wurst bekommen habe. Hatte er gute Laune, gab’s auch schon mal ‘ne Wiener auf die Hand. Das war so üblich, ist es heute teilweise noch. Das können auch Millionen Vegetarier nicht ändern. Woran ich mich nicht erinnern kann, ist der Umstand, dass mir der Gemüsehändler ‘ne Möhre in die Hand gedrückt und gesagt hat „Damit du später mal keine Brille brauchst.“

Aber Werbung kann nicht nur lehrreich oder bewegend sein. Werbung klärt auch auf. So kommen wir nun zu meinem Lieblingswerbespot für ein angeblich gesundheitsfördernden Yoghurt. Sie kennen den sicherlich auch: Da ist diese komische Frau, die so tut, als richte sie ihre eigene Kamera aus. Dann stellt sie sich vor und kommt gleich zur Sache, denn sie muss uns etwas gaaaaaaanz privates erzählen. Und sie berichtet, dass sie sich manchmal so unwohl fühlt, so aufgebläht. Dabei verzieht sie die Nase derart, dass sie Ähnlichkeit mit einem wohlschmeckenden rosa Tierchen bekommt. Aber das nur nebenbei. Sie dachte auf jeden Fall immer, dass sei normal.

Und ich bin um eine Erkenntnis reicher, denn ich dachte immer, die Frau sei dick und nicht nur aufgebläht. Da bin ich doch froh, dass sie uns das endlich mal gesagt hat.

August 1, 2011

Typisch deutsch

Einsortiert unter: Gesellschaft — Michael Schliekau @ 09:39
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Vor einiger Zeit fand sich in einer großen deutschen Boulevard-Zeitung ein Artikel über die Angst der Engländer, zu sehr deutsch zu sein. Historisch gesehen stammen die meisten ihrer Vorfahren aus dem hiesigen Raum, der heute Deutschland ausmacht, was der natürlichen Abneigung der Inselbewohner gegen uns – die es offiziell eigentlich gar nicht gibt – zu wider läuft. Nun dürfen die Engländer im britischen Pendant unserer Zeitung einen Test machen, um festzustellen, ob sie eher deutsch oder doch glücklicherweise mehr britisch sind.

Mir stellte sich beim Lesen dieser Meldung die Frage, was deutsch eigentlich bedeutet? Gibt es den typischen Deutschen? Wohl eher nicht. Der Urbayer kann mit einem drögen Hamburger nicht umgehen. Dem Friesen sind die allemannischen Bräuche eher suspekt. Genauso ist der schwäbische Geiz in Berlin völlig fehl am Platze.

Selbst mit der gemeinsamen Sprache hapert es. Wir haben zwar das verbindliche Hochdeutsch im Duden festgeschrieben, aber wer spricht das schon? Der Kölner hat bereits zwanzig Kilometer außerhalb seiner Stadt in der Eifel Schwierigkeiten, nach dem Weg zu fragen. Von einem Thüringer in Oberbayern will ich gar nicht erst anfangen.

Fazit: Typisch deutsch gibt es eigentlich nicht! Oder doch?

Betrachten wir mal ein Dorf in tiefster Provinz mit Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Es befindet sich also eine Bushaltestelle in dem Ort. In England sieht das so aus, dass irgendwo am Straßenrand ein Mast mit entsprechendem Schild steht. Sonst nichts – auch kein Fahrplan.

Für den Deutschen wäre dies schon mal ein Grund, sich bei den Verkehrsbetrieben per Anruf oder aber mit einem geharnischten Brief zu beschweren. Woher soll er wissen, wann der Bus kommt? Die Ruhe eines Briten, der sich einfach an die Haltestelle stellt und wartet, hat er nicht.

Führt die Beschwerde nicht umgehend zum Erfolg wendet er sich an die Presse oder gründet mindestens die Bürgerinitiative “Pro Fahrplan!”, natürlich unter Einbeziehung des örtlichen Landtagsabgeordneten, um den Forderungen mehr Gewicht zu verleihen.

Dem Briten ist das egal. Er steht auch so an der Bushaltestelle. Fragt man ihn, wann der Bus kommt, wird er lapidar mit “Soon!” (zu deutsch: bald) antworten, wobei dieses “Soon!” einen Zeitraum von einer Minute bis zu drei Stunden umfassen kann. Irgendwann wird der Bus schon kommen.

Geben Sie eine solche Antwort mal an einer deutschen Bushaltestelle. Im günstigsten Fall wird Sie der Fragesteller gedanklich verfluchen. Das anschließende Erscheinen eines Rettungswagens wäre aber auch nicht abwegig. Dem Deutschen verlangt es nun mal nach Präzision.

Irgendwann wird schließlich dem Druck der Bürgerinitiative nachgegeben und ein Fahrplan ausgehängt. Hat man den dazugehörigen Volkshochschulkurs erfolgreich absolviert, bereitet auch das Lesen dieses Plans keine Schwierigkeiten. So weiß der deutsche Dorfbewohner jetzt, dass der Bus planmäßig alle paar Stunden fahren müsste, und zwar genau 26 Minuten nach der vollen Stunde.

Dem Briten ist das immer noch egal. Der Bus kommt irgendwann.

In der 27. Minute nach der vollen Stunde beginnt der Deutsche unruhig mit den Füßen zu tippeln. Verdammt! Schon wieder Verspätung.

Es wird 28 nach: Nervös schaut der Deutsche auf die Uhr.

Um halb zückt er das Handy. Erst mal den Chef informieren, dass es möglicherweise später wird.

Zwei Minuten nach halb zückt er erneut das Handy und holt die Nummer seines Rechtsanwalts in den Kurzwahlspeicher. Sicher ist sicher!

Der Brite zückt weder sein Handy (so etwas hat er auch gar – höchstens ein mobile phone) noch schaut er auf die Uhr. Sollte ihn etwas aus der Ruhe bringen, dann vielleicht die Tatsache, dass es schon drei Stunden nicht mehr geregnet hat, was ihn zu einem sorgenvollen Blick in den Himmel verleiten könnte.

Um fünf nach halb beginnt es tatsächlich zu regnen. Während sich der Brite über das normale Wetter freut, ist der Deutsche verärgert, weil es kein Wartehäuschen gibt. Gedanklich verfasst er eine Petition an den Bundestag, die den Erlass der BuhasteÜbdaVO, der Bushaltestellen-Überdachungs-Verordnung einfordert.

