Liebe Leser, beim letzten Mal habe ich mich über den „guten Nachbarn“, der mit seinem Ordnungssinn andere in den Wahnsinn treiben kann, ausgelassen. Es existiert aber noch eine zweite Kategorie Nachbarn, die in der Beliebtheitsskala ihrer Mitmenschen in etwa gleichauf mit Kopfschmerzen oder einer Diarrhoe liegen. Es sind Menschen, die ein ausgeprägtes Ruhebedürfnis an den Tag legen und gegen jede Art von Geräuschbelästigung vorgehen. Solche Leute beziehen beispielsweise ein Haus neben einem Stadion und verklagen spätestens nach dem ersten Heimspiel die Liga auf Abbruch der Saison. Man konnte ja nicht ahnen, dass da auch außerhalb des Stadions was zu hören ist.
So eine Dame hatte ich neulich am Telefon.
„Sie müssen hier unbedingt vorbeikommen. Der Lärm nebenan vom Schulhof ist unerträglich. Die spielen da Fußball, was ja gar nicht erlaubt ist. Und außerdem ist es schon nach 20 Uhr.“
Also fuhr ich mit einem Kollegen in die besagte Straße, um mir vor Ort ein Bild von der Situation zu machen. Der Schulhof war wie leergefegt. Weit und breit war niemand zu sehen. Vor allem niemand, der dort Fußball spielte. Damit schien für uns der Auftrag erledigt zu sein, doch bevor wir wieder in den Streifenwagen einsteigen konnten, wurden wir von der Anruferin aufgehalten.
„Warum brauchen Sie eigentlich immer so lange?“, rief sie uns aufgebracht anstatt eines Tagesgrußes entgegen.
„Guten Abend“, erwiderte ich freundlich. „Sie hatten uns angerufen?“
„Natürlich. Das ist ja unerträglich hier. Dieser ganze Lärm. Und das auch nach Schulschluss.“
„Nun ja“, sagte ich. „Ich kann Sie zwar verstehen, aber irgendwo müssen die Kinder ja hin. Gibt ja sonst nichts hier im Ort. Und nach der neuen Gesetzeslage, verursachen Kinder ja auch keinen Lärm.“
„Hören Sie mal“, erboste sich die Dame. „Sie sehen doch dieses Schild hier!“ Dabei deutete sie in Richtung Eingang des Schulhofes. „Der Schulhof darf ab 20 Uhr nicht mehr betreten werden. Und wie sie unschwer erkennen können, darf hier auch kein Fußball gespielt werden. Und außerdem sind das keine Kinder, das sind Jugendliche.“
„Aber nun sind sie doch weg. Jetzt ist es gerade Viertel nach. Da muss man doch nicht so kleinlich sein.“
„Doch, muss man!“, erwiderte die Dame. „Wehret den Anfängen, sage ich immer. Aber ich hab ja auch schon meinen Anwalt eingeschaltet. Der wird die Stadt verklagen, dass der Schulhof früher geschlossen wird. Ich mein’, das wär’ ja alles kein Problem, wenn die Jungs hier Drogen nehmen würden, wie woanders auch. Dann sind sie wenigstens ruhig.“
Verblüfft schaute ich die Dame an. „Das ist doch jetzt nicht Ihr ernst, oder?“
„Ist es! Und nun will ich meine Ruhe haben. Auf Wiedersehen!“ Sprachs und eilte auf ihr Haus zu.
Gegen 23 Uhr meldete sich die Dame noch einmal auf der Wache.
„Und?“, fragte ich. „Sind schon wieder welche auf dem Schulhof?“
„Nein, nein“, antwortete sie. „Diesmal sind es die Nachbarn. Die haben da irgend ‘ne Party. Und es ist unerträglich laut.“
„Haben Sie denn schon mal mit denen gesprochen?“
„Ich? Nein, hab ich nicht! Mit denen kann man auch nicht reden.“
„Ach, so ist das. Dann werden wir das wohl übernehmen müssen.“
„Aber es wäre nett, wenn Sie meinen Namen nicht erwähnen. Das gibt nur unnötigen Ärger“, sagte die Dame zum Abschied am Telefon.
Zum wiederholten Male fragte ich mich, warum Menschen nicht in der Lage sind, mit ihren Mitbürgern zu reden? Inzwischen scheint es eine der Hauptaufgaben der Polizei geworden zu sein, sozial-kommunikative Defizite unserer Mitmenschen auszugleichen.
Seufzend machte ich mich noch einmal mit meinem Kollegen auf den Weg.
Bei den Nachbarn war tatsächlich Party. Aus dem Haus war Musik zu hören. Nicht übermäßig laut, aber immerhin war es zu hören. Nach mehrmaligem Klingeln wurde uns geöffnet und ein verwunderter Hausherr starrte uns an.
„Gibt es ein Problem, Herr Wachtmeister?“
„Offensichtlich“, antwortete ich. „Sonst wären wir nicht hier.“
„Was ist denn los, Friedbert?“, fragte eine Frau aus dem Hausflur.
„Die Polizei ist hier, Helga“, rief er nach hinten. „Sind wir zu laut?“, fragte er mich dann.
„Zumindest fühlt man sich in der Nachbarschaft gestört“, sagte ich.
„Das kann doch gar nicht sein“, wunderte sich Helga. „Die Nachbarn sind doch alle hier. Die haben wir doch extra eingeladen.“
„Warte mal“, unterbrach Friedbert seine Frau. „Die Meiersche von nebenan ist doch vor zwanzig Minuten gegangen, oder nicht?“ Und an mich gewandt fragte er: „Das war die doch, oder?“
Mit einem Lächeln schaute ich an die Decke. Ich sollte den Namen ja nicht erwähnen.
„Das hat ein Nachspiel!“, rief Helga.
Das war zu befürchten. Bleibt zu hoffen, dass Friedbert und Helga die Angelegenheit ohne uns regeln können. Angesichts der Nachbarin hatte ich da allerdings meine Zweifel. Die Zukunft wird es zeigen. Für heute blieb nur noch die Frage offen, warum man sich von Menschen einladen lässt, mit denen man angeblich sowieso nicht reden kann?