Es scheint eine unumstößliche Tatsache zu sein: Was im deutschen Fernsehen gezeigt wird, entspricht der Realität. Es muss wahr sein! Nicht umsonst erfreuen sich solche Sendungen wie “Frauentausch”, “Mitten im Leben” und ähnliche Formate einer nicht zu brechenden Beliebtheit. Schließlich zeigen sie das reale Leben. Dass es sich hierbei lediglich um eine “skriptet reality”, die nur unwesentlich von der Wirklichkeit getrübt wird, handelt, überliest der geneigte Zuschauer nur allzu gern.
Doch auch Spielfilme oder Serien sind dem deutschen Michel derart realistisch, dass er glaubt, das wahre Leben läuft in ähnlichen Bahnen ab. Schon vor Jahren endete ein Dialog wie der folgende mit einem erstaunten Gegenüber:
“Sie sind bei der Polizei? Was haben Sie denn für einen Dienstgrad?”
“Ich bin Hauptkommissar!”
“Ach! Dann sind Sie ja bei der Kriminalpolizei!”
“Nein, bei der Schutzpolizei. Ich fahre Streife.”
Noch größer ist die Verblüffung, teilt man dem Gegenüber mit, dass es nicht der eigenen Erfüllung entspricht, die meiste Zeit seines Dienstes am Schreibtisch zu sitzen und Akten zu wälzen.
Liebe Leserinnen und Leser, auch wenn es schockiert, aber ich muss hier einfach mal aufklären: Mit großen Augen hinter violett getönten Brillengläsern fragend durch die Gegend rennen, um nach 40 Minuten mit einem Geistesblitz einen Mord aufzuklären, konnte nur Horst Tappert alias Derrick. Vielleicht auch nur, weil er nie den Wagen holen musste. Mit kriminalistischem Gespür oder Sachverstand hat das nichts zu tun, eher mit dem Sendeformat.
Der Schutzpolizist hat in Wirklichkeit eine breite Palette von Aufgaben, die ihm so manches Mal einiges abverlangen. Er ist nicht dazu da, sinnlos dekorativ neben einem Streifenwagen zu stehen, bei dem überflüssigerweise noch das Blaulicht eingeschaltet ist. Und den Kaffee kann sich der “Herr Kommissar” selbst holen!
Auch das andere Extrem des Ermittlers entspricht nicht der Realität. Deutsche Kommissare springen nicht aus fliegenden Hubschraubern auf fahrende Busse. Genauso wenig haben wir jede Woche die Explosion eines Tanklastzuges auf deutschen Autobahnen zu beklagen. “Cobra 11″ ist zwar ein schönes Lehrstück über deutsche Stuntmen-Kunst, mehr aber nicht!
Es sind aber nicht nur deutsche Serien, die der Normalbürger als realitätsnah einstuft, auch amerikanische Fernsehserien werden inzwischen als der Realität entspringend aufgefasst.
So hatte ich vor einiger Zeit das Vergnügen einen Tatort aufzunehmen, an dem bei einem Hausneubau die frisch eingebauten Fenster mittels Spaxschrauben zerkratzt wurden. Dem angehenden Hauseigentümer war natürlich schon bei Entdecken der Tat klar, dass der Täter nur im Kreise seiner lieben Nachbarschaft zu suchen war, mit der er schon beim Kauf des Grundstückes im Clinch gelegen hatte.
Stolz präsentierte er mir die beiden Tatwerkzeuge: zwei Spax-Schrauben, 3,5 x 40 mm, die auf einer Fensterbank lagen. “Sehen Sie mal, Herr Wachtmeister. Damit haben die offensichtlich meine Scheiben zerkratzt. Ich hab die auch nicht angefasst! Die liegen noch so da, wie ich sie gefunden habe.”
Artig holte ich meine Digitalkamera hervor, um die Auffindesituation zu dokumentieren. Als ich die Schrauben dann in einer kleinen Beweissicherungstüte verstaute, begann der Geschädigte sogar ein wenig zu strahlen.
“Wenn Sie von den Schrauben die Fingerabdrücke genommen haben, finden Sie den Täter bestimmt ganz schnell”, meinte der Geschädigte dann.
“Tja, wenn das mal so einfach wäre”, entgegnete ich.
“Natürlich!”, sagte der Mann. “Ich hab das doch schon ein paar Mal im Fernsehen gesehen. Da bedampfen die sowas mit so’nem komischen Zeugs und vergleichen dann den Abdruck mit ihrer Computerdatei.”
Ach ja, das liebe Fernsehen, dachte ich. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als diesen Enthusiasmus ein wenig zu dämpfen.
“Die haben da auch nur einen Fall gleichzeitig zu lösen. Und ich muss Ihnen leider sagen, dass das CSI Langenhagen derzeit damit beschäftigt ist, Reifenspuren auf einem plattgefahrenen Straßenkater zu sichern.”
“CSI Langenhagen?”, fragte der Mann. “Wollen Sie mich jetzt auf die Schippe nehmen? Sowas gibt’s doch gar nicht!”
“Eben!”, antwortete ich. Als ich ihm dann noch erklärte, dass es nahezu unmöglich ist, mit einer dreieinhalb Millimeter breiten Fingerspur, die zudem noch von einem Schraubgewinde abgenommen wurde, einen Treffer zu landen, wurde er ganz kleinlaut. Aber zumindest hatte ich ihn überzeugen können, dass nicht alles stimmt, was der Flimmerkasten hergibt.