Endlich kommt der Bus. Während der Brite seelenruhig einsteigt, um die Fahrt zu seinem Zielort zu genießen, hält den Deutschen allein der Umstand einer noch größeren Verspätung von der körperlichen Züchtigung des Fahrers ab. Er wird sich auf ein paar wüste Beschimpfungen über den trödelnden Chauffeur beschränken, bevor er seinen Anwalt anruft, um mit diesem die Klage auf Verdienstausfall gegen die Verkehrsbetriebe zu besprechen.

So ist er, der Deutsche! Typisch halt!

Da muss sich der Engländer nun wirklich keine Gedanken machen, eventuell zu sehr nach seiner Abstammung zu kommen.

Juni 6, 2011

Ein Vergleich

Einsortiert unter: Gesellschaft — Michael Schliekau @ 11:53
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Liebe Leserinnen und Leser, Sie kennen sicherlich diesen Spruch, der immer wieder einmal in aller Munde ist: Früher war alles besser! Gerade die älteren unter uns führen dies häufig an. Aber stimmt das wirklich?

Nehmen wir einen handelsüblichen Biergarten. Heutzutage sprießen die Dinger wie Pilze aus dem Boden und so mancher hat mehr mit Bier als mit Garten zu tun, aber davon abgesehen, ist eine solche Einrichtung damals wie heute ein beliebter Treffpunkt.

Früher endete zumeist der sonntägliche Familienausflug in einem Biergarten. Man war froher Dinge. Jeder kannte jeden. Man grüßte sich gegenseitig – die Herren hoben den Hut und das junge Fräulein machte artig einen Knicks. (Ich weiß, liebe Feministinnen, dass dieser Ausdruck heutzutage verpönt ist, aber früher hieß das so!) In unserer Zeit ist der Biergartenbesuch eher anonymer. Wenn ein Gruß notwendig sein sollte, dann allenfalls dem Kollegen oder Vorgesetzten, dem man eigentlich überhaupt nicht begegnen wollte, oder aber dem Knauser aus der Kneipe gestern abend, der einem noch drei Bier schuldet.

Wenn früher eine hochgestellte Persönlichkeit einen Biergarten betrat, standen die Herren auf, hoben ihren Hut und zeigten dem Manne ihre Ehrerbietung. Wenn heute ein Minister den Biergarten am Waterloo in Hannover betritt, würden wahrscheinlich auch viele Menschen aufspringen wollen. Allerdings geht es da nicht um Ehrerbietung, sondern eher darum, diesem Kerl mal gehörig und mit schlagfesten Argumenten die Meinung zu geigen. Dass niemand aufspringt, ist wohl nur den zwei bis drei grimmig dreinschauenden Bodyguards zu verdanken, die den fröhlichen Minister begleiten und am Nebentisch an einer Diät-Cola nuckeln. (Müsste ich in einem Biergarten so etwas trinken, würde ich auch grimmig gucken.)

Früher saß also die Familie vereint an einem Tische. Der Vater trank sein Bier, Mutter ein Gläschen Wein oder Weinschorle, die Kinder hatten ihre Brause. Nebenbei wurden die mitgebrachten Stullen verzehrt. Es wurde geredet. Miteinander – nicht übereinander. Meist brachte der Vater seinen Kindern noch etwas bei, lehrte ihnen die verschiedenen Pflanzen oder Tiere, die es vom Tisch aus zu beobachten gab. Das alles ging dezent vor sich. Am Nebentisch war das Gespräch der Familie schon gar nicht mehr zu belauschen.

Heute ist das nicht mehr so einfach. Vater muss sich erstmal entschieden. Trinkt er Pils, Export oder Weizen; alkoholfrei oder nicht; mit Schuss oder ohne? Die Frau studiert stundenlang die Karte, weil sie nicht weiß, ob sie lieber weißen oder roten Wein, Prosecco oder Sekt trinken soll. Oder doch lieber ein alkoholfreies Weizen mit Bananensaft? (Urghs!) Stulle auspacken geht schon mal gar nicht. Wer das wagt, ist schneller wieder draußen als er sein Bier trinken kann. Also muss man aus der Karte wählen zwischen der deutschen Currywurst, den griechischen Fleischgerichten, Mafiatorten oder dem mediterranen Salat. Vielfalt ist angesagt – und das macht es nicht leichter.

Mancher gar ist schon überfordert.

So ist es kein Wunder, dass der Vater auch keinen Nerv mehr hat, seinen Kindern etwas beizubringen. Außerdem ist eine Unterhaltung gar nicht so einfach, denn die dezente Kapelle von damals ist schon lange durch eine watt-starke Stereoanlage mit Subwoofer und Bassbooster an jeder Ecke ersetzt worden.

Die Kinder toben lieber um Tische und Bänke, als ihrem Alten zu lauschen. Hat der Spinner ihnen doch neulich erst weiß machen wollen, dass Kühe nicht lila sind.

Kinder brauchen ihren Freiraum und der sei ihnen gegönnt. Natürlich unter den strengen Blicken der Mutter. Während der einsame Herr am Nachbartisch einen Kieselstein und die Bröckchen seiner Schneidezähne aus dem Bierglas fischt, kann es durchaus sein, dass die Mutter ermahnend ruft: „Kevin! Du weißt schon, dass du jemandem weh tun kannst, wenn du mit Steinen wirfst?“ – „Ja, Mama!“, kommt es dann zurück. Und am Nebentisch wischt sich der einsame Herr sein Bier von der Hose, nachdem er seinen umgerissenen Stuhl aufgehoben und den schmerzenden Rücken massiert hat.

Angesichts dieser Dinge mag sich so mancher fragen, ob es früher nicht doch besser gewesen ist. Ich vermag diese Frage nicht zu beantworten. Früher war es anders als heute. Wir leben nunmal im Jetzt! Das einzige, was mich wirklich stört, sind jene coolen Dressmen, die alle fünf Minuten an ihr quickendes Mist-Handy gehen müssen, um den Anrufer und der ganzen Umgebung lautstark mitzuteilen, dass sie gestern schon wieder was total tolles gemacht, gekauft, verkauft oder vernascht haben. Das nervt! Und das gab’s früher nicht!

