Michael Schliekaus Blog

Oktober 4, 2011

Der gute Nachbar

Einsortiert unter: Polizei — Michael Schliekau @ 03:57
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Es gibt eine bestimmten Sorte Menschen, die mag ich nicht mehr: Nachbarn! Also nichts gegen meine hier im Haus. Von denen sehe und höre ich nichts. Sie sind anders als Horst, der immer, wenn er in Erscheinung trat, eine Katastrophe heraufbeschwor, wobei er aber jedes Mal noch etwas liebenswürdiges an sich hatte.

Nein, die Nachbarn, die ich meine, sind eigentlich leicht zu erkennen. Unter anderem am Kissen auf der Fensterbank des strategisch günstigsten Fensters der Wohnung. So ist es ihnen möglich, in alt hergebrachter Blockwart-Manier die wichtigsten Gegebenheiten vor dem Haus zu überwachen: das Halteverbot auf der Straße, den Fahrradabstellplatz und vor allem die Mülltonnen des Hauses.

Erst neulich hatte ich wieder so einen am Telefon.

Sie müssen hier unbedingt einen Streifenwagen herschicken. Hier parkt einer, wo er gar nicht darf und blockiert damit den ganzen Garagenhof.“

Was ist denn das für ein Fahrzeug?“, fragte ich. „Und haben sie sich vielleicht schon mal das Kennzeichen notiert?“

Weiß ich nicht!“, kam es zurück. „Das Kennzeichen hab ich auch nicht. Aber der gehört hier nicht her, das weiß ich ganz bestimmt!“

Ich machte mich mit einem Kollegen auf den Weg, um an Ort und Stelle nach dem Rechten zu schauen. An der angegebenen Adresse wurden wir jedoch nicht fündig. Kein Fahrzeugführer hatte es gewagt, sich in einer Halteverbotszone oder gar vor einer Ausfahrt abzustellen. Der Anrufer erwartete uns allerdings schon vor der Haustür und führte uns auf den großzügig ausgebauten Garagenhof des Mehrfamilienhauses.

Eigentlich hätten wir den Einsatz schon jetzt abbrechen können, denn grundsätzlich sind wir für falsch abgestellte Fahrzeuge auf Privatgrundstücken nicht zuständig. Aber auf der anderen Seite gehört es auch zu unseren Aufgaben, dem Bürger in allen möglichen Situationen behilflich zu sein.

Auf dem Hof fanden wir tatsächlich einen Wagen mit ortsfremden Kennzeichen vor, der an der vorletzten Garage abgestellt war.

Sehen Sie“, sagte Nachbar Adlerauge, „aus der letzten Garage komm ich gar nicht mehr raus mit dem Auto.“

Ein Grinsen konnte ich mir kaum noch verkneifen, denn auf dem Hof war soviel Platz, dass man die letzte Garage bequem mit einem 7,5-Tonner hätte erreichen können. Aber darum ging es dem guten Nachbarn gar nicht, wie ich gleich feststellen durfte.

Ja, müssen Sie denn jetzt wegfahren?“, fragte ich ihn.

Ich? Nein! Wieso? Ich mein ja nur, dass, wenn ich jetzt aus der Garage raus fahren müsste.“

Die hintere Garage ist also Ihre?“, fragte ich weiter.

Wieso meine? Was soll ich denn mit einer Garage?“, erwiderte Adlerauge verwundert. „Ich hab doch gar kein Auto.“ Er drehte sich um und zeigte zur Hofausfahrt. „Aber sehen Sie mal, da vorn steht ein Schild, das das Parken auf dem Hof verbietet.“

Inzwischen hatte mein Kollege eine Halterfeststellung veranlasst und kam mit entsprechenden Personalien zu uns. „Der Wagen gehört einem gewissen Herrn Mehnert.“

Ach!“, rief Adlerauge. „Das ist bestimmte der Sohn von der alten Frau Mehnert, 2. OG links.“

Dann ist ja alles geklärt“, sagte ich. „Wenn der Wagen wirklich jemanden stören sollte, können Sie ja kurz bei Frau Mehnert klingeln, damit Sohnemann das Auto umparkt.“

Wieso sollte ich das?“, fragte Adlerauge zurück. „Was geht mich die olle Mehnert an?“

Okay“, lenkte ich ein. „Auf der anderen Seite können Sie natürlich als Hausmeister für die Durchsetzung der Hausordnung sorgen und den Wagen abschleppen lassen.“

Als Hausmeister?“ Adlerauge sah mich verwundert an. „Ich bin doch hier nicht der Hausmeister. Das ist der Krause, Hochpaterre, Mitte. Ich hab damit nichts zu tun. Ich schau hier nur nach dem Rechten. Einer muss das ja machen!“

Ach, so ist das“, entgegnete ich lächelnd. „Dann sind wir hier wohl fertig. Wir können als Polizei auf einem Privatgrundstück nichts machen. Deshalb werden wir uns jetzt wieder in den öffentlichen Verkehrsraum begeben, um dort nach dem Rechten zu schauen.“ Augenzwinkernd fügte ich noch hinzu: „Einer muss das ja machen!“

Adlerauge richtete sich auf und ließ seine Brust vor Stolz anschwellen: „Also hier in der Straße brauchen Sie nicht mehr zu schauen. Hier seh ich immer nach dem Rechten.“

Das habe ich mir fast gedacht“, sagte ich. „Hier sind wir wirklich überflüssig.“ Die Frage, was Adlerauge vor zwei Tagen gemacht hatte, als in dieser Straße mehrere Fahrzeuge aufgebrochen worden waren, verkniff ich mir. Verstanden hätte er es wahrscheinlich nicht. Schließlich waren es ja nicht seine Autos. Dennoch war ich mir sicher, dass ich nicht das letzte Mal mit Adlerauge zu tun gehabt hatte.

 

Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, irgendwann mal jemanden besuchen und unbedingt auf dem Garagenhof parken wollen, bestellen Sie den Abschlepper gleich selbst. So können Sie dem guten Nachbarn eine Freude bereiten und sparen sich unnötigen Ärger. Wer weiß? Vielleicht werden Sie so sogar zu einem gern gesehenen Fremden.

 

2 Kommentare »

  1. lach… ich schaue bei uns im haus und garten auch manchmal nach dem rechten genau wie die nachbarn aus dem haus auch.

    aber son exemplar nachbar habe ich gottseidank noch nicht erlebt.

    wer schaut eigentlich nach dem linken? ;)

    Kommentar von regina — Oktober 4, 2011 @ 14:19 | Kommentar

    • Und dabei sind solche Nachbarn gar nicht so selten.

      Auf jeden Fall schauen die aber nicht nach dem Linken, höchsten nach den Linken, die in dieser “ehrenwerten” Straße nichts zu suchen haben. ;-)

      Kommentar von Michael Schliekau — Oktober 4, 2011 @ 16:36 | Kommentar


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