Mai 2, 2011

Grillsaison

Einsortiert unter: Allgemeines,Gesellschaft — Michael Schliekau @ 06:07
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Der Mai ist da! Die Tage werden länger, es wird wärmer. Dieser Tage erfüllt sich ein ehernes Gesetz der Menschheit: Wenn es warm wird, zündet der Mann ein Feuer an!

Was im vergangenen Monat noch eher halbherzig und sporadisch mit gefrorenen Resten aus dem Vorjahr von statten ging, wird nun zum samstäglichen Ritual: die Grillsaison ist eröffnet.

Dabei unterliegt das Grillen ehernen Gesetzen, die unbedingt zu beachten sind. Das wichtigste davon ist einfach formuliert: Frau hat am Grill nichts zu suchen! Mag mann ihr noch zutrauen, auf einer heißen Platte oder in einer geschlossenen Röhre ein einigermaßen schmackhaftes Mahl herzustellen, ist er sich sicher, dass dieses Unterfangen über glühender Kohle oder offenem Feuer von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist.

Allenfalls alleinstehend darf frau es wagen, sich an den Grill zu begeben – den mitleidigen Blicken der männlichen Nachbarschaft ausgesetzt. Denn diese sind sich sicher, sie wird gegen das zweite wichtige Gesetz verstoßen und Gemüse auf den Rost legen – oder noch schlimmer gar: Tofu! Spätestens dann wird sich die entsetzte männliche Nachbarschaft noch entsetzter abwenden.

Das Vergnügen des Grillens ist – so scheint es zumindest – inzwischen in ein festes Schema gepresst. Es beginnt am Freitagabend gegen 22.00 Uhr und nach Missbrauch von mindestens drei bis vier Halben. Einer spontanen Eingebung folgend, die sich aus der Erinnerung an den Wetterbericht der Tagesschau kristallisiert, stößt der Mann den schicksalhaften Satz aus: “Morgen wird gegrillt!”

Unter Verwendung von zwei weiteren Halben wird der Rahmen abgesteckt: Wer wird eingeladen? Was muss noch eingekauft werden? Anschließend geht mann ins Bett, um in eine geräuschvolle mentale Vorbereitungsphase überzugehen. Währenddessen schreibt frau noch schnell den Einkaufszettel oder kocht die Kartoffeln für den obligatorischen Salat.

Am nächsten Morgen beginnt der Tag um 9.00 Uhr. Frau ist seit einer Stunde einkaufen und der Mann begibt sich nach den rituellen drei K (Kaffee, Kippe, Kac…) auf die Terrasse, um diese für das abendliche Spektakulum herzurichten. Nach einer Stunde Fegen, Tischaufstellen und Stühlerücken darf auch der erste Halbe nicht fehlen. Schließlich hat mann sich das nach dieser anstrengenden Arbeit verdient.

Inzwischen ist es 11.00 Uhr. Die Frau ist zurück und er räumt den Einkauf aus dem Auto, was nicht mit einem Anflug von Ritterlichkeit oder Höflichkeit verwechselt werden darf. Nein! Im hintersten Winkel seines Hirns steckt die Erkenntnis, dass es ein verdammt mieser Abend werden könnte, wenn er seiner Frau nicht ein kleines bisschen zur Hand ginge. Und sofern die Frau nicht den Fehler gemacht hat, ausschließlich auf Hähnchenschnitzel und Putensteaks zurückzugreifen, dürfte es ein durchaus gelungener Abend werden.

Anschließend fährt mann zum Getränkemarkt. Eine Kiste Wasser, die Kombikiste mit Cola und Brause, vier Kisten Bier und zwei Säcke Grillkohle wandern auf den Einkaufswagen. Auf dem Weg zur Kasse wird kurz verhalten, um dann noch eine fünfte Kiste Bier einzuladen. Nicht dass der einzig Nüchterne Gast am Abend noch zur Tanke fahren muss, um teuer Nachschub zu holen. Schließlich ist der (meist die) sowieso schon gestraft genug, weil sie/er die ganze besoffene Bagage nach Hause bringen darf. Dazu gesellen sich noch ein Karton Prosecco für die Damen, die trinken dürfen, und mehrere Flaschen Kurze, denn das Verzehrte soll natürlich anständig verdaut werden.

Einem gelungenen Abend steht nun wirklich nichts mehr im Wege.

Gegen 16.00 Uhr, zu einer Zeit, zu der sich anständige Menschen am Kaffeetisch einfinden, beginnt der Griller mit den Vorbereitungen. Die erste Lore Kohlen landet in der Schale und wird entzündet. Bewaffnet mit einem Halben wird die Glutentwicklung fachmännisch beobachtet und begleitet. Gelegentliches Pusten oder Fächeln erweckt den Anschein, dass es sich um einen komplizierten und nicht von jedermann beherrschbaren Vorgang handelt.

Mit Erscheinen der Gäste gegen 18.00 Uhr wandert die erste Fuhre Grillgut auf den Rost: Nackensteaks, Bauchfleisch, Bratwurst und – wenn es sich denn nicht vermeiden lässt – auch ein Hähnchenschnitzel. Der Duft verbrannten Fetts zieht durch die Siedlung und löst das eine oder andere Spontan-Event in der Nachbarschaft aus.

Innerhalb kürzester Zeit werden in dieser Art Berge von Fleisch verarbeitet, zusammen mit Unmengen Kartoffelsalat verputzt, das Ganze noch mit mehreren Litern Bier abgelöscht und mit diversen Kurzen zur Verdauung gezwungen.

Am Ende zeugen nur noch ein schwarz verkrusteter Grillrost und mäkelig beiseite geschobene Fettränder von der ehemaligen Existenz eines ganzes Schweins. Lautstark vernichten die männlichen Teilnehmer die restlichen Spirituosen, um dann sich gegenseitig auf die Schultern klopfend über den gelungenen Abend zu freuen.

Ist der letzte Gast gegangen, verschwindet die Frau in der Küche, um den Spüler einzuräumen. Der Mann nutzt die Zeit, um horizontal auf dem Sofa den Abend geräuschvoll mental nachzubereiten. Und im hintersten Winkel seines Hirns entsteht klein, aber nicht mehr wegzudenken, die spontane Eingebung, am nächsten Samstag zu grillen.

März 7, 2011

Bei Gericht

Einsortiert unter: Gesellschaft,Polizei — Michael Schliekau @ 12:02
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Es gehört zu den regelmäßig wiederkehrenden Ereignissen im Berufsleben eines Polizeibeamten, vor Gericht als Zeuge geladen zu sein. Dabei beläuft sich die Gefühlsskala von genervt, weil ein übereifriger Winkeladvokat einem die Worte im Mund zu verdrehen sucht, bis hin zu belustigt, weil einer der Prozessbeteiligten etwas komisches von sich gegeben hat.

Unvergessen und immer wieder gern erzählt in unserer Region ist die Geschichte eines Burgdorfer Amtsrichters, der sich amüsiert die Lügengeschichte eines Angeklagten angehört hatte und sich dann an die Schulklasse im Zuschauerraum wandte, die zur Beobachtung eines Strafprozesses gekommen war.

“Wisst ihr, Kinder”, fragte der Richter, “warum wir in diesem Gerichtssaal eine so schöne Holzbalkendecke haben?”

Die Kinder schüttelten den Kopf.

“Ganz einfach”, sagte er mit einem süffisanten Lächeln. “Anhand der Krümmung der Holzbalken kann ich genau erkennen, wie sehr mich der Angeklagte angelogen hat.”

Dann drehte er sich wieder zur Anklagebank und fuhr fort: “So! Und nun noch mal von vorn. Aber diesmal die Wahrheit, bitte!”

Anekdoten in dieser Art kursieren viele. Ich folge einer Ladung immer mit einer gewissen Spannung. Es könnte ja wieder eine neue Geschichte geschehen, die im Kollegenkreis erzählt wird. Und beim letzten Mal wurde ich nicht enttäuscht.

Es war diesmal allerdings nicht der Richter oder ein Anwalt, der mir ein Schmunzeln ins Gesicht trieb, sondern ein Zeuge. Dazu noch einer vom Vorprozess, der sich aufgrund einiger Anträge der Rechtsanwältin in die Länge gezogen hatte.

Nun warteten also mehrere Zeugen vor dem Gerichtssaal auf ihren Aufruf. Meine Kollegin und ich waren nicht gerade begeistert, denn es stand zu befürchten, dass wir möglicherweise länger als eine Stunde zu warten hatten. Und das für eine Strafverhandlung zu der wir als Zeugen selbst nicht viel beitragen konnten. Hatten wir doch lediglich einen kurzen Sachverhalt aufgenommen und den Beschuldigten transportiert.

Doch wir wurden dafür von einem der anderen entschädigt. Er war etwas heruntergekommen, die Kleidung schmuddelig, die Haare in einer Verfassung als hätte er sie vor einiger Zeit in Öl getaucht. Unter den Arm hatte er sich die Hannoversche Allgemeine geklemmt, die wohl ein wenig Bildung vortäuschen sollte. Ungeduldig schlappte die Gestalt nun vor dem Gerichtssaal auf und ab.

“Mann!”, rief er ab und zu aus. “Wie lange dauert das denn noch? Ich hab Durst.”

Und gleich darauf folgte die Erklärung seines Durstes, obwohl ihm offensichtlich niemand zuhörte: “Ich hab nämlich schon zwei Tassen Kaffee getrunken. Und mein Betreuer hat mir gesagt, dass ich zu jeder Tasse Kaffee auch ein Glas Wasser trinken sollte. Das hab’ ich vergessen.”

Offensichtlich hatte er auch den Kaffee vergessen, denn aus seinem Mund roch es nach einem ganz anderen Getränk, welches kalt zu genießen ist. Oder hatte er einfach nur vergessen, sich die Zähne zu putzen? Egal. Beide Gedankengänge wollte ich nicht vertiefen.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt vor einem der anderen Zeugen stehen.

“Sag mal, dich kenn’ ich doch irgendwo her?”

Der andere Zeuge, der durch seine Dienstmarke unschwer als Polizeibeamter zu erkennen war, lächelte. “Na klar, ich hab dich doch schon ein paar Mal auf’m Raschplatz kontrolliert.”

“Ach so”, sagte die Gestalt. “Aber da bin ich ja jetzt nicht mehr so oft.” Sprach’s, drehte sich wieder um und setzte seine Warterunden fort. “Aber irgendwo her kenn’ ich den”, murmelte er dabei.

Während er so auf und ab ging, fiel irgendwann mein Blick auf seine Hose, beziehungsweise auf den Reißverschluss, welcher weit geöffnet war. Als er wieder auf meiner Höhe war, sprach ich ihn leise an: “Eyh Meister, du musst mal deine Hose schließen.”

“Ich weiß”, sagte er. “Geht aber nicht. Der Reißverschluss ist mir heute morgen geplatzt. Und ‘ne andere Hose hab’ ich derzeit nicht. Ich müsste mir wohl mal ‘ne neue kaufen. Aber bei nur Hundert Euro Taschengeld ist das so eine Sache.”

Und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: “Aber ist ja nicht so schlimm. Wo ein Toter liegt, kann ruhig mal das Fenster offen sein.”

Meine Kollegin und ich sahen uns sprachlos an. Diesen Spruch kannten wir beide nicht. Aber wir haben noch den ganzen Nachmittag darüber gelacht.

Februar 7, 2011

Die mediale Katastrophen-Sau

Einsortiert unter: Gesellschaft — Michael Schliekau @ 12:35
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Die Leere meines Vorratsschranks trieb mich letztens wieder in den örtlichen Discounter. Und hier begegnete ich ihm, dem Durchschnitts-Nachrichtenkonsumenten, der sofort unhinterfragt verinnerlicht, was die Medien ihm vorsetzen.

Ungeduldig zuppelte er einer der Angestellten am Kittel. “Sagen Sie mal, junge Frau”, rief er dabei lautstark. “Haben Sie hier auch Bio-Eier? Die da kann man ja nicht essen, seit dieser Seveso-Sache!”

Seveso? Das war doch in den 70ern. So alt sollten die Eier selbst in diesem Markt nicht sein.

Aber halt! Wir haben es derzeit wieder mit Dioxinen zu tun, die irgendein gewinngieriger Futtermittelhersteller in Form von technischen Fetten ins Hühner- und Schweinefutter gemischt hatte. Natürlich ist das nicht in Ordnung. Darüber bedarf es auch keiner Diskussion. Aber was uns da wieder einmal von der Presse geboten wurde, war auch nicht das Gelbe vom Ei.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass jeder von uns bei der Erwähnung des Wortes “Dioxin” sofort an Seveso denkt. Aber wussten sie, dass es 200 verschiedene Dioxine gibt? Und keines der 199 anderen ist so toxisch wie das Seveso-Gift. Aber da schweigt sich die Presse einmal mehr aus, denn nach wie vor gilt: Je dramatischer die Sache aufgezogen wird, desto besser sind die Verkaufszahlen.

Die Politik tut dazu ein übriges, um das Thema warm zu halten. Die Parteien werfen sich gegenseitiges Versagen vor und Minister, die noch nicht mal im Amt sind, werden zum Rücktritt aufgefordert, weil der eigentliche Minister fieser weise zurücktrat, ohne dass die Opposition sich entsprechend vorbereiten konnte.

Auf der anderen Seite haben Experten aber schon ausgerechnet, wie viele Frühstückseier Sie noch essen dürfen, bevor Sie den Grenzwert an Giftbelastung erreicht haben. Vielleicht sollten Sie vorher aber mit Ihrem Hausarzt reden. Der hat bestimmt eine andere Meinung zum täglichen Konsum von fünf Frühstückseiern. Und womit? Mit Recht!

Aber zurück zum Durchschnittskonsumenten. Natürlich gab es im Discounter auch Bio-Eier, bei denen er beherzt zugriff. Wussten Sie übrigens, dass auch ohne entsprechende Futtermittel Eier aus Freilandhaltung oder Bio-Eier eine höhere Dioxin-Konzentration enthalten als Batterie-Eier? In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen werden die Grenzwerte bei diesen Eiern auch ohne weiteres zutun überschritten. Einfach weil Hühner ihr Futter vom Boden aufpicken und dementsprechende Stäube aufnehmen, die allgegenwärtig sind. Aber das war unserem Durchschnitts-Verbraucher egal oder nicht bewusst.

Dafür hatte er an der Fleischtheke seinen nächsten Aufreger, als er eine Packung Schweinegulasch in der Hand hielt. „Auch alles verseucht!“, schimpfte er. „Man kann ja nichts mehr essen!“ Eine Behauptung, die mir angesichts seiner Figur irgendwie aus der Luft gegriffen zu sein schien. Er führte sich auch selbst ad absurdum, indem er zum Rindergulasch griff.

Dass auch Kühe mit Dioxin belastetes Gras fressen, steht ja nirgends. Außerdem ist BSE schon lange abgeschafft, jedenfalls medial. Und das gleiche Schicksal wird auch den Dioxin-Skandal ereilen.

Schon jetzt ist die Presse krampfhaft bemüht, etwas neues zu finden. Da ließt man plötzlich wieder von drei Menschen, die an der Schweinegrippe gestorben sind. Die vielen, die an der schnöden Influenca eingegangen sind, werden nicht erwähnt. Das passiert jedes Jahr und ist normal.

Schön ist auch, dass mit der Schneeschmelze die Sau von der Jahrhundertflut durchs Dorf beziehungsweise die Zeitungen getrieben werden kann. Doch leider ist es ein vergängliches Thema. Im Sommer kräht kein Hahn mehr danach.

Wirkungslos verpuffte auch die Erklärung der VOLKS-Zeitung, warum der harte Wintereinbruch auf die Erderwärmung zurück zu führen sei. Es war arschkalt! Wer will da was von Erwärmung hören?

Apropos VOLKS-Zeitung. In einer der Januar-Ausgaben titelte sie auf der ersten Seite: „Alle Horoskope falsch? Der Astro-Schock!“

Das ist natürlich eine Katastrophe, die wirklich an den Grundfesten unserer Zivilisation rüttelt. Angesichts solcher Meldungen, erscheint mir fast alles andere nebensächlich. Und deshalb werde ich mir auch morgen noch ein Frühstücksei kochen.

Dezember 6, 2010

Auf dem Weihnachtsmarkt

Einsortiert unter: Gesellschaft — Michael Schliekau @ 12:58
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Der nasskalte November ist endlich vorbei – und nun beginnt sie: die besinnliche Vorweihnachtszeit, in der wir Gelegenheit finden, uns im Kreise der Familie mit den schönen Dingen des Lebens zu beschäftigen. Die Städte sind festlich geschmückt, man selbst hat vielleicht auch das eine oder andere Licht am Haus angebracht, im Wohnzimmer brennen mehr Kerzen als sonst, eigentlich könnte man es genießen, wenn da nicht …

… Ja, wenn da nicht jeder dritte Song, der aus dem Radio dudelt „Last Christmas“ wäre. Die eigene Kollektion an Weihnachtsliedern, bestehend aus einer Doppel-CD, hab ich mir über gehört. Hinzu kommt, dass mir eigentlich schon seit Ende Oktober kein Lebkuchen mehr schmeckt. Was also tun?

Irgendwer im Freundeskreis verfällt irgendwann auf die glorreiche Idee, den örtlichen Weihnachtsmarkt unsicher zu machen. Alle sind begeistert und gemeinsam ziehen wir in den frühen Abendstunden los, um wenigstens hier ein wenig Besinnlichkeit zu erfahren.

Gleich am Eingang steht die erste Glühwein-Bude, bei der wir einkehren. Es ist kalt und Glühwein wärmt bekanntlich durch. Das tun ein paar warme Klamotten und anständige Schuhe auch, verbreiten aber bei Weitem nicht dieses besinnliche Gefühl der Geselligkeit. Bereits nach dem zweiten Becher des mit Wasser und Gewürzen verpanschten Rotwein-Imitats finde ich auch „Last Christmas“ gar nicht mehr so schrecklich. Oder ist es der Gewöhnungseffekt, weil die umliegenden Stände dieses Lied abwechselnd reihum spielen?

Nach dem vierten Becher sind wir ausreichend erhitzt, um einen Gang über den Markt zu wagen. Schließlich benötigen wir noch ein paar Kleinigkeiten, um Oma, Mama und den Briefträger zu beglücken. Was bietet sich da näher an, als der Weihnachtsmarkt? Preiswert im Fachgeschäft kaufen, kann schließlich jeder.

Ich persönlich finde die Stände am schönsten, in denen Strohsterne verkauft werden. Welche Fantasie muss den Erfinder des Strohsterns damals beflügelt haben, seine Dreschabfälle für teures Geld an ahnungslose, angetrunkene Weihnachtsmarktbesucher zu verkaufen? Und warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, getrocknete Kuhfladen als Weihrauchersatz mit Heizwert zu verkaufen?

Wie dem auch sei, meine Lebensgefährtin fühlt sich geradezu genötigt, einen großen Teil ihres Portmonee-Inhalts an den Standinhaber zu übergeben, weil die Sterne doch „so schön“ sind.

Derweil plagt mich ein leichter Hunger und ich schaue mich nach einem brauchbaren Fressalienstand um. Die Auswahl ist reichlich, vom Schmalzkuchen über Bratwurst bis hin zum Zimt-Crepes und es fällt mir schwer, mich zu entscheiden. Aber schließlich beginne ich mit einer ordentlichen Bratwurst, die ich im Anschluss mit einer großen Tüte Schmalzkuchen zu ersticken gedenke. Es dauert auch nicht lange, bis ich den typischen Weihnachtsmarktschmaus in den Händen halte und mit einem Lächeln im Gesicht zu meinen Freunden zurückkehre. Während ich die Tüte herumgehen lasse – man ist ja schließlich spendabel – überkommt meinen besten Freund plötzlich ein Kribbeln in der Nase, dass sich ausgerechnet zu dem Zeitpunkt heftigst entlädt, als die Tüte zu mir zurück gereicht wird. Was eben noch als süße Verzierung in Puderform auf den Schmalzkuchen lag, verziert nun meine Klamotten und ich sehe aus, als wäre ich gerade als Putzer vom Bau gekommen.

Während wir uns zwischendurch immer wieder mit Glühwein aufwärmen – die Herren der Runde sind mangels Wirkung des herkömmlichen Gesöffs auf „mit Schuss“ umgestiegen – wandern noch einige Kleinodien des weihnachtlichen Kommerz in unsere Taschen. Langsam aber sicher nähern wir uns dem Ausgang. Wir sind der festen Überzeugung, dass drei Stunden Weihnachtsmarkt mehr als ausreichend sind und beschließen, nach Hause zu gehen.

Am Ausgang bemerken wir den Glühweinstand, an dem wir zu Beginn schon einmal gestanden haben. Ein Absacker zum Schluss kann nicht schaden, also hole ich noch eine Runde. Nicht einmal zwei Stunden später sind mein Freund und ich in der Lage, „Last Christmas“ fehlerfrei mitzusingen und finden es einfach herrlich.

Als ich nächsten Morgen aus der Besinnungslosigkeit erwache, überkommt mich ein Deja vú. War es nicht erst letztes Jahr, dass ich der Weihnachtsmarktbesinnlichkeit für immer abgeschworen hatte? Oder war es das Jahr davor – oder beide?

November 8, 2010

Urlaub mit Hund

Einsortiert unter: Allgemeines,Gesellschaft — Michael Schliekau @ 18:48
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“Brauchst du einen Freund, kauf dir einen Hund!”, besagt ein altes Sprichwort. Auch älteren Alleinstehenden oder kontaktscheuen Menschen wird häufig empfohlen, sich einen Hund zuzulegen, damit sie unter Menschen kommen. Tatsächlich bekommt man mit dem Vierbeiner auch einen der treuesten Freunde, den man sich vorstellen kann – sofern man mit ihm umzugehen weiß.

Allerdings hat das Ganze auch eine Kehrseite.

Vor einiger Zeit bin ich mit einem Freund, der ebenfalls Hundebesitzer ist, in den Urlaub gefahren. Schon das Buchen der Ferienwohnung gestaltete sich schwierig. Bei vielen Angeboten sind Hunde und sonstige Tiere von vornherein ausgeschlossen. Und bei Annoncen, bei denen man dies nicht sofort erkennen kann, erhält man häufig eine Absage.

“Ach, Sie haben einen Hund? Dann geht das natürlich nicht!”

Oder: “Ein Hund ist gar kein Problem.”

“Ich habe aber zwei”, antwortete mein Freund.

“Müssen Sie die beide mitnehmen?”

“Nein, nein, keine Sorge. Den einen kann ich über die Woche zu Hause verhungern lassen.” Was für eine bescheuerte Frage!

Schließlich ist es aber doch gelungen, eine Ferienhaus zu mieten, in dem für uns beide und die Hunde ausreichend Platz war. Dem Wanderurlaub stand nun nichts mehr im Wege.

Während unserer Wanderungen durch den Schwarzwald bekamen wir dann das zweite Manko zu spüren, das einem mit Hund widerfahren kann. Es zeigte sich nämlich, dass gut die Hälfte der Hundebesitzer gar nicht so kontaktfreudig sind, wie es behauptet wird.

Nun sind zwei Rhodesian Ridgebacks mit einer Widerristhöhe von 70 cm schon ein imposanter Anblick. Und wären diese auch noch agil und griffig, bestimmt auch furchteinflößend. Aber gerade diese beiden Hunde sind derart zahm und gutmütig, dass man als Herrchen oder Frauchen eines anderen derartigen Getiers eigentlich erkennen müsste, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht.

Doch weit gefehlt. Am ersten Tag begegnete uns eine ältere Dame, die krampfhaft bemüht war, ihre heiser kläffende Fußhupe zu halten und uns schon von weitem “Machen Sie gefälligst Ihre Hunde fest!” entgegen rief. Natürlich kam mein Freund der Aufforderung nach, leinte die beiden Ridgebacks an und ging mit einem freundlichen Nicken an der Dame vorbei. Dino allerdings, der Rüde, blieb kurz stehen, schaute sich den kleinen Kläffer zu seinen Füßen an und gab ein kurzes, missbilligendes “Wuff!” von sich, woraufhin der Terriermischling winselnd hinter Frauchens Beinen verschwand.

Auch jener Herr mit seiner Schäferhündin, der uns ein paar Tage später begegnete, entlockte uns ein Schmunzeln. Anstatt den Tagesgruß zu entbieten, fragte er schon aus fünfzig Metern Entfernung: “Rüde?”

“Guten Morgen”, entgegnete mein Freund. “Ja, einer der beiden ist ein Rüde.”

“Dann leinen Sie ihn an. Meine Hündin ist heiß, hat aber noch keine Lust.”

Während Dino völlig desinteressiert an der Schäferhündin vorbei spazierte, erwiderte mein Freund: “Mein Rüde auch nicht, wie sie sehen.”

“Das kann ich doch nicht wissen”, keifte der Herr.

“Ist aber nicht schwer zu erkennen.”

Angesichts der Tatsache, dass eine heiße Hündin jedesmal sämtliche nicht kastrierten Rüden in der Nachbarschaft wild macht und anlockt, haben wir später noch darüber nachgedacht, ob der Herr eventuell in einem Ort wohnt, in dem es erstaunlicherweise keine weiteren Hunde gibt. Vielleicht war aber auch die ca. fünf Jahre alte Schäferhündin zum ersten Mal heiß. Nichts ist unmöglich.

Im Grunde genommen sind diese Begegnungen zum Schmunzeln. Wenn ich allerdings überlege, wie wenig so mancher Hundebesitzer über sein eigenes Tier weiß, ist es eher erschreckend.

Doch richtige Beklemmungen bekomme ich, wenn ich darüber nachdenke, dass viele Menschen in unserem Land zu Hunden immer noch freundlicher sind als zu Kindern. Da kann ich richtig froh sein, dass meine beiden zu Hause geblieben sind. Was ich mir möglicherweise alles hätte anhören müssen …

Oktober 10, 2010

Performances

Einsortiert unter: Behördenkontakt,Gesellschaft,Polizei — Michael Schliekau @ 16:09
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Ich mag Kunst. Vor allem, wenn man bei dieser erkennen kann, dass der Künstler sein Handwerk versteht und wahrhaft meisterlich umzusetzen weiß. Bei moderner Kunst hingegen habe ich dieses Gefühl oftmals nicht – im Gegenteil: Oft hab ich das Gefühl, da möchte uns jemand einen ziemlich teuren Bären aufbinden oder einfach nur verpacken.

Doch manchmal verbinden sich auch nette Momente mit der modernen Kunst. Es ist schon eine Weile her, da wohnte in einer kleinen Ortschaft in der Wedemark ein junger, freischlafender Künstler zur Hälfte in einer alten Bauernkate. Zwar lag das Hauptaugenmerk seiner gestaltenden Kunst zumeist in der skurilen Anhäufung von Leergut, aber von Zeit zu Zeit hatte er seine Eingebungen. Sehr zum Leidwesen seines Nachbarn, der die andere Hälfte der Bauernkate bewohnte und so gar nichts mit der Berufung seines Nebenmannes anzufangen wusste.

Es kam wie es kommen musste. Eines Abends klingelte das Telefon in der Mellendorfer Wache und Herr Nachbar beschwerte sich lautstark darüber, dass der Künstler Abfälle in seinem Garten verbrannte.

“Das ist doch sicher nicht erlaubt”, stellte er fest. “Außerdem ist heute Sonntag.”

Ich versprach, mich um die Angelegenheit zu kümmern und fuhr mit einem Kollegen zu der kleinen Bauernkate.

Tatsächlich brannte im Garten ein großes Feuer. Durch die Flammen konnten wir erkennen, dass der Künstler eine Reihe Kisten und Stühle aufgeschichtet und diese in Brand gesetzt hatte. Zudem dröhnte härtester Punkrock in unseren Ohren, der wohl die Atmosphäre – sofern man davon sprechen konnte – untermalen sollte.

In einer Ecke vor dem Haus hockte unserer Künstler und stierte ins Feuer.

„Das ist aber ein recht großes Lagerfeuer“, sagte ich zu ihm. „Haben Sie denn dafür eine Genehmigung?“

Langsam hob er den Kopf und stecknadelkopfgroße Pupillen musterten mich aus roten Augen.

„Ich brauch keine Genehmigung, Herr Wachtmeister“, lallte er.

„Das denke ich aber doch“, entgegnete ich. „Vor allem, wenn sie in dieser Größenordnung Abfälle verbrennen.“

„Sind keine Abfälle. Das ‘s Kunst!“

„Kunst? Was ist Kunst?“, fragte ich ein wenig entgeistert. „Das Feuer?“

Er nickte heftig. „Das ‘s nich bloß ‘n Feuer. Das ‘ne Feuer-Performance.“

Ich wollte mich in diesem Moment nicht in eine Diskussion über Kunst einlassen, zumal ich den künstlerischen Faktor dieses Feuers nicht erkennen konnte – und ich gab mir wirklich Mühe. Manchmal waren seine Ideen halt ein wenig zu verschroben.

„Nichtsdestotrotz muss diese Performance leider beendet werden“, sagte ich kurzentschlossen. „Entweder Sie löschen das jetzt ab oder die Feuerwehr wird dies tun.“

Was mir daraufhin entgegenschlug lässt sich am einfachsten mit übelsten Beschimpfungen umschreiben, wobei der Begriff „Kunstbanause“ noch der harmloseste war. Allerdings weigerte er sich standhaft, das Feuer zu löschen.

Mein Kollege, der wohl schon geahnt hatte, dass sich unser Künstler nicht bereit erklären würde, hatte inzwischen die örtliche Feuerwehr verständigt, die in diesem Augenblick auch schon anrückte.

Lächelnd trat der Ortsbrandmeister in den Garten und fragte: „Liegt wohl keine Genehmigung für dieses Lagerfeuer vor, oder?“

„Das ‘s kein Lagerfeuer!“, schrie der Künstler wutentbrannt. „Das ‘s ‘ne Performance!“

„Oh!“, sagte der Ortsbrandmeister. „Das ist natürlich was anderes.“ Ein breites Grinsen zog durch sein Gesicht. „Dann verspreche ich Ihnen natürlich, dass wir diese Performance nach allen Regeln der Kunst behandeln werden.“

Dann drehte er sich um und rief: „Jungs! Zeigt dem Herrn hier mal unsere schönste Wasser-Performance! Ab dafür!“

Mit sichtlichem Vergnügen gingen die Feuerwehrmänner dabei, dass Feuer zu löschen. Ich weiß nicht, wie viele Hektoliter sich damals in dem Tankwagen befanden, aber langsam wandelte sich der Garten in eine kleine Seenplatte – und am Ende war der Tank leer!

Dass unserem Künstler in dieser Nacht noch eine dritte Performance in Form einer Blutprobe, die absolut kunstgerecht von einem Arzt entnommen wurde, widerfuhr, weil er sich nach unserem Einsatz besoffen mit seinem Roller zur Wache begeben hatte, um sich über die Beschneidung seiner Kreativität zu beschweren, ist allerdings eine andere Geschichte.

Juni 7, 2010

Morgens, halbacht in Hannover

Einsortiert unter: Gesellschaft — Michael Schliekau @ 15:13
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Ich gebe es zu: Ich bin nicht Beamter geworden, weil ich die Arbeit erfunden habe. Auch ist mir ein morgendlicher Ausbruch hektischer Betriebsamkeit mehr als suspekt. Deshalb kann ich mir ein Grinsen kaum verkneifen, wenn ich aus dienstlichen Gründen in der Frühe zusammen mit einer Horde von Pendlern in die große Stadt einfalle.

Es beginnt damit, dass der allmorgendlich gleiche Gang zur Arbeit offenbar einen äußerst hinderlichen Einfluss auf das Zeitgefühl zu haben scheint. Immerhin verharrt die S-Bahn bei uns geschlagene zwölf Minuten im Bahnhof. Eine Zeit, in der man unseren Ort in Nord-Süd-Richtung bequem per pedes durchqueren kann. Fünfzig Meter Bahnsteig hingegen sind wohl ein anderes Kaliber. Da lohnt sich der Sprint, um anschließend elfeinhalb Minuten im stehenden Zug zu sitzen.

Heute morgen habe ich das Glück, mit einem solchen Menschen näher in Kontakt zu kommen. Mit einem gemurmelten „’tschulligung!“ hämmert er mir im Vorbeilaufen seinen Aktenkoffer in die linke Kniekehle. Kurz darauf huscht er durch eine sich gerade schließende Tür der S-Bahn.

Wie es der Zufall will, sitze ich ein paar Minuten später dem Kofferrowdy gegenüber. Während ich mein Buch aus der Tasche hole, trommeln seine Finger nervös auf den Aktenkoffer, den er sich auf die Beine gelegt hat. Mit der Zeit lässt jedoch auch die größte Anspannung nach, weswegen er nur zwei Stationen später ein leichtes Schnarchgeräusch von sich gibt.

Derweil füllt sich der Zug mit jeder Station um ein paar Dutzend Pendler mehr. Alle sind sie auf dem Weg in die große Stadt, zu ihren Arbeitsplätzen. Und alle verströmen sie dieses Flair von ungeduldiger Spannung. Eine Spannung, die sich mit jedem neuen Fahrgast zu steigern scheint. Manche von ihnen sind so ungeduldig, dass sie es nicht wagen, einen der wenigen noch freien Sitzplätze aufzusuchen. Wer weiß, wie lange man dann warten muss, um am Ziel aus der Bahn zu kommen.

Schon kurz nach der letzten Station vor dem Hauptbahnhof breitet sich diese Spannung auf einen Teil der noch sitzenden Fahrgäste aus. Langsam verhärten sich bei einigen die Beinmuskeln, der Oberkörper beugt sich leicht nach vorn. Unstete Blicke huschen über den Mittelgang auf der Suche nach einem freien Platz in der Nähe. Kaum ertönt die Ansage: „Nächster Halt: Hannover Hauptbahnhof!“, springen die ersten auf, quetschen sich in Richtung Tür. Dabei fahren wir noch mindestens 2 Minuten.

Auch mein Gegenüber ist wach geworden. Benommen richtet sich sein Blick auf die drängelnden Menschen. Leichte Panik flackert in seinen Augen. Wird er es rechtzeitig schaffen? Als der Zug endlich hält, springt er auf und drückt sich in die Menge. Falsche Richtung! Auf der anderen Seite ist es leerer und ich kann in aller Ruhe den Zug verlassen, bin auch eher am Treppenabgang. Vorsichtshalber halte ich mich rechts, damit ich nicht von einer „Zu-spät-komm-Panik“-erfüllten Menge niedergewalzt werde.

Eine Minute später suche ich mir beim Bäcker in aller Ruhe zwei belegte Brötchen für den Tag aus. Hektischer Atem streift heiß meinen Nacken, während ich das Kleingeld aus meiner Geldbörse zusammensuche. Hinter mir steht der Kofferrowdy. Er sagt nichts aber über seinen verkniffenen Augenbrauen kann ich deutlich „Mach hin, du Honk!“ lesen.

Auf der Rolltreppe zur U-Bahn halte ich mich wieder rechts. Gegen das, was jetzt an mir vorbei stürmt, ist das Verlassen der S-Bahn nur ein laues Lüftchen gewesen. Plötzlich überkommt mich eine heiße Woge aromatischen Getränks nebst einem gemurmelten „’tschulligung!“. Mein Aktenkofferrowdy entpuppt sich als Coffee-to-go-Versprüher, um sich einen Platz in der U-Bahn zu ergattern. Wie der Wind huscht er mit der Hektiker-Masse an den wenigen vorbei, die morgens noch ein bisschen Zeit mitgebracht haben.

Auf dem Bahnsteig treffen wir uns wieder. Und während er von einem auf den anderen Fuß trippelnd auf die U-Bahn wartet, kann ich mir seine Adresse notieren, damit ich ihm die Reinigungsrechnung zuschicken kann.

Inzwischen ist er in Form gekommen. Ich kann beobachten, wie er sich auf dem Weg zur nächsten Station – wir fahren mit der gleichen Bahn – geschickt in Pool-Position schiebt. Kaum bewegen sich die Türen, stürzt er auch schon hinaus und hastet die Treppen nach oben. Er hat es wirklich eilig. Ich nicht. Ich bin rechtzeitig losgefahren.

An der nächsten Fußgängerampel wünsche ich meinem Aktenkoffer schwingenden Coffee-to-go-Schütter einen geruhsamen Tag. Hier trennen sich unsere Wege.